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Countdown zum Tag X

Horror vor der "Mündlichen" muss nicht sein. Wer die Vier-Augen-Prüfung beim Prof besonnen plant, kann mehr rausholen als in jeder Klausur. Junge Karriere gibt das Rezept für den großen Auftritt - wirksamer als Baldrian.
Mein Gott, ist das heiß hier! Hoffentlich sieht niemand meine Schweißperlen. Keine Ahnung, wie lange wir hier schon sitzen. Zehn Minuten? 15? Ob er jetzt was sagen will? Na...? Wieder nicht. Worüber soll ich noch reden? Mein Mund ist trocken. Und der Beisitzer guckt auch schon so komisch. Verdammt, jetzt sag doch mal was!

Tatort Prüfungszimmer R 114. Der Gequälte in diesem Fall: der Prüfer. "Am schlimmsten sind die Lakoniker", findet Professor Joachim Knape vom bundesweit einzigen Rhetorik-Studiengang in Tübingen. Je einsilbiger der Student, desto häufiger muss der Dozent ran und die Antworten selbst nachlegen. Schließlich wagt der Kandidat gar nicht mehr, den Mund aufzumachen. Das Aus für jede Prüfung. Die Mündliche eint Profs und Prüflinge in ihren Nöten. "Meist kommt es für beide Seiten erst hier zum direkten Kontakt", erklärt Dorothee Meer. In ihrer Doktorarbeit hat die Expertin für Hochschuldidaktik mündliche Prüfungen analysiert. Ergebnis: Studenten fühlen sich überfordert, weil ihnen Redepraxis fehlt. Prüfer wissen nicht, was sie erwartet - sind doch die meisten Studenten für sie bislang nur Gesichter im Hörsaal gewesen. Wer stattdessen mit seinem Prüfer rechtzeitig auf Tuchfühlung geht, steuert unnötigem Leistungsdruck entgegen. Neben Schnupperstunden beim Prof gehört zur Vorbereitung auf den Tag X vor allem ein vernünftiger Zeitplan. Es gibt viel zu tun - packen Sie es rechtzeitig an: Noch drei Monate

Suchen Sie sich ein Thema, für das Sie sich begeistern können. Und wenn möglich den passenden Prüfer gleich dazu. Überlegen Sie, zu welchem Dozenten der Draht im Studium besonders gut war. Wem haften Sie möglicherweise positiv im Gedächtnis?

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Dann folgt der Griff in die Rhetorik-Trickkiste: "Studieren Sie Ihren Gegner", rät Linguist Joachim Knape. Beobachten Sie in Seminaren den Fragestil Ihres Dozenten, notieren Sie seine thematischen Steckenpferde. Wenn Sie Ihren Favoriten nur aus der Ferne des Hörsaals kennen, brechen Sie die Distanz und besuchen Sie seine Sprechstunde. Dorothee Meer sieht darin eine gute Möglichkeit, "vorhandenes Wissen zu demonstrieren und Kompetenz zu signalisieren". Vorausgesetzt, Sie haben sich mittels erster Literaturrecherche einen Überblick über Ihre Themen verschafft und sind nun in der Lage, diese Ihrem Prüfer schmackhaft zu machen.

Noch sechs Wochen

Bringen Sie Ihren Lernstoff auf eine überschaubare Menge. Schreiben Sie gut strukturierte Exzerpte und versuchen Sie, einzelne Aspekte in einen sinnvollen Zusammenhang zu bringen. Recherchieren Sie unterschiedliche Standpunkte zum Thema. So zeigen Sie später in der Prüfung, dass Sie sich mit der Materie kritisch auseinander gesetzt haben. Wichtig zur Untermauerung Ihrer Argumente sind Quellen und kernige Zitate - schreiben Sie sie heraus. Überlegen Sie auch, wie sich Bezüge zur Praxis herstellen lassen. Es macht keinen Sinn, Notizen Wort für Wort auswendig zu lernen. Beherrschen müssen Sie nur den Stoff. Denn in der Prüfung ist Flexibilität gefragt. "Jeder sollte seinen individuellen Lerntyp unterstreichen", sagt Studienberaterin Elke Muddemann-Pulla von der Uni Duisburg-Essen. Wer sich Sachverhalte am besten visuell einprägt, kann beispielsweise mit Hilfe eines Baumdiagramms Inhalte bestimmten Themenbereichen zuordnen oder sie farblich gruppieren. Auditive Typen lesen sich ihre Exzerpte vor, damit sie im Langzeitgedächtnis bleiben. Noch einen Monat

Zeit für die Gesichtspflege. In der Sprechstunde präsentieren Sie ein ausgefeiltes Thesenpapier, auf dem Sie Ihr Thema so konkret wie möglich umreißen, es in Schwerpunkte und Nebenaspekte zerlegen. Spitzen Sie die Ohren, an welchen Stellen Ihr Professor Feuer fängt. Klären Sie bei diesem Termin auch den Prüfungsablauf. Die meisten Prüfer bevorzugen ein Fachgespräch, einige spielen lieber das Frage-Antwort-Spiel.

Wem beim Gedanken an die Prüfung noch übel wird, sollte etwas für seine Psyche tun. Studienberatungen bieten Entspannungstrainings und themenunabhängige Prüfungssimulationen an (siehe unten). Ihren Stoff müssen Sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht parat haben. Aber Sie erfahren, was Sie an Ihrem Vortragsstil verbessern können: Die Seminarleiter arbeiten häufig mit Videoaufzeichnungen. Nach Studien des Kommunikationspsychologen Albert Mehrabian prägt sich eine Botschaft zu 93 Prozent über Stimmlage und Körpersprache ein. Wer beispielsweise nervös herumzappelt oder zusammengekauert in seinem Stuhl versinkt, signalisiert: Ich glaube selbst nicht, was ich sage. "Viele arbeiten so ihre Leistung systematisch herunter", beobachtet die Schauspielerin und Sprechtrainerin Kriszti Kiss in ihren Seminaren. Fatal: Hektik und Unsicherheit übertragen sich nicht selten auf den Prüfer. Besser: Unterstreichen Sie Ihr Wissen, indem Sie eine gelassene, selbstbewusste Haltung einnehmen und mit ruhiger Stimme sprechen.

Noch 14 Tage

Spielen Sie mögliche Fragen Ihres Prüfers durch und legen dazu die nötigen Informationen aus Ihren Literaturauszügen zurecht. So schaffen Sie sich Lernsequenzen, die sie täglich durchgehen können. Sobald der Stoff sitzt, machen Sie die Generalprobe: Bitten Sie einen Freund, den Prüfer zu mimen und dabei möglichst distanziert aufzutreten.

Pflegen Sie das Leben neben dem Studium - gerade jetzt. Nur wer sich selbst wertschätzt, Freunde besucht, sich regelmäßige Stunden im Fitness-Studio gönnt, strahlt auch das nötige Selbstbewusstsein in der Prüfung aus. Am letzten Vorbereitungstag ist Schluss mit der Lernerei. Raus an die frische Luft, Ihr Gehirn braucht Zeit zum Aufladen. Die Stunde der Wahrheit

Gestalten Sie die Wartezeit bis zur Prüfung so angenehm wie möglich: Drehen Sie ein paar Runden auf dem Campus, gönnen Sie sich einen Schokoriegel. Beginnt dann die Prüfung, brechen Sie das Eis. Erkundigen Sie sich etwa, ob Sie zu Beginn eine Einführung zum Thema geben sollen. Nutzen Sie Fragen, um Kurs auf Ihre thematischen Stärken zu nehmen. Wenn Sie nicht sofort antworten können, bitten Sie um Präzisierung. Auch eine gewisse Bedenkzeit ist okay, dies wirkt durchaus souverän. Und nicht immer kommt es auf eine bestimmte Antwort an. Bis zu 30 Prozent der Note basieren auf plausibler Darstellung und sprachlicher Versiertheit. Kommt es zum Blackout, reden Sie nicht lange um den heißen Brei. Machen Sie Ihrem Prüfer deutlich, wie er Ihnen helfen kann.

Nach der Prüfung

Verlassen Sie nicht fluchtartig das Terrain. Jetzt steht Feed-back an: Womit konnten Sie überzeugen, wo sollten Sie feilen? Die Tipps des Profs können später Karriere-entscheidend sein.

Sie dürfen auch einen Blick ins Prüfungsprotokoll werfen. Allerdings stehen die Chancen auf eine Anfechtung der Note meist schlecht. Aussicht auf Wiederholung hat nur, wer vom Prüfer beleidigt wurde oder mit fachfremden Fragen konfrontiert worden ist. In solchen Fällen wenden Sie sich an einen Studienberater. In allen anderen: Feiern Sie!

Yvonne Globert Gut in Form

Fitmacher für mündliche Prüfungen haben fast alle zentralen Studienberatungen im Angebot - meist nur für hauseigene Studenten. Sämtliche Anlaufstellen unter www.hochschulkompass.de

FU Berlin: "Prüfungsstress und Prüfungsangst"
Inhalt: Arbeitsmethoden, Motivation
Termine: 6.8., 7.8., 20.8. Anmeldeschluss: 31. Juli
Kontakt: 0 30.8 38-5 33 91, psychologische-beratung@fu-berlin.de, www.fu-berlin.de/studienberatung/veranstaltungen.html

Uni Hamburg: "Kompetenzentfaltung in Prüfungen"
Inhalt: Überwindung von Blockaden
Termine: ab 27.10. (zehn Treffen)
Kontakt: 0 40.4 28 38-40 38, www.uni-hamburg.de/studienberatung/tzgneu.pdf

Uni Köln: "Fit fürs Examen"
Inhalt: Arbeitsplanung
Kontakt:02 21.9 42 65-1 29/1 09, www.schreibzentrum.com

Uni Bielefeld: "Coaching für Studierende"
Inhalt: Stressabbau, Lern- und Präsentationstechniken
Termin: 8.10. (dreitägig)
Kontakt: 05 21.1 06 30 15, wilhelm.naber@uni-bielefeld.de
www.uni-bielefeld.de/Universitaet/Einrichtungen/ZSB/GruppenStudierende.html

Uni München: "Arbeitseinteilung und Lerntechniken"
Inhalt: Zeitplan, richtige Lektüre
Termine: für WS noch offen (zweimal pro Semester)
Kontakt: 0 89.3 81 96-2 04, psycho-beratung@studentenwerk.mhn.de,
www.studentenwerk.mhn.de/beratung/index-de.html (Klick auf Beratung/ Arbeitseinteilung und Lerntechniken)

TU Dresden: "Was kann ich außer Lernen für die Prüfung tun?"
Inhalt: Simulation, Lerntechniken
Termine: für WS noch offen
Kontakt: 03 51.4 63-3 62 79, sabine.stiehler@mailbox.tu-dresden.de, www.tu-dresden.de/vd34/bonus.htm Clever ablenken

Herr Nuhr, wie geht ein Kabarettist mit Lampenfieber um?

Dieter Nuhr: Früher musste ich vor Auftritten oft aufs Klo. Heute weiß ich, was ich kann, bleibe ruhiger. Nervös werde ich nur noch bei einem neuen Programm. Ein gewisser Druck ist aber nicht schlecht. Schließlich ist der Mensch ja von Natur aus eine faule Sau.

Und wie haben Sie sich als Student bei Prüfungen gefühlt?

Einmal jedenfalls total unwohl: In Geschichte bin ich von einem Professor geprüft worden, den ich überhaupt nicht kannte. Eine geschlagene Viertelstunde habe ich mich darüber aufgeregt, dass mein eigentlicher Prüfer nicht da war. Herausgekommen ist dann nur eine Zwei minus. Obwohl ich eigentlich gut vorbereitet war. Es macht keinen Sinn, Prüfungen auf eine persönliche Ebene runterzuziehen. Die meisten Profs wollen den Studenten ja nichts. Im Gegenteil. Was zählt, ist schlicht eine gute Vorbereitung.

Können Studenten sich von Kabarettisten etwas abschauen?

In meinen Vorstellungen stelle ja eher ich die Fragen. Aber am Schluss mache ich immer eine kleine Improvisationsübung: Ich frage das Publikum, ob es zum Programm noch etwas wissen möchte. Manchmal moppert dann jemand rum, weil ihm etwas nicht gefallen hat. Andere wollen mich einfach nur foppen. Da kommen Fragen wie: Warum sind Sie eigentlich so hässlich? Ich sage dann: Der Mensch an sich sei ja hässlich. Das sei von der Evolution so gewollt. An ihm selbst könne man das sehr schön sehen. Er solle doch bitte mal aufstehen...

Wenn mich Fragen irritieren oder Bereiche betreffen, von denen ich keine Ahnung habe, lenke ich auf ein allgemeines Thema um, mit dem ich mich wieder auskenne. Das macht auch in einer Prüfung Sinn.

Eignet sich Humor, um von schwierigen Fragen abzulenken?

Unter Druck reagiere ich immer mit Selbstironie. In meinen Prüfungen war das sehr hilfreich. Einmal habe ich einfach gesagt, der Mensch könne nicht alles wissen. Wie auch, wenn sein Gehirn gerade mal 1.300 Gramm wiege. Man muss diesen Humor aber von Natur aus draufhaben. Sonst kommt das nicht gut an.

Weitere Überlebenstricks?

So abgedroschen das klingt: Man selbst zu bleiben, ist am sinnvollsten. Wer sich anbiedert, mit Kleidung oder sogar mit Blicken, kommt negativ rüber. Ständig über seine Wirkung auf andere nachzudenken, verunsichert nur. Ich rate eher zu einem gewissen Fatalismus

Die Fragen stellte Yvonne Globert

Dieter Nuhr, 43, studierte bildende Kunst und Geschichte auf Lehramt. Seit 1989 arbeitet er als Kabarettist.
Dieser Artikel ist erschienen am 20.08.2003