Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Colonel Fritz steht bei GM parat

Von Mark C. Schneider
Es klingt paradox: Ausgerechnet Finanzvorstand Frederick A. Henderson profitiert perspektivisch von den desaströsen Zahlen, die General Motors (GM) vorgelegt hat. Stolpert Konzernchef Rick Wagoner über den Rekordverlust von 39 Milliarden Euro im dritten Quartal, steht Fritz, wie ihn Freund und Feind nennen, als Nachfolger parat.
Spekulationen über einen möglichen Abgang: GM-Chef Rick Wagoner. Foto: ap
DETROIT. ?Er ist die unbestrittene Nummer zwei?, sagt ein GM-Manager. Ernst zu nehmende interne Rivalen? Fehlanzeige. Henderson kommt zugute, dass er erst seit knapp zwei Jahren in der Zentrale des Autogiganten in Detroit wirkt und damit kaum für die schlechte Lage verantwortlich ist.Während in den 39 Geschossen des Renaissance Centers der Misserfolg an den Glaswänden zu haften scheint, ist Hendersons international geprägte Karriere lupenrein. Zusammen mit dem ehemaligen Opel-Chef Carl-Peter Forster brachte er zuvor das Geschäft von General Motors Europe (GME) auf Vordermann. Die Kernsparte Opel fuhr 2006 dank eines harten Sparprogramms erstmals seit sieben Jahren wieder in die Gewinnzone. Heute gilt die Tochter konzernweit als Vorbild, auch wenn GME in Folge der US-Misere im dritten Quartal mit einem Minus von fast drei Milliarden Dollar wieder in die roten Zahlen abrutschte.

Die besten Jobs von allen

Henderson bleibt greifbar. Abheben kommt nur aus professionellen Gründen infrage. ?Fritz war dauernd in der Luft, um die Leute in den GME-Standorten zu besuchen?, berichtet ein Mitstreiter. Praktischerweise brauchte Henderson nur wenige Minuten vom sechsten Stock der Europa-Zentrale im schweizerischen Glattbrugg bis zum Flughafen Zürich. Henderson ist ein Workaholic. Nur alle zwei Wochen flog er die rund sieben Stunden lange Strecke zu Frau und den beiden Töchtern nach Florida.Egal ob bei der Rüsselsheimer Tochter Opel oder bei Saab im schwedischen Trollhättan: Manager und Belegschaft respektieren den bald 49-Jährigen, der mit stets korrekt sitzender Krawatte und akkurat gestutztem Schnauzer die Durchsetzungskraft eines US-Colonels ausstrahlt. ?Seine Kommandos sind kristallklar?, sagen Manager. ?Widerspruch duldet er nicht. Die einzig akzeptable Rückmeldung ist der Vollzug.?Selbst Vorstandskollegen diktiert der Finanzchef im für ihn typischen Aufzählungsstil (?Erstens, zweitens, drittens?) die Agenda. ?Er akzeptiert Kompetenz?, sagt ein GM-Manager, ?allerdings muss man ihm erst beweisen, dass man die auch hat.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Colonel Fritz ist kein typischer ?car guy?Der Wirtschaftsprüfer Henderson stieg 1984 bei der damals unangefochtenen Nummer eins der Autobranche als Analyst ein. Der in Detroit, dem aus dem Takt geratenen Herzen der US-Autoindustrie, geborene Henderson ist ein Jongleur der Zahlen. Das musste mancher GM-Manager erst leidvoll erfahren. Anfängliche Versuche, den MBA-Absolventen der Harvard Business School durch ein Feuerwerk an Daten zu benebeln, gingen schief. ?Bei einem besonders undurchsichtigen Chart schrie er plötzlich ,Stopp!?? erzählt ein Beobachter. Henderson schritt zur Leinwand, zeigte auf eine Zahl und sagte ruhig: ?Da steckt ein Fehler drin.?Derlei Durchblick ist eine hilfreiche Eigenschaft in einem Autokonzern, der mehr als jeder andere von Zahlen getrieben wird. Konzernchef Wagoner, der wegen der zähen Sanierung angeschlagen ist, bewährte sich seinerzeit als Controller für den Spitzenjob. Beide, Henderson und Wagoner, sind keine typischen ?car guys?, Männer, die gleichsam Benzin im Blut haben. Ihre Karrieren weisen viele Parallelen auf, auch Wagoner sammelte als Finanzchef Erfahrungen in Europa .Henderson trimmte nach Stationen bei der Finanztochter GMAC und dem damals GM-eigenen Zulieferer Delphi das Lateinamerika- und das Asien-Geschäft von GM auf Erfolg. Stets ging er konsequent an seine Aufgabe heran. Sein Motto predigt er auch Mitarbeitern in schöner Regelmäßigkeit: ?Underpromissing and overdelivering? ? wenig versprechen, viel erreichen. So wird er sich auch dann nicht öffentlich aus der Deckung wagen, sollte Wagoner abtreten müssen. Doch der Druck auf den Konzernchef wächst. Längst haben die ebenfalls angeschlagenen US-Rivalen Ford und Chrysler neue Männer an der Spitze.Henderson, dessen Jahressalär im vergangenen Jahr bei rund 5,2 Millionen Dollar lag, hat Zeit. Wenn es so weit ist, dürfte ein weiterer GME-Manager den Weg nach Detroit finden: Forster. Hendersons Nachfolger als GME-Chef, setzte schon in Zürich dessen Vorgaben in Autos um.
Dieser Artikel ist erschienen am 08.11.2007