Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Circe des Cyberspace

Von Katja Ridderbusch
Marissa Mayer ist erst 31 Jahre alt und hat es in der Hierarchie von Google schon nach oben geschafft. Auf ihren Schreibtisch kommt jede neue Idee, die im Internetkonzern entsteht. Als Produktchefin und Vizepräsidentin hat es Marissa Mayer in der Hierarchie von Google weit nach oben geschafft, gleich hinter die beiden Firmengründer Larry Page und Sergey Brin. Sie ist Schaltstelle und Clearing-House.
ATLANTA. Marissa Ann Mayer kann Nerds eigentlich nicht besonders gut leiden, jene schlauen Sonderlinge, die sogar in Programmiersprachen träumen. ?Ich kenne diesen Typ?, sagte sie einmal. ?Sie essen Pizza zum Frühstück. Sie duschen selten. Und sie sagen nie Entschuldigung, wenn sie einen auf dem Gang umlaufen.?Doch streng genommen hat Marissa Mayer selbst etwas von einem Nerd, auch wenn sie nicht so aussieht: Die hoch gewachsene Blonde hat Diplome in Informatik und Künstlicher Intelligenz von der elitären Stanford-Universität. Sie arbeitet im Mekka der Nerds am Rande des Silicon Valley, in einem futuristischen Bau aus Stahl, Glas und Beton.

Die besten Jobs von allen

Marissa Mayer ist Produktchefin der Such-Dienste von Google, der globalen Wissensmaschine, der Informationskrake, dem Big Brother des Cyberspace. Die 31-Jährige befindet sich auf dem geraden Weg, das Gesicht der neuen New-Economy-Generation zu werden, deren Aufstieg nach dem Platzen der Dotcom-Blase begann und die das Kreative mit dem Pragmatischen versöhnt. Sie bekommt jede neue Idee auf den Tisch, die einer der knapp 6000 Mitarbeiter im ?Google-Plex? vorlegt. So heißt das Hauptquartier von Google im kalifornischen Mountain View.Wo auch immer sie auftritt ? Superlative sind ihr gewiss. Der Publizist John Battelle verglich Mayer in seinem Buch ?The Search? mit einem schillernden Kolibri, ?Newsweek? bezeichnete sie als eine der ?zehn wichtigsten Technologie-Führungskräfte?, das Wirtschafts-blatt ?Fast Company? hob sie auf den Titel, die ?Welt? nannte sie eine ?Circe des Cyberspace?, und als ?Königin der großen Ideen? wurde ihr der Aenne-Burda-Award für erfolgreiche Frauen im Medien-Business verliehen.Kongress-Veranstalter reißen sich um Mayer ? dabei ist die junge Frau mit dem frisch-fröhlichen Lächeln des Landmädchens aus dem Mittleren Westen eigentlich gar keine gute Rednerin: Sie spricht schnell und atemlos, als wolle sie ihre Sätze in ein kleines Gefäß pressen, aus dem permanent die Zeit entrinnt. Sie gestikuliert ausladend und kichert wie ein ungelenker Teenager. Das Geheimnis der Marissa Mayer mag darin liegen, dass sie in keine Kategorie passt ? und zugleich in jede. Dass sie fremde Welten zu versöhnen vermag: die Nerds und die Snobs, die Denker und die Macher.Als sie 1999 zu Google kam, war sie 23 Jahre alt. Sie war die 20. Angestellte des Unternehmens und der einzige weibliche Ingenieur. In der Mittagspause saßen die Programmierer auf der einen, die Marketing-Leute auf der anderen Seite der hauseigenen Cafeteria ? und Mayer wanderte zwischen beiden Gruppen hin und her. Schon als Jugendliche waren ihr Cliquen zuwider. Und deshalb mischte sie nicht nur den Debattierclub ihrer Highschool auf, sondern tanzte auch im Cheerleader-Team. ?Es machte ihr Spaß, das Image der blöden Pom-Pom-Königin zu zerschmettern?, sagte einer ihrer Lehrer.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Einer dieser schlauen SonderlingeDoch bei all der fröhlichen, weltenversöhnenden Unternehmenskultur ist Marissa Mayer vor allem eines: eine sehr mächtige Frau in einem sehr mächtigen Unternehmen. Google ist die am schnellsten wachsende Firma der Welt mit 400 Millionen Nutzern im Monat in 112 Ländern und einer Milliarde Suchanfragen pro Woche. In Sekundenbruchteilen rast Google wie eine Rennspinne durch das Cybernetz und durchforstet mehr als acht Milliarden Webseiten. Der Börsenwert von Google liegt bei weit über 100 Milliarden Dollar.Mayer zeichnet verantwortlich für Suchdienste wie den Nachrichtenservice ?Google News?, das Trendbarometer ?Google Trends?, die Preisvergleichsmaschine ?Froogle?, ferner ?Google Earth?, der Satellitenbilder liefert, oder die Kontaktbörse ?Orkut?. In Kürze will Google mit ?Google Books? eine digitale Bibliothek auf den Markt bringen. In einem ersten Schritt sollen 15 Millionen Werke aus den großen amerikanischen Bibliotheken eingescannt werden.Google, der inoffizielle Herrscher über das World Wide Web, sah sich zuletzt immer mehr der Kritik ausgesetzt. Als das Unternehmen Anfang des Jahres verkündete, mit einer zensierten Version seines Dienstes in China an den Markt zu gehen und Begriffe wie Demokratie oder Menschenrechte freiwillig zu sperren, war die Empörung groß. Datenschützer in Europa und Amerika sehen mit zunehmender Beklemmung, wie die privaten Informationen der Nutzer aus aller Welt sich auf den Speicherplätzen von Google einbrennen.Marissa Mayer weist die Bedenken zurück. Schließlich, sagte sie einmal, sei es ja jedem Einzelnen überlassen, ob ihm das Angebot von Google wert sei, ein Stück seiner Privatsphäre aufzugeben. ?Man sollte nicht paranoid werden.? Ihre eigene Privatsphäre hütet Marissa Mayer dagegen streng. Nur wenig jenseits ihres Google-Lebens ist über sie bekannt. Dass sie ledig ist und begeisterte Drachenfliegerin. Dass sie keine Haustiere hat und mit vier Stunden Schlaf pro Nacht auskommt und alle paar Monate einen Kinoabend für die Google-Angestellten organisiert. Dass sie viel arbeitet, von morgens um neun bis Mitternacht.Am Ende ist Marissa Mayer doch selber einer dieser schlauen Sonderlinge, einer dieser Nerds. Aber, wie ein Kollegen zugesteht, ein Nerd mit gutem Geschmack.
Dieser Artikel ist erschienen am 24.08.2006