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Chronik einer angekündigten Krise

Von Michael Maisch
Adam Applegarth räumt freimütig ein, dass er in seiner 20-jährigen Karriere beim britischen Baufinanzierer Northern Rock viele Fehler begangen hat. Aber eines macht der Vorstandschef unmissverständlich klar, dass er die große Kreditkrise an den Kapitalmärkten nicht voraus gesehen habe, gehöre nicht zu diesen Fehlern.
Northern Rock ist im Zuge der Hypothekenkrise ins Straucheln geraten. Foto: Archiv
LONDON. Bislang habe Applegarth auch noch niemanden getroffen, dem dies gelungen sei. Das mag sein, aber genau diese Krise hätte Northern Rock beinahe die Existenz gekostet. Am vergangenen Freitag musste die britische Zentralbank die fünftgrößte Hypothekenbank des Landes mit einem Notfallkredit vor der Zahlungsunfähigkeit retten. Weil die Kreditkrise an den Finanzmärkten die Banken so misstrauisch gemacht hat, dass sie sich gegenseitig kaum noch Geld leihen, drohte Northern Rock die Liquidität auszugehen.Dabei sah Applegarths Welt noch vor gar nicht allzu langer Zeit noch ganz anders aus. Im Februar 2007 war die Aktie von Northern Rock auf ihren Höchststand von 12,58 Pfund geklettert. Im ersten Halbjahr hatte der Hypothekenfinanzierer 19 Mrd. Pfund an Krediten vergeben, mehr als jede andere britische Hypothekenbank. Applegarth schien seinem großen Ziel , aus dem einst unbedeutenden nordenglischen Geldhaus, das in den 60er Jahren aus einer Reihe von Fusionen entstanden war, Großbritanniens drittgrößte Bank zu machen, immer näher zu kommen. Analysten lobten das Geschäftsmodell mit niedriger Kostenbasis und hohem Wachstum als Vorbild für andere Baufinanzierer. Doch genau dieses aggressive Geschäftsmodell war es, das zur größten britischen Bankenkrise der vergangenen 15 Jahre führen sollte.

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Applegarth hatte seiner Bank aggressive Wachstumsziele von 15 bis 25 Prozent pro Jahr gesetzt. Um diese Ambitionen zu erreichen, hielt Northern Rock seine Kostenbasis so niedrig wie möglich. Der Baufinanzierer unterhielt nur 76 Filialen und betreute nur 1,4 Millionen Sparer, entsprechend niedrig waren die Einlagen, die zur Reinanzierung der Hypothekenkredite zur Verfügung standen.Statt dessen vertraute Northern Rock auf den Kapitalmarkt. Die Bank zählte zu den größten Emittenten von Pfandbriefen (covered bonds) in Großbritannien und reichte Kredite in großem Umfang durch so genannte Verbriefungen an die Finanzmärkte weiter. Da die Investoren auf der Suche nach attraktiven Renditen den Banken diese Wertpapiere lange Zeit fast aus den Händen rissen, schien die Strategie von Northern Rock aufzugehen. Die Bank vergab für jedes Pfund an Spareinlagen rund 3,3 Pfund an Krediten. Das ist fast doppelt so viel, wie die Konkurrenteen Bradford & Bingleiy und HBOS.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Plötzlich froren die Kreditmärte ein. Applegarth kann sich noch ganz genau an den Tag erinnern, an dem alles anders wurde, als ihm zum ersten Mal klar wurde, wie groß die Schwierigkeiten sind, in denen seine Bank steckt. Am 9. August dieses Jahres seien die Kreditmärkte plötzlich eingefroren sagt er. "Niemand konnte sich mehr Geld für länger als eine Woche leihen, es war sehr verblüffend das zu beobachten".Was war geschehen? Die Kreditkrise, deren Epizentrum am Markt für zweitklassige US-Hypotheken liegt, hatte in den vergangenen Wochen blitztschnell Märkte rund um die Welt angesteckt. Hedge-Fonds und kleinere Banken kollabierten. Große Geldhäuser fingen an Liquidität zu horten, weil sie aus der Krise enorme finanzielle Verpflichtungen auf sich zukommen sahen. Außerdem misstrauten sie den anderen Banken. Wer konnte schon wissen, welche Risiken in den Bilanzen der Konkurrenz schlummern. In der Folge trocknete die Liquidität am Geldmarkt fast vollständig aus. Die Märkte für Pfandbriefe und Verbriefungen, die für Norhtern Rock so wichtig sind, waren quasi geschlossen.Trotz der massiven Probleme versuchte Applegarth erst einmal weiter zu machen. Er fuhr die Vergabe neuer Kredite drastisch zurück, um den Kapitalbedarf so weit wie möglich zu verringern und hoffte, dass die Märkte im September nach dem Ende der Sommerferien wieder öffnen würden. Doch das war nicht der Fall, im Gegenteil die Kreditkrise spitze sich weiter zu.. Northern Rock stand wie alle britischen Banken in permanentem Kontakt mit der britischen Finanzaufsicht FSA. Im Lauf des Septembers wurden die Diskussione immer ernshafter, schon bald waren auch die Zentralbank und das Finanzministerium an den Krisengesprächen beteiligt.Am vergangenen Donnerstag wurde schließlich klar, dass es so nicht weiter ging. Kurz nach Börsenschluss rief die bitische Zentralbank ihr Kontrollgremium, den Court der Bank of England zusammen. Der illustre Kreis, in dem unter anderem die Chefs der Großkonzerne Centrica und Vodafone sitzen, machte sich auf den Weg ins prachtvolle Hauptquartier der Notenbank in der Threadneedle Street im Herzen der City von London. Dort machte Zentralbank-Chef Mervyn King die Mitglieder des Courts mit den Problemen von Northern Rock vertraut.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Der simple Rat des Zentralbank-Chefs.Kings Rat war simpel: Der Court sollte den Notfallkredit für Northern Rock absegnen, ansonsten drohe dem britischen Bankenmarkt eine fatale Vertrauenskrise, die zum Stillstand des gesamten Finanzsystems führen könnte. Die Aufseher stimmten dem Plan zu, nachdem die Vertreter der Finanzaufsicht versichert hatten, dass Northern Rock überlebensfähig sei. Das Kreditbuch der Bank sei solide, das Geldhaus kämpfe wegen der Krise an den Kreditmärkten lediglich mit kurzfristigen Liquiditätsproblemen. In der Nacht zum Freitag nickten schließlich auch Finanminister Alistair Darling und am Ende auch Premierminister Gordon Brown den Rettungsplan ab.Damit hat Northern Rock noch einmal eine Überlebenschance bekommen. Aber die Bank ist jetzt eine Übernahmeobjekt und damit dürfte auch die Karriere von Applegarth bei dem Geldhaus, in dem er sein gesamtes Berufsleben verbrachte, zu Ende sein. "Ein Kreditinstitut, das von der Bank of England gerettet werden muss, hat kaum noch Chancen auf eine eigenständige Zukunft", sagte am Wochenende ein Londoner Investmentbanker. Applegarth, der 2001 im fast noch jugendlichen Alter von 39 Jahren Chef von Northern Rock wurde ist so eng mit dem Aufstieg und vor allem dem abrupten Fall der Hypothekenbank verbunden, dass er nach Einschätzung von Experten kaum zu halten sein wird. ?Es ist nur eine Frage der Zeit, wann er gehen muss?, meint ein Analyst einer US-Investmentbank.Es wäre das Ende einer steilen Karriere. Im vergangenen Jahr verdiente der charismatische Manager mit den breiten Schultern und dem kahlen Schädel insgesamt 1,3 Mill. Pfund. Dazu kommen 150 000 Aktienoptionen, die allerdings nach dem Absturz von Northern Rock an der Börse derzeit wertlos sind. Sollte Applegarth seinen Posten tatsächlich aufgeben müssen, wäre das dennoch nicht das Ende seiner Bezieheung zu Northern Rock. Denn die Hypothek für sein Privathaus, dessen Wert auf über 2 Mill. Pfund geschätzt wird, läuft selbstverständlich, über die Bank, die er sechs Jahre lang geleitet hat.
Dieser Artikel ist erschienen am 15.09.2007