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Chinas Bill Gates

Von Andreas Hoffbauer
Die Aura des Außerirdischen, sie umgibt ihn ständig. Im Bürosessel, auf dem Podium, beim Interview ? Jack Ma versprüht stets etwas Geniales, etwas Märchenhaftes. Und auch etwas Verrücktes. Ma hat rasend schnell ein Internetimperium aufgebaut. Morgen bringt er Alibaba.com an die Börse.
PEKING. Für Chinas Internet-Guru gibt es offenbar keine irdischen Grenzen. Seine Internethandelsplattform Alibaba.com wächst mit geradezu märchenhafter Geschwindigkeit, hat bereits 25 Millionen Kunden. Und der morgige Börsengang in Hongkong wird mit 1,5 Milliarden Dollar (eine Milliarde Euro) schon vorher als das größte IT-Listing Chinas bejubelt.?Wir haben ab dem ersten Tag an unseren Traum geglaubt?, sagt Jack Ma gelassen. Die Stimme des wortgewandten Managers kennt keine Zweifel, hat oft etwas von einem Prediger. Etwa, wenn er sagt: ?Wir werden Chinas Wirtschaft verändern.?

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Große Worte für einen 43-Jährigen, der erst vor acht Jahren Alibaba gegründet hat. Doch Jack Ma hat bereits bewiesen, dass in China Märchen wahr werden können. Dort gehören zur Alibaba Group inzwischen die Suchmaschine Yahoo, das Online-Zahlungssystem Alipay sowie Taobao.com, eine chinesische Ebay-Imitation, die sehr erfolgreich ist.Es ist ein erstaunlicher Erfolg für jemanden, der als 30-Jähriger noch nie einen Computer berührt hatte. Den ersten PC seines Lebens habe er 1995 bei seiner ersten US-Reise gesehen, erinnert sich Jack Ma kichernd. ?Ich hatte richtig Angst, das Ding anzufassen?, gesteht er noch heute. Computer galten damals in China als unbezahlbarer Luxus.Inzwischen wird Jack Ma als der ?Bill Gates von China? gefeiert. Und die Beratungsfirma Ovum hat den Entrepreneur ?zum klügsten Kopf der chinesischen Internetszene? gekürt. Dabei ist seine Geschäftsidee eigentlich simpel: Internationale Produzenten suchen ständig Kunden und Lieferanten, vor allem in China. Diese könnte man doch per Internet zusammenbringen, dachte sich Ma.Ob Socken, Bananen oder Bagger ? bei Alibaba.com finden Einkäufer heute einen Zulieferer, Mittelständler ihren passenden Partner. ?Unsere Plattform schaltet Zwischenhändler aus, die man bislang in China brauchte?, so der Alibaba-Chef. Das senkt Kosten, vermeidet Vermittlungsgebühren und bekämpft Korruption. ?Vor allem aber brechen wir damit aus dem alten Denken aus?, setzt der charismatische Manager auf das Ende der Vetternwirtschaft.Schon folgen immer mehr seinem Pfad der Online-Tugend: Jeden Tag lassen sich 11 000 Firmen bei Alibaba registrieren. Denn der Anbieter liegt im Trend. Benutzten vor drei Jahren vier Millionen chinesische Firmen täglich das Internet, dürften es zum Ende dieses Jahres 35 Millionen sein.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Er träumt schon das nächste MärchenMit dem Geld aus dem Börsengang wolle Alibaba global in der E-Commerce-Branche mitmischen, hat Jack Ma angekündigt. Analysten gehen davon aus, dass auch Übernahmen zu erwarten sind. Das sei allerdings eine echte Herausforderung, räumt selbst Jack Ma ein: ?Alibaba ist sehr gut darin, neue Firmen zu gründen, aber wir haben nicht sehr viel Erfahrung mit Übernahmen.?Der Anbieter habe eine sehr solide Kundenbasis, sagt Analyst Jacky Huang von der Marktforschungsfirma IDC China. ?Aber Alibaba wird auf Dauer ein System entwickeln müssen, wie man von den Nutzern mehr Geld bekommt.? Allerdings soll sich der Gewinn schon dieses Jahr gegenüber 2006 auf 622 Millionen Yuan (rund 65 Millionen Euro) verdreifachen.?Sesam öffne dich!? ? Der kleine Mann mit den harten Gesichtszügen hat die Schatzkisten der Zukunft geknackt. Nicht umsonst hat er seine Firma nach dem Märchen ?Alibaba und die 40 Räuber? benannt. Nun verzaubert Jack Ma, einer der bekanntesten und reichsten Chinesen, Anleger und Internetgemeinde im Riesenland zugleich. Der Alibaba-Chef ist so auch ein Stück gelebter China-Boom ? schnell, mutig, erfolgreich. Sein Rezept? Der Manager überlegt nicht lange. ?Egal, wie groß dein Traum ist, du musst immer realistisch bleiben.? Abheben gibt es in seiner Welt ebenso wenig wie aufgeben.Schon als Zwölfjähriger, als sich China in den siebziger Jahren öffnete und die ersten Touristen kamen, galt das für ihn. Jeden Morgen bot sich der kleine Jack in seiner Heimatstadt Hangzhou als Stadtführer an. ?Damals konnte ich nur ?hello? und ?good morning.? Doch er passte genau auf. Zwölf Jahre später war er Englischlehrer in Hangzhou. Dort ist heute der Sitz von Alibaba.com. In der modernen Firmenzentrale, in der rund 2 300 Personen arbeiten, sieht sich Jack Ma aber nicht als Chef: ?Ich brauche kein Büro im zehnten Stock.? Er sei noch immer ein guter Lehrer und Motivator, loben ihn dafür die Beschäftigten. ?Wir können mit ihm alles diskutieren und ihm unsere Meinung sagen?, sagt eine junge Frau. Das sei in vielen chinesischen Firmen nicht möglich.Wenn Jack Ma entspannen will, geht er in seiner Heimatstadt gern ins Teehaus und liest Geschichten des patriotischen Dichters Jin Yong. Dort gehe es auch stets um einfache Menschen, sagt er. Die müssten immer erst durch Krisen gehen, bevor sie Erfolg haben. Das imponiert ihm.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Großer Durchbruch mit Yahoo-ÜbernahmeSeine Krise hat Jack Ma mit seiner ersten Onlinefirma China Pages erlebt, die Ende der neunziger Jahre in den Strudel der Internetkrise geriet. Der große Durchbruch gelang ihm dann 2005 mit der Übernahme von Yahoo China. Auf einen Schlag war der US-Rivale aus dem Online-Zukunftsmarkt gedrängt. Und über Nacht war Alibaba in fast allen lukrativen Internetbereichen stark.?Ich habe vor niemandem Angst?, sagt der Internetzauberer heute selbstbewusst mit Blick auf die Konkurrenz, die immer wieder nach Alibaba-Land drängt. China Telecom, Yahoo, Ebay oder Google ? bislang habe man alle ?Räuber? im eigenen Reich besiegt.Seine Alibaba-Group solle zu einem starken Konzern wie General Electric oder Microsoft werden, träumt Ma schon das nächste Märchen. Und wie immer klingt er total überzeugt. Die meisten trauen ihm das zu. So wie der ?Außerirdische? morgen mit Alibaba sicher auf dem Planet Börse landen wird, denn seine Version von ?Tausendundeiner Nacht? ist kein Märchen mehr.Vita1964
Jack Ma wird im November in der chinesischen Provinzhauptstadt Hangzhou geboren. Nach vielen Anläufen darf er sich an der dortigen Uni zum Lehrer ausbilden lassen.
1995
Jack Ma leiht sich rund 2000 Dollar von Freunden und gründet den Online-Katalog ?China Pages?.
1997
Im Auftrag der chinesischen Regierung baut er Internetseiten für das Handelsministerium auf.
1999
Er gründet Alibaba.com, die erste Internethandelsplattform für Unternehmen in China.
2003
Alibaba startet das Internetauktionshaus Taobao sowie das Online-Zahlungssystem Alipay.
2005
Yahoo steigt bei der Alibaba-Group ein und zahlt eine Milliarde Dollar für einen 40-Prozent-Anteil. Alibaba übernimmt Yahoo China.
2007
Alibaba.com geht am 6. November an die Hongkonger Börse.
Dieser Artikel ist erschienen am 05.11.2007