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Chefs lieben Anpasser

Die Fragen stellte Britta Domke
Interview mit Diplom-Psychologe Jürgen Hesse, Geschäftsführer der Berliner Telefonseelsorge und Berater im "Büro für Berufsstrategie". Zusammen mit Hans Christian Schrader hat er zahlreiche Ratgeber zu Bewerbung und Karriereplanung verfasst.
Interview mit Diplom-Psychologe Jürgen Hesse, Geschäftsführer der Berliner Telefonseelsorge und Berater im "Büro für Berufsstrategie". Zusammen mit Hans Christian Schrader hat er zahlreiche Ratgeber zu Bewerbung und Karriereplanung verfasst

Herr Hesse, waren Sie selbst schon mal in einer beruflichen Situation, in der Sie sich zähneknirschend angepasst haben?

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Natürlich, x-mal im Leben. Jeder erlebt Situationen im Job, die ihm als zutiefst ungerecht und gemein erscheinen. Da kann man leider nur in den seltensten Fällen explodieren. Wir werden alle angepasst, und manche auch gebeugt, in gewisser Weise sogar verbogen - das gehört zum Berufsleben dazu.

Haben Sie ein Beispiel?

Ich habe vor etwa zehn Jahren mal etwas sehr Dramatisches erlebt: Mobbing. Damals war ich bereits Geschäftsführer. Weil ich vielleicht etwas sehr selbstständig und eigenverantwortlich gehandelt habe, gab es plötzlich eine Rivalitätssituation mit dem Vorstand, die ich erst gar nicht gespürt habe. Aber dann ist der Konflikt so extrem eskaliert, dass mein Job in Gefahr geriet. Ich war stinksauer, musste aber entgegen meinem Naturell kleine Brötchen backen, mir Unterstützung suchen und wie der Wolf auftreten, der Kreide gefressen hat. Das war offenbar das richtige Mittel: Letztendlich hat der Vorstand gewechselt.

Auch in Ihren Ratgebern betonen Sie: Eine Bewerbung ist immer eine Anpassungsleistung. Aber wo ziehen Sie die Grenze zwischen Anpassung und Lüge?

Das ist ein sehr schmaler Grat. Es gibt die sozial gewünschte Lüge, bei der es um Höflichkeit geht, um Diplomatie und Schutz von anderen. Und es gibt Situationen, in denen man sagen muss: Das passt nicht in meine Moral- und Wertewelt. Wenn ich das spüre, tue ich gut daran, in mich zu gehen und zu überlegen: Bin ich bereit, so etwas mitzumachen? Vielleicht spreche ich auch mal mit Freunden oder meinem Lebenspartner darüber, denn in einer Krisensituation verengt sich automatisch die Beurteilungsbreite.

Hassen sich unerfahrene Berufseinsteiger eher verbiegen als alte Hasen?

Im Gegenteil: Je jünger man ist, desto größer sind der Mut und die Bereitschaft zu kämpfen - oft ohne Rücksicht auf Verluste. Mit 15 war ich Kommunist und dachte, meine Eltern seien ziemlich dämlich. Mit zunehmendem Alter gewinnt man an Einsicht, verliert die eine oder andere Illusion und ist eher bereit, auch mal nachzugeben.

In Ihren Büchern geben Sie Tipps, wie man sich als Bewerber und im Job in ein möglichst gutes Licht setzt. Taktik statt Aufrichtigkeit - ist das ein guter Ratgeber für die Karriere?

Wenn Sie Karriere machen wollen, ist die absolute, manchmal auch krasse Wahrheit bestimmt nicht das Mittel der Wahl. Dagegen ist es absolut notwendig, strategisch zu denken - bis hin zum taktischen Sich-zurücknehmen. Bevor Sie eine bestimmte Position erreicht haben und wirklich etwas bewegen können, müssen Sie verdammt viel Anpassungsleistung erbringen. Das fängt damit an, dass Sie sich entsprechend kleiden - man könnte auch sagen verkleiden - müssen, wenn Sie in ein Vorstellungsgespräch gehen. Und ein Assessment Center ist nichts als eine typische Anpassungsübung. Selbst wenn dort jemand dummes Zeug redet, müssen Sie freundlich und gelassen bleiben, auch wenn Ihnen der Sinn danach steht zu sagen: Das ist alles Quatsch. Taktvoll miteinander umzugehen, ist also nicht einfach gleichzusetzen mit Unaufrichtigkeit.

Wer kommt denn besser bei den Chefs an - die Anpasser oder die Querdenker?

Leider Gottes die Anpasser. Zwei Drittel aller deutschen Chefs sind doch mehr oder weniger Neurotiker, hat immerhin die Unternehmensberatung Kienbaum festgestellt. Denen kommt es vor allem darauf an, dass ihre Mitarbeiter funktionieren. Was der Chef will, müssen dann auch die Mitarbeiter wollen. Natürlich gibt es gelegentlich Beispiele, wo Querdenker Karriere gemacht haben - aber typischerweise bei Chefs, die selbst schon ganz oben sind. Die fühlen sich nicht so schnell in Frage gestellt, wenn jemand etwas anders macht als sie selbst.

Bedeutet das, dass man als Opportunist schneller Karriere macht?

Im Grunde genommen schon. Aber reiner Opportunismus ist ebenso dumm, wie mit dem Kopf gegen die Wand zu laufen. Wer die graue Maus spielt und immer nur Ja sagt, auf den wird auch kein Vorgesetzter aufmerksam. Besser ist es, in verschiedenen Rollen aufzutreten, flexibel zu reagieren. Dabei muss man auch eine Niederlage einstecken können und auch mal etwas gegen seine innerste Überzeugung tun - aber bloß nicht zu häufig.

Muss man sich denn umso mehr verbiegen, je höher man in der Hierarchie eines Unternehmens steht?

Es gibt da so etwas wie einen Flaschenhals. Eine Zeit lang muss man sich schon ziemlich anpassen. Aber ab einem bestimmten Level kann man sich auch wieder mehr Freiheiten herausnehmen.

Wann wird es denn ungesund, im Job gegen seine moralischen Überzeugungen zu handeln?

Sobald es einen belastet. Wenn Sie Schlafstörungen entwickeln, sich am Sonntag schon vor dem Montag fürchten oder sogar krank werden, dann wird es höchste Eisenbahn, etwas zu ändern.

Aber was kann man in so einer Situation tun - gleich kündigen?

Wer kein angepasster Jasager sein will, für den ist eine Kündigung manchmal unvermeidlich. Zuerst aber empfehle ich eine Art Standortbestimmung, eine Inventur des eigenen Berufslebens: Was verleidet mir den Job? Was müsste passieren, damit ich mich wieder besser fühle? Wie würde überhaupt ein besserer Job aussehen? Am Ende kann aber auch die Erkenntnis stehen: Es gibt mehr Dinge, die ich an meinem Job liebe, als Dinge, die ich verabscheue.

Viele Menschen fürchten sich vor harten Konsequenzen, wenn sie gegen Anweisungen ihres Chefs aufbegehren. Zu Recht?

Ich glaube nicht, dass man in Deutschland so schnell gekündigt wird. Meist trifft es sowieso diejenigen, die überhaupt nicht damit gerechnet haben. Trotzdem haben viele Leute eine furchtbare Angst davor, beim Chef in Ungnade zu fallen. Gerade in schlechten Zeiten rechtfertigen sich manche: Ich mache das ja nur, weil ich sonst gekündigt werde. Wir kennen solche Angstfantasien - natürlich in viel krasserer Form - aus Diktaturen. Da heißt es schnell: Wenn ich mich verweigere, geschieht mir selbst das, was ich jetzt anderen antun soll. Angst macht Menschen handlungsunfähig, willfährig und produziert Duckmäusertum.

Wie kann man sich denn treu bleiben, ohne seine Karriere zu gefährden?

Es gibt da ein einfaches Strickmuster: zwei Maschen links, zwei Maschen rechts. Das bedeutet, dass weder konformes Denken noch Querdenken allein zum Erfolg führt. Erst die richtige Mischung macht's. Das mag manchem nicht gefallen. Aber in unserer Arbeitswelt ist nun mal wenig Platz für Idealisten.
Dieser Artikel ist erschienen am 14.12.2001