Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Chefs

Karriereratgeber beschreiben gleich kapitelweise "die häufigsten Cheftypen und wie man mit ihnen umgeht". Kompetente, souveräne, freundliche Chefs tauchen in diesen Texten allerdings nicht auf - wahrscheinlich, weil im Umgang mit ihnen keine Ratschläge erforderlich sind. Oder weil es so wenige von ihnen gibt.
Cheftypen. Karriereratgeber beschreiben gleich kapitelweise "die häufigsten Cheftypen und wie man mit ihnen umgeht" (Gabriele Cerwinka, Gabriele Schranz: Souverän im Sekretariat, S. 114). Kompetente, souveräne, freundliche Chefs tauchen in diesen Texten allerdings nicht auf - wahrscheinlich, weil im Umgang mit ihnen keine Ratschläge erforderlich sind. Oder weil es so wenige von ihnen gibt. Stattdessen beschreiben die Fachbücher (Cerwinka/Schranz, S. 114 ff und Jürgen Lürssen: "Die heimlichen Spielregeln der Karriere, S. 86 ff) den "Alleinherrscher", den "liebenswerten Chaot", den "tobenden Choleriker", den "Zyniker", den "Überforderten", den "Machtlosen", den "Delegationsunfähigen", den "Tyrann" und den, "der sich mit fremden Federn schmückt".Eine ziemlich interessante Truppe ist das, so richtig liebenswert. Die einzelnen Charakterisierungen sind nicht etwa übertrieben, sondern ganz offensichtlich mitten aus dem Leben gegriffen - wer sie liest, wird wesentliche Eigenschaften früherer und gegenwärtiger Vorgesetzter wiederfinden, mit Grinsen oder Grausen im Gesicht. Auch die jeweiligen Ratschläge für den Umgang mit ihnen sind durchaus hilfreich. Im Laufe der Beschäftigung mit den Typen und den dazugehörigen Gegenmaßnahmen drängen sich jedoch zwei Fragen auf: Wieso müssen die Mitarbeiter sich eigentlich mühsam irgendwelche Strategien angewöhnen, anstatt friedlich ihrer Arbeit nachgehen zu dürfen, wenn ein Chef keine Ahnung von Benehmen und sozialer Kompetenz hat? Und wieso können solche unangenehmen Zeitgenossen überhaupt Chefs werden?

Die besten Jobs von allen

Wie Chefs werden, was sie sind. Die Antwort auf die erste Frage lautet: Weil er nun mal der Chef ist. (Ihnen zum Trost - auch er wird wiederum Chefs haben, denen er sich mühsam anpassen muss.) Die Antwort auf Frage zwei ist genauso eindeutig. Sie ruft nämlich in Erinnerung, was man im täglichen Umgang mit schwierigen Chefs schnell vergisst: Die wenigsten Vorgesetzten haben nur mit Vitamin B Karriere gemacht, sondern aufgrund gewisser fachlicher und menschlicher Qualitäten. Auch wenn die für Sie vielleicht nicht (mehr) erkennbar sind. Grundsätzlich gilt: Ganz egal, welche persönlichen Eigenschaften Ihr Chef hat - auch sie haben ihn dahin gebracht, wo er jetzt ist. Oder ihn jedenfalls nicht daran gehindert, dorthin zu kommen.Umgang mit Chefs. Ganz gleich, welcher Typ Ihr Chef ist - wenn Sie sich nicht einen neuen Job suchen wollen, müssen Sie sich mit ihm irgendwie arrangieren. Das geht am besten im ersten Jahr in einer neuen Stellung, wenn sich beide, Chef und Mitarbeiter, noch einigermaßen Mühe geben, gut miteinander auszukommen.Für diese Startphase gibt es ein paar allgemeingültige Regeln, die Jürgen Lürssen in "Die heimlichen Spielregeln der Karriere" (Lürssen, S. 60 ff) unter dem Motto "Wie Sie ein gutes Verhältnis zu Ihrem Chef aufbauen" aufgestellt hat. Sie lauten zusammengefasst:
  • Den Chef verstehen. Was sind seine beruflichen Ziele und Erwartungen? Was versteht er unter einer guten Leistung? Wie drückt er aus, was er will und was er nicht will? Welche Art von Mensch ist er, was hat er für Interessen und Macken, was sind seine Lieblingsthemen, was seine Stärken und Schwächen?


  • Möglichst harmonisch zusammenarbeiten. Passen Sie sich seinem Arbeitsstil an (außer, wenn er ein Chaot ist). Seien Sie zuverlässig. Zeigen Sie Eigeninitiative. Halten Sie Ihren Chef immer auf dem Laufenden - auch und vor allem über anstehende Probleme. Übernehmen Sie Aufgaben, die Ihrem Chef unangenehm sind.


  • Persönliche Beziehung aufbauen. Durch Fragen, persönliche Besprechungen, bei gemeinsamen Essen, Veranstaltungsbesuchen und Dienstreisen. Aber ohne aufdringlich zu werden oder zu viel über Ihr Privatleben zu erzählen: Die große Kunst im Umgang mit Chefs besteht darin, Nähe aufzubauen, ohne zu nahe zu treten.


  • Loyalität! Selbst wenn Ihnen Ihr Chef noch so unfähig vorkommt: Verkneifen Sie es sich, hinter seinem Rücken die Abteilung Klatsch & Tratsch mit den neuesten Geschichten über seine Inkompetenz zu bedienen. Das kann nämlich für Sie unangenehme Folgen haben, auch wenn Sie in der Sache noch so sehr im Recht sind.


  • Chefs unter sich. Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus. Chefs halten immer mit Chefs zusammen, schon aus Prinzip. Und das gilt erst recht, wenn es um Mitarbeiter geht, die sich bei dem einen Chef über den anderen beschweren. Deshalb bringt es extrem wenig, sich bei Problemen mit dem Vorgesetzten an dessen Chef zu wenden: Es wäre ja geradezu Nestbeschmutzung, wenn der dann Ihre Partei ergreifen und mit Ihrem Chef mal ein Wörtchen reden würde. Stattdessen wird er höchstwahrscheinlich Ihre Klagen sehr freundlich zur Kenntnis nehmen und den geschätzten Kollegen anschließend darum bitten, sich um die Angelegenheit zu kümmern, da sie schließlich ihn betrifft. Womit Sie ein klassisches Eigentor geschossen hätten.
    Dieser Artikel ist erschienen am 17.05.2004