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Chefkrämer und Revoluzzer

Von Christoph Schlautmann, Handelsblatt
Ganze fünf Minuten Redezeit hatten ihm die Karlsruher Verfassungsrichter Anfang November gewährt, fünf Minuten, mit denen Kaufhof-Chef Lovro Mandac im deutschen Einzelhandel eine Revolution anzetteln könnte.
DÜSSELDORF. ?Die Errichtung von immer mehr Einkaufszentren an Bahnhöfen und Flughäfen zeigt?, donnerte der Kaufhof-Vorstandsvorsitzende, ?dass die gesetzlich verordnete Ladenschließung den heutigen Ansprüchen der Kunden nicht mehr gerecht wird.?Mandacs Kampf gegen das seiner Meinung nach ?kundenfeindliche Gesetz? dauert nunmehr schon über sechs Jahre. 1998 startete er als Präsident der Bundesarbeitsgemeinschaft der Mittel- und Großbetriebe des Einzelhandels (BAG) das erste groß angelegte Störfeuer gegen die verhasste Regelung. Später stichelte er als Ausschussvorsitzender ?Stadt und Handel? beim Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE) gegen den allzu frühen Ladenschluss ? nicht immer unter dem Beifall mancher mittelständischer Verbandsmitglieder. Nach seinem Berufsleben, sagt Mandac, wolle er Lobbyist werden.

Die besten Jobs von allen

Den größten Erfolg als Lobbyist könnte er schon am heutigen Mittwoch einfahren, als verspätetes Präsent einen Tag nach seinem 54. Geburtstag: Um zehn Uhr werden die Karlsruher Richter verkünden, ob sie sich seiner Meinung in Sachen Ladenschluss anschließen ? und damit die gesetzlichen Schließzeiten kippen. Kommt es so, wie Mandac hofft, dürften bald schon Deutschlands Läden rund um die Uhr geöffnet halten. Selbst die Sonntage wären dann zum Shopping frei.Große Auftritte ist der seit über zehn Jahren amtierende Vorstandsvorsitzende der Kaufhof Warenhaus AG gewohnt. Lieben tut er sie nicht. Nicht einmal seine Auftritte im Kölner Karneval, wo er am Rosenmontag abwechselnd den Cowboy oder Pascha gibt. Vergangenes Jahr brachte er es als Mitglied der Karnevalsgesellschaft Rote Funken sogar zu einem eigenen Festwagen. Doch der echte rheinische Frohsinn mag bei dem gebürtigen Flensburger kaum aufkommen, eher schon das Pflichtgefühl eines zugereisten Kölner Unternehmensführers.Das gilt auch für die Vereinsmitgliedschaft beim 1. FC Köln. Sie hat Mandac nicht gesucht, man hat sie ihm angetragen. Seitdem erlebt er als Mitglied des Verwaltungsrats das Auf und Ab des Traditionsvereins von der Ehrentribüne aus.Das einzige Öffentlichkeitswirksame, was sich der stets energiegeladene Sohn eines kroatischen Einwanderers gönnt, sind seine exzentrischen Krawatten, am liebsten von Versace. Pressekollegen blieb zuletzt ein Binder in Erinnerung, der ein blitzspeiendes Pferd präsentierte.Ansonsten hält sich der verheiratete, aber kinderlose Mandac lieber im Hintergrund. Privat wandert der Japan-Fan gern einsam auf Mallorca, spielt Tennis und verabscheut Golf. Als Lieblingsbuch gibt er John Irvings skurrile Familiengeschichte ?Hotel New Hampshire? an.Aus der Feder Irvings könnte auch Mandacs subversive Aktion gegen das deutsche Ladenschlussgesetz sein. In Guerilla-Manier ordnete der Kaufhof-Boss Ende Juli 1999 sein Warenhaus am Berliner Alexanderplatz an, sämtliche Artikel mit dem Aufkleber ?Berlin-Souvenir? zu versehen und das Geschäft bis zum Sonntag geöffnet zu halten. Eine Untersagung der Stadt Berlin missachtete Mandac. Schließlich sei es von Gesetzes wegen erlaubt, rechtfertigte Mandac die Aktion, an ?Ausflugs-, Erholungs- und Wallfahrtsorten mit besonders starkem Fremdenverkehr? touristische Ware auch an Sonn- und Feiertagen zu verkaufen. ?Bad Berlin? flachste die lokale Presse, ?Verstoß gegen das Ladenschlussgesetz?, wetterten konkurrierende Händler. Schließlich setzte eine einstweilige Verfügung, beantragt von einer Berliner Schmuckhändlerin, das Gerichtsverfahren bis hin zum Bundesverfassungsgericht in Gang.Dass der Kaufhof vom Landgericht verurteilt wurde und die Berufung vor dem Kammergericht ohne Erfolg blieb, ficht Mandac nicht an. ?Wer auf der Stelle tritt?, sagt er, ?kann nur Sauerkraut fabrizieren.?Zudem lenkt der Trubel um den Ladenschluss ab von den schlechten Geschäftsergebnissen, die der Kaufhof seit längerem produziert. Im vergangenen Jahr verloren die 134 Filialen des Konzerns 2,1 Prozent ihres Umsatzes, im Jahr zuvor 1,8 Prozent. Auch das Betriebsergebnis schwindet. Kamen 2001 noch 187 Mill. Euro zusammen, waren es 2002 nur noch 131 Mill., 2003 sogar nur 91 Mill. Euro. Konsumflaute und Rabattschlachten, an denen der Kaufhof an vorderster Front beteiligt war, setzen den Warenhäusern zu. Ihre Kapitalkosten verdient die Tochter des Düsseldorfer Metro-Konzerns nicht ? und steht deshalb unter verschärfter Beobachtung.Dass die Stimmung in Köln trotz Metros Restrukturierungsprogramm, das scharfe Kostenreduzierungen vorsieht, immer noch nicht gedrückt ist, wie Mitarbeiter versichern, ist dem Chef selbst zu verdanken. Dabei schrumpft die Zahl der Mitarbeiter unablässig. 30 000 waren es beim Kaufhof vor vier Jahren, knapp 20 000 sind davon bis heute übrig geblieben. Doch Mandac gilt als exzellenter Motivator. Untergebene stellt er Außenstehenden stets als ?mein Kollege? vor, die Belegschaft informiert er tagesaktuell über den firmeneigenen Fernsehsender.Anders als beim Erzkonkurrenten Karstadt in Essen, wo sich viele ?Direktoren? mit Statussymbolen und PS-starken Firmenwagen schmücken, sind Mandac solche Machtattribute verhasst. ?Für derartige Spielchen sollten wir uns zu schade sein?, sagt er. Entsprechend schlicht ist sein Büro. Den einzigen Luxus, den sich der Wahlkölner gönnt, ist der grandiose Ausblick auf den Dom.
Lovro Mandac1950 kommt Lovro Mandac am 8. Juni als Sohn eines aus Kroatien stammenden Vaters und einer deutschen Mutter in Flensburg zur Welt.
1977 Nach dem Studium der Wirtschaftswissenschaften steigt der Diplom-Kaufmann beim Musikkonzern Thorn/EMI als Revisor ein.
1981 wird er Leiter Finanz- und Rechnungswesen der Panasonic GmbH Deutschland.
1987 Direktor Bilanzen bei der Kaufhof-Holding in Köln.
1991 Finanzvorstand der Oppermann Versand AG, Neumünster.
1993 Vorstandschef der Kaufhalle AG in Köln.
1994 Chef der Horten AG.
1994 Vorstandsvorsitzender der Kaufhof Warenhaus AG
Dieser Artikel ist erschienen am 09.06.2004