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Chaot und Perfektionist

Von Stefanie Bilen
Andere bezeichnen in als Perfektionist, er selbst nennt sich einen Chaot. Mit dieser Kombination hat Tobais Grau Erfolg. Innerhalb von 22 Jahren hat er sich von einem regionalen Ein-Mann-Betrieb zu einem international anerkannten Lampendesigner und -hersteller hochgearbeitet.
HB KÖLN. Er will bei seinem vierten Geschäft, das er vor knapp vier Wochen zur Möbelmesse IMM in den Kölner Spichernhöfen eröffnet, sicherstellen, dass alles sitzt. ?Tobias Grau ist ein Perfektionist, er macht seinen Job sehr konsequent?, sagt Hadi Teherani, Architekt aus dem Büro Bothe Richter Teherani (BRT) in Hamburg, der ihn lange kennt. ?Ich bin ein Chaot?, sagt Grau über sich. Dass das kein Widerspruch sein muss, bestätigen Wegbegleiter und Kollegen des Designers.Auch seinem Erfolg steht dies nicht im Weg. Grau hat sich innerhalb von 22 Jahren von einem regionalen Ein-Mann-Betrieb in Hamburg zu einem international anerkannten Lampendesigner und -hersteller mit 100 Mitarbeitern hochgearbeitet. Am morgigen Freitag erhält der 47-Jährige den ?offiziellen Designpreis der Bundesrepublik Deutschland? für seine Stehlampe ?Go Floor? als einer von fünf Preisträgern. Der Preis wird vom Rat für Formgebung vergeben, dem zahlreiche Designer, Unternehmer und Verbände angehören.

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?Abgesehen davon, dass Designpreise gut fürs Geschäft sind, ist dies ein ganz besonderer Preis?, sagt Grau trocken, der für seine schlichten Lampen schon häufig Ehrungen einheimste.Wenn der zurückhaltende, fast spröde wirkende Hamburger am Freitag mit seiner Frau, die sich im Unternehmen ums Kaufmännische kümmert, zur Preisvergabe in Frankfurt auf die Bühne geht, wird er wohl ein wenig aufgeregt sein. Grau ist kein abgeklärter Business-Typ, der sich in den Mittelpunkt drängelt. Er sagt, er sei nicht der ?große Chef da oben?, und zupft an seinem dunklen Cordanzug. ?Trotz des Erfolgs ? im Kopf sind wir eine kleine Firma?, sagt der Vater von vier Kindern. ?Das heißt nicht, dass wir uns nicht dem internationalen Wettbewerb stellen. Aber diesen Spagat bekommt man nur hin, wenn man manchmal über das Geschäft schmunzelt.?Seit er 1984 als Designer im Lampengeschäft startete, hat er sich mit seinen puristischen Entwürfen internationales Renommee erarbeitet. Er wird in einer Reihe mit dem Designer Ingo Maurer genannt. ?Tobias Grau ist eine etablierte Marke in Europa?, sagt Teherani. ?Er sticht mit seiner klaren Designsprache heraus aus dem Lampenangebot?, lobt Andrej Kupetz, Geschäftsführer des Rats für Formgebung.Puristisch im Stil, experimentierfreudig im Material, hochwertig in der Ausführung. Wie etwa die Pendelleuchte ?Oh?, Graus Verkaufsschlager: Viele kennen die Lampe, die an ein Ei erinnert, das am unteren Ende abgeschnitten wurde, als Tresenbeleuchtung in Restaurants.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Der Autodidakt kann nur alleine entwerfenVor sieben Jahren hat Grau drei Läden im Stilwerk in Berlin, Hamburg und Düsseldorf eröffnet. Nach dem Shop in Köln kommt im April ein Stilwerk-Laden in Stuttgart hinzu. Die Standorte dienen neben den rund 350 Fachhandelskunden in Deutschland und rund 400 im Ausland zur Markenbildung, schreiben aber schwarze Zahlen, wie Grau betont.Er nennt zwar keine konkreten Umsatzzahlen, verrät aber, dass das vorige Jahr mit einem Plus von 15 Prozent das beste für das Unternehmen überhaupt gewesen sei. Seit 2001 verliert die Branche Umsatz, nun gehe es wieder aufwärts.Als er vor vier Wochen seinen Kölner Laden eröffnet, beobachtet er hereinkommende Kunden aus den Augenwinkeln und gibt seinen Mitarbeitern kurze Anweisungen, wenn etwa die Gäste nichts zu trinken haben. ?Tobias Grau will immer alles unter Kontrolle haben?, sagt eine Ex-Mitarbeiterin. ?Das geht so weit, dass seine Leute unselbstständig sind und ihm nur zuarbeiten.?Grau bestätigt, er könne nur alleine entwerfen. Der Autodidakt, der nach seinem Betriebswirtschaftsstudium Abendkurse an der Parson School of Design in New York besucht und zunächst als Möbeldesigner arbeitet, zieht sich dann in sein Büro zurück. ?Beim Entwickeln bin ich mental gesehen immer kurz vor dem Absturz.? Wenn die Idee steht, beginnt sein Team mit der Ausarbeitung am Computer. Fünf bis acht Neuheiten bringt Grau im Jahr heraus.Zumindest ein Mann hat nur gute Worte für die Belegschaft in Rellingen bei Hamburg: Claas Carstens, der eine Gruppe von Behinderten betreut, die seit Mai 2005 bei Grau in der Lampenmontage arbeiten. ?Es ist schwer, Firmen zu finden, bei denen die Behinderten in einem Team mit den Angestellten arbeiten?, sagt er. ?Dass es bei Grau so gut klappt, hat sicherlich mit der positiven Einstellung der Inhaber zu tun.?
Dieser Artikel ist erschienen am 09.02.2006