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Chanels Supernase

Von Stefanie Bilen, Handelsblatt
Jacques Polge ist Chefparfümeur des französischen Luxusgüterherstellers. Der ?Herr der Düfte? gehört zu den renommiertesten Köpfen der Branche.
GRASSE. Andächtig pflückt der Parfümeur eine rote Blüte von einem Busch am Wegesrand, testet ihren Duft. Obwohl die prächtige Blüte so gut wie geruchsneutral ist, behält sie der 60-Jährige schützend in seiner schlanken Hand. Riechen gehört zu seinem Beruf ? genau wie der sensible Umgang mit Blüten, Kräutern und Hölzern: Jacques Polge ist Chefparfümeur des französischen Luxusgüterherstellers Chanel.Einmal im Jahr kommt ?die Nase?, wie seine Kollegen ihn ehrfürchtig nennen, in die Provence. Bei der Ernte der Jasminblüten Anfang Herbst, des wichtigsten Bestandteils des Parfümklassikers Chanel No. 5, will er dabei sein.

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Unauffällig schlendert der schlanke Mann mit dem schütteren dunklen Haar über die Felder, lässt den Duft der intensiv riechenden weißen Jasminblüten auf sich wirken. Unauffällig wie seine ganze Erscheinung ist auch seine Nase, die bei vielen seiner Gesprächspartner im Zentrum des Interesses steht. Das weiß Polge genau.?Aber um ein Parfüm zu kreieren, braucht man keine besondere Nase?, korrigiert der Duftfachmann mit leiser Stimme die weit verbreitete Annahme. Und beendet seine Feststellung mit einem nachdrücklichen: ?So einfach ist das nicht.? 3 000 unterschiedliche Duftstoffe kennt Polge, kann sie voneinander unterscheiden und miteinander kombinieren.Öffentlichkeit ist seine Sache nichtSeine Mitarbeiter vergleichen den ?Herrn der Düfte? in seiner Bedeutung gerne mit Modeschöpfer Karl Lagerfeld, dem obersten Kreativen des Chanel-Modebereichs. Während der Deutsche allerdings als Diva unter den Designern gilt, wirkt Polge im Vergleich geradezu bodenständig ? fast unscheinbar.Zurückhaltend mischt er sich im provenzalischen Grasse, dem Duft- und Blumenzentrum Frankreichs, unter die Bauern, heitert deren Stimmung hin und wieder mit einem lockeren Spruch auf. Er ist sichtlich entspannt und gelöst, genießt die Blütenpracht. Dagegen sind ihm öffentliche Auftritte in zweckmäßig eingerichteten Konferenzzonen und Büroräumen ein Gräuel. Vor Werbetouren, auf denen ein neues Parfüm vermarktet wird, drückt er sich am liebsten.Als er im Frühjahr dieses Jahres zwei Wochen lang einen neuen Duft in Japan vorgestellt hatte, reiste er völlig entnervt in sein Büro in Neuilly bei Paris zurück. ?Ich werde nie wieder Interviews geben?, ließ er seine Marketingkollegen per Hausmitteilung wissen. ?Er ist eben ein typischer Kreativer?, urteilt eine Kollegin gutmütig über den sonst so zurückhaltenden Parfümeur.Polge arbeitet seit Jahrzehnten in der Luxusbranche und hat sich selbst einen Luxus erarbeitet, der in der Branche selten ist. Er bringt einen neuen Duft auf den Markt, ?wenn er einen gefunden hat?, heißt es bei Chanel. Den Termin bestimmt er, von Marketingplänen lässt er sich nicht hetzen. Zwischen ?Coco Mademoiselle? und ?Chance? hat er sich zuletzt zwei Jahre Zeit gelassen. ?Die Entwicklung eines Parfüms dauert mindestens drei Jahre?, sagt der Parfümeur. Konkurrenten bringen dagegen mehrere Düfte pro Jahr heraus.Für Polge, seit dem Wirken der Namensgeberin Gabrielle Chanel der dritte Chefparfümeur des Hauses, ist so viel Eile überflüssig. ?Die Frage ist nicht, wie lange die Entwicklung dauert. Die Frage ist, wie lange sich ein Parfüm auf dem Markt hält.? Stolz verweist er auf Chanel No. 5, das weltweit meistverkaufte Parfüm. Es wurde von seinem Vorvorgänger entwickelt. Zu den Aufgaben von Polge gehört es heute, dessen Qualität zu wahren ? einen vergleichbaren Erfolg hat er noch nicht vorzuweisen.Nur keine Hektik?Es ist die Strategie des Hauses, dafür zu sorgen, dass No. 5 intern und auf dem Weltmarkt weiter die Nummer eins bleibt?, sagt er. Der Parfümklassiker wird seit Jahrzehnten heftigst beworben. Neuere Kompositionen müssen dahinter zurückstehen. Geht es um Geschäftszahlen aus dem Kosmetikbereich des Hauses, gibt sich die französische Inhaberfamilie äußerst zugeknöpft. Chanel gehört den beiden Brüdern Alain und Jacques Wertheimer ? französischer Geldadel. Ohne Zahlen vorzulegen, können die Brüder den Vorwurf einiger Branchenkenner nicht vollständig entkräften, dass Chanel nach so vielen erfolgreichen Jahren den Pep verloren habe. ?Die obersten Kreativen sind bei Chanel alle schon sehr lange dabei?, heißt es. Fraglich sei, ob sie noch den Zeitgeist frühzeitig erkennen können.Die neuesten Düfte des Chefparfümeurs Polge, darunter ?Allure? und ?Coco Mademoiselle?, haben den Zeitgeist aber durchaus getroffen. Sie behaupten sich auf dem Markt ? ganz nach dem Willen von Chefparfümeur Polge. Kurze Produktzyklen, Hast und Eile passen nicht zum Genussmenschen, der sich die kreative Freiheit leistet, morgens spät in seinem Büro zu erscheinen und früh wieder zu gehen ? ganz Künstler eben. Modetrends sind für ihn keine saisonalen Wechsel, sondern Zyklen von etwa zehn Jahren.Selbst benutzt der Duftexperte weder Parfüm noch After Shave, um ?meine Nase nicht zu irritieren?. Stattdessen beduftet er sein Auto und sein Haus ? am liebsten mit sinnlichen und anregenden Düften wie Vanille oder Sandelholz. Auch Jasmin gehört zu seinen bevorzugten Düften. Versucht er allerdings, den Geruch der weißen Blüten zu beschreiben, stößt der Kreative an seine Grenzen: ?Sinnlich, blumig, intensiv . . . auf keinen Fall frisch.? Genauer geht es nicht ?Aber es besteht auch keine Notwendigkeit, den Duft mit Worten zu beschreiben?, sagt Polge. Mein Job ist es, Parfüms zu kreieren, und nicht, darüber zu sprechen.?
Dieser Artikel ist erschienen am 07.10.2003