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Casting auf dem Campus

Dorothee Fricke
Beim Run auf begehrte Studienplätze zählt nicht nur die Abi-Note. Viele Hochschulen picken sich die besten Bewerber über Tests und Interviews raus. Worauf es den Prüfern ankommt, verrät Psychologe Siegfried Engl, Co-Autor des Buches "Erfolg im Auswahlgespräch".
Anna Pevzner setzt sich aufrecht und blickt Rolf Daxhammer, Professor an der European School of Business in Reutlingen, fest in die Augen. Unter dem Tisch knetet sie die Hände, ganz kann die 18-jährige Freiburgerin ihre Nervosität doch nicht verbergen. "Warum passt ein deutsch-französischer BWL-Studiengang in Ihren Lebenslauf?", fragt Daxhammer. Eine Steilvorlage für Sprachtalent Anna, die in St. Petersburg geboren ist. Französisch, sagt Anna, möchte sie vor allem deshalb intensiv studieren, weil sie diese Sprache im Gegensatz zu Englisch und Russisch noch nicht perfekt beherrscht. Daxhammer nickt beifällig.
Der internationale BWL-Studiengang an der Hochschule Reutlingen, für die Anna sich bewirbt, hat einen exzellenten Ruf (siehe Hochschulranking) und ist bei Abiturienten entsprechend begehrt. Nur jeder zweite Bewerber wird zum Auswahlverfahren eingeladen, jeder achte bekommt einen Studienplatz. Die Abi-Note ist dabei nur ein Kriterium unter vielen. Neben dem Auswahlgespräch muss jeder seine Fähigkeiten in einem schriftlichen Test und einer Sprachprüfung unter Beweis stellen. "Vor dem Interview war ich ziemlich nervös", gesteht Anna, "vor allem, weil ich von Wirtschaftswissenschaften noch nicht so viel Ahnung habe."

Potenzial zählt
Das muss sie auch gar nicht: "Wir erwarten nicht, dass jemand schon Marketing-Experte ist oder bereits eine eigene Firma gegründet hat", sagt Prüfer Daxhammer, "wir wollen wissen, ob jemand motiviert ist und ob seine Persönlichkeit zu uns passt." Anna jedenfalls kommt gut an: Ihre offene, mitreißende Art und die vielseitigen Interessen der Abiturientin überzeugen den Wirtschaftsprof und Andreas Resch von der Citibank, der als Unternehmensvertreter mit im Auswahlgespräch sitzt. "Die hat Potenzial", meinen die beiden Interviewer, als Anna nach 30 Minuten den Raum verlässt.
Nicht nur Business Schools picken die vielversprechendsten Studenten durch Tests und Gespräche raus. Der Numerus clausus ist auch für andere begehrte Studienplätze wie Medizin, Psychologie oder Pharmazie, die von der Zentralvergabestelle ZVS verteilt werden, längst nicht mehr alleiniges Auswahlkriterium. "Bis zu 60 Prozent der Studenten können sich die Hochschulen selbst aussuchen", erklärt ZVS-Pressesprecher Bernhard Scheer. "Nur 20 Prozent der Studienplätze werden rein nach Abiturnote vergeben, weitere 20 Prozent nach Wartezeit. " Immer mehr Unis casten inzwischen selbst und fordern bei der ZVS die Bewerberdaten an.
Nicht unbedingt zum Nachteil der Bewerber: Gute Erfahrungen mit Auswahlgesprächen hat man zum Beispiel an der Freien Universität (FU) Berlin gemacht. Hier werden alle Aspiranten auf ein Medizinstudium, die die FU bei der ZVS-Bewerbung als Erst- oder Zweitwunsch angegeben haben und einen Abi-Schnitt von mindestens 2,5 vorweisen können, zum Casting gebeten. Etwa jeder dritte bekommt am Ende einen Studienplatz.


Ehrlich bleiben und üben
Worauf es den Prüfern ankommt, verrät Psychologe Siegfried Engl, Co-Autor des Buches "Erfolg im Auswahlgespräch" (www.bewerbergespräche.de, 15 Euro): "Wir wollen herausfinden, ob jemand sich mit dem Studienfach wirklich identifiziert." Heißt: Wer Medizin studieren will, sollte sich vorher genau mit den Berufsbildern und dem Studienaufbau beschäftigt haben. "Viel Geld verdienen zu wollen reicht als Argument nicht", meint Engl. Mit kritischen Nachfragen müssen auch Bewerber rechnen, die extreme Positionen vertreten: "Wer strikt gegen Gentechnik ist, sollte nicht nur seine Ansicht äußern, sondern auch die Meinung der Gegenseite kennen."
Die beste Vorbereitung sei, so Engl, das Auswahlgespräch im Vorfeld mit Freunden oder Eltern zu simulieren. "So lernt man seine Stärken und Schwächen kennen." Ein bisschen Nervosität sei nicht schlimm, Schauspielerei dagegen schon, warnt Engl. "Wir hatten schon Abiturienten da, die in ihrem Lebenslauf Bücher oder Filme angegeben haben, die sie gar nicht kannten. Wenn das auffliegt, ist der Bewerber natürlich gleich raus." Für Anna jedenfalls hat es sich ausgezahlt, dass sie in ihrem Auswahlgespräch authentisch geblieben ist: Sie kann ihr Studium in Reutlingen demnächst beginnen.


Noch Fragen?


In Auswahlgesprächen wird nicht nur Fachwissen abgefragt. Oft geht es um Allgemeinbildung oder schlicht um gesunden Menschenverstand. Was Hochschulen alles wissen wollen - sieben Fragen aus dem Casting-Alltag:

Die besten Jobs von allen


Wie viele Medikamente sind zurzeit auf dem Markt? (Medizin, Uni Gießen)
Circa 55.000 (Deutschland)

Wo liegt Pearl Harbour? (Zahnmedizin, Uni München)
Auf der Hawaii-Insel Oahu


Wie viele Einwohner hat Frankreich und wie viele von ihnen essen wohl gerne Eis? (BWL, ESB Reutlingen)
Von etwa 60 Millionen Einwohnern Frankreichs dürften knapp 90 Prozent zu den Eiskonsumenten zählen. Gefragt ist eine logische Schätzung und keine exakte Zahl.

Wie kann man Proteine in 3D darstellen? (Biochemie, TU München)
Es gibt verschiedene Computerprogramme, wie etwa den Biobrowser der TU Braunschweig

Was würden Sie machen, wenn Sie Gesundheitsministerin wären? (Medizin, Uni Mainz)
Der Blick über den Tellerrand ist hier gefragt. Also nicht nur Medizin pauken, sondern auch Zeitung lesen.

Was war das erste Haustier? (Tiermedizin, FU Berlin)
Der Hund

Wie oft werden Sie am Wochenende in Ihre Heimatstadt fahren? (BWL, ESB Reutlingen)
Ständige Heimfahrer sehen die Prüfer nicht gern, da das Studium an der ESB sehr international ausgerichtet ist. Der ideale Student ist für sie flexibel, weltoffen und eigenständig.

Quick-Infos:
[ www.auswahlgespraeche.de ](mit Erfahrungsberichten)
[ www.zvs.de ]

Dieser Artikel ist erschienen am 02.09.2005