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Cartellieri: Nur äußerlich unverändert

Von Dirk Hinrich Heilmann, Handelsblatt
Alles beim Alten bei Ciao.com! Dieselben luftigen Großraumetagen im selben Gebäude in der Münchener Innenstadt, derselbe Manager mit demselben Siegerlächeln.
MÜNCHEN. Doch da zerstört Maximilian Cartellieri, Mitgründer und Co-Vorstandschef des Internet-Verbraucherportals Ciao.com, schon das New- Economy-Déjà-vu. ?Wir ziehen bald um?, sagt er gleich beim Reinkommen, ?wir haben festgestellt, dass ein offenes Großraumbüro für uns nicht mehr so praktisch ist.?Überhaupt schildert er Ciao.com heute als ganz normalen Mittelständler. Solides Wachstum, ordentliche Renditen, straffe Führungsstrukturen ? ?wir leben bescheiden und ruhig?, sagt Cartellieri. Der 31-jährige Unternehmer mit dem Stanford-McKinsey-Muster-Lebenslauf, Sohn des Deutsche-Bank-Aufsichtsrats Ulrich Cartellieri, gibt sich geläutert. Die Regeln der New Economy haben sich halt als falsch herausgestellt: Das Leben ist gar nicht kurz, es ist sogar ziemlich lang. ?Der tägliche Adrenalinstoß ist weg?, beschreibt der Ciao-Chef die Stimmung.

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Der gut aussehende Mann mit den korrekt gescheitelten mittelblonden Haaren und den blauen Augen wirkt nicht so, als ob ihn das störte. ?Man kann zwei Wochen in Urlaub fahren, und wenn man wiederkommt, steht noch alles.?Auch Ciao.com hat schwere Zeiten hinter sich. Die Mannschaft, die auf dem Höhepunkt des Internetbooms vor drei Jahren auf fast 80 Köpfe gewachsen war, musste bis auf 35 runter. Heute sind es wieder 70 Mitarbeiter. Gemeinsam mit seinem heutigen Vorstandskollegen Frederick Paul hatte Cartellieri das Unternehmen gegründet. Nach zwei schnellen Fusionen mit Teams, die ein ähnliches Geschäftsmodell verfolgten, war die Führung total aufgebläht. ?Wir waren ja schon eine halbe Publikumsgesellschaft?, erinnert sich Cartellieri. Doch im Zuge der Sanierung wurden die neuen Gesellschafter alle ausbezahlt.Heute halten neben dem Management vier Risikokapitalgeber mit etwa gleich großen Anteilen die Ciao-Aktien. Lead-Investor ist Apax Partners, weitere Gesellschafter sind Wellington Partners, Index Ventures und Hubert Burda Media.Bis heute sind 25 Millionen Euro in das Unternehmen geflossen, und das laufende Geschäft trägt sich seit Mitte 2002. In diesem Jahr erwarte er einen zweistelligen Millionenumsatz und einen deutlichen Gewinn, sagt Cartellieri. Christian Reitberger, Apax-Partner und Vize-Aufsichtsratschef von Ciao, wird da schon präziser: Rund zehn Millionen Euro betrage der Umsatz, und ?die Bottom-Line ist erfreulich gut? ? bei einer Rohmarge von satten 90 Prozent.Das liegt am veränderten Geschäftsmodell. Gestartet war Ciao als Imitation des US-Modells Epinions.com: ein Marktplatz der Meinungen, bei dem Konsumenten ihr Urteil über Produkte ins Netz stellen, die dann von den Besuchern der Seite nach Nützlichkeit bewertet werden. Zusätzlich gibt es professionelle Testberichte und Produktinfos der Hersteller. Einnahmen entstehen durch Werbung und wenn sich ein Nutzer zu einem Händler oder Hersteller durchklickt und kauft.Dieses Meinungsportal lockt zwar heute mehr als drei Millionen Besucher im Monat an, doch zwei Drittel der Einnahmen stammen aus einem ganz anderen Geschäft: Ciao.com bietet mehr als eine Million Nutzerprofile, die Marktforscher für schnelle Online-Umfragen nutzen. Nirgends kriegen die so schnell zum Beispiel 500 ostdeutsche Männer zwischen 25 und 40 Jahren mit einem Einkommen über 3 000 Euro im Monat, die sich für den Kauf einer Digitalkamera interessieren.Und das Geschäft ist international. Während andere Internetfirmen ihre Auslandstöchter schnell wieder schließen mussten, hat Ciao Ableger in Großbritannien, Frankreich und Spanien sowie ein Vertriebsbüro in den USA. ?Ich habe einen Riesenrespekt vor dem Team, das es geschafft hat, durch eine schwierige Zeit gut durchzukommen?, sagt Reitberger.Und die Perspektive? Schneller Reichtum durch Börsengang war gestern. Obwohl sich Reitberger durchaus einen Börsengang 2005 mit 30 bis 40 Millionen Euro Umsatz und zehn Millionen Euro Reingewinn vorstellen könnte, hält auch er einen Verkauf an einen großen Internet-Dienstleister oder Marktforscher für wahrscheinlicher. Auch Zukäufe seien eine Option. Er habe es aber nicht eilig mit dem Exit, betont er. Das gilt auch für Cartellieri: ?Wir werden über den Verkauf entscheiden, wenn wir auf das investierte Kapital für unsere Anteilseigner eine attraktive Rendite erwirtschaften.?Das ist nicht ganz uneigennützig. ?Wenn wir die nächsten Jahre hier gut weiterkommen, wird sich das Ganze auch für uns Gründer lohnen?, sagt er.Und danach zurückziehen ins Privatleben? ?Ich werde nicht in der Karibik sitzen und Kokosmilch schlürfen?, stellt Cartellieri klar. Auf jeden Fall möchte er wieder ein Unternehmen aufbauen ? aber nicht am Standort München. ?Die nächste Sache würde ich gerne aus London heraus angehen?, wo er schon heute überwiegend lebt. ?Die sind uns, was das Umfeld für freies Unternehmertum angeht, zehn bis 20 Jahre voraus.?Und dann schwingt plötzlich doch Frust mit: ?Der Niedergang der New Economy wird in Deutschland doch als Argument gegen den freien Markt benutzt.?Mit dem heutigen Beitrag endet die Internetserie.
Dieser Artikel ist erschienen am 22.12.2003