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Career Centers

Stefanie Schulte
Foto: Stephan Sahm
Den Traumjob kriegt keiner auf dem Silbertablett serviert. Aber Career Centers und Hochschulteams helfen Studenten, die nötigen Zutaten schon frühzeitig zu besorgen: Praktika, Auslandserfahrung, Berufs-Infos, Kontakte.
Der Student mit Armeerucksack, kurzer Hose und Turnschuhen nähert sich zögernd dem Stand im Mensa-Foyer. Er greift zu einer Broschüre, blättert eine Weile. Dann steuert er auf die Beraterin zu, die sich bis dahin im Hintergrund gehalten hat. ?Ich studiere Sportwissenschaften im zweiten Semester und frage mich, was ich damit werden kann. Sportlehrer gibt es schon so viele...“

Pfui, Karriere?

Die besten Jobs von allen


Solche Fragen schienen noch vor wenigen Jahren auf dem Campus verpönt. Wer studierte, hatte sich mit Kant, Kernphysik oder Kostenrechnung zu beschäftigen – was nach dem Studium kam, war Privatsache.

Erst vor ein paar Jahren hat das Thema Karriere Einzug in die Hochschulen gehalten: Heute sorgen sich rund 70 so genannte ?Einrichtungen zur Berufsvorbereitung“ an Universitäten und Fachhochschulen um die berufliche Zukunft ihrer Studenten. Einige sind nur für einzelne Fachrichtungen zuständig, die anderen verstehen sich als ?Career Centers“ und kümmern sich um alle Hochschüler. Das Konzept stammt aus den USA und Großbritannien: An den dortigen Unis ist Starthilfe vor und nach dem Diplom seit Jahrzehnten eine Selbstverständlichkeit.

In Deutschland müssen sich die Karriereberater auf dem Campus erst noch etablieren und Berührungsängste abbauen: Für viele Studenten klingt Karriere immer noch nach Ellbogeneinsatz. Im Mensa-Foyer der Uni Bochum hat sich die ?KoBra – Koordinierungsstelle Beruf und Arbeitsmarkt“ angesiedelt – zwischen Seidentüchern, Silberschmuck, CD-Wühltisch und Copy-Shop. Mit Kiefernholz-Ambiente lädt der Stand Studenten, die mittags zur Essensausgabe stürmen, zum Zwischenstopp ein.

Wie wär’s mit Eventmanager?

Der angehende Sportwissenschaftler, der eigentlich nur mal gucken wollte, verlässt eine halbe Stunde später mit einem Packen Broschüren den Stand. ?Sie könnten zum Beispiel als Event-Manager in einer Agentur arbeiten und Sportveranstaltungen organisieren, hat Beraterin Astrid Knott ihm in dem spontanen Beratungsgespräch vorgeschlagen. ?Wichtig ist, dass Sie sich während des Studiums schon Zusatzqualifikationen aneignen. Sie könnten etwa Tennistraining geben oder Fortbildungen besuchen – wie wär’s mit betriebswirtschaftlichen Grundlagen oder Rhetorik?“

Schmankerl für den Lebenslauf

Solche Bonbons stecken im 74 Seiten starken Veranstaltungsprogramm, das die beiden hauptberuflichen Beraterinnen von KoBra zusammengestellt haben, reichlich: Aus ?Motivations- und Präsentationstechniken“ über ?Berufsfelder der Pädagogik“ bis hin zu ?Fit for Job“ können Studenten ihr persönliches Zukunfts-Menü wählen.

Vorträge, Workshops und Seminare sowie die persönliche Beratung zählen zu den Hauptaktivitäten aller Career Centers – egal, ob sie sich ?Student und Arbeitsmarkt“, ?Magister in den Beruf“ oder ?Mit Leibniz zu Bahlsen“ nennen. Viele bieten den Studenten zusätzlich Praktikums- und Jobbörsen, Auslandsprogramme, Recruiting-Messen oder Alumni-Netzwerke.

?Wir beraten die Studenten nicht bei der Stundenplangestaltung oder der Wahl der Studienschwerpunkte – dafür sind nach wie vor die Fachstudienberater zuständig“, betont Britta Freis. Die promovierte Geografin hat KoBra vor gut zwei Jahren ins Leben gerufen. ?Aber wir glauben, dass die meisten Studenten sich viel zu sehr auf ihre Fachkenntnisse konzentrieren. Wir möchten sie dazu bringen, sich zu fragen: Wohin will ich? Wofür kann ich mich begeistern? Wir wollen zeigen, dass das Leben auch nach dem Studium Spaß macht.“

So bekommt etwa ein Jurist und Hobbyreiter den Tipp, sich beim Pferdezüchterverband zu bewerben. Adressen und Bewerbungsunterlagen-Check helfen ihm in den Steigbügel. ?Aber die Stelle suchen müssen die Studenten schon selbst“, betont Freis.

Arbeitsamt neben Hörsaal

Denn die Uni-Career Centers verstehen sich nicht primär als Jobvermittler. Das können sie mit ihren durchschnittlich ein bis zwei Mitarbeitern an einer Massenhochschule auch gar nicht leisten. Hier bieten sich die Arbeitsämter mit ihrem eingespielten Vermittlungsapparat als Anlaufstelle an. An 50 Standorten haben die Ämter Hochschulteams mit Zweigstellen auf dem Campus eingerichtet – so auch in Düsseldorf. Für längere Beratungsgespräche fernab des Campusrummels lohnt sich der Weg zu den schmalen, weiß gestrichenen Büroräumen des Hochschulteams im Düsseldorfer Arbeitsamt.

Simona Lange lässt sich auf dem Besucherstuhl an Raimund Schourens Schreibtisch nieder. ?Ich habe Lehramt für Englisch und Mathematik studiert und bin jetzt im Referendariat – aber ich bin mir nicht mehr sicher, ob das wirklich das Richtige ist“, erzählt die 29-Jährige.

?Wieso denn? Mathe-Lehrer sind im Moment Mangelware, da haben Sie doch einen richtig dicken Köder an der Angel. Es sei denn, Sie haben Probleme mit den Schülern“, hakt Arbeitsberater Schouren nach. ?Mit denen komme ich gut klar – aber ich habe Stress mit meinem Fachleiter. Ich wollte mich einfach mal umhören, welche Alternativen es gibt.“ Schouren gibt etwas in seinen Computer ein und dreht den Monitor zur Besucherin. ?Für Sie kämen PR, Werbung oder Marketing in Frage. Wäre das was für Sie?“

Von wegen verschnarcht

?Viele denken: Wenn ich ins Arbeitsamt gehe, dann wiehert der Amtsschimmel“, sagt Karin Wilcke vom Düsseldorfer Hochschulteam. ?Aber wir engagieren uns sehr dafür, dass unsere Besucher einen Job finden, in dem sie sich wohl fühlen – und drängen sie nicht in irgendeine Richtung.“ Auch die Mitarbeiter des Arbeitsamtes fragen daher nach den Vorlieben des Ratsuchenden. ?Stellt sich heraus, dass jemand am Theater oder in einer Unternehmensberatung arbeiten möchte, greifen wir gerne zum Telefonhörer und vermitteln ein Praktikum.“

Das gute Netzwerk der Arbeitsämter unterstreicht auch Britta Freis von KoBra. ?Zuweilen gibt es Rivalitäten zwischen den Hochschulteams und den Career Centers. Anderswo arbeiten beide Einrichtungen zusammen – wie bei uns: Wir betreiben den Mensaladen gemeinsam mit dem Hochschulteam und werden vom Arbeitsamt mitfinanziert. Studenten sollten beide Einrichtungen nutzen – wir helfen bei der Karriereplanung und der Verzahnung mit dem Studium, und die Ämter kennen sich einfach am besten mit dem Arbeitsmarkt aus.“

Dankbare ?Kunden“ zitieren die Mitarbeiter beider Einrichtungen gerne: Ein Elektrotechniker, dem die Bochumer Beraterinnen die Entscheidung zwischen Promotion und Job erleichtert haben, kommt zu Besuch und zieht seine Visitenkarte: Er ist jetzt Entwicklungsingenieur.

Alles wird gut

Raimund Schouren vom Düsseldorfer Hochschulteam erzählt von einer arbeitslosen Geisteswissenschaftlerin: ?In ihrem Lebenslauf stand: Praktikum in einem Hotel in Florida. Im Gespräch haben wir erfahren, dass sie dort am Telefon Kundenbeschwerden entgegengenommen hat – und perfekt in Englisch verhandeln kann.“ Schouren feilte nochmals an der Formulierung der Vita. Kürzlich trudelte eine Postkarte bei ihm ein: ? Hurra – es hat geklappt mit dem Job!“
Nachschlag

Handbuch Praxisinitiativen an Hochschulen.
Berufsorientierende Angebote für Studierende an Universitäten.
Holger Ehlert, Ulrich Welbers,
Luchterhand 1999, 59 Mark

Überblick über einen Großteil der berufsvorbereitenden Einrichtungen an deutschen Hochschulen: www.s-a.uni-muenchen.de
Liste aller Hochschulteams: www.arbeitsamt.de
Dieser Artikel ist erschienen am 24.08.2001