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Business vor Recht

Katja Wilke
Immer mehr Juristen verzichten auf die Selbstständigkeit und versuchen, in Rechtsabteilungen von Unternehmen unterzukommen. Wer es an die Schnittstelle zwischen Jura und BWL schafft, darf auf gutes Gehalt und geregelte Arbeitszeiten hoffen.
Jeannette Dietrichs Arbeitgeber polarisiert, und zwar heftig. Seit einem knappen Jahr ist die 33-Jährige Hausjuristin bei Deutschlands erfolgreichstem - und Werbespot-geplagten TV-Zuschauern zufolge nervigstem - Klingeltonanbieter Jamba. "Ich bekomme ganz unterschiedliche Reaktionen, wenn ich von meinem Job spreche", erzählt sie. "Die einen schimpfen über die Dauerbewerbung, die anderen fragen sofort nach Klingeltönen."

Dabei kreiert sie weder "Sweeties" oder "flotte Bienen", noch ist sie für die Spots im Fernsehen verantwortlich. Dietrich ist eine von vier Juristen in der Rechtsabteilung des Berliner Unternehmens, das in einem Loft in Kreuzberg residiert. Jeannette Dietrich hat sich bewusst gegen den Anwaltsberuf entschieden. "In Unternehmen ist die Arbeit viel abwechslungsreicher", findet sie. Ihre Kanzleierfahrungen machte Dietrich in einer Sozietät in Los Angeles, in der sie nach dem Referendariat über ein Jahr gearbeitet hatte. Die Auslandsstation kommt ihr jetzt bei Jamba - im vergangenen Jahr vom US-Unternehmen VeriSign aufgekauft - zugute: 70 Prozent ihres Jobs, vom Vertragsentwurf bis zur E-Mail-Korrespondenz, wickelt sie in Englisch ab. "Die Arbeit ist extrem dynamisch", freut sie sich. "Wir gehen fast im Monatstakt auf neue Märkte."

Die besten Jobs von allen


Wichtig ist für Dietrich und ihre Kollegen dabei, sich einen Überblick über das Rechtssystem des jeweiligen Landes zu verschaffen und Kanzleien vor Ort zu beauftragen. "In einem Unternehmen muss man schnell, flexibel, kreativ und ergebnisorientiert arbeiten", sagt Dietrich. "Das Business geht vor."

"Judex non calculat" - das war einmal. Ökonomie und Recht gehen längst Hand in Hand. "Wirtschaftsrecht rauf und runter lernen, vom Wettbewerbs- und Kartellrecht bis hin zum Europarecht, ist die beste Grundlage, um Syndikus zu werden", sagt Peter Hamacher von der Arbeitsgemeinschaft für Syndikusanwälte beim Deutschen Anwaltverein (DAV).

Hohe Kunst des Reinkommens

Immer mehr Juristen entdecken die Rechtsabteilung als Alternative zur Anwaltschaft. Notgedrungen: Viele Kleinkanzleien krebsen am Existenzminimum, jährlich strömen rund 6.000 neue Anwälte auf den Markt, jedes Jahr gibt es mehr Studienanfänger.

Lieber fest als frei:
Zweigleisig fahren als Syndikus und Anwalt
Syndikusanwälte sind festangestellte, rechtsberatende Juristen in Unternehmen oder Verbänden. Grundsätzlich darf der Syndikus für seinen ständigen Arbeitgeber nicht vor Gericht in seiner Eigenschaft als Rechtsanwalt tätig sein, sondern nur vor- und außergerichtlich. Von der Rechtsprechung wird allerdings verlangt, dass der Jurist neben seiner Tätigkeit im Unternehmen oder Verband die Möglichkeit hat, den Anwaltsberuf auszuüben. Die Rechtsanwaltskammern fordern vor der Zulassung als Rechtsanwalt deswegen regelmäßig eine "Syndikuserklärung" des Arbeitgebers (eine entsprechende Formulierung findet sich unter www.dav.de). Bedeutung erlangt die Rechtsanwaltszulassung für den festangestellten Juristen außerdem bei der Frage der Altersversorgung: Die Mitgliedschaft im Versorgungswerk der Rechtsanwälte ist erheblich attraktiver als die gesetzliche Rentenversicherung - steht aber natürlich nur zugelassenen Rechtsanwälten offen.
Leicht ist der Einstieg in die freie Wirtschaft allerdings auch nicht. Der Anteil der Unternehmensjuristen unter den Anwälten liegt nach Angaben des DAV bei sechs Prozent. Und der Markt wird kaum größer: Im vergangenen Jahr waren laut Personalberatung Adecco 1.100 Stellen für Syndici ausgeschrieben - in etwa so viel wie im Vorjahr. "Die Zahl steigt nicht an", so Hamacher, "weil die Rechtsabteilungen häufig, genau wie andere Abteilungen auch, unter erheblichem Kostendruck stehen."

Um die wenigen Posten rangeln Jura-Absolventen zunehmend mit wechselwilligen Anwälten aus Großkanzleien. Denn die Anforderungen, die die Rechtsabteilungen der Unternehmen an Bewerber stellen, entsprechen oft denen der internationalen Sozietäten: Prädikatsexamina, gute Sprachkenntnisse und nach Möglichkeit Promotion oder LL.M. sind gern gesehen.

Allerdings scheint die Mauer bei Unternehmen durchlässiger als in den Kanzleien: "Wir haben im vergangenen Jahr einen Bewerber eingestellt, der kein berauschendes Examen hatte", sagt der Syndikusanwalt eines deutschen Konzerns. "Aber wir kannten ihn und seine Arbeit aus dem Referendariat und waren überzeugt, dass er zu uns passt.

Menschen, Märkte und Moneten

So schwer der Einstieg ist, so sehr lohnt sich die Anstrengung: Das durchschnittliche Einstiegsgehalt beträgt nach Angaben von Personalmarkt 44.468 Euro, nach zehn Jahren Berufserfahrung sind über 80.000 Euro drin. Das Aufgabengebiet von Unternehmensjuristen ist breit und abwechslungsreich angelegt und reicht von Vertragserstellung über Gutachten, Abmahnungen bis hin zur Markensicherung oder Organisation von internen Schulungsmaßnahmen

Hinzu kommt der menschliche Faktor. Statt in der Bürowabe einer Großkanzlei tagtäglich einsam an Gutachten zu feilen, haben Syndici als interne Dienstleister laufend Kontakt zu ihren "Kunden", den Kollegen aus allen Bereichen des Unternehmens. "Ich habe mit den unterschiedlichsten Leuten zu tun", sagt Jeannette Dietrich von Jamba. "Dabei sind auch viele Kreative. Auf deren Kommunikationsebene muss man sich als Jurist begeben können.

Drucklos glücklich

Kapriziöse Künstlertypen trifft Nicole Schneider eher selten. Die promovierte Juristin arbeitet bei der Allianz in München und hat naturgemäß weniger Ausreißer im Mitarbeiterprofil. Hier wird ganz förmlich der Doktortitel in der Anrede mitgenannt, der Dresscode ist weit entfernt vom Jamba-Turnschuh-Style.

Der Austausch mit unterschiedlichen Abteilungen bestimmt allerdings auch den Alltag beim Versicherungsriesen. "Wenn zum Beispiel eine Niederlassung in einem anderen Land geplant ist, setzt man sich interdisziplinär zusammen, um die wirtschaftlichen, steuerlichen und juristischen Aspekte zu prüfen."

Vor ihrem Eintritt in das Versicherungsunternehmen arbeitete Schneider zwei Jahre in einer Großkanzlei. Die 33-Jährige bereut den Wechsel nicht: "Die Arbeit in der Rechtsabteilung ist gestaltender. Wir sind von Anfang an in Prozesse eingebunden. Als Anwalt wird man dagegen oft erst in einer späteren Phase oder zu punktuellen Fragestellungen hinzugezogen."

Ein großes Plus zum Anwaltsleben sieht Schneider, die rund 25 Kollegen hat, auch in der Planbarkeit der Aufgaben. "Hier kann ich juristisch auf hohem Niveau arbeiten, ohne einen so starken Druck zu empfinden wie in einer Großkanzlei."

Was Frauen wollen

Beispiel Arbeitszeit: Während in Kanzleien zwölf Stunden Anwesenheit mit mindestens acht abrechenbaren Stunden erwartet wird, herrscht in der Rechtsabteilung mehr Planungssicherheit beim Tagesablauf. "Hier wird auch viel gearbeitet", versichert Brigitte Nassauer, die mit 13 Kollegen in der Rechtsabteilung der Bayer Business Services GmbH tätig ist. "Aber Wochenendarbeit ist die Ausnahme, die Arbeitszeiten sind besser abzuschätzen, weil man ja vorwiegend mit internen Mitarbeitern zu tun hat." Die 32-Jährige freut sich über die Flexibilität im Unternehmen - ihr Chef würde jedes Teilzeitmodell mitmachen. Nassauer: "Schön, dass Teilzeit hier keine Karrierebremse ist. Vor kurzem wurde sogar eine Juristin noch unmittelbar vor der Elternzeit befördert." Auch sonst haben Juristenkarrieren in Unternehmen ihren Reiz, findet Nassauer. Zwar funktioniert der frühere Automatismus, nach dem Justiziare eng mit der Geschäftsleitung zusammenarbeiteten und häufig dorthin aufstiegen, nicht mehr so selbstverständlich, doch Aufstiegschancen gibt es auch auf anderen Ebenen. "Hier ist es durchaus möglich, ins operative Geschäft zu wechseln", sagt die Arbeitsrechtlerin. In Großkanzleien dagegen können sich Junganwälte zurzeit nicht allzu viel Hoffnung auf einen Partnersessel machen

Arbeitsrecht ist ebenso wie Marken- oder Gesellschaftsrecht das klassische Betätigungsfeld für Syndici. Chancen haben zurzeit aber auch Juristen, die sich auf Corporate Governance spezialisieren. Um Grundsätze einer "guten Unternehmensführung" zu implementieren, braucht es dringend Rechtsprofis, sagt der Syndikus eines deutschen Konzerns. "Da besteht bei vielen Unternehmen noch erheblicher Beratungsbedarf.

Dieser Artikel ist erschienen am 27.05.2005