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Bunte Mixtur

Anne Koschik
Was verbirgt sich hinter den Begriffen rote, grüne, graue und blaue Biotechnologie und welche Jobperspektiven sind damit verbunden?
Rote Biotechnologie beschäftigt sich mit der Entwicklung neuer Medikamente und wendet Methoden der Molekularbiologie und Gentechnik an. 85 Prozent aller deutschen Biotech-Unternehmen gehören hierzu.

Grüne Biotechnologie will Lebensmittelherstellung, Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Gartenbau verbessern. Jedes zehnte deutsche Biotech-Unternehmen wird dazu gezählt.

Die besten Jobs von allen


Graue Biotechnologie widmet sich dem Umweltschutz und macht nur vier Prozent der Branche aus. Blaue Biotechnologie ist noch relativ jung. Sie hat die Meeresbiologie im Auge und befasst sich zum Beispiel mit Wirkstoffen in Algen.




Die Branche wächst

Ein Vierteljahrhundert Biotech: Seit es dem US-Unternehmen Genentech 1976 in San Francisco gelang, das erste menschliche Protein in einem Mikroorganismus zu produzieren, wächst die Branche - zunächst nur in den USA. Die 90er-Jahre brachten auch Deutschland den Kick. 1.622 Unternehmen zählen zur deutschen Biotech-Branche, heißt es in der Branchenstatistik von Biocom, einem auf Biotechnologie spezialisierten Informationsdienst.

624 sind reine Biotech-Unternehmen, die an biotechnischen Produkten forschen oder sie produzieren. Rund die Hälfte dieser Unternehmen sind jünger als fünf Jahre; 79 sind Konzerne, die sich stark in der Biotechnologie engagieren. 720 Unternehmen sind Ausrüster oder Zulieferer. Knapp 300 Unternehmen haben sich auf Beratung, Service oder Finanzen spezialisiert. In den reinen Biotech-Unternehmen - ohne Konzerne - arbeiten 19.800 Menschen, die einen Umsatz von 1,5 Milliarden Euro pro Jahr erzielen.

Imageprobleme

?Experiment am Menschen: Erste Frau mit Klonbaby schwanger" ?Maisschock: Ist Genfood doch gefährlich?", ?Stammzellen: Wann ist der Mensch Mensch?" - Schlagzeilen wie diese zeigen, dass die Öffentlichkeit heftig über Biotech debattiert. Zur Herstellung von Pharmazeutika wird die Gentechnik mittlerweile akzeptiert. Der Nutzen ist für jeden nachvollziehbar: Es gibt biotechnologisch hergestellte Medikamente gegen Krebs oder Diabetes. Im Agrobereich ist die Akzeptanz geringer, denn gentechnisch verändertes Saatgut und genmanipulierte Lebensmittel passen schlecht zu Werten wie natürliche Gesundheit und Biokost.

Auf die Produkte kommt es an

Plattform-Technologien haben eine Entschlüsselung der Gene erst möglich gemacht. Sie zu entwickeln und sie anderen Unternehmen als Dienstleistung anzubieten, galt bisher als lukratives Geschäft der Biotech-Unternehmen. Der Wind hat sich gedreht, heute zählen Medikamente: ?Es ist wichtig, verschiedene Produkte in den unterschiedlichen Phasen der klinischen Prüfung bis zur Markteinführung zu haben - die Produktpipeline", erklärt Rüdiger Marquardt, Abteilungsleiter Biotechnologie in der Deutschen Gesellschaft für Chemische Technik und Biotechnologie, Dechema. Vorreiter sind die USA: Biotech-Unternehmen wie Amgen, Genentech, Biogen, Genzyme, Celltech stellen mehrere Produkte her. In Deutschland hat nur das Biotech-Unternehmen Medigene diese ?Produktpipeline".

Kooperationen und Übernahmen

Multinationale Pharma-Konzerne mit Biotech-Forschung melden immer weniger pharmazeutische Patente an: Von 65 auf 43 Prozent fiel ihr Anteil in den 90er-Jahren. Profitiert haben vor allem junge Biotech-Unternehmen, so ISI, das Fraunhofer-Institut für Systemtechnik und Innovationsforschung. Außerdem seien die Pharma-Konzerne aufgrund der Konkurrenz durch Billigprodukte gezwungen, ihre Kosten zu senken. Ein einziges neues Medikament aber sorgt für einige hundert Millionen Euro Umsatz.

Konsolidieren ist angesagt: Laut Ernst & Young sind sowohl in den USA als auch in Europa ein Drittel der an die Börse gegangenen Unternehmen an Fusionen und Übernahmen beteiligt gewesen. Weitere, stärkere Verschiebungen in Richtung größerer Unternehmenseinheiten sind zu erwarten, schätzt Biocom.

Finanzexperten bezeichnen Allianzen wie die zwischen dem Bad Homburger Chemiekonzern Altana und der Martinsrieder GPC Biotech als zukunftsträchtiges Modell. Altana wolle das Know-how von GPC auf dem Gebiet der Genomics/Proteomics nutzen, ?um die Präsenz auf dem US-Markt mit eigenen innovativen Produkten langfristig zu stärken", erklärte Vorstandsmitglied Hans-Joachim Lohrisch anlässlich der Beteiligung im November 2001.

Deutliche Zeichen setzt Boehringer Ingelheim. In Biberach hat der Konzern kräftig investiert: 250 Millionen Euro kostet die Erweiterung der biopharmazeutischen Wirkstoffherstellung, in der bis 2003 die Produktionskapazitäten für Arzneimittel auf Biotech-Basis verdoppelt werden. Schon 1985 hat das Unternehmen mit dem US-Unternehmen Genentech ein thrombolytisches Medikament auf den Markt gebracht, das nach einem Herzinfarkt die Gefäße öffnet. Kooperationen bestehen auch mit Startups in Deutschland, Europa und den USA. Mit ?Europas größter Anlage" sei das Unternehmen zum ?führenden Entwickler und Produzenten" geworden, sagt Biopharmazeutika-Geschäftsführer Wolfram Carius. Zehn Produkte sind auf dem Markt - für Boehringer selbst, aber auch für Schering, Immunex und MedImmune.

Jedes zweite Unternehmen sucht

Die Zahl der Biotech-Unternehmen mit weniger als zehn Angestellten nimmt ab: Wie Ernst & Young im ?European Life Sciences Report 2001" festgestellt hat, liegt in Deutschland die durchschnittliche Mitarbeiterzahl mit 32 aber noch deutlich unter dem europäischen Durchschnitt von 40 oder dem US-Wert von 127.

Die Mitarbeiterzahl ist wichtiges Kriterium, um die Wettbewerbs- und Überlebensfähigkeit eines Unternehmens einzuschätzen: Auch die beste Technologie benötigt einen Apparat, um am Markt erfolgreich zu sein. Zwar: ?Wachstumspläne in den Ballungszentren wie vor einem Jahr gibt es in der aggressiven Form nicht mehr", sagt Rüdiger Marquardt von der Dechema. Aber trotz abnehmenden Personalbedarfs suchten die Unternehmen immer noch.

Die größte Biotech-Region Deutschlands, Berlin-Brandenburg, will Spitzenregion in Europa werden. Doch mangele es an qualifiziertem Personal, heißt es bei der Unternehmensberatung A.T. Kearney. Es fehle an Bio- Informatikern und chemisch-technischen Assistenten. Dazu hätten die Naturwissenschaftler kaum betriebswirtschaftliche Grundkenntnisse, die aber zur Umsetzung der Unternehmenskonzepte erforderlich seien.

Im Regierungsbezirk Köln, der die Biotech-Standorte Aachen und Bonn einbezieht, hat das Kompetenzzentrum für Informations-, Kommunikations- und Biotechnologie K.I.K. die Arbeitsmarktsituation in sämtlichen Biotechnologie-Unternehmen untersucht. Danach benötigt aktuell fast die Hälfte der befragten Unternehmen - besonders in der roten Biotechnologie - Arbeitskräfte. Zusätzlich ein Viertel gab an, in den nächsten drei Jahren auf Mitarbeitersuche gehen zu wollen. Pro Unternehmen werden im Schnitt 5,3 Mitarbeiter gesucht. Soziologin Verena Saller, Autorin der Studie, hält dieses Ergebnis für übertragbar auf die gesamte Branche in Deutschland. Auch Mecklenburg-Vorpommern hat Potenzial. ?Hier kann man noch Pionierarbeit leisten, da es keine etablierten Unternehmen gibt. Die Netzwerkarbeit unter den 75 Biotech-Unternehmen ist stark ausgeprägt", sagt Bernhard Rettler, externer Personalmanager für junge, schnell wachsende Unternehmen. In den nächsten fünf Jahren seien hier 600 Stellen zu besetzen.

Einsatzgebiete und Nischen

Der Biotech-Arbeitsmarkt verändert sich: Waren in Zeiten des Gründungsbooms die Allrounder mit naturwissenschaftlichen und betriebswirtschaftlichen Kenntnissen gefragt, sind es jetzt die Spezialisten. Biologen, aber auch Biochemiker, Chemiker und Mediziner, sollten ihre Diplom- beziehungsweise Doktorarbeit an einem renommierten Institut geschrieben haben. Solche Institute erkenne man an Spitzen-Beiträgen in den Fachmagazinen ?Nature", ?Science" oder ?Cell", erklärt Georg Kääb, Geschäftsführer im Verband Deutscher Biologen (vdbiol). Gute Beziehungen der Institute zu Unternehmen und eigene Gründungen seien von Vorteil. Schon als Student könne man sehen, in welches Netzwerk man hineinrutsche.

Wer nach Lust und Laune sein Spezialfach studiert, muss aber nicht schlechter dastehen. ?Aufgrund der Fülle an Forschungsthemen in der Biologie lässt es sich schlecht vorhersagen, welches Fachgebiet später angesagt ist", so Kääb. So seien die heute besonders gefragten Bio-Informatiker vermutlich ?ein Hype", befürchtet er. BWL-Experten ohne biowissenschaftliches Fachwissen haben laut vdbiol derzeit bei den Großen der Branche wie Lion Bioscience eine Chance. In kleineren mittelständischen Unternehmen mit rund 100 Mitarbeitern wie Amaxa oder Memorec sieht es anders aus: BWLer haben nur dann Aussichten auf eine Position als Abteilungsleiter oder im mittleren Management, wenn sie sich auch in den Biowissenschaften auskennen. Vdbiol-Geschäftsführer Kääb: ?Sie sollten kommunizieren können, was ihr Unternehmen macht. Denn die Außenwirkung ist hier wegen potenzieller privater und öffentlicher Geldgeber sehr wichtig."

Nischen gibt es in der grauen und grünen Biotechnologie. Letztlich entscheidet der Wille zu Flexibilität und Mobilität: ?Es gibt keine Garantie, dass sich in Deutschland in diesen Bereichen etwas tut", meint Kääb. Dafür lockten China, Japan und die USA.
Dieser Artikel ist erschienen am 21.05.2002