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Buhmann der Pasta-Streiker

Von Katharina Kort
Um den müden Lebensmittelkonzern Barilla auf Trab zu bringen, kämpft dessen Chef Bob Singer an mehreren Fronten. Seit heute gibt es eine neue.
Am Donnerstag sollen in Italien keine Nudeln auf den Tisch kommen. Foto: dpa
MAILAND. Das hat Barilla-Chef Robert Singer gerade noch gefehlt. ?Basta Pasta? heißt es am heutigen Donnerstag 24 Stunden lang in ganz Italien, begleitet von Demonstrationen auf allen großen Marktplätzen der Halbinsel. Kein Italiener, hoffen gleich vier große Verbraucherschutzverbände, wird an diesem Tag im Supermarkt nach Nudeln greifen.Ein ebenso harter wie entbehrungsreicher Protest. 54 Kilo Pasta pro Jahr, weiß die Statistik, verschlingt der Durchschnittsitaliener ? und hält damit den Weltrekord. Nicht wenige Feinschmecker zwischen Mailand und Palermo bekommen die geliebten Nudeln mindestens einmal am Tag auf ihren Teller, bevorzugt in Form von Spaghetti, Fettucini oder Farfalle. Doch was zu viel ist, ist zu viel. Weil Verbraucherschutzverbände einen Preisanstieg von 25 Prozent vorhersagen, regt sich der Volkszorn.

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Den bekommt auch Barilla-Chef Singer zu spüren. Da die Weltmarktpreise für Weizen allein in den vergangenen zwölf Monaten um fast 80 Prozent nach oben geklettert sind, feilt die norditalienische Firmenzentrale seit geraumer Zeit an einem Szenario für Preiserhöhungen. ?Wir sind schließlich der weltweit größte Abnehmer von Weizen?, beteuert Singer. Entsprechend will er bei seinen Handelskunden höhere Listenpreise durchdrücken. Keine angenehme Aufgabe für den 55-Jährigen, der mit der deutschen Tochter Kamps ohnehin schon genug zu tun hat.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Singer kannte die Branche fast nur vom Brötchenholen.Seit Januar 2005 hat der gebürtige New Yorker, der seinen Vornamen mit ?Bob? abkürzt, das Sagen bei dem Lebensmittelkonzern aus Parma. Vor allem den viel zu teuren Kauf des deutschen Großbäckers Kamps vor fünf Jahren hat die Traditionsfirma, die der Barilla-Familie gehört, längst bereut. ?Dieses Etwas, das uns damals von Heiner Kamps verkauft wurde, war kein Unternehmen?, kommentierte Präsident Guido Barilla vor einem Jahr das miese Investment.Um den renditeschwachen Gesamtkonzern ? bei 4,1 Milliarden Euro Umsatz kam Barilla gerade einmal auf 60 Millionen Euro Gewinn ? wieder in Fahrt zu bringen, heißt es für Singer vor allem: aufräumen. Entsprechend nimmt er, anders als seine Vorgänger, insbesondere die schlingernde Tochter Kamps jetzt stärker an die Leine.Dabei kannte Singer, der zuletzt bei Gucci und Abercrombie & Fitch sein Geld verdiente, die Branche fast nur vom Brötchenholen. Entsprechend überrascht er Gesprächspartner mit Sätzen wie diesem: ?Auch ein Toast kann ein Prestige-Produkt sein.? Singers edler Anzug im feinsten Tuch der Luxus-Marke Gucci macht fast vergessen, dass der ehemalige Finanzvorstand des Modehauses heute nicht mehr über Seidenkrawatten und Abendroben entscheidet, sondern über Tagliatelle, Wasa-Knäckebrot und Kamps-Kornecken.Ob Anzüge, Parfüm oder eben Golden Toast von Kamps ? bei allem gehe es darum, dem Verbraucher den Wert der Marke zu kommunizieren, glaubt er. ?Die Psychologie hinter der Wahl zwischen verschiedenen Pasta- oder Brotmarken unterscheidet sich nicht so sehr von der zwischen Mercedes, Fiat und Opel?, doziert er.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Luxus in Brot und Nudeln.Nun will Singer den Luxus in Brot und Nudeln vermitteln ? und hat damit vor allem in Deutschland hart zu kämpfen: Bei den Supermarktbroten von Kamps machen die Hausmarken für Lidl oder Aldi zwei Drittel des Geschäfts aus. Singers braune Augen schauen ungläubig drein, wenn er berichtet, dass Aldi ein ?Volksbrot? ? das spricht er auf Deutsch aus ? für 69 Cent verkauft. So etwas bricht dem Markenmann das Herz. ?Bei Hausmarken kann man gar nicht mit dem Verbraucher kommunizieren?, leidet er und fügt hinzu: ?Da ist es selbst ein Erfolg, drei Cent Preissteigerung durchzusetzen.? Während er sich dabei über den grauen Schnurrbart streicht, bemüht er sich, den amerikanischen Akzent in seinem Italienisch zu verbergen.Vollends amerikanisch geblieben sind dagegen Singers Essgewohnheiten. Am Firmenstammsitz Parma, der für seine gute Küche weltberühmt ist, sieht man ihn um die Mittagszeit oft nur mit einem Sandwich vor dem Computer. Dabei lebt der New Yorker, der mit einer Italienerin verheiratet ist, bereits seit 1981 im Land ? mit einem Intermezzo bei der US-Kleidungskette Abercrombie & Fitch, das gerade einmal 16 Monate gedauert hat. Angeblich wollten ihm dort andere zu viel reinreden. Und das mag er nicht, wie Weggefährten berichten. Singer gilt zwar als guter Zuhörer, der sich auch überzeugen lässt ? wenn andere aber für ihn bestimmen wollen, ist Schluss.Der Amerikaner kommt jovial daher und ist für seinen ironischen Humor berüchtigt. Doch eines ist klar: Er will Resultate sehen und verlangt viel. ?Unter Bob Singer hatten wir eine 35-Stunden-Woche ? 35 Stunden am Tag?, berichten ehemalige Mitarbeiter von Gucci über ihren Ex-Chef. ?Alles musste gestern fertig sein?, heißt es aus dem Modehaus.Singer hat sich in seiner Berufslaufbahn zunächst als ein Zahlenmensch profiliert. ?Ein Erbsenzähler war er aber nie?, sagt ein Ex-Mitarbeiter. Schon als CFO bei Gucci habe er ?immer auch eine starke strategische Vision? gehabt. Trotz seines Faibles für Marketing könnten ihm jedoch seine Finanzkenntnisse schon bald wieder zugutekommen: Kamps soll 2010 erneut an die Börse.
Dieser Artikel ist erschienen am 13.09.2007