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Büffeln unterm Zuckerhut

Christoph Wöhrle
Bahia am Mittag. Türkisblaue See, die Wellen brechen. Agnes, Studentin aus Köln, fläzt sich auf einem Liegestuhl, die beiden schmachtenden Strand-Beaus neben ihr souverän ignorierend. - Laternenlicht, tausend Kilometer südlich in Rio: Ein abgebrochener Flaschenhals liegt an Matthias' Gurgel. Vier Halbstarke nehmen ihm Handy, Kamera und Geldbörse ab. Zwei Geschichten, ein Land. Über ein Auslandsstudium in Brasilien lässt sich pauschal nur sagen, dass es ein echtes Abenteuer ist.
Bahia am Mittag. Türkisblaue See, die Wellen brechen. Agnes, Studentin aus Köln, fläzt sich auf einem Liegestuhl, die beiden schmachtenden Strand-Beaus neben ihr souverän ignorierend. - Laternenlicht, tausend Kilometer südlich in Rio: Ein abgebrochener Flaschenhals liegt an Matthias' Gurgel. Vier Halbstarke nehmen ihm Handy, Kamera und Geldbörse ab. Zwei Geschichten, ein Land. Über ein Auslandsstudium in Brasilien lässt sich pauschal nur sagen, dass es ein echtes Abenteuer ist.
Bisher wagen dieses Abenteuer relativ wenige: 2003 förderte der Deutsche Akademische Austausch Dienst (DAAD) gerade mal 412 deutsche Studenten und Graduierte im fünftgrößten Land der Welt. In den USA waren es sechsmal so viele, selbst für Polen bewarben sich mehr. Dabei hat Bra?silien einiges zu bieten: hervorragende Gratis?unis, wenige Hürden für Ausländer, pralles Leben und Preise wie im Paradies.
Auch Agnes Enzinger, Studentin der Regionalwissenschaften mit Schwerpunkt Lateinamerika, genießt im Aussteigerparadies Salvador da Bahia neben Strand und Lebensart die Vorzüge der staatlichen Universidade Federal da Bahia (UFBA). Zu vielen Fragen bekommt die 33-Jährige gleich praktischen Anschauungsunterricht, nebenbei verbessert sie spielend ihr Portugiesisch, statt sich am Sprachenzentrum zu quälen. All das, ist Agnes sich sicher, bringt sie ihrem Ziel näher, in einer internationalen Organisation zu arbeiten


Gut leben von 300 Euro


Brasilien ist ein junges Land, eine noch jüngere Demokratie und gehört, was viele nicht wissen, zu den zehn führenden Industrienationen. Dazu gibt es eine atemberaubende Natur, unterschiedliche Klimazonen und eine Melange der Ethnien. "Die Vielfalt fasziniert mich. Man braucht sich nur die Menschen anzuschauen", sagt Matthias Pfeiffer. Der 25-jährige Student der Wirtschaftspädagogik ist von Rio so begeistert, dass er plant, ein zweites Semester an der katholischen Hochschule Pontifícia Universidade Católica do Rio de Janeiro (PUC) dranzuhängen. Den nächtlichen Überfall hat er längst verdaut: "Es war einfach naiv, hier so viele Wertsachen mit auf die Straße zu nehmen."
Studenten zahlen an der Eliteuni 300 Euro Studiengebühren pro Monat und mehr. Unter den Brasilianern kann sich das nur gut betuchter Nachwuchs leisten. Matthias nutzt die Vorzüge des Austauschprogramms, das die Universität Nürnberg-Erlangen mit der PUC unterhält. Was er sonst braucht, steuern seine Eltern bei. Brasilien ist momentan sehr günstig: weniger als ein Euro für ein Bier - da lässt sich's feiern. "300 Euro monatlich reichen hier locker. Aber ich brauche das Doppelte, weil man halt mehr macht, wenn es so billig ist."
Einen Tag frei bekamen die Studis, als Papst Johannes Paul starb, ansonsten geht es an der PUC nicht sehr katholisch zu. Im Hörsaal klingeln Handys, der Campus ist voll (auf)reizend gekleideter Frauen. In Rio de Janeiro heißt es, dass hier die hübschesten Studentinnen der ganzen Stadt eingeschrieben sind

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Sozialer Sprengstoff


Sonne, Samba, schöne Frauen, Kriminalität - Brasilien bedient seine Klischees, allerdings nicht überall. So sind die beiden Megastädte Rio und São Paulo relativ gefährlich, andere Uni-Städte wie Campinas oder Belo Horizonte dagegen sehr viel sicherer. Musik spielt immer eine große Rolle, aber in vielen Regionen wird der Forró getanzt und nicht Samba. Im südlichen Porto Alegre ist beim Ausflug an die Küste bibbern statt Badehose angesagt. Wer in Brasilien studieren möchte, sollte vorher wissen: Wo will ich hin? Mit Bahia studiert Agnes in einer Region, die nicht umsonst die "schwarze Seele Brasiliens" genannt wird. Hierher wurden bis Ende des vorletzten Jahrhunderts die Sklaven verschifft; das Leben ist afrokulturell geprägt: von der Küche über die Musik bis hin zur Religion, den geheimnisvollen Candomblé-Kulten.
Matthias dagegen hat mit Rio ein mondänes Pflaster gewählt. Wegen der vielen Austauschstudenten ist sein Portugiesisch noch recht mau. "Ich hätte gern mehr Kontakt zu Brasilianern", sagt er. Und er merkt, dass es abseits der unbeschwerten Partywelt eine Menge sozialen Sprengstoff um ihn herum gibt.
Wie überall in Rio, ist das nächste Armenviertel auch im schicken Stadtteil Copacabana nicht weit. Gleich hinter dem Gebäude, in dem Matthias mit anderen Europäern eine WG bewohnt, erhebt sich eine solche Favela auf einem Hügel. Ein Meer von unverputzten Häusern mit Wellblechdächern, in dem eine korrupte Polizei gegen den Drogenhandel kämpft. Manchmal hält Matthias ein Feuerwerk für Maschinengewehrfeuer, dann wieder echte Salven für Silvesterböller. "Sicher bin ich mir da nie."


Lernen mit Niveau

Armut und Kriminalität sind auch das Einzige, was Sanjay Jena an Rio stört. Der 24-jährige Deutsch-Inder studiert Informatik in Gummersbach und hat sich nach einem Praktikum in Rio spontan für ein Auslandssemester an der staatlichen Universidade Federal do Rio de Janeiro (UFRJ) eingeschrieben. Wie Agnes studiert auch er gebührenfrei. Sein Leben finanziert er mit Erspartem und einem Teil?stipendium von InWent. "Hier gibt es einen super Standard in der Lehre. Das Niveau ist mindestens wie zu Hause." In Gummersbach hat Sanjay das beste Vordiplom seines Jahrgangs hingelegt, hier kann er sich darauf nicht ausruhen. Für jedes Seminar an der UFRJ verbringt er mindestens die gleiche Zeit lernend zu Hause. "Trotzdem bin ich hier ausgeglichener und weniger gestresst."
Vormittags Algorithmen in der Vorlesung, nachmittags heiße Rhythmen auf der Wiese. Die Kommilitonen sind offen und hilfsbereit, man trinkt öfter mal ein Bier bei einer "Choppada" auf dem Campus. Selbst die Profs sind locker: "Steife Hierarchien gibt's hier nicht. Alle nennen sich beim Vornamen."


Bussis und Gebagger

Kontakte in Brasilien sind nicht nur herzlicher, sondern auch körperlicher. Küsschen verteilen, Schultern streicheln, Wangen berühren - Sanjay fürchtet, dass er nach seiner Rückkehr in Gummersbach "wegen sexueller Übergriffe verknackt" wird, so sehr hat er sich an das ständige Anfassen gewöhnt. Ein Punkt, den Agnes an Salvador weniger schätzt. Unaufhörlich wird gegrabscht, gebaggert, gepfiffen. "Daran werde ich mich nie gewöhnen. In Sachen Frauenrecht muss hier noch einiges passieren."
IT-Student Sanjay hat als Mann kein Problem mit aufdringlichen Brasilianern. Er genießt dafür ihre Toleranz. In Deutschland wird er schon mal wegen seines süd?ländischen Aussehens nicht in einen Club gelassen. In Brasilien fühlt sich der Deutsche anerkannt: "Hier ist es egal, wo jemand herkommt, wie er spricht. Die Leute sind an Unterschiede gewöhnt. Ich könnte mir sogar vorstellen, nach Brasilien auszuwandern."


Brasilien sehen und bleiben
Gerade die vielen Facetten sind es, die Wolfram Lange schon zum dritten Mal nach Brasilien führen. Nach Praktikum und Diplomarbeit ist er diesmal als Doktoranden-Stipendiat da. Der DAAD steuert 1.100 Euro pro Monat bei. "Räumliche Disparitäten in Rio de Janeiro" - wo sonst ließen sich für einen Geografen lokale soziale Unterschiede besser aufspüren. Wolfram führt qualitative Interviews in den Favelas und sieht so ein Brasilien, von dem selbst viele Einheimische allenfalls lesen. Wolfram könnte sich gut vorstellen, einmal in Brasilien zu arbeiten.
Für Alexander Schmitz, 27, ist das bereits Realität. Der BWL-Absolvent von der Koblenzer Wissenschaftlichen Hochschule für Unternehmensführung (WHU) arbeitet seit zwei Jahren als Unternehmensberater bei Bain & Company in München. Über das internationale Programm seiner Firma kam er jetzt für sechs Monate nach São Paulo - bei vollen Bezügen. "Mit meinem Gehalt gehöre ich hier zu den top zwei Prozent. Das ist schon ein anderer Lebensstil als in Deutschland."
Schlemmen in den besten Fresstempeln der Stadt, danach After-Work-Party im Club. Die Armut sieht Alexander nur aus dem Taxifenster. Hinzu kommt die Herausforderung von Projekten in einem schwer kalkulierbaren Markt und ein völlig anderer geschäftlicher Umgang: "Hier wird erst mal zwei Stunden gegessen, gescherzt und dann verhandelt. Das ist eine gute Schule zum Aufbau von Kundenbeziehungen - auch für Europa." Alexanders Liebe zu Brasilien fing übrigens auch mit einem Auslandssemester an

Dieser Artikel ist erschienen am 20.06.2005