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Brottrocken, aber herzlich

Von Peter Köhler, Handelsblatt
Wenn sich heute der Aufsichtsrat um elf Uhr zu seiner Sitzung in Heidelberg trifft, steht eine einzige Personalie auf der Tagesordnung: die Berufung von Finanzchef Uwe Schroeder- Wildberg zum neuen Vorstandsvorsitzenden von MLP.
HB FRANKFURT. Manfred Lautenschläger, Gründer und Aufsichtsratsvorsitzender der Gesellschaft, macht sich damit zwei Tage nach seinem 65. Geburtstag sein vielleicht schönstes Geschenk. Er hofft, dass dann wieder mehr Ruhe bei dem Finanzdienstleister einkehrt.Der 38-jährige Schroeder-Wildberg wird ab 1. Januar kommenden Jahres den zuletzt glücklos agierenden Bernhard Termühlen als Vorstandschef ablösen. Unter dessen Führung war MLP in eine existenzbedrohende Krise geraten. Der stets nach Macht und Anerkennung strebende Termühlen hatte aber bis zuletzt an seinem Managerstuhl festgehalten.

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Für seinen Nachfolger ist der Wechsel an die Vorstandsspitze der vorläufige Höhepunkt einer Blitzkarriere. Der promovierte Betriebswirtschaftler war erst vor einem Jahr vom Direktbroker Cortal-Consors zu der Beratertruppe gestoßen. Bis dahin hatte sich MLP den Luxus geleistet, als einziges Dax-Unternehmen auf einen Finanzchef zu verzichten.Schroeder-Wildberg hat sich vor allem in der Bankenwelt einen Ruf als verlässlicher Zahlenmensch erworben. ?Ehrgeizig, sehr gradlinig und unheimlich zahlenverliebt?, beschreiben ihn frühere Weggefährten. Deshalb waren die ?Conference Calls? in seiner Consors-Zeit bei den Analysten immer beliebt. Aber die notwendige Portion Enthusiasmus habe gelegentlich gefehlt, erinnert man sich.Der ausgebildete Opernsänger, der noch während seiner Zeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl des Erlanger Bankprofessors Wolfgang Gerke von den Bühnen dieser Welt träumte, überzeugt eher durch seine Verbindlichkeit. ?Er hat die Mannschaft hinter sich versammelt, aber er bewegt nicht die Massen?, heißt es in seinem Umfeld.Aber ein Charismatiker ist derzeit in der Firmenzentrale in Wiesloch bei Heidelberg auch nicht gefragt. Schroeder-Wildberg muss den Finanzdienstleister hingegen nach einem turbulenten Jahr wieder auf gesunde Beine stellen. Zweimal wurde die Zentrale von Staatsanwälten durchsucht, die bis heute wegen des Verdachts der ?unrichtigen Bilanzdarstellung? ermitteln, hinzu kamen Untersuchungen wegen möglichen Insider-Handels, garniert mit einer angeblichen Sex-Affäre und Kampagnen von Hedge-Funds. Der Aktienkurs schmierte ab, viele Berater, die auf Pump die MLP-Aktie gekauft hatten, gerieten in Not.Schroeder-Wildberg kam Anfang des Jahres in den größten Turbulenzen an Bord und stellte als Erstes das Zahlenwerk wieder auf eine solide Grundlage. Seine Zwischenbilanz kann sich sehen lassen. Im dritten Quartal stieg das Ergebnis vor Steuern um satte 84 Prozent auf gut 14 Millionen Euro. Sein Vorgänger Termühlen hatte das Vorjahr mit einem Verlust abgeschlossen.Lange Zeit galt Schroeder-Wildberg nicht als erste Wahl für den Chefsessel. Noch im Herbst ließ Aufsichtsratschef Lautenschläger bei großen Versicherungskonzernen nach einem ?gestandenen Vertriebsprofi? suchen. Doch die winkten ab.Da besann er sich auf die gute Zusammenarbeit mit seinem neuen Finanzchef. ?Lautenschläger sieht ihn heute fast schon als Sohn?, meint sogar ein MLP-Mitarbeiter. Beide wollten die alten MLP-Tugenden ?Transparenz, Offenheit und Kritikfähigkeit? wieder ganz nach oben auf die Agenda setzen. Vor allem bei der Fußtruppe, die letztlich den Erfolg garantiert, kommt der eher intellektuell wirkende Schroeder-Wildberg anscheinend gut an. ?Er ist brottrocken, aber er spricht uns aus dem Herzen?, sagt ein Geschäftsstellenleiter.Kaum ein Tag vergeht, an dem er nicht eine der Geschäftsstellen besucht. Auch bei den künftigen Verkaufstalenten, den Junioren, lässt sich der zweifache Vater blicken ? ebenfalls ein Novum bei MLP. Privat gibt sich der neue Chef sehr unverbindlich. Nur wenige Weggefährten lässt er bis zu seiner Familie vor. Für die versucht er, wenigstens ein paar Abende freizuhalten.Dass ihm das auch im neuen Jahr gelingen wird, ist äußerst zweifelhaft. Wohl schon im ersten Quartal wird die Staatsanwaltschaft mitteilen, ob sie gegen MLP Anklage wegen Bilanzfälschung erhebt. Dann werde man bemüht sein, alles Ungemach auf Termühlen abzuwälzen und den neuen Chef auf Distanz zu einem möglichen Prozess zu halten, meint ein Insider. Termühlen selbst macht sich inzwischen im Hause rar. Sein Comeback gilt zumindest derzeit als völlig ausgeschlossen.Außerdem muss sich Schroeder- Wildberg um das Auslandsgeschäft kümmern. Bisher ist MLP viel stärker auf das Inland konzentriert als etwa der Konkurrent AWD. Er selbst verfügt über keine längere Auslandserfahrung. Im Laufe seiner Karriere bewegte er sich vor allem im Städtedreieck Nürnberg, Mannheim, Heidelberg.Eine seiner seltenen öffentlichen Missfallensbekundungen sind nach dem Besuch eines afghanischen Restaurants in Nürnberg überliefert. Nach diesem Erlebnis meidet er Exotisches, die Kabuler Küche ist bei ihm unten durch.
Dieser Artikel ist erschienen am 17.12.2003