Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Britisches Intrigantenstadl

Von Michael Maisch
?Versager!? ?Scharlatan!? ? Arun Sarin bekommt auf der Hauptversammlung die geballte Wut der Aktionäre zu spüren - ganz gleich, ob es sich um Privatanleger oder institutionelle Investoren handelt. Dem Vodafone-Chef bleibt nicht mehr viel Zeit für die Sanierung des weltgrößten Mobilfunkanbieters.
Arun Sarin. Foto: Newscast
LONDON. Kerzengerade sitzt Arun Sarin auf seinem Stuhl, den Rücken durchgedrückt, Anzug und Krawatte sitzen wie immer perfekt. Ab und zu huscht ein kurzes Lächeln über das weiche Gesicht. Der Chef des Mobilfunkkonzerns Vodafone wirkt so kühl und beherrscht, als ob er auch dann nicht ins Schwitzen geriete, wenn im Saal plötzlich die Klimaanlage ausfiele.Es ist der Tag der Hauptversammlung von Vodafone, der Tag der Abrechnung für Hunderte von Aktionären, die sich auf den Weg ins Londoner Konferenzzentrum ?Queen Elisabeth II? gemacht haben. Für Sarin gibt es heute keine Schonfrist, kein Warmlaufen. Bereits die erste Frage zielt ins Zentrum der Misere: ?Warum geht es Vodafone so schlecht?? will der aufgebrachte Aktionär wissen. ?Warum wirkt der Vorstandschef wie ein Versager?, und warum tritt das Management auf wie eine ?Bande von Scharlatanen?.

Die besten Jobs von allen

Sarins Hauptproblem ist, dass nicht nur die Privatanleger so emotional reagieren. Viele Investmentprofis sind genauso empört. Mit Standard Life Investments, Morley Funds und Hermes verweigerten gleich drei der zehn größten Aktionäre Sarin gestern die Wiederwahl. ?In Vodafone auf Basis der Strategie zu investieren ist, wie ein Lotterielos zu kaufen?, hämte schon vor Wochen David Cumming von Standard Life Investments. Die Intrigen im Board erinnerten an die ?Borgias an einem schlechten Tag?. Auf der Hauptversammlung stimmten am Ende rund zehn Prozent gegen Sarin, eine peinliche und eine klare Warnung.Der Mobilfunkriese ist ins Wanken geraten. Die Stammmärkte des früher unangefochtenen Weltmarktführers sind gesättigt. Sarin sieht sich unter Dauerbeschuss von Finanzinvestoren, die mit der Zerschlagung des Konzerns drohen. Gemessen an den Milliardeninvestitionen für den schnellen Multimedia-Mobilfunk UMTS fällt die Nachfrage bisher eher bescheiden aus. Und schließlich scheint sich der Konzern mit seiner reinen Mobilfunkstrategie ins Abseits manövriert zu haben. ?Sarin hat noch eine einzige Chance, mehr als ein Jahr werden ihm die Investoren für die Sanierung nicht geben?, meint ein Banker.Doch der angeschlagene Vorstandschef ist fest entschlossen weiterzumachen. ?Eine überwältigende stille Mehrheit? stehe hinter ihm, glaubt der 51-jährige Familienvater. Und so wiederholt der gebürtige Inder auf der Hauptversammlung mit leiser Stimme sein Mantra von der Sanierung: Weil die Konkurrenz auf den Stammmärkten brutal ist, will Vodafone in den Emerging Markets wachsen. Außerdem will Sarin den Mobilfunker zum Komplettanbieter umbauen. Aber nicht einmal die beschlossene Sonderausschüttung von neun Milliarden Pfund und die besser als erwarteten Zahlen für das zweite Quartal verschaffen dem Vorstandschef eine Verschnaufpause.Denn die Großinvestoren kritisieren nicht nur Sarins Strategie, es geht auch um sein Salär. Trotz des Kursverfalls an der Börse soll der Vorstandschef zusätzlich zu seinem garantierten Jahresgehalt von 1,3 Millionen Pfund für das vergangene Geschäftsjahr einen Bonus von 1,4 Millionen Pfund erhalten.Dabei musste Sarin 2005 gleich zwei Mal die Wachstumsprognose senken. Die ganze Tragweite der Schwierigkeiten wurde in diesem März offensichtlich. Aus einer Krisensitzung des Boards wurde ein Wendepunkt in der Firmenhistorie. Auf Druck der Aktionäre musste sich Sarin zum Verkauf der defizitären japanischen Tochter durchringen. Dazu kamen 34 Milliarden Euro Abschreibungen auf die Ableger in Italien, Deutschland und Schweden. Das war nicht nur das Eingeständnis, dass Megaübernahmen wie Mannesmann zu teuer waren, sondern auch, dass die Märkte langsamer wachsen als erhofft.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Sarin und sein Vorgänger passten nie richtig zusammen.Analysten räumen durchaus ein, dass es unfair ist, Sarin allein die Schuld in die Schuhe zu schieben. Es war sein Vorgänger Chris Gent, der seine fast schon legendären Qualitäten als Deal Maker nutzte, um das Vodafone-Imperium für 300 Milliarden Dollar zusammenzukaufen ? zu überzogenen Kursen, wie man heute weiß. Auch Sarin wurde ?Opfer? dieses Expansionsfeldzugs. Vodafone kaufte seinen ehemaligen Arbeitgeber Airtouch. Sarin blieb aber nur kurz beim Mobilfunker aus der südenglischen Provinz. Schon bald wechselte er als Chef zur Internetfirma Infospace, ein glückloses Engagement. Danach arbeitete Sarin als Manager einer Beteiligungsgesellschaft.Gent und Sarin passten eigentlich nie so richtig zusammen. Auf der einen Seite der hemdsärmlige Brite, der Vodafone viele Jahre von seinem Büro über einem pakistanischen Schnellrestaurant aus führte. Auf der anderen Seite der vornehme, verbindliche und besonnene Sohn eines indischen Offiziers, der nach der Ingenieursausbildung in Indien nach Amerika auswanderte und in der Telekombranche Fuß fasste.In der Londoner City waren viele überrascht, als Gent den Inder im Jahr 2003 als seinen Nachfolger vorschlug. Analysten und Investoren taten sich von Anfang an schwer mit dem Neuen. Erst recht als Sarin zuerst die Zeit der großen Übernahmen für beendet erklärte und dann 38 Milliarden Dollar für den US-Mobilfunker AT&T Wireless bot.Am Streit über die Strategie zerbrach auch die Beziehung zwischen Sarin und seinem Förderer Gent. Nach einer wochenlangen Schlammschlacht gab Gent Mitte März entnervt seinen Posten als Ehrenpräsident auf. Vodafone hatte ihm diesen Titel wegen seiner Verdienste auf Lebenszeit verliehen. Auch Ian MacLaurin, Chairman des Mobilfunkers, wird Vodafone verlassen. Am Dienstag auf seiner letzten Hauptversammlung betonte er gleich drei Mal, dass das Board geschlossen hinter Sarin stehe. Allerdings schienen sich dabei seine Mundwinkel noch ein bisschen weiter in Richtung Missmut nach unten zu ziehen als sonst. Auch am Tag der Hauptversammlung berichteten britische Zeitungen wieder, dass MacLaurin sich vor Ablauf seiner Amtszeit auf die Suche nach einem Nachfolger für Sarin gemacht hatte.Nur einen schien das Aktionärstreffen wirklich kühl zu lassen. John Bond, der neue Chairman von Vodafone, hörte sich die Tiraden der Anleger an, ohne mit der Wimper zu zucken. Der Mann, der ein wenig an einen gütigen Zauberer aus einem Fantasyroman erinnert, soll Vodafone zu alter Größe zurückführen. Nach Meinung vieler Investoren könnte dafür durchaus etwas Magie nötig sein.
Dieser Artikel ist erschienen am 26.07.2006