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Bravo Ragazzo

T. Kness-Bastaroli und C. Schlautmann
Er stammt aus einer der bekanntesten Mailänder Unternehmerdynastien und hat einen großen Traum: Maurizio Borletti will einen europäischen Kaufhauskonzern schaffen. Deshalb hat der Italiener nun auch den Kaufhof im Visier, von dem sich die Metro trennen will.
Sicht auf die Fassade des Warenhauses Kaufhof am Alexanderplatz in Berlin. Foto: ap
MAILAND/DÜSSELDORF. ?Maurizio? lesen die Gäste auf seinem schlichten Namensschild, als der Aufsichtsratschef im Mai 2005 sein renoviertes Kaufhaus La Rinascente vis à vis des Mailänder Doms eröffnet. Nur der maßgeschneiderte Anzug verrät, dass es sich bei dem jugendlich wirkenden Herrn nicht um einen Musterverkäufer handelt.Den akademischen Titel verschweigt das Kärtchen am Revers ebenso wie den renommierten Familiennamen: Borletti. Denn der auf Understatement bedachte Kaufhauslenker, der an diesem Abend den Gästen aus Hochfinanz wie Modewelt freundlich die Hand schüttelt, ist der Urenkel einer der bekanntesten Mailänder Gründerfamilien. Schon im 19. und 20. Jahrhundert schrieb sie Wirtschaftsgeschichte. Textilproduktion, Chemie, Versicherungen, Automobilbau und Verlage ? in kaum einer Branche haben sich die Borlettis seit 1867 nicht einen Namen gemacht. Es wurde gekauft, verkauft ? und vor allem das Vermögen vermehrt.

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Schon bald könnte der vierte Spross des Mailänder Industriellen Ferdinando Borletti auch in Deutschland Wirtschaftsgeschichte schreiben. Der 40-jährige Betriebswirt verhandelt nämlich nicht nur mit dem Essener Arcandor-Konzern über ein Zusammengehen mit dessen Karstadt-Warenhäusern. Borletti hat offenbar auch ein Auge auf den Wettbewerber Kaufhof geworfen. ?Wir könnten als Borletti Group am Kaufhof interessiert sein?, sagte er dem Handelsblatt. Schließlich kenne er den deutschen Markt.Der Italiener könnte so zum Katalysator der wohl letzten deutschen Warenhausfusion werden. Sie wäre ganz nach dem Wunsch von Arcandor-Chef Thomas Middelhoff. Der nämlich erhofft sich durch die Fusion mit Kaufhof Synergien bis zu 400 Millionen Euro. Er kann den Kauf aber alleine nicht stemmen. Ein Investor wie Borletti, der sich mit einer Minderheit am fusionierten Warenhauskonzern beteiligt, käme den Essenern daher wie gerufen.Mauizio Borletti, der mit einer Amerikanerin verheiratet ist und ständig zwischen London, Paris und Mailand pendelt, bastelt längst an einem noch viel größeren Ziel: einer europäischen Warenhauskette. Schon vor drei Jahren griff er gemeinsam mit anderen Investoren nach dem Mailänder Warenhauskonzern Rinascente. Anschließend kaufte er sich beim Pariser Warenhauskonzern Printemps ein. Dort hält er zwar nur vier Prozent der Kapitalbeteiligung, während der Löwenanteil bei einem Immobilienkonsortium der Deutschen Bank liegt. Als Aufsichtsratschef hat er dennoch das Sagen.Der in der Mailänder Geschäftswelt wegen seiner gepflegten und höflichen Umgangsart als ?bravo ragazzo? (guter Junge) bekannte Top-Manager ist keineswegs zu unterschätzen. Einmal gesetzte Ziele verliert er nicht aus den Augen. Das zeigt er während seiner Zeit an der Mailänder Elite-Universität Bocconi, als er während des Studiums zwei Start-ups gründet. Und das beweist er kurz danach, als er mit nur 25 Jahren von seinem Cousin Albert Bouihet die angeschlagene französische Silberschmiede Christofle übernimmt ? und in wenigen Jahren von Grund auf saniert. Berüchtigt ist in Geschäftskreisen seine Überredungskunst. Ohne sie, heißt es, wäre Borletti wohl kaum der Erwerb der französischen Kaufhauskette Le Printemps gelungen. Sein größter Konkurrent ist damals schließlich kein Geringerer als die Galeries Lafayette.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Borletti greift durch Auch für den Aufbau eines europäischen Warenhausriesen geben ihm Weggefährten gute Chancen. ?Ich bin sicher, dass dem jungen Manager der Atem beim Aufbau seines europäischen Kaufhauskonzerns nicht ausgeht?, sagt Henri Rieben von der Jean-Monnet-Stiftung in Lausanne.Borletti selbst zeigt dabei großen Elan. Zwar zähle Deutschland zu einem der schwierigsten Märkte im Einzelhandelssektor, bekundet er. Aber es gebe Konsolidierungsmöglichkeiten. ?Zweifellos könnte der Kaufhof davon profitieren, aus einer Gruppe wie Metro herausgelöst zu werden?, sagt er dem Handelsblatt. Denn bei Metro habe die Warenhaustochter schließlich keine Priorität.Nach Borlettis Beobachtung fehlen beim Kaufhof die notwendigen Investitionen für die nötige Qualifizierung des Angebots. ?Die Situation ähnelt jener der französischen Printemps-Kette, als sie noch zum Imperium von PPR zählte, oder auch von La Rinascente, als sie von der Fiat-Familie Agnelli kontrolliert wurde.?Durchgreifen jedenfalls kann Borletti. Seit er 2005 bei der größten italienischen Kaufhausgruppe einstieg, hat sich bei La Rinascente viel geändert. Nach einer mehrjährigen Lethargie und einem Investitionsaufwand von über hundert Millionen Euro schreibt das Geschäft wieder Konsumgeschichte. ?Shopping cool?, nennt der Konzernerbe sein neues Warenhauskonzept, das den Focus auf mehr Luxus legt. Umsatz und Gewinn trieb er bereits in die Höhe.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Während des Studiums gründet er schon zwei Unternehmen Maurizio Borletti 1968Er wird in Mailand als viertes Kind des Industriellen Ferdinando Borletti geboren.1985Maurizio Borletti gründet, parallel zum Wirtschaftsstudium, eine Bau- und eine Vertriebsfirma. Er macht 1992 den Abschluss an der Bocconi-Universität in Mailand.1993Er investiert in die Tafelsilberschmiede Christofle S.A., die er bis 1999 führt und umbaut. Borletti wird 1999 Chairman von Luxury Brand Development. Er steigt aber 2004 wieder aus.2005Er kauft mit Investitori Associati, Deutsche Bank Real Estate und Pirelli Re die Handelsgruppe Rinascente und ist nun Aufsichtsratschef von La Rinascente und Upim.2006Borletti erwirbt mit der Deutschen Bank die französische Warenhauskette Printemps und ist seitdem dort Aufsichtsratschef.
Dieser Artikel ist erschienen am 26.03.2008