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Brasilianisch-belgisches Gebräu

Von Alexander Busch
Der weltgrößte Bierkonzern Inbev wird nun vom Brasilianer Carlos Brito geleitet. Die Offensive der brasilianischen Manager im belgischen Konzern hat vor 18 Monaten mit der Übernahme des größten südamerikanischen Braukonzerns begonnen.
SAO PAULO. Sie sehen aus wie entspannte junge Menschen aus der Mittelschicht São Paulos: flink, locker, höflich. Fleißig sicher, aber auch nicht übertrieben ehrgeizig wirken sie. Kein einziger von ihnen trägt Anzug oder Kostüm. Und so käme wohl niemand auf den Gedanken, dass es sich um brasilianische Topmanager handeln könnte, die in diesem Moment die Krönung eines Kopfs aus ihrer Mitte feiern: Carlos Brito, 45, ein hagerer Mann mit schon sehr hoher Stirn ist zum Jahreswechsel zum neuen CEO von Inbev, dem größten Braukonzern der Welt, aufgestiegen.Schon länger findet am Konzernsitz im belgischen Leuven die schleichende brasilianische Machtübernahme statt: In den Abteilungen Finanzen, Einkauf, IT, Marktforschung und Controlling haben inzwischen rund 30 brasilianische Manager das Sagen. Die meisten sind zwischen Ende 20 und Anfang 40 Jahre alt ? und haben damit alleine schon vom Alter her in dem altehrwürdigen Brauhaus eine Art sanfter Revolution in Gang gesetzt. Der Amerikaner John Brock, der in den vergangenen drei Jahren den Konzern führte, könnte ihr Vater sein, genauso wie Pierre Jean Everaert, der im Mai von seinem Amt als Aufsichtsratsvorsitzender zurücktreten und dort dem Deutschen Peter Harf Platz machen wird.

Die besten Jobs von allen

Die Offensive der brasilianischen Manager im belgischen Konzern hat vor 18 Monaten mit der Übernahme des größten südamerikanischen Braukonzerns begonnen, der brasilianischen Ambev durch die damalige Interbrew aus Belgien. Jener von drei belgischen Adelsfamilien kontrollierte Konzern stellte die Akquisition in Südamerika zwar als eine ?Fusion unter Gleichen? dar. Doch die blaublütigen Clans der de Spoelberchs, de Mevius und van Dammes besitzen nach dem Aktientausch mit den Brasilianern weiter die Mehrheit im neuen Unternehmen. Mit der Übernahme sicherten sich die Belgier einen der lukrativsten Biermärkte der Welt: Heute trägt Lateinamerika rund die Hälfte zum Gesamtgewinn von Inbev bei. Europa und Nordamerika steuern dagegen weniger als ein Drittel hinzu.Schon in den Jahren zuvor hatten die Belgier kräftig zugekauft, auch in Deutschland mit Beck?s, Diebels und Paulaner. Bei der brasilianischen Ambev aber holten sich die Belgier vor allem Know-how ins Haus. Denn die brasilianischen Manager haben in Südamerika bewiesen, dass sie weltweit am effizientesten Bier brauen können. ?Der Gewinn ist jetzt das alles überragende Ziel?, sagt Marc Leemans, Analyst der Bank Degroof. Mindestens 30 Prozent operative Rendite soll Inbev bis Ende 2007 erreichen.Diese Vorgabe erhielt Brito jetzt vom scheidenden Aufsichtsratsvorsitzenden Everaert. ?Wir wollen nicht nur der größte Braukonzern der Welt sein, sondern auch der beste?, sagte er. Dazu muss Brito die Kosten in Europa senken und die Expansion in wichtigen Zukunftsmärkten wie in China und in Osteuropa vorantreiben. Die Märkte trauen es ihm offenbar zu: Mehr als zwei Prozent schnellte der Kurs der Inbev-Aktie empor, als der Konzern verkündete, dass Brocks Vertrag nicht verlängert würde. Zu langsam habe er beim Zusammenfügen von Ambev und Interbrew agiert. Das schlechte Betriebsklima am Standort Belgien, wo ein Zehntel des Personals entlassen wird, soll den Ausschlag für den Wechsel gegeben haben.Wenige Manager weltweit dürften so gut auf den Job vorbereitet sein wie der Ingenieur Carlos Brito, der in Rio de Janeiro und im kalifornischen Stanford studiert hat. ?Brito ist der richtige Mann für uns?, sagt der noch amtierende Aufsichtsratschef Everaert, ?ein unkomplizierter Mensch und ein genauso guter Ingenieur wie Verkäufer.? Brito ist schon seit 16 Jahren im Konzern. Er hat in fast allen wichtigen Abteilungen gearbeitet. Er ist damit ein typischer Zögling der vielleicht besten und härtesten Kaderschmiede für den brasilianischen Management-Nachwuchs. ?Ambev hat schon immer langfristig in das künftige Führungspersonal investiert?, sagt Dárico Crespi vom Personalberater Heidrick & Struggles.Unter mehr als 30 000 Bewerbern aus ganz Südamerika siebt Ambev jährlich bis zu drei Dutzend künftige Führungskräfte aus. Seit 1990 haben nur 500 Trainees das Programm geschafft. Fast 70 Prozent von ihnen sitzen heute in Führungspositionen des Konzerns. ?Wir brauchen risikobereite Menschen, die mit uns wachsen wollen?, sagt Magim Rodriguez, einer der Gründer des hausinternen Traineeprogramms. Die Jobs bei Ambev sind begehrt, denn wer die Ziele erreicht, wird mit Gewinnbeteiligungen fürstlich belohnt. Wer die wöchentlichen Vorgaben indes nur zweimal nicht erreicht, muss gehen.Als Britos Mentor gilt Jorge Paulo Lemann, der sich privat zuerst an Ambev und jetzt an Inbev beteiligte. Lemann, die graue Eminenz des brasilianischen Investment-Bankings, lernte Brito schon vor Jahren kennen: Noch als junger Ingenieur fragte Brito keck bei dem Milliardär wegen eines Stipendiums für das MBA-Programm in Stanford an. Lemann zögerte nicht lange und förderte den selbstbewussten Aufsteiger ? eine Investition, die sich jetzt bezahlt macht.
Dieser Artikel ist erschienen am 02.01.2006