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Branche Biologie

Felix Ullmann
Die Luft für Biologen ist dünner geworden. Am besten stehen die Jobchancen für Molekular- und Mikrospezialisten und für Grenzgänger zwischen den Disziplinen. Wer nicht flexibel ist, bleibt auf der Strecke.
Wenn sich Ulrike Teichmann zurück ins Labor sehnt, stellt sie sich in die Küche ihres Münchner Appartement und knetet Kuchenteig - wegen des guten Geruchs. Der prägnante Duft stieg der promovierten Biochemikerin bis vor einem Jahr bei ihrem damaligen Arbeitgeber GPC-Biotech häufig in die Nase. Allerdings stellt die Entwicklungsabteilung, in der sie arbeitete, mit dem Teigzusatz keine Pflaumkuchen her, sondern führte Experimente für Proteinanalysen durch

Bei der Münchner Micromet AG, ihrem neuen Arbeitgeber, steht Teichmann nur noch selten im Labor. Als Patentmanagerin wälzt sie juristische Bücher, telefoniert mit Wissenschaftlern, in- und externen Anwälten und bringt Micromets Forschungen in ausführlichen, aber prägnanten Analysen auf den Punkt.

Die besten Jobs von allen


"Die Chancen, mich weiter zu entwickeln, waren bei GPC eher eingeschränkt", begründet die 35-Jährige ihren Wechsel. "Mein Forschungsaufgaben waren mir auf Dauer zu spezialisiert." Ihr eher breit angelegtes naturwissenschaftliches Wissen wollte sie nicht länger brach liegen lassen.

Forschen auf Zeit

Teichmanns Schritt in die Berufsnische ist smart und nicht alltäglich. Das Gros der rund 3.000 Diplombiologen und 1500 Doktoranden, die jährlich auf den Arbeitsmarkt strömen, zieht es in die entgegengesetzte Richtung - in die Forschung, vor allem an Instituten und Hochschulen.


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Dort gibt es zwar noch immer die meisten Jobs, vor allem in den Bereichen Mikro- und Molekularbiologie, Biochemie und Genetik. Doch die Konkurrenz ist groß und der Arbeitsvertrag oft befristet. "Wer nicht flexibel ist, muss mit langen Wartezeiten rechnen, bis er einen festen Job findet", sagt Georg Kääb, Co-Geschäftsführer des Verbandes Deutscher Biologen (Vdbiol). "Biologen studieren oft mit viel Herzblut und wenig Realitätssinn für den Arbeitsmarkt", kritisiert der Experte.

Zwar macht es mehr Sinn, sich auf das zu spezialisieren, was Spaß macht, statt kurzlebigen Trends hinterherzulaufen. Schließlich kann morgen ?pfui' sein, was heute noch ?hui' ist. "Trotzdem lohnt es sich, regelmäßig den Blick vom Mikroskop weg auf den Stellenmarkt in Zeitschriften, Zeitungen und im Internet zu werfen", rät Kääb. Die Chancen stünden dann besser, den eigenen Forschungsschwerpunkt und die persönlichen Karriereinteressen mit der Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt zu vereinbaren.

Bei Teichmann war es ein Kollege aus der Branche, der sie auf die neue Spur setzte. "Von ihm habe ich erstmals erfahren, welche Bedeutung Patente für Biotech-Unternehmen haben." Der Biochemikerin gefiel zunehmend der Gedanke, in einen Bereich zu wechseln, der "eine so entscheidende Rolle für die Unternehmensentwicklung hat". Dass sie trotz des Wechsels ihrer Branche treu bleibt, ist kein Zufall. "Biotech-Unternehmen bieten doch einen Pool an Karrieremöglichkeiten", sagt die gebürtige Waiblingerin optimistisch.

Boom - Baisse - Biotech

Tatsächlich galt die Biotechnologie lange Zeit als Arbeits-Mekka für Biologen. Wie in einem außer Kontrolle geratenen Experiment, schoss die Zahl der Unternehmen seit Mitte der 90er Jahre steil nach oben. Über 10.000 Arbeitsplätze entstanden innerhalb weniger Jahre. "Es gab einen hohen ?Idiotenbonus', mangels personeller Alternativen", erzählt Kääb. "Wenn ein Bewerber fachlich nicht 100-prozentig auf die Stelle passte, ging man davon aus, dass er es schon lernen und sich dementsprechend engagieren würde."

Biotech gut - alles gut. Doch vergangenes Jahr ging in den Labors zunehmend die Lichter aus. Erstmals seit Beginn des Booms machten mehr Firmen dicht, als neue entstanden. Die Zahl der Mitarbeiter sank um sieben Prozent auf 13.400, stellte die Unternehmensberatung Ernst & Young im "Deutschen Biotechnologie Report 2003" fest. Betroffen sind vor allem die Biologen. Sie machen die Mehrheit der Mitarbeiter in den meisten Biotech-Firmen aus. Rund die Hälfte, inklusive Vorstandsvorsitzende, arbeiten in den Unternehmen rund um München, Deutschlands Biotech-Standort Nummer Eins. Zwar sind in Deutschland immer noch mehr Biotech-Firmen ansässig, als in den anderen Ländern der Europäischen Union: knapp 350 gegenüber 285 in Großbritannien und 233 in Frankreich. Nach Ansicht von Ernst & Young nimmt das Wachstum jedoch stärker ab als im restlichen Europa.

Dennoch kein Grund zur Panik, meint Rüdiger Marquardt, Leiter des Informationssekretariats Biotechnologie der Gesellschaft für Chemische Technik und Biotechnologie (Dechema). "Die Nährstoffe, die durch Insolvenzen frei gegeben werden, werden von anderen Firmen schnell aufgenommen und verstoffwechselt", prognostiziert er im Biologenjargon. Soll heißen: Das Know-how und die Patente der zu Grunde gegangenen Firmen finden neue Interessenten und die Mitarbeiter damit neue Arbeitgeber. Marquardt spricht von einer "Wachstumsdelle", die verständlich sei, angesichts eines katastrophalen wirtschaftlichen Umfeldes.

Gnadenlos dynamisch

Jobs, auch hier meist befristet, bieten die Biotechs überwiegend im Labor. Generell gilt: Wer forschen will, muss promoviert haben. "Entscheidend sind aber auch ?soft skills' wie Teamfähigkeit, sehr gute Fremdsprachenkenntnisse und Arbeitserfahrungen im Ausland", sagt Marquardt. Die Fähigkeit zu kommunizieren, werde von vielen Bewerbern unterschätzt. "Die Biotechnologie ist eine Querschnittstechnologie, deshalb müssen sie ständig mit Kooperationspartnern interagieren können, zumal sie nie die komplette Technik im Haus haben werden". DNA-Analysen etwa würden häufig extern durchgeführt. Wer es in die heiligen Labors geschafft hat, darf sich auf die Schulter klopfen. Erst nach Jahren fällt vielen der Preis auf, den sie dafür zahlen: das ständige Durchwurschteln von Zeitvertrag zu Zeitvertrag, und die rasend schnellen Veränderungen innerhalb der Branche, die auch zum Jobverlust führen können

Trotz dieser für die eigene Karriere manchmal verheerenden Dynamik sind nicht viele Naturwissenschaftler bereit, wie Teichmann einen Neuanfang zu wagen. Ein Grund ist der Jobmarkt: Nach Angaben des Personaldienstleisters Adecco ist er vergangenes Jahr um 34 Prozent eingebrochen. Doch die Zahlen täuschen. Chancen zum Jobeinstieg und -wechsel bestehen weiterhin, zum Beispiel in der Pharmaindustrie, zweitgrößter Arbeitgeber für Biologen nach der Chemiebranche: Neben der Forschung arbeiten Naturwissenschaftler hier vor allem im Vertrieb und für die klinische Prüfung von Arzneimitteln. Auch die Hersteller und Händler von Medizintechnik suchen Außendienstler für den Vertrieb ihrer Hightech-Produkte.

Abschied vom Blümchen-Idyll

Relativ gut stehen die Jobchancen für Grenzgänger zwischen der "Lehre vom Leben" und anderen Naturwissenschaften. An der Schnittstelle zwischen Biologie und Physik etwa entsteht die Nanotechnologie, die nach Ansicht von Experten künftig Produkte und Verfahren revolutionieren wird. Die Chemieindustrie wiederum arbeitet immer stärker mit biotechnologischen Verfahren. Im Zuge dieser Entwicklung entstehen auch neue Berufsbilder - wie das des Biomediziners. Als forschender Arzt steht er nicht mehr an den Krankenbetten, sondern verbringt die meiste Zeit im Labor. Die Zahl der Studiengänge steigt. Absolventen der Biomedizin werden vor allem in der klinischen Forschung der Pharmaindustrie arbeiten.

Selbst klassische Biologen, als Bienchenbeobachter und Blümchenzähler verschrien, stehen nicht so schlecht da, wie oft vermutet. Vorausgesetzt, sie versteifen sich nicht auf den Umwelt- und Tierschutz, wo die Joblage eher düster aussieht. Wer sich dagegen auf Pflanzen- und Tierarten spezialisiert, die aus industriellen Gründen interessant sein könnten, hat bessere Karten. "Biodiversitätsforscher" heißen die Wissenschaftler, die nach unbekannten Arten und manchmal nach ihren Kampfstoffen jagen. "Vor allem die Pharmaindustrie ist an neuen Zellgiften interessiert, aus denen sich unter Umständen Medikamente gewinnen lassen", sagt Georg Kääb vom Vdbiol.

Zurück zu den Wurzeln, sprich - zur Forschung, käme für Teichmann momentan nicht in Frage. "Der Patentbereich ist unabhängiger von der Konjunktur, schließlich muss ein Unternehmen seinen gewerblichen Rechtsschutz permanent aufrecht erhalten." Klingt vernünftig. Trotzdem fehle ihr manchmal die manuelle Arbeit. "Ich kompensiere das dann bei mir zu Hause in der Küche." Und wenn es ein leckerer Kuchen wird, riecht es auch fast wieder wie im Labor.
Dieser Artikel ist erschienen am 06.10.2003