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Brachliegende Potenziale

Der erste Schritt ist getan: Seitdem ein SPD-Kanzler das Wort "Elite" im Zusammenhang mit Bildung offensiv in den Mund genommen hat, lässt sich der kleinere Kreis derer genauer umzirkeln, die mit Elite nichts anderes assoziieren als Ungleichheit und Konservatismus. Jetzt kommt es darauf an zu schauen, ob der Kanzler und die Seinen den Mund nicht zu voll genommen haben.
Der erste Schritt ist getan: Seitdem ein SPD-Kanzler das Wort "Elite" im Zusammenhang mit Bildung offensiv in den Mund genommen hat, lässt sich der kleinere Kreis derer genauer umzirkeln, die mit Elite nichts anderes assoziieren als Ungleichheit und Konservatismus. Jetzt kommt es darauf an zu schauen, ob der Kanzler und die Seinen den Mund nicht zu voll genommen haben. Zwar ist der Bund politisch in der Lage und befugt, finanzielle Mittel im Hochschulbereich einzusetzen, aber trotz seiner Rahmenkompetenz wurde von den Ländern die gelbe Karte gezeigt. Verständlicherweise.Kein Bundesland kann daran interessiert sein, ohne eine "Elite-Uni" zurückzubleiben. Hatte noch Clement am Beginn der Debatte die Steigerung der Wissenschaftsausgaben um 0,5 BIP-Prozent propagiert, so stellten sich die Dinge später anders dar. Mit diesem Geld hätte man mühelos in jedem Bundesland mindestens eine Elite-Uni bauen können, und es wäre noch etliches übrig geblieben zur Qualitätsverbesserung der Breitenausbildung. Nun, da es nur ein Vierzigstel dessen ist, besteht diese Option nicht mehr. Das Geld wird dafür verwendet werden, nicht ganze Universitäten als Leuchttürme zu etablieren, sondern einzelne Fächer, Fachbereiche, Netzwerke, Wissensallianzen. Das ist gut so.

Die besten Jobs von allen

Aber werden die aufgerüsteten Universitäten überhaupt die Studierenden finden, die mit einem solchen Qualitätsangebot etwas anfangen können? Schon jetzt bleiben Studienplätze in anspruchsvollen naturwissenschaftlichen Fächern leer und die Abbruchquoten sind immens. Elite-Förderung muss deshalb an der Schule ansetzen. Und hier gibt es bereits bei den Kleinen noch viel zu tun: Wir vernachlässigen systematisch die Identifikation von Hoch- und Sonderbegabungen im Vorschul- und Grundschulalter. Damit werden Schulversagerkarrieren von so genannten "under-achievern" angelegt - unerkannten Hochbegabten, die sich durch die Schule quälen. Würde man alle Kinder im Alter von vier Jahren einer Entwicklungs- und Leistungsdiagnostik unterziehen, dann wären übrigens auch die Kinder schneller identifiziert, die Schulschwierigkeiten haben werden, weil sie lernschwach sind.Doch wer soll die Evaluation vornehmen? Das pädagogische Personal im Vorschulbereich hat in Deutschland keine wissenschaftliche Ausbildung und könnte eine entsprechende Diagnostik gar nicht durchführen. Selbst wenn man dies änderte, wäre eine weitere Entscheidung notwendig: Erkennt man an, dass Leistungseliten auch das Resultat besonderer Begabung sind, dann muss für diesen Kreis von fünf bis zehn Prozent eines Altersjahrgangs auch ein besonderes schulisches Angebot bereitstehen. Es macht wenig Sinn, Hochbegabte in gesonderten Einrichtungen wegzuschließen und sie später realitätsfremd auf die Menschheit loszulassen. Hochbegabte können stattdessen im normalen Schulsystem erfolgreich sein, wenn sie zusätzliches "Lernfutter" erhalten. Das bedeutet Mehrarbeit für die Lehrer. Und die Notwendigkeit zu neuen Enrichment-Angeboten.Die Einführung der Ganztagsschule eröffnet Möglichkeiten dazu. Aber es ist zu befürchten, dass diese nicht genutzt werden. Stattdessen ist ein Kultusminister heute schon stolz darauf, wenn er "Schnellläufer-Klassen" sein Eigen nennen kann, als ob die Herausbildung von Eliten nur eine Frage des Tempos und nicht der Substanz wäre. Nehmen wir einmal an, deutsche Bildungspolitiker und Pädagogen würden ihre Haltung revidieren, dass alle Schüler im gleichen Tempo das Gleiche lernen müssen, so dass Differenzierung und Individualisierung (auch immer im Interesse der Schwächsten!) Normalfall würden, wären deutsche Pädagogen denn für diese Differenzierung vorbereitet? Mitnichten.In Ländern wie Finnland, dem Pisa-Sieger, hat man wenig Verständnis dafür, dass in Deutschland jeder Lehrer werden darf, der es will und das Staatsexamen besteht. Benötigen wir für die Identifikation und Ausbildung von Leistungseliten in der Schule nicht selbst die Besten? Zweifellos. Finnland zeigt den Weg: Wer ein Lehramtsstudium aufnehmen will, muss ein Assessment -Verfahren durchlaufen, bei dem Begeisterung für das Studienfach und die Liebe zu Kindern eher Knock-out-Kriterien sind. In Deutschland muss endlich begriffen werden, dass das Amt des Lehrers ein hoch professionalisierter Elite-Job ist.Die Sozialisanden der 70er Jahre werden einwenden, damit sind wir doch 30 Jahre gut gefahren. Richtig - aber nur deshalb, weil es eine ähnliche Kumpanei zwischen Politikern und ihren Wählern gab: zu ignorieren, dass wirtschaftlicher Erfolg, dass Lebensqualität, ja, die bloße Existenz letztlich auf Arbeit beruht. Wahrscheinlich hätte die Politik des Wegsehens noch etwas länger gegriffen, wenn nicht im Renten- und Gesundheitssystem die demografische Falle sichtbar geworden wäre. Die Geburtenrückgänge sind dramatisch. Es wird darauf ankommen, jede Reserve zu nutzen. Wir alle werden länger, härter, mehr arbeiten, und Qualifikationsreserven werden nicht passiv bleiben dürfen. Frauen nicht, Migranten nicht, Hochbegabte nicht. So gesehen, gibt es gar keine Alternative: Zur Elite werden viel mehr gehören, als wir uns heute träumen lassen. Oder auch nicht.Dieter Lenzen, 57, ist Präsident der Freien Universität Berlin. Der Pädagogikprofessor leitet dort auch den Arbeitsbereich "Philosophie der Erziehung".
Dieser Artikel ist erschienen am 26.07.2004