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Bozen: Ski und Rödeln gut

Dagmar Thiel
Foto: Othmar Seehauser
Montag bis Samstag: Wiwi, Recht und Sprachen. Sonntags ins Auto. Zehn Minuten zur Gondel, dann rauf in die Dolomiten. Abends Party – mit Leuten aus ganz Europa. Wirtschaftsstudium in Bozen ist hartes Programm.
Montag bis Samstag: Wiwi, Recht und Sprachen. Sonntags ins Auto. Zehn Minuten zur Gondel, dann rauf in die Dolomiten. Abends Party – mit Leuten aus ganz Europa. Wirtschaftsstudium in Bozen ist hartes Programm.

Tutto chiaro, everything okay??, vergewissert sich Dozent Wolfgang Salzberger, bevor er die nächste Frage stellt. ?Welche Unterschiede bestehen zwischen einer deutschen und einer italienischen Bilanz?? Alle starren angestrengt auf ihre Aufzeichnungen. Schließlich erbarmt sich eine Italienerin und beantwortet die Frage in leicht gebrochenem Deutsch. Ein Sprach-Mix aus Italienisch, Englisch und Deutsch gehört an der Freien Universität Bozen zum Alltag. Im Studiengang Wirtschafts- und Handelswissenschaften heißt die Vorlesung je nach Nationalität des Dozenten Accounting, Ragioneria oder Rechnungswesen.

Die besten Jobs von allen


?Mit drei obligatorischen Unterrichtssprachen ist unser Studiengang einzigartig?, meint Friedrich Schmidl, geschäftsführender Vizepräsident und Gründungsmitglied der Freien Universität Bozen. Gute Kenntnisse von zwei der drei Unterrichtssprachen und Grundkenntnisse in der dritten gehören zu den Aufnahmebedingungen. Danach heißt es, neben dem Wirtschaftsstudium in allen drei Sprachen fit zu werden. ?Sonst kommt man inhaltlich einfach nicht mit?, sagt Cedrik Schober aus Idstein im Taunus.

Der 21-Jährige hat gerade einen Crashkurs Italienisch hinter sich. Zum kompletten Verstehen der Vorlesung Diritto dellŽeconomia (Wirtschaftsrecht) reicht es bei ihm allerdings noch nicht. ?Am schnellsten macht man Fortschritte auf Partys mit den italienischen Kommilitonen?, erzählt Jan-Björn Schömann, 23, aus Bremen. Fürs Sprachenlernen ist Bozen ideal: Deutsch und Italienisch sind in Südtirol als gleichberechtigte Amtssprachen anerkannt, fast alle Einwohner sprechen beides fließend.

980 Studenten besuchen die Universität Bozen. Die Fakultät für Wirtschaftswissenschaften ist im Hauptgebäude, einem ehemaligen Krankenhaus, in der barocken Altstadt untergebracht; die Pädagogische Fakultät liegt im benachbarten Brixen. Von den 270 Studenýen, die für Wirtschafts- und Handelswissenschaften eingeschrieben sind, kommt ein Viertel aus dem Ausland: aus Deutschland, Kasachstan, den Niederlanden und Russland. Im Schnitt haben sich jedes Semester 90 Neue für den Studiengang entschieden. Bei 100 Erstsemestern pro Jahr liegt das Maximum.

Verzetteln unmöglich

Der Wiesbadener Marius Klein-Klute möchte ?auf keinen Fall? mit seinen Kommilitonen in Deutschland tauschen. Erfahrungen an einer deutschen Uni hat der 25-Jährige bereits gemacht. Zwei Semester studierte er in Mainz Politik, der Frust wuchs, und schließlich arbeitete er zwei Jahre lang als Souffleur beim Theater. ?In Mainz hat es niemanden interessiert, ob ich im Seminar anwesend war oder nicht. Aber hier in Bozen läuft mit Blaumachen wenig. Bei dem straffen Studienplan und den regelmäßigen Prüfungen ist Verzetteln fast unmöglich.? Dazu komme eine Ausstattung, von der man an den meisten deutschen Unis nur träumt. Allein für die Studenten der Handels- und Wirtschaftswissenschaften gibt es ein großes multimediales Sprachzentrum, dazu 70 Computerarbeitsplätze mit Internetzugang.

Gegründet wurde die Uni Bozen im Oktober 1997, ein Jahr später startete der Lehrbetrieb. Die ersten Absolventen werden den Campus im Sommer 2002 verlassen. ?Wir bilden Führungskräfte für mittlere und kleine Unternehmen in Europa aus?, beschreibt Vizepräsident Friedrich Schmidl das Studienziel.

Jobs in italienischen Unternehmen sind bei den Studenten jedoch weniger begehrt: ?Italienische Firmen zahlen für die gleiche Position bis zu 40 Prozent weniger Gehalt als deutsche?, hat die Frankfurterin Silvia Härtel festgestellt. Die 24-jährige Fremdsprachenkorrespondentin mit Berufserfahrung in der Werbung würde deshalb am liebsten für ein deutsches oder internationales Unternehmen nach Italien gehen – und so das italienische Lebensgefühl mit einem guten Salär verbinden.

Das vierjährige, staatlich anerkannte Studium führt zum ,Laureat der Wirtschaftswissenschaften?. In Aufbau und Inhalt ist es fast identisch mit einem BWL-Studium in Deutschland?, erklärt Vizepräsident Schmidl. ?Aber bei uns liegt der Fokus auf internationalen Wirtschaftsbeziehungen und internationalem Management. Finanz- und Bankwesen entwickelt sich zu einem weiteren Schwerpunkt.? Der besondere Ansatz in allen Fächern ist dabei das wissenschaftlich vergleichende Arbeiten: Zum Beispiel die Gegenüberstellung von italienischem, deutschem und anglo-amerikanischem Privatrecht.

Was nicht explizit auf dem Lehrplan steht, ist interkulturelle Kompetenz. ?Die kriegen wir so ganz nebenbei mit?, erzählt Jan-Björn Schömann, der jetzt schon seit zwei Jahren da ist und sich im Kulturwirrwarr der Uni superwohl fühlt. Der Vergleich mit Koýmilitonen aus anderen Ländern macht ihm die deutschen Eigenarten bewusst: ?Die Deutschen sind ehrgeizig, fleißig und haben Spaß an Diskussionen. Die Italiener und Südtiroler hingegen sind cooler und gelassener und halten sich bei Kontroversen eher zurück.?

Austausch mit acht Hochschulen

23 Fächer stehen in vier Jahren auf dem Studienplan, jedes Semester endet mit schriftlichen Prüfungen in der jeweiligen Kurssprache. Dazu kommen wöchentliche Tests. Für den erfolgreichen Abschluss eines Fachs werden Credit Points vergeben. Nach vier Jahren muss eine vorgegebene Punktzahl erreicht sein. Die krönende Herausforderung im vierten Studienjahr ist eine Abschlussarbeit, vergleichbar mit der deutschen Diplomarbeit. In welcher Sprache sie verfasst wird, vereinbaren Professor und Student. Zum multikulturellen Studienkonzept der Uni Bozen gehören auch Austauschprogramme mit anderen Hochschulen in Europa. Kooperationen bestehen mit Madrid, Barcelona, Lausanne, Wien, Namur, Bonn, Eichstätt und Mannheim. Auslandssemester sind für die Studenten zwar nicht Pflicht, aber ?erwünscht?.

?Ein Studium wie hier wird in Deutschland nur an einer Privatuniversität geboten?, glaubt Silvia Härtel. ?Nur muss man dafür hier nicht so viel Geld hinblättern.? 1.200.üark kostet das Studienjahr an Gebühren. Die Hochschule ist staatlich und so trägt das Land Südtirol den Löwenanteil des Uni-Budgets, das sich im Jahr auf rund 35 Millionen Mark beläuft. Ein Teil davon wird in einen großen Anbau investiert: Für 200 Millionen Mark soll bis 2006 ein Vierfaches an Platz entstehen.

Eingeflogene Professoren

Auch personell ist die Uni noch im Aufbau: 40 Dozenten haben zurzeit in Bozen einen Lehrauftrag, doch es gibt nur drei feste Professorenstellen. Die sollen allerdings noch um sieben aufgestockt werden. Zu den festen gesellen sich 27 Gastprofessoren aus Rom, Florenz, Bologna, Wien, Innsbruck, Bonn und dem schweizerischen Fribourg. Dazu werden regelmäßig Professoren aus den USA und England für einen Monat als Gäste eingeflogen.

Auch von den Studienbedingungen kann so mancher Student einer deutschen Bildungsfabrik nur träumen: Die Professoren müssen genauso viele Sprechstunden anbieten wie Vorlesungen und Seminare. Ab dem fünften Semester kümmern sich außerdem externe Tutoren um die Studenten: Manager, Anwälte, Steuerberater und Unternehmensberater aus der Region helfen bei Problemen im Studium oder vermitteln Praktikumsplätze.

Die Universität bietet ihren Studenten viele Möglichkeiten, das Lehrangebot mitzugestalten. Einmal im Jahr etwa bewerten die Studenten ihre Professoren. Nicht ohne Konsequenzen: Bei zu schlechten Noten werden Verträge nicht verlängert. Im Mai kommen internationale Referenten zu einer Tagung zum Thema Unternehmensfinanzierung an die Bozener Uni. Die Idee brachte ein Student aus dem Praktikum mit. Silvia Härtel ist über so viel Offenheit begeistert: ?Wer sagt in Deutschland schon, dass er auf seine Uni richtig stolz ist??

Das Ganze hat allerdings einen Haken: Billig ist das Leben in Bozen nicht. Vor allem die Mietpreise belasten das Konto – mit Mieten von 20 bis 30 Mark pro Quadratmeter ist das Wohnen in der 100.000-Einwohner-Stadt teurer als in München. Studentenwohnheime werden gerade gebaut. Bis die fertig sind, hilft die Uni bei der Suche nach bezahlbaren Zimmern.

Cedrik Schober hat sich deshalb gleich eine Bleibe außerhalb der Stadt gesucht, in den Bergen. ?Ski fahren und Snowboarden im Winter, Klettern und Rafting, wenn der Schnee weg ist. Einfach genial?, schwärmt er. Im Frühling will er was Neues probieren: Paragliding in den Dolomiten. Nur lästig, dass in der Regel auch samstags Vorlesungen auf dem Stundenplan stehen. ?Alles eine Frage der Organisation?, kommentiert Cedrik mit breitem Grinsen. ?Die Zeit muss man sich halt nehmen.?

Auch für lange Nächte in der Studentenkneipe Nadamas. ?Die Szene steckt in Bozen zwar noch in den Kinderschuhen?, findet Marius Klein-Klute. Aber für Partylöwen gibt?s ein Trostpflaster: Die Hand voll Clubs in der Altstadt platzen jeden Abend aus allen Nähten. Cedrik bestellt im Stakkato an der Bar: ?Un bicchiere di vino rosso.? ?Kommt sofort?, erwidert die Südtiroler Bedienung. Studentenschicksal in Bozen. Da bleibt nur, mit den italienischen Kommilitonen auf Partys weiter zu üben.

WAS. WER. WO.


Freie Universität Bozen
Fakultät für Wirtschaftswissenschaften,
Sernesistraße 1, 39100 Bozen,
Tel.: 00 39/4 71/31 53-15,
Internet: www.unibz.it
E-Mail: student.secretariat@unibz.it

Ansprechpartner für Bewerber: Dr. Francesca Nardin, Tel.: -16, E-Mail: advisoryservice@unibz.it

Studenten im Studiengang Handels- und Wirtschaftswissenschaften: 270

Anteil ausländischer Studenten: 25 %

Betreuungsverhältnis: Professoren : Studenten: 1: 9; Dozenten : Studenten: 1: 7

Organisation: 8 Semester, 18 bis 20 Semesterwochenstunden, dazu vier Stunden Sprachkurse

Abschluss: Laureat für Wirtschaftswissenschaften (vergleichbar dem deutschen Magister), ab WS 2001/2002 Bachelor und Master of International Economics und Management

Studiengebühren:
1.200.Mark/Jahr, Stipendien möglich, Infos: Tel.: 00 39/4 71/41 33 43, E-Mail: Eva.Vicari@provinz.bz.it

Voraussetzungen: Abitur, gute Kenntnisse in zwei der drei Unterrichtssprachen

Auswahlverfahren: Anfang September Sprachprüfung (eine Stunde schriftlich, 20 Minuten mündlich) und Test zur Allgemeinbildung

Bewerbungen im Jahr 2000: 139

Plätze pro Jahr:
100

Bewerbungsschluss: Mitte August

Studienbeginn: WS

Dieser Artikel ist erschienen am 21.02.2001