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Boxen ist Leben

Von Tanja Kewes
Werner Baldessarini ist seit 40 Jahren Boxfan. Der Sport hat ihn vieles gelehrt. Zum Beispiel vom Auftreten auf den Erfolg zu schließen.
Der Einzug ist martialisch. Die Hymne ?Relight my fire" reißt am Abend des 25. November im ostwestfälischen Halle 12 000 Boxfans aus ihren Sitzen. Bei seiner Rückkehr in den Ring trägt Axel Schulz einen grünsilbernen Mantel aus Seide. Eine schwarze Schirmmütze verdeckt seine Augen. Das Schwergewicht misst 1,91 Meter, 105,5 Kilo.In der ersten Reihe verzieht Werner Baldessarini seine Stirn in ein Gitternetz aus vertikalen und horizontalen Falten und setzt sich wieder. Er hat genug gesehen.

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Als Axel Schulz durch die Ringseile schlüpft, weiß Baldessarini, dass er verlieren wird, dass dem 38-Jährigen sein Comeback nicht gelingen wird. ?Die Atmung?, erklärt Baldessarini Wochen später in seinem Büro in München, und pustet sehr schnell und sehr tief Luft ein und aus und ein und aus, ein, aus, ?seine schwere Atmung beim Einlaufen hat mir gesagt, er ist nicht bereit für den Ring.?23 Minuten und 38 Sekunden später ist das Handtuch geworfen. Technischer K.o. Axel Schulz verlässt blau und blutig geschlagen die Halle. Pfeifkonzert statt Relight my Fire.Ein Kampf so gar nicht nach dem Geschmack von Werner Baldessarini ? auch wenn er Recht behalten hat. Zu viel Blut, zu wenig Bewegung, kein Köpfchen. Der frühere Kreativ- und spätere Vorstandschef des Modekonzerns Hugo Boss ist von der Eröffnungsformel ?Let's get ready to rumble? bis zum Knock-out Boxfan. Er betrachtet den Sport aus einer höheren Warte. Boxen heißt für den 61-Jährigen leben. ?Um sich durchzusetzen, müssen Sie im Leben wie im Ring auf den Punkt fit sein?, sagt Baldessarini, ?und im entscheidenden Moment müssen Sie als Boxer wie als Manager Ihre Deckung aufgeben, also ein Risiko eingehen, um punkten zu können.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Luftschläge und Trockenübungen beherrscht Baldessarini aus dem Effeff, aber im Ring stand er selbst noch nie.Feinsinnige Worte aus dem Munde eines Mannes, der selbst aussieht, als hätte er schon so manches Mal in den Seilen gehangen. Baldessarini hat eine platte Nase, kurz geschorene Haare und eine Stirn, die von tiefen Furchen durchzogen ist. ?Links, links, zwei, drei, vier kurze Jabs?, sagt Baldessarini und führt in schwarzem Stretch-Samt-Anzug mit seinem linken Unterarm kurze Schläge auf Kopfhöhe aus, ?immer wieder, immer weiter, so lange, bis der Gegner seine Deckung vernachlässigt und dann, wenn sich die Lücke auftut, mit der Rechten schnell durchziehen?. Seine kleinen, blauen Augen blitzen unter einer auffallend geraden Brauenpartie im ansonsten runden Gesicht.Luftschläge und Trockenübungen beherrscht Baldessarini aus dem Effeff. Selbst stand er, ein Mittelgewicht, aber noch nie im Ring. Baldessarini liebt stattdessen die ?Kunst?, einen Punchingball unter Kontrolle zu halten: ?Das fordert Konzentration, Disziplin und körperliche Fitness. Kopf und Körper müssen perfekt zusammenarbeiten.? Sein Lieblingsboxer ist gerade nicht Nikolai Walujew, das 2,17 Meter große ?Beast from the East?, sondern neben Vitali und Wladimir Klitschko der ?Gentleman?. ?Henry Maske hat mit Konfektionsgröße 98 Modellmaße, und seine Hände?, schwärmt Baldessarini und hält seine eigenen in die Höhe, ?sind so filigran wie die eines Klavierspielers?.Am Ring sitzt er immer in der ersten Reihe ? auch wenn es da wie im Kampf von Axel Schulz schon mal Blut und Schweiß regnet. ?Ich gehe voll mit?, erzählt er und holt zum Beweis einen Zeitungsausriss hervor. Das Foto zeigt im Vordergrund groß Wladimir Klitschko im Ring und im Hintergrund klein einen Boxfan, der aufgesprungen ist, die Arme in die Höhe gerissen und den Mund aufgesperrt. ?Das bin ich?, sagt Baldessarini und tippt auf das Zeitungspapier. Eine Beruhigungspille hat er bei Kämpfen sicherheitshalber immer in der Hosentasche.Lesen Sie weiter auf Seite 3: ?Um fünf Uhr in der Früh bin ich aufgestanden, um den größten Boxer aller Zeiten zu sehen."Mitte der 60er-Jahre fing Baldessarini Feuer. ?Um fünf Uhr in der Früh bin ich aufgestanden, um den größten Boxer aller Zeiten zu sehen: Cassius Clay?, erzählt der Boxfan. Baldessarini ist damals 20 Jahre jung und arbeitet als Modeverkäufer in München. Ihn faszinieren Artistik und Frechheit des Amerikaners. Clay, der sich später Mohammed Ali nennt, war mit seiner rasanten und zugleich tänzerischen Beinakrobatik äußerst flink im Ring unterwegs und provozierte seine Gegner, indem er die Hände neben den Hüften hängen ließ, anstatt sich zu decken. ?Der Ali-Shuffle ist bis heute Legende, und meine Lieblinge unter den Boxern", sagt Baldessarini, ?sind bis heute die Tänzer.?Boxen, das bedeutet aber auch, auf die Bretter zu gehen und sich in kürzester Zeit ? in zehn Sekunden ? wieder zu berappeln und erneut dem (Lebens-)Kampf zu stellen. In seinem Leben hat sich Baldessarini nicht durchboxen müssen ? weder im sprichwörtlichen Sinne noch im sportlichen. ?Ich bin ein Glückskind?, sagt Baldessarini über sich selbst und seine Karriere: ?Ich musste nur Dinge machen, die mir Spaß gemacht haben. Eine Bewerbung?, sagt er, grinst und rückt sich in seinem Stuhl zurecht, ?habe ich zum Beispiel nie geschrieben.?Baldessarini lernte im Modehaus Hirmer Textilkaufmann. Beim Herrenausstatter Wagenheimer stieg er vom Verkäufer zum Abteilungsleiter und zum Chefeinkäufer auf. 1975 holen ihn die Holy-Brüder zu Hugo Boss nach Metzingen. Als Kollektionsmacher verbindet er italienisches Design mit deutscher Zuverlässigkeit ? und macht sich unersetzlich. 1988 rückt er in den Vorstand auf und verantwortet das Splitting der Marke Hugo Boss in drei eigenständige Linien. ?Hugo? steht für sportlich, ?Boss? für klassisch und ?Baldessarini? für exklusiv.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Der Erfolg im Ring und auf dem Laufsteg gibt Baldessarini Recht.Die neue Linie ?Hugo? scheint dabei einem ganz speziell auf den Leib geschneidert: Henry Maske. Der ?Rechtsausleger? etabliert in den 80er- und 90er-Jahren mit seiner defensiven Strategie (?Es gewinnt nicht derjenige, der die meisten Treffer landet, sondern derjenige, der die wenigsten Treffer abbekommt?) nicht nur einen neuen Kampfstil, sondern macht Boxen auch salonfähig. Baldessarini erkennt das Potenzial und stattet Henry Maske mit Maßgeschneidertem aus Metzingen aus.Der Erfolg im Ring und auf dem Laufsteg gibt Baldessarini Recht. Als Kreativchef kann er walten und schneidern, wie er will ? und das gefällt dem Deutschen mit italienischen Wurzeln.Seine Boxleidenschaft stellt er in die Dienste des Konzerns. Beflissen eilt er, mittlerweile Vorstandschef von Hugo Boss, den Boxchampions Vitali und Wladimir Klitschko entgegen, als sie auf der Suche nach einem passenden Anzug nach Metzingen zu Hugo Boss kommen. Der gelernte Textilkaufmann nimmt Maß: ?40 Zentimeter Umfang Bizeps, 120 Brust ...? notiert er. ?Und dabei erzählte er uns, dass Boxen seine heimliche Leidenschaft und Henry Maske ein guter Freund von ihm sei?, schreibt Vitali Klitschko, der ältere der beiden Brüder, in dem Buch ?Unter Brüdern?. Man ist sich sympathisch, der Kreative und die Brüder. ?Er (Baldessarini) ist viel zu engagiert in allem, was er tut, um sich mit Mittelmaß zu begnügen. Darin sind wir uns irgendwie ähnlich. Als Boxer gibt man alles, oder man lässt es besser.?Baldessarini ist kein typischer Vertreter seines Metiers. Er weiß zwar, zum Beispiel vor der Kamera zu posieren ? als Kreativchef hat er Tausende Fotoshootings auch mit Größen der Branche wie Karl Lagerfeld erlebt ?, aber er kann es nicht auf Knopfdruck. Baldessarini, der 50 Jahre als Junggeselle lebte, ist misstrauisch und muss erst mit den Menschen und der Umgebung warm werden. Ein Showman und Süßholzraspler ist er trotz jahrzehntelanger Erfahrung im Jetset und Dolce Vita in Kitzbühel nicht. Seine Lieblingsblume ? und Logo der Modemarke Baldessarini ? ist die Margerite.Lesen Sie weiter auf Seite 5: ?Im Ring wird der ursprünglichste Kampf der Menschheit ausgetragen."Sein Geschäft, die Mode, ist für ihn mehr als bunte Stoffe und gewagte Schnitte. Mode hat eine Funktion und ihre Berechtigung. ?Das Werk der Mutter Teresa war sicher wichtiger?, sagt er, ?aber Mode hat viel Sinn. Mode betrifft jeden und hilft bei richtiger Anwendung der Persönlichkeit und gibt Selbstvertrauen.? Wenn zum Beispiel die Hose bei einem Mann im Schritt durchhänge, dann habe dieser verloren.Mit maßgefertigter Kampfkleidung und Verkäufertalent verpasst er auch den Klitschkos ein neues Selbstwertgefühl ? und leistet damit einen kleinen Beitrag zu ihren Erfolgen. ?Boxer sind die Gladiatoren der Neuzeit?, sagt er den beiden Ukrainern, ?im Ring wird der ursprünglichste Kampf der Menschheit ausgetragen: Mann gegen Mann, jeder allein mit seiner Kraft!? Ihren Einwurf, dass die alten Römer keine Faustkämpfer waren, sondern Waffenträger, wischt er weg. Er weiß, wie er sie einzukleiden hat.?Schon die Skizzen überzeugten uns, ja, sie begeisterten uns?, schreibt Vitali Klitschko. Die Hosen sind aus empfindlicher Seide, die nur einmal getragen werden kann, und die Mäntel aus Ponyfell und Stich für Stich von Hand genäht. Als der ältere der Klitschkos den 25-Kilo-Überwurf zum ersten Mal umlegt, scherzt er: ?Gebt mir ein Schwert, und ich bin unbezwingbar.?Boxen ist nicht die einzige Sportart, die den Modedesigner begeistert. Baldessarini, der seit 30 Jahren stets den neuesten 911er Porsche fährt, liebt auch die Formel 1. Auf der Yacht von Bernie Ecclestone, dem Boss der Formel 1, gehen Baldessarini und seine 18 Jahre jüngere Frau Cathrin beim alljährlichen Rennzirkus in Monaco ein und aus. Dem Reiz der Geschwindigkeit erliegt der gebürtige Tiroler auch beim Skifahren. Und dann ist da noch Polo ? aber das elitäre englische Spiel um Mensch und Pferd das ist mehr die (Mode-)Marke Baldessarini. Boxen, das ist der Mensch Baldessarini.Auf den fünften Cup, der am 19. Januar in Kitzbühel beginnt, freut er sich natürlich, doch wenn er ehrlich ist, freut er sich noch ein Stückchen mehr auf das Comeback seines Freundes Henry Maske. Am 31. März in München wird Baldessarini wieder in der ersten Reihe sitzen, und auf die Atmung vor dem Gong zur ersten Runde achten.
Dieser Artikel ist erschienen am 14.01.2007