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Boris Beckers Ex-Coach verfügt über vierzig Firmen

Von Reinhold Vetter, Handelsblatt
Ion Tiriac machte mit Boris Becker viel Geld. Heute steuert er Dutzende Firmen in Rumänien und öffnet anderen die Türen. Er macht Geschäfte mit Tochterfirmen von Allianz und Metro, besitzt eine Bank, eine Fluglinie, eine Leasing-Gesellschaft, eine Firma, die landesweit Aufzüge installiert und ist Generalimporteur von Mercedes.
BUKAREST. Noch immer trägt er jenen zotteligen Schnauzbart, der schon in den achtziger Jahren sein Markenzeichen war. Aber er hat sich zum grauen Vollbart ausgewachsen. Damals machte sich Ion Tiriac vor allem als geschäftstüchtiger Coach von Boris Becker einen Namen. ?Ich war der Erste, der Tennisturniere zu richtigen Events machte, bei denen nicht nur Athleten und Zuschauer, sondern auch Sponsoren, Fernsehsender, Gastronomen und Sportartikelhersteller auf ihre Kosten kamen?, sagt er heute stolz.Sein grimmiger Blick von damals ist nachdenklicher Gelassenheit gewichen. Kein Wunder. Mit seinen 40 Firmen und einem Privatvermögen von 600 Millionen Dollar gehört er heute zu den markantesten Unternehmerpersönlichkeiten in ganz Osteuropa.

Die besten Jobs von allen

?Boris Becker sehe ich zwei- bis dreimal im Jahr, und dann sprechen wir bei einem Bier über die guten alten Zeiten?, schmunzelt Tiriac und zeigt auf einen Holzschläger, mit dem er in den siebziger Jahren unter anderem die French Open gewann. ?Mit diesem Racket würde der erste der Tennisweltrangliste, Roger Federer, wohl kaum spielen können.?Tennis sei schneller und athletischer geworden. Vor allem aber, meint Tiriac, müssten die Spieler heute das ganze Jahr über quer durch die Welt reisen, um im Geschäft zu bleiben. ?Und da fließen Milliarden.?Aber auch Tiriac hat schon damals exzellent verdient und das Geld vor allem in Rumänien investiert. Von seinem Büro im teuersten Stadtviertel von Bukarest aus steuert er eine Holding, die an den rumänischen Tochterfirmen von Metro und Allianz beteiligt ist. Die Metro-Gruppe kommt in Rumänien auf einen Jahresumsatz von einer Milliarde Euro. Die Allianz betreibt den größten Versicherer des Landes.Er besitzt außerdem eine Bank, eine Fluglinie, eine Leasing-Gesellschaft und eine Firma, die landesweit Aufzüge installiert und wartet. Außerdem ist der bekennende Autofan Generalimporteur von Mercedes. Und ? er veranstaltet Tennisturniere in Madrid, Kitzbühel, Dubai und Bukarest.Lesen Sie weiter auf Seite 2: ?Ich arbeite wie ein verrückter Hund? ?Ich bin inzwischen 65 Jahre alt und arbeite immer noch wie ein verrückter Hund?, bekennt der Mann, der lange Zeit um seine Anerkennung als seriöser Unternehmer kämpfen musste. Allerdings hat er angefangen, sich etwas aus dem operativen Geschäft zurückzuziehen. ?Er ist derjenige, der die strategischen Entscheidungen herbeiführt?, sagt sein Generalmanager Radu Merica. Aber Loyalität zum Chef sei oberste Regel.Und so macht Tiriac das, was ihm ohnehin den größten Spaß bereitet: durch die Welt reisen, Kontakte pflegen und Projekte anbahnen. Jährlich absolviert Tiriac bei seinen Reisen etwa 1000 Flugstunden, zum Teil selbst als Pilot. Neben seiner Lieblingsfremdsprache Italienisch beherrscht er Französisch, Englisch, Deutsch und Ungarisch. Im multikulturellen Siebenbürgen, wo Tiriac aufwuchs, wurde Rumänisch, Deutsch und Ungarisch gesprochen.Aber er denkt nicht nur ans eigene Geschäft, sondern öffnet auch anderen die Türen. So half er dem deutsch-französischen Flugzeug- und Rüstungskonzern EADS im vergangenen Oktober, einen Vertrag für ein Grenzschutzsystem im Wert von 650 Millionen Euro mit der damaligen rumänischen Linksregierung abzuschließen. Aber jetzt muss nachverhandelt werden. Die EU-Kommission kritisierte, der Vertrag sei ohne öffentliche Ausschreibung zu Stande gekommen.Obwohl er freundschaftliche Beziehungen zu führenden Politikern wie dem ehemaligen sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Adrian Nastase unterhält, hat sich Tiriac nie richtig in die Politik hineinziehen lassen. ?Dazu ist er viel zu clever?, sagt Dirk Rütze, Geschäftsführer der Deutsch-Rumänischen Handelskammer. Sogar den Posten des Staatspräsidenten hat man Tiriac angetragen. ?Wenn die Politiker dafür sorgen, dass die Gesetze beachtet werden, können wir in Ruhe unsere Business-Pläne machen und Geld verdienen?, macht er klar, wo er seine Rolle weiterhin sieht.Er weiß, dass die Korruption immer noch zu den größten Problemen Rumäniens zählt. Aber er verweist darauf, dass die rumänische Geschichte kaum Phasen demokratisch-rechtsstaatlicher Entwicklung kennt. ?Besonders während des kommunistischen Regimes nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Korruption zu einem Volkssport?, sagt er. Bestechlichkeit sei eine Art Negativkultur in seinem Land. Als Gegenmittel helfe nur eine unabhängige Justiz, die nach rechtsstaatlichen Grundsätzen arbeite. ?Wir haben erste Schritte in diese Richtung unternommen, aber insgesamt ist das noch ein weiter Weg.?Einmal im Jahr nimmt sich der erfolgreiche Unternehmer die Freiheit, Freunde und bekannte Geschäftsleute zur Jagd einzuladen. So eröffnete er Ende Januar sein neues Jagdrevier im Kreis Bihor in Westrumänien mit illustren Gästen, darunter Klaus Mangold, Ex-Chef von Daimler-Chrysler-Services und heute Bundesbeauftragter für Investitionen in Deutschland, Lebensmittelgroßhändler Julius Meinl, Prinz Max Emanuel von Thurn und Taxis sowie Ruhrgas-Chef Burckhard Bergmann. Die Herren erlegten in zwei Tagen 185 Wildschweine, was rumänische Umweltschützer als regelrechtes Gemetzel bezeichneten.Der Gastgeber weist solche Kritik zurück: ?Jagen ist eine Kunst, man muss nur die Regeln beachten.?
Dieser Artikel ist erschienen am 04.05.2005