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Bordell contra Drogenhilfe

Simone Fuchs
In Moot-Courts, simulierten Gerichtsverhandlungen, proben Jurastudenten den Ernstfall. Honorar für die wochenlange Plackerei: Seminarscheine, Siegerprämien und Praxiskontakte.
Der Sitz ist zu hart, eindeutig. ?Anwalt? Kai Wawrzinek, 25, rutscht vor, rutscht zurück, bückt sich und zieht die Socken hoch, steht auf und blättert in den Papierstapeln ? als ob sich das ultimative Argument in letzter Minute doch noch unter die Gesetzes-Wälzer geschlichen hätte. Teamkollege Cay Fürsen, 26, beschäftigt sich angestrengt mit seiner Kugelschreibermine.

Ein bisschen blass um die Nase sind sie, die beiden Jura-Doktoranden der Uni Heidelberg, die im Amtsgericht Mannheim zum Finale des 3. Mannheimer Zivilrechts-Moot-Court antreten. Auch ihre Rivalen von der Klägerseite, die Mannheimer Studenten Kai Büchler, 23, und Torsten Gerhard, 23, haben in den letzten fünf Tagen wenig geschlafen. Blicke gehen zu den Freunden auf den vollbesetzten Bänken im Gerichtssaal.

Innerhalb einer Woche mussten die Teams einer vierköpfigen Jury Klageschrift und Antrag auf Klageabweisung vorlegen, zum argumentativen Showdown kommt es in der mündlichen Verhandlung. Die Finalisten sind aus einer Gruppe von zehn Teams aus Mannheim und Heidelberg übrig geblieben. Dieser ist schon der dritte Fall, den sie in jeweils einer Woche, ?in der wir nichts anderes gemacht haben?, bearbeiten. Immerhin 2 000 Euro Preisgeld für den Sieger und 1 000 Euro für die Nummer zwei stehen jetzt auf dem Spiel. Ab dem Halbfinale gibt es für die Mühen außerdem einen Seminarschein in Zivilrecht.

Moot-Courts, simulierte Gerichtsverhandlungen, gehören in der anglo-amerikanischen Juristen-Ausbildung zum Lehrplan, in Deutschland gibt es sie erst seit etwa zehn Jahren. Sie bringen Praxisnähe ins angestaubte Gesetzesstudium: ?Die Studenten lernen, ihre Argumente zu strukturieren und sich geschickt auszudrücken?, sagt Ulrich Falk, Organisator des Moot-Courts. An der Uni werden diese Fähigkeiten nicht vermittelt. Nur so aber, weiß der Jura-Professor, lassen sich Prozesse gewinnen. Auch Personaler sehen es daher gerne, wenn ihr Gegenüber schon vor dem Referendariat Punkte in simulierten Gerichtsverhandlungen sammeln konnte

Witwe gegen Gewaltfilmproduzent
Die Sachlage im Halbfinale hatten die Mannheimer nach dem Erfurter Schuldrama gestrickt: Die Witwe eines ermordeten Lehrers verklagt den Produzenten des Gewaltvideos, das den ehemaligen Schüler zu den Morden animiert hat.

Der Fall im Finale ist an einen Prozess vor dem Bundesgerichtshof angelehnt. Ein Drogenhilfezentrum im Frankfurter Hauptbahnhof hat sich neben einem Bordell angesiedelt. Der Club mit dem klangvollen Namen ?Venus 2000 GmbH? verklagt den Betreiber des Zentrums, die Stiftung Drogenhilfe, auf Unterlassung und Ersatz der Einnahmeeinbußen. Seit die Junkies ihre Spritzen auf der Straße liegen lassen, gehen die Besucherzahlen bei Venus zurück, oder, wie es Klägervertreter Kai Büchler formuliert: ?Unsere Laufkundschaft wird davon abgehalten, ihre Bedürfnisse zu befriedigen.?

Die besten Jobs von allen
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Schlüpfrige Formulierungen wie diese sorgen für einen kleinen Vorsprung bei der Jury und Lacher im Publikum. Die Kommilitonen hören sogar auf, mit Papier zu rascheln und sich über die Mensa zu unterhalten

Immer wagemutiger werden die Wettbewerber, immer stärker ähnelt das Spiel dem Ernst. In der kühlen Parkett-Eleganz des Gerichtssaales verhandeln nicht mehr Studenten in dunklen Anzügen, sondern Parteien. Gegner, die Vorstöße wagen und sich zurückziehen, die konzentriert ihre Position verteidigen, sich nicht durch die vielen Blicke im Rücken stören lassen.

Dreck und der Lärm der Junkies seien nur ?mittelbare Handlungsstörung?, also harmlos. Das Gewerbe der Venus GmbH werde nicht beeinträchtigt, zumal ein Bordell nicht als Betrieb gelten könne. Außerdem hole die Stiftung Drogenhilfe die Junkies von der Straße, es liege im öffentlichen Interesse, dass sie ihre Arbeit weiterführe

Je nach Brillanz oder Schlappheit der Argumente ziehen sich die Augenbrauen der Jury-Mitglieder zusammen, gibt es ein aufmunterndes Lächeln oder irritierte Blicke. Zwei Professoren sitzen da oben auf der Richterbank, ein ehemaliger Vize-Präsident des Bundesgerichtshofes und ein Anwalt der Kanzlei Shearman & Sterling ? sie stiftet die Preisgelder. Im Übrigen ist sie sehr daran interessiert, den Kontakt zu den Siegern zu halten. Ein ehemaliger Moot-Court-Teilnehmer arbeitet mittlerweile in der internationalen Großkanzlei.

Leicht fällt der Richter-Jury die Entscheidung nicht, sie rufen zum ?Elfmeter-Schießen?. Einen Vergleich soll es geben, der muss nun zack, zack und ohne Beratungsmöglichkeit ausgehandelt werden

Kostenlose Kondome nützen nichts
Den entscheidenden Punkt zum Sieg holt das Venus-Team mit seiner schnellen Reaktion. Eine Umsiedlung schlagen sie vor; gemeinsam wolle man ein anderes Grundstück für das Drogenzentrum suchen. ?Da haben wir früher oder später die gleichen Probleme?, grummelt es von der Gegenseite. Eine wirkliche Alternative finden die Heidelberger Cay Fürsen und Kai Wawrzinek aber nicht. Der Vorschlag, kostenlose Kondome zu verteilen, wirft die Stirn von Jury-Mitglied Falk nur besonders stark in Falten. Und einen ?Zivi? beauftragen, den Dreck wegzumachen ? na ja, heißt es nachher, das sei auch keine Lösung gewesen.

Egal, am Ende setzt sich bei allen vier Teilnehmern mit breitem Grinsen Erleichterung durch. Einen ritterlichen Handschlag gibt es von der Jury. Beim Sektempfang werden die Nachwuchsanwälte Lachsbrötchen kauen und sagen, dass sie ?Erfahrungen sammeln? wollten und ?exquisite Probleme? aus der Praxis behandeln, dass es gut gewesen sei, dabei zu sein. Und irgendwann noch zugeben: ?Eigentlich ist das alles auch ein lukrativer Job.?

Dieser Artikel ist erschienen am 20.09.2002