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Boom Boom Bayern

Martin Roos
Foto: Horst Larog
Was ist 42 Mal größer als die Fläche von Berlin? Bayern. Wer hat die niedrigste Arbeitslosenquote und die meisten Selbstständigen in Deutschland? Bayern. Wo sind die Staatsschulden am geringsten? Bayern. Wo geben High-Tech-Investoren das meiste Geld aus? Freilich im Freistaat.
Was ist 42 Mal größer als die Fläche von Berlin? Bayern. Wer hat die niedrigste Arbeitslosenquote und die meisten Selbstständigen in Deutschland? Bayern. Wo sind die Staatsschulden am geringsten? Bayern. Wo geben High-Tech-Investoren das meiste Geld aus? Freilich im Freistaat. Und wohin schließlich zieht es die meisten Touristen? Ins Weißwurstland, na klar.

Fast 23 Millionen Gäste kamen im vergangenen Jahr - innerdeutscher Rekord. Davon profitiert vor allem die Wirtschaft. 50 Milliarden Mark brachte der Tourismus den Bayern an Umsatz. Und darüber freuten sich 330.000 Menschen - so viele wie in der Branche arbeiten.

Die besten Jobs von allen


Das Land ist ein Beschäftigungspark. Jeder dritte Job, der in den vergangenen 20 Jahren im westlichen Bundesgebiet geschaffen wurde, entstand in Bayern. Kein Wunder, dass die Bajuwaren mit Stolz auf ihre Arbeitslosenquote blicken: im März 2001 waren es 5,7 Prozent, kein anderes Bundesland kann da mithalten. Doch egal ob es um Arbeiten, Bier, Jobs oder Geld geht - die zwölf Millionen Altbayern, Franken, Schwaben und ?Zuagroasten“ finden sich fast immer ganz vorne in den Rankings wieder. Das Geheimnis dieses Erfolgs führt die Landesregierung gerne auf die Formel ?Laptop und Lederhose“ zurück. Vor allem Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber liebt es, die Vereinbarkeit von Tradition und Fortschritt zu betonen. Und auch außerhalb des Freistaats, in Europa, ja selbst in Asien und Amerika hat sich herumgesprochen, dass das einst nur vom Ackerbau lebende Berg- und Wiesenvolk nicht nur für barockes Brauchtum, glückliche Kühe und Bier trinkende Männer bekannt ist, sondern zum In-Standort für High-Tech und Software-Industrie geworden ist.

Offensive Zukunft

Für die ?Offensive Zukunft Bayern“ hat das Land 5,6 Milliarden Mark in Förderprogramme gesteckt - zunächst einmal in Bildung und Forschung. In München, Augsburg, Bayreuth, Erlangen-Nürnberg, Regensburg und Würzburg wurden die Hochschulen ausgebaut. Aber inzwischen können sich Studierende fast aller Fakultäten auch in Ingolstadt, Ansbach, Deggendorf, Schweinfurt, Amberg-Weiden und Neu-Ulm einschreiben.

Alle Universitäten Bayerns sind staatliche Einrichtungen - mit Ausnahme der Katholischen Universität Eichstätt. Über 213.000 Studenten waren im vergangenen Jahr im Freistaat eingeschrieben. Manche von ihnen konnten sogar Vorlesungen in Würzburg, Regensburg und Passau hören, ohne zu reisen. Denn seit April 2000 bieten die bayerischen Hochschulen das Studium auf dem virtuellen Campus an.

Den überwiegenden Rest der Fördermittel - 2,8 Milliarden Mark - hat Bayern investiert in Subventionen für Gentechnik und Biotechnologie am Standort München, für Informations- und Medizintechnik in Nürnberg und Regensburg sowie für die Erforschung und Produktion neuer Werkstoffe an den Standorten Bayreuth und Würzburg. Das Land mit dem Löwen im Staatswappen will bald noch stärker werden, als es schon ist: Unter den zehn führenden High-Tech-Regionen Europas – so informiert das europäische Statistik-Amt EuroStat – befinden sich mit Oberbayern, Mittel- und Unterfranken drei bayerische Regierungsbezirke.

Insgesamt hat der Freistaat mit 12,4 Prozent innerhalb Europas den höchsten Anteil an Beschäftigten in der Hochtechnologie. In der Informations-, Kommunikations- und Biotechnologie ist Bayern nach London die europäische Nummer zwei.

Platz für 80.000

Um noch mehr zu wachsen, braucht das Land noch mehr Nachwuchs. Nur mangelt es noch gewaltig an gut ausgebildeten Mitarbeitern. Der Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern zufolge fehlen in Bayern in diesem Jahr mehr als 80.000 Fachkräfte; und obwohl der Freistaat nach wie vor größter Nahrungsmittelproduzent Deutschlands ist, werden sie nicht von der Landwirtschaft gesucht - sie trägt nur ein Prozent zur Wertschöpfung bei.

Gesucht wird vor allem für Positionen in der Informations- und Kommunikationstechnik, Forschung, Entwicklung, Produktion, im Service und Vertrieb. Mehr als die Hälfte soll mit Hochschulabsolventen besetzt werden - und zwar in der Industrie und im Handel.

Ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts von etwa 580 Milliarden Mark erwirtschaftet das Produzierende Gewerbe: Maschinenbau, Automobilindustrie, Datenverarbeitungstechnik, Medizin-, Mess-, Steuer- und Regelungstechnik. Wer sich im Land der deutschen Berge für Jobs in kleinen und mittelständischen Unternehmen interessiert, hat große Auswahl, denn über die Hälfte aller Beschäftigten und gut 40 Prozent der Umsätze entfallen auf Betriebe mit weniger als 500 Arbeitnehmern.

Den Weltruf Bayerns machen aber vor allem die großen Konzerne wie Audi, BMW, MAN oder Siemens aus, die alle ihren Hauptsitz in Bayern haben. Maschinenbauer, Elektrotechniker und Wirtschaftsingenieure und -informatiker stehen ganz oben auf der Wunschliste der Audi AG in Ingolstadt. Dort sucht aber auch Media Saturn Betriebswirte und Wirtschaftswissenschaftler. Die Bosch Rexroth AG in Lohr am Main will in diesem Jahr noch 150 Hochschulabsolventen für Hydraulik, Produktions- und Fertigungstechnik einstellen (siehe Arbeitgebertabelle). Neue Mitarbeiter werden in Bayern auch dringend in Unternehmensberatungen, Versicherungen oder bei Finanzdienstleistern benötigt. München ist nach Frankfurt der Bankenplatz Nummer zwei in Deutschland. Mit der HypoVereinsbank und der Bayerischen Landesbank haben zwei große Kreditinstitute in der Landeshauptstadt ihren Sitz – beide Banken zählen zu den größten 50 weltweit.

Festung der Assekuranz

Die Nummer eins ist München im Versicherungswesen, vor Köln und Hamburg; auf dem europäischen Parkett steht München hinter Paris und London an dritter Stelle. Die größte Versicherung in der Isarstadt ist die Allianz AG. Sie steht auch in Europa an der Spitze der Versicherungsgruppen. In diesem Jahr will das Unternehmen mehr als 800 Hochschulabsolventen einstellen, zwei Drittel davon für den Vertrieb.

Wer als Nicht-Bayer in Bayern arbeiten will, sollte in keinem Fall die ?Mir-san-Mir-Mentalität“ der Einheimischen vergessen: ein wenig rau, aber nicht roh, ein wenig laut, aber froh, manchmal heftig, nie bösartig, national, nicht separatistisch. Wie sagte der Kanzler doch über das erzkonservative Bundesland: ?Bayern ist vielleicht das einzige deutsche Land, dem es durch materielle Bedeutung, durch die bestimmt ausgeprägte Stammeseigentümlichkeit und durch die Begabung seiner Herrscher gelungen ist, ein wirkliches und in sich selbst befriedigtes Nationalgefühl auszubilden“. Und der Kanzler muss es ja schließlich wissen - Otto von Bismarck, versteht sich.

Internet:
www.muenchen.ihk.de
www.bayern.de
www.gzm-unterfoehring.de
Dieser Artikel ist erschienen am 18.05.2001