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Bonuskuchen wird neu verteilt

Torsten Riecke, Oliver Stock und Michael Maisch
Seit Beginn der Finanzkrise im Sommer herrscht in den Finanzzentren der Welt das große Zähneklappern. Müssen doch einige Finanzprofis nach den goldenen Vorjahren erstmals wieder mit Einbußen bei den Boni rechnen. Eines ist sicher: Der große Bonuskuchen wird nach der Kreditkrise neu verteilt. Nicht nur zwischen den Banken, sondern auch innerhalb der Finanzhäuser selbst.
Die New Yorker Börse in der Wall Street: Viele Banker müssen mit herben Einbußen bei den Boni rechnen. Foto: dpa
An der Bahnhofstraße in Zürich, dort, wo sich ein Geldinstitut an das andere reiht, beginnt Weihnachten jetzt und endet nicht vor Februar. Die Jahresprämien sind in Sicht. Bis zum Beginn des nächsten Jahres werden sie ausgezahlt. ?Und viele?, sagt der Banker, der in der Bar ?Al Leone? schräg gegenüber der UBS seinen Cappuccino schlürft, ?leisten sich jetzt schon einmal einen Vorschuss aus der eigenen Tasche auf ihren Bonus.?Ähnliche Szenen spielen sich in der Londoner City und an der Wall Street in New York ab. Auch hier warten die Banker sehnsüchtig auf die jährlichen Belohnungen für ihren unermüdlichen Einsatz zum Wohle des Geldkapitals. Nicht alle bestellen jedoch in Vorfreude auf den großen Zahltag bereits ihren nächsten Luxusschlitten oder schauen sich an der New Yorker Upper East Side nach einem neuen Luxusapartment um.

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Seit Beginn der Finanzkrise im Sommer herrscht in den Finanzzentren der Welt das große Zähneklappern. Müssen doch einige Finanzprofis nach den goldenen Vorjahren erstmals wieder mit Einbußen bei den Boni rechnen. Dabei können sich die Banker in diesem Jahr noch glücklich schätzen, hat die Finanzbranche im ersten Halbjahr doch noch glänzend verdient. Sollte die Kreditkrise bis weit ins nächste Jahr hinein anhalten, wird der richtige Bonus-Schock erst 2008 kommen. ?Wir befinden uns in einem Übergang?, sagt Alan Johnson, Chef der New Yorker Beratungsagentur Johnson Associates, ?im kommenden Jahr wird es viel schwieriger?.Johnson rechnet damit, dass die Jahresprämien 2007 stagnieren werden. Die Schätzungen der Experten gehen aber weit auseinander. So erwartet die Consultingfirma Options Group in New York einen Rückgang von bis zu zehn Prozent. Der Finanzinformationsdienst Bloomberg prophezeit dagegen ein weiteres Rekordjahr. Demnach werden die fünf größten Investmentbanken an der Wall Street, Goldman Sachs, Morgan Stanley, Merrill Lynch, Lehman Brothers und Bear Stearns, weltweit rund 38 Mrd. Dollar ausschütten; 2006 waren es 36 Mrd. Dollar, davon wurden allein an der Wall Street fast 24 Mrd. Dollar verteilt.Einig sind sich die Experten jedoch, dass der große Bonuskuchen nach der Kreditkrise neu verteilt wird. Nicht nur zwischen den Banken, sondern auch innerhalb der Finanzhäuser dürfte es erhebliche Unterschiede geben. Als es in einer Abteilungsleiterrunde einer Züricher Bank vergangene Woche um die Boni ging, war es plötzlich totenstill. Und die langsam ausgesprochenen Worte des Chefs, wonach die Vermögensverwalter dieses Jahr mit höheren Zulagen rechnen können als mancher Investmentbanker, hat garantiert jeder verstanden.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Welche Banker mit saftigen Prämien rechnen können und welche nicht.Aus den bisherigen Quartalsberichten lässt sich bereits herauslesen, dass die Aufwendungen für Löhne und Bonuszahlungen sinken. Die UBS hat 34 Prozent gekürzt. Das von der Kreditkrise besonders gebeutelte Brokerhaus Merrill Lynch hat seine Ausgaben für Mitarbeitervergütungen im dritten Quartal gar halbiert. Was die Bank aber nicht daran gehindert hat, ihren neuen Chef John Thain mit einem Begrüßungsgeld von über 40 Mill. Dollar zu empfangen.Nur beim Branchenprimus Goldman Sachs scheinen die goldenen Zeiten noch nicht vorbei zu sein. Die Investmentbank hat in den ersten neun Monaten des Jahres bereits knapp 17 Mrd. Dollar für die Boni ihrer weltweit 29 900 Mitarbeiter zurückgelegt. Das ist nicht nur mehr als im gesamten vergangenen Jahr ausgeschüttet wurde, sondern würde auch reichen, um den kleineren Konkurrenten Bear Stearns zu kaufen. Goldman kann sich die Großzügigkeit noch leisten. Als einzige der großen Investmentbanken schloss das Haus das krisengeschüttelte dritte Geschäftsquartal mit einem Gewinnsprung von rund 80 Prozent ab.Neben den Goldmännern könnten auch noch die Banker bei Morgan Stanley und Lehman Brothers mit einer saftigen Prämie rechnen, sagt Michael Hecht, Analyst bei der Bank of America, voraus. Deutlich weniger in der Brieftasche dürften dagegen am Jahresende Finanzprofis bei Merrill Lynch und Bear Stearns haben. ?Das war ein Jahr der Gewinner und Verlierer an der Wall Street?, sagt Michael Karp, Chef der Consultingfirma Option Group in New York, ?es wird große Unterschiede zwischen den Banken geben?. Aber selbst die Banken, denen die Finanzkrise das Jahr verhagelt hat, dürfen nicht zu knauserig sein. Sonst laufen die Talente zur Konkurrenz über.Auch innerhalb der einzelnen Häuser wird die Auslese stärker ausfallen als sonst. Rohstoff- und Aktienhändler haben sich glänzend geschlagen und können damit rechnen, dass ihre Prämien noch einmal bis zu 20 Prozent steigen. Auch die klassischen Investmentbanker im Beratungsgeschäft mit Fusionen und Übernahmen dürften noch einmal vom M&A-Boom im ersten Halbjahr profitieren.Mit am härtesten würde dagegen das Anleihegeschäft getroffen, heißt es bei einem Londoner Personalberater. Hier könnten die Ausschüttungen um bis zu einem Drittel niedriger ausfallen als im Rekordjahr 2006. Noch bitterer könnte es für die Banker im Zentrum der Krise werden. In den Abteilungen für Kreditderivate und die Strukturierung von Finanzierungspaketen könnten die Boni um die Hälfte geringer ausfallen.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Von den Boni hängt nicht nur die Glückseligkeit der Banker ab.Von den Boni hängt nicht nur die Glückseligkeit der Banker ab. Ganze Industrien warten auf die Ausschüttung der Erfolgsprämien. Die Händler in den Edelboutiquen, die Schmuckverkäufer und Uhrmacher stehen deswegen in den Startlöchern. Der Maserati-Vertreter wittert Morgenluft, und auch der Lamborghini-Chef aus Italien kommt eigens nach Zürich, um vor Ausbruch der heißen Phase nach dem rechten zu sehen.Nancy Buzzetta, Vize-Präsidentin der Mercedes-Benz-Niederlassung in Smithtown auf Long Island, macht sich jedoch schon darauf gefasst, dass die Banker von der Wall Street in diesem Jahr nicht ganz so spendierfreudig sein werden. ?Die Krise auf den Finanzmärkten könnte auch uns betreffen?, erzählte sie der Lokalzeitung ?Newsday?. Auch der New Yorker Stadtkämmerer hat seinen Bleistift gespitzt. Bundesstaat und Stadt haben ihre Steuerschätzungen bereits nach unten korrigiert.In London wird auf hohem Niveau gejammert. ?In einigen Abteilungen wird noch darüber diskutiert, ob es statt für einen Ferrari nur für einen Porsche reichen wird, in anderen wären die Leute schon froh, wenn sie ihren Job behalten dürften?, so ein Investmentbanker.
Zahltag der FinanzhäuserJahresprämien: Die Boni am Ende des Jahres sind für die meisten Banker ein wesentlicher Gehaltsbestandteil und können mehr als die Hälfte der jährlichen Vergütung ausmachen. Wer wie viel bekommt, hängt aber nicht nur von der individuellen Leistung ab. Die Ergebnisse seines Teams müssen genauso stimmen wie das Resultat des gesamten Konzerns.Fette Jahre: Im vergangenen Jahr wurden die bislang höchsten Boni überhaupt ausgezahlt. Allein die großen Finanzhäuser an der New Yorker Wall Street schütteten insgesamt fast 24 Milliarden Dollar an ihre Angestellten aus. Das ist doppelt so viel wie noch vor zehn Jahren. Im Durchschnitt erhielt jeder Bankmitarbeiter an der New Yorker Finanzmeile ? von der Sekretärin bis zum Vorstandschef ? im zurückliegenden Jahr eine Prämie von fast 138 000 Dollar. Das Gefälle ist allerdings beträchtlich.Magere Zeiten: Die Finanzkrise hat vielen Banken die Ergebnisse im zweiten Halbjahr verhagelt. Insgesamt mussten die großen Finanzhäuser auf notleidende Kreditderivate bereits mehr als 50 Milliarden Dollar abschreiben. Experten gehen davon aus, dass diese Summe auf bis zu 400 Milliarden Dollar steigen könnte. Als Reaktion darauf haben die Banken damit begonnen, die Boni ihrer Mitarbeiter zusammenzustreichen. In diesem Jahr sollen die Prämien durchschnittlich bereits um bis zu zehn Prozent sinken.
Dieser Artikel ist erschienen am 21.11.2007