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Boni satt

Christoph Mohr
Wie viel Geld bringt der MBA? Dieser Frage geht seit 1990 eine internationale Gehaltsumfrage nach. Ergebnis 2002: Der teure Abschluss lohnt sich noch immer. Doch die Statistik hat ihre Schwächen.
74.267 US-Dollar. Das ist, glaubt man topmba.com, das durchschnittliche Einstiegsgehalt für MBA-Absolventen in Europa und den USA. Das in London ansässige Unternehmen, das auch die von Junge Karriere gesponserte World MBA Tour organisiert, führt seit zehn Jahren den "MBA Salary & Recruitment Survey" durch, eine Gehaltsumfrage unter MBA-Absolventen in aller Welt. Danach offerieren die Unternehmen heute zwar weniger als im letzten Jahr (81.680 US-Dollar), aber die Einstiegsgehälter stabilisieren sich auf dem hohen Niveau vor dem kurzen New-Economy-Boom. 2003 sollen die Gehälter sogar wieder nach oben gehen.

Klingt nach rosigen Zeiten. Doch was sind die Zahlen wirklich wert? MBA-Gehaltsstatistiken sind notorisch problematisch. Wer herausfinden will, was Absolventen verdienen, hat nur zwei Möglichkeiten: Entweder er befragt die Absolventen oder die Unternehmen - mit oder ohne Mithilfe der Business Schools, die natürlich zusehen, dass ihre Schüler im Gehälterspiegel gut wegkommen. Absolventenbefragungen haben bereits eine eingebaute Fehlermarge: Es wird nie gelingen, alle MBA-ler eines Jahrgangs zu erfassen, und die Vermutung liegt nahe, dass gerade diejenigen nicht antworten, die einen nicht so toll bezahlten Job gefunden haben. Das führt tendenziell zu überhöhten Zahlen.

Die besten Jobs von allen


Auch die Unternehmen machen nur äußerst widerwillig genaue Aussagen über Einstiegsgehälter. Das gilt besonders für Deutschland. Wirklich aussagekräftig wären ohnehin nur Statistiken, die Einstiegsgehälter nach einzelnen Schulen aufschlüsseln. Denn der Marktwert eines MBA-Abschlusses variiert erheblich je nach Rang der Schule. In den Gehaltstabellen bleibt das Renommee jedoch meist unberücksichtigt

Den topmba.com-Ergebnissen liegen Antworten von "weltweit über 200 Top-Recruitern" aus allen relevanten Sparten (Consulting, Finanz, Industrie, Technologie) zugrunde. Die Namen der befragten Unternehmen werden allerdings ebenso wenig veröffentlicht wie der Schlüssel, nach dem die Zahlen geographisch und sektoriell gewichtet sind. Auch Umrechnungskurse und Wechselkursschwankungen sind in der Statistik die nur in US-Dollar rechnet, nicht ausgewiesen. Mit anderen Worten: Man glaubt die Zahlen oder man glaubt sie nicht. Fest steht, dass die Gehaltsangaben von topmba.com deutlich besser ausfallen als in deutschen Untersuchungen. Hierzulande gehen Personalunternehmen davon aus, dass MBA-Absolventen beim Job-Einstieg nur etwa 40.000 bis 45.000 Euro "wert" sind

Aussagekraft gewinnt die Studie der Londoner vor allem durch ihre breite Datenbasis und den Erhebungszeitraum: Der "2002 MBA Salary & Recruitment Survey" zeigt einen permanenten Anstieg von MBA-Startgehältern in den letzten zehn Jahren. Zugleich räumt er mit zwei gängigen Vorurteilen auf. Ein geographischer Vergleich der Einstiegsgehälter zeigt, dass europäische Arbeitgeber MBA- Absolventen keineswegs weniger zahlen als US-amerikanische. Und: Es wird nicht nur im Consulting und bei Investment Banken sehr gut verdient. Eine Detailanalyse zeigt sogar, dass es - wohl bedingt durch die Globalisierung - gerade große Industrieunternehmen sind, die die Nachfrage nach MBA-lern in den letzten Jahren nach oben getrieben haben

Einer der spannendsten Aspekte der Studie wird von deutschen MBA-Interessenten oft übersehen: der Signing Bonus, also die hübsche Geldsumme, die beim Berufseintritt unabhängig und zusätzlich zum Einstiegsgehalt vom Arbeitgeber bezahlt wird. Tatsächlich sind die variablen Gehaltsanteile so erheblich, dass ein Vergleich von Grundgehältern fast den Sinn verliert: In der Industrie machen Boni 20 bis 25 Prozent des Einkommens aus, auf dem Finanzsektor können sie das Salär sogar nahezu verdoppeln

Entscheidend für das, was man am Ende in der Tasche hat, ist aber nicht nur, wie viel man verdient, sondern vor allem wo. Nunzio Quacquarelli und Monisha Saldanha, Leiter der Studie und selbst MBA-Absolventen, nennen zwei Faktoren, die solche Gehaltsvergleiche zusätzlich relativieren: Steuer und Lebenshaltungskosten. Die Studie selbst führt nur Bruttosaläre auf. Von Land zu Land aber werden Gehalt und Boni unterschiedlich besteuert. "So kann es sein, dass ein MBA-Absolvent in Ungarn zwar 44 Prozent weniger verdient als in den USA, sein Lebensstandard aber trotzdem höher liegt als der seines MBA-Kollegen in den Staaten".
Dieser Artikel ist erschienen am 22.10.2002