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Boni auf dem Prüfstand

Von Michael Maisch
Verkehrte Welt ? obwohl die Investmentbanken rund um den Globus unter der Last der Subprime-Krise ächzen, zahlen sie ihren Angestellten für das vergangene Jahr so hohe Boni wie noch nie. Doch der vermeintliche Widerspruch lässt sich schnell aufklären: Für die hohen Verluste sind nur wenige Geschäftsbereiche verantwortlich.
LONDON. Die Beschäftigten der fünf größten Investmentbanken der Wall Street kassieren nach Berechnungen der Nachrichtenagentur Bloomberg die Rekordsumme von insgesamt 39 Mrd. Dollar an Bonuszahlungen. Und das, obwohl drei der Banken die schlimmsten Quartalsverluste der Unternehmensgeschichte verbuchten und der Marktwert der Geldhäuser um mehr als 80 Mrd. Dollar abschmolz.Nach Meinung von Claes Smith-Solbakken, Mitgründer der Personalberatung Smith & Jessen, lässt sich der scheinbare Widerspruch schnell aufklären: "Für die hohen Verluste sind einige wenige Geschäftsbereiche verantwortlich, die eng im Zusammenhang mit der Subprime-Krise stehen", sagt er. Der große Rest der Investmentbanken habe dagegen ein äußerst erfolgreiches Jahr mit Rekorden in vielen Sektoren hinter sich.

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Angesichts dieser Ausgangslage könnten es sich die meisten Institute einfach nicht leisten, den Großteil ihrer Beschäftigten für die Verluste einiger weniger zu bestrafen. Zu groß sei die Gefahr, dass die wichtigsten Leistungsträger zur Konkurrenz abwandern würden.Der jährliche Bonus ist die entscheidende Messlatte für den Erfolg eines Bankers. In der Branche fallen die Fixgehälter in der Regel vergleichsweise bescheiden aus, dank der Erfolgs-Ausschüttung, die drei Viertel oder mehr des jährlichen Einkommens ausmachen kann, stoßen erfahrene Kräfte aber in guten Jahren schnell in den siebenstelligen Bereich vor.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Reform des Bonussystems angekündigt.Nach den schweren Verwerfungen der vergangenen Wochen wollen sich allerdings nicht alle Bankvorstände mit den ungeschriebenen Gesetzen der Branche abfinden. So hat John Thain, der neue Chef des angeschlagenen Wall-Street -Hauses Merrill Lynch bereits eine Reform des Bonussystems angekündigt. An erster Stelle der Bemessungskriterien müsse der Erfolg der gesamten Bank stehen, erst dann dürften der Erfolg einzelner Geschäftsbereiche und einzelner Individuen kommen.Mit seinem Vorstoß reagiert Thain auf die Kritik von Aktionären, die hohe Bonuszahlungen trotz gleichzeitig schwacher Gewinne nicht länger akzeptieren wollen. In der Regel versuchen die Banken die jährlichen Ausschüttungen auf weniger als 50 Prozent der erzielten Gewinne zu beschränken. 2007 stieg die Quote allerdings bei einigen Instituten in Richtung 60 Prozent. "Auf Dauer können wir uns das nicht leisten", warnt ein Londoner Bankvorstand. "Unsere Aktionäre interessiert am Ende nur was unter dem Strich steht". Nach Einschätzung von Smith-Solbakken versuchen die Banken bereits gegenzusteuern. Viele Institute würden für 2007 einen deutlich größeren Anteil der Boni in eigenen Aktien ausschütten. Das sei etwas günstiger als Bargeld und binde gleichzeitig das Personal an das eigene Haus.Das Bonusproblem könnte sich 2008 aber auch von selbst lösen. Experten rechnen in den kommenden Monaten mit weiteren Entlassungswellen in den Investmentbanken. Institute wie die Citigroup oder die Schweizer UBS streichen bereits tausende von Stellen. Außerdem erwarten die meisten Analysten 2008 einen deutlichen Einnahmerückgang quer durch die meisten Geschäftsbereiche, was die Ansprüche der Banker automatisch dämpfen würde.
Dieser Artikel ist erschienen am 28.01.2008