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Bolivianisches Tagebuch

Junge Karriere Redakteur Martin Roos ist für zwei Monate nach Bolivien abgetaucht. Was er dort treibt, verrät er in seinen - nicht ganz ernst gemeinten - "Geschichten für Aussteiger, Unternehmensgründer, Studenten und Lamas".
Geschichten für Aussteiger, Unternehmensgründer, Studenten und Lamas

Von Martin Roos

11. März 2002 - Die Hexe, die Kranke und der Zwerg

Ich liege im Schoß einer zahnlosen Alten. Sie hat mir das Hemd aufgeknöpft. Aus ihrem Mund stinkt sie nach Singani - bolivianischer Schnaps. An meinen Füßen hocken ihre Töchter, die eine kränklich, die andere ein halber Zwerg. Sie murmeln etwas auf Quechua, Indianersprache. Die Zahnlose reibt mir die Brust ein. Dann stopft sie Koka-Blätter zwischen meine Zähne und Backen. Ich bin im Haus der Alten, die in La Paz alle nur "la bruja", die Hexe, nennen. Sie besitzt das, was jeder braucht, um in Bolivien zu überleben: Embryolamas. Und auch ich muss so ein totes Tierchen haben. Immerhin will ich in Bolivien einen Großhandel aufmachen - nicht mit Silber oder Eisen, Gas, Öl, Kakao oder Koka. Das machen schon andere. Lama soll's sein. Nichts als Lama.

Die besten Jobs von allen


Das hat drei Gründe. Erstens: Für Existenzgründungen in Bolivien gibt es seit 1996 wunderbar Kredite. Sehr viel leichter als früher. Vor allem von internationalen Geldgebern. Zweitens: Das Lama ist billig, Stückpreis höchstens 100 Dollar. Es ist zutraulich, hat Charakter, schmeckt gut und schenkt mir Wolle. Drittens: Die Andenmusiker mit ihren Panflöten. Das Großartige an denen ist, dass sie so gut wie ausgewandert sind - nach Europa in die Fußgängerzonen.

Jetzt liege ich hier bei der Alten mit ihrem dicken bunten Rock und dem grotesken Bowlerhut, hier in den Elendsvierteln von El Alto, der Nachbarstadt von La Paz, auf 4.050 Meter Höhe. Wäre ich nicht wegen der dünnen Luft kurz vor ihrer Tür zusammengebrochen, hätte ich das Embryolama schon längst erstanden und säße jetzt in der Confeteria Club La Paz, in der die Geschäftsleute sich herumtreiben.

Die Zwergentochter hat mir die Schuhe ausgezogen und macht sich an meinen dicken Zeh ran. Massage. Die soll doch ihre Finger davon lassen! Mir ist schwindelig und wenn die Alte nicht gleich aufhört mich mit ihrem Schnapsatem anzuschnauben, kotze ich denen die Bude voll. Jetzt wegreiten können - auf einem Lama. Ein Lama, ein Lama, ein Königreich für ein Lama.

Ich frage die Alte nach dem Embryolama. Die braunrote Haut über ihren Backen strafft sich. Die Alte lacht. So gehe das nicht, sagt sie, einfach kaufen und abhauen. Respekt sei notwendig. Ihre kränkliche Tochter schaut mich mit Fieber glänzenden Augen an und wiederholt "Respekt, Respekt". Die Zwergentochter steht auf und springt von einem Bein auf das andere. Die Alte kramt aus einer ihrer vielen Körbe neben sich ein Foto heraus. Sie zeigt es mir. Auf dem Foto sehe ich eine Bolivianerin: Verona Feldbusch. "Respekt, Respekt", plappert die kränkliche Tochter weiter.

Die Alte schaut mich nun fast böse an. Diese Verona Feldbusch habe vor ein paar Monaten in der Nähe von La Paz Kindern Geld geschenkt. Für ein SOS-Kinderdorf. Ob ich mir nicht daran ein Beispiel nehmen wolle. Ach du heiliger Bohlen, wo bin ich hier? "Zehn Dollar für ein Embryolama", sage ich. Die Alte schaut irritiert. Ich weiß, dass so ein Vieh nur 20 Bolivianos kostet, also etwa 2,50 Dollar. "Respekt, Respekt", ruft jetzt auch die Zwergentochter. Dann kramt die Alte aus den Körben ein etwa Handgroße braunes dünnes Etwas hervor, ein vertrocknetes Tierchen mit einem winzigen Schädel und Streichholz dünnen Gelenken. Ich nehme das fiese Ding, lege ihr zehn Dollar hin, rappele mich auf und eile davon.

In der Confeteria Club La Paz am Prado trinke ich zur Stärkung einen Matetee. Auch in La Paz ist die Höhe ermüdend. Dann lege ich das Embryolama auf den Tisch. Als der Kellner kommt, schaut er mich entsetzt an. Der letzte, der im Club voller Genugtuung mit so einem Tier herum gespielt hätte, sei auch ein Europäer gewesen, ein Prahlhannes, ein dubioser Geschäftsmann, der mehr als 20 Jahre in La Paz gelebt habe. Ein gewisser Altmann. Irgendwann habe ihn die Polizei verhaftet. Er habe nur noch gehört, dass er kurz darauf in einem französischen Gefängnis gestorben sei - und zwar als Klaus Barbie.

Morgen kaufe ich mir mein erstes Lama. Ich überlege mir, ob es Klaus heißen soll. Klaus, das Lama. Wenn es jedoch ein Weibchen ist, nenne ich es ganz sicher Verona.
18. März 2002 - Der, der sich vereint

Auf dem Tempelberg von Tiahuanako ist sie mir begegnet, auf fast 4.000 Meter Höhe. Die schönste von allen, die erste Bolivianerin meines Lebens: blaue Augen, weiche Haut, Beine kerzengerade und eine Mähne - ganz weiß. Schneller kann Lama-Liebe nicht einschlagen. Ich mußte sie haben. Der Bauer wollte mir die Lady jedoch nur in Doppelpack verkaufen und zwar mit einem zotteligen braunen Tier, ein Männchen mit langem Hals, das wohl auch ein Lama sein sollte, aber nie ein hübsches geworden ist. Ich nahm sie beide - für 165 Dollar.

Die Bauern im "Mercado legal de la Coca" in Villa Fatima, einem Stadtteil von La Paz, haben mir erzählt, man müsse, um einen Lama-Großhandel aufzumachen, das erste Tier bei den 72 Kilometer von La Paz entfernten heiligen Tempeln von Tiahuanako kaufen. Dann sei der Erfolg garantiert. Natürlich, kein Kauf in Bolivien ohne Aberglauben und Ritual. Ich bin gespannt. Mein Embryolama habe ich als Glücksbringer bereits in dem Stall vergraben, in dem meine Tiere hausen sollen

Im Grunde kann mit meinem Unternehmen nichts schief gehen. In Bolivien gibt es so viele Lamas wie Schafe in Neuseeland. Lamas ohne Ende, Alpakas, Huanacos, Vicunas. Und wenn ich den fetten US-Amerikanern erst einmal verklickert habe, dass Lamas cholesterol frei sind, werde ich das Geschäft meines Lebens machen. Oh ja, ich sehe schon den Slogan: Always Coca-Lama.

Meine weiße Lamadame habe ich Verona getauft und ihr einen Sattel geschenkt in rot, gelb und grün - den bolivianischen Nationalfarben. Und auch zwei Glöckchen, von denen ich je eins an ihren Ohren befestige. Das braune Tier nenne ich Klaus. Den lasse ich so. Das einzige, was Klaus kann, ist spucken.

Um einen Lama-Experten zu treffen, fahre ich mit dem Bus über eine ziemlich Steinschlag und Erdrutsch gefährdete Route in eine Gegend, die die Spanier Yungas getauft haben. Die Yungas sind ein tropisches Gebiet, in dem legal Koka angebaut wird. Ich habe weniger Angst vor den Abgründen, als vielmehr davor, dass ich mal wieder ausgeraubt werde. Bisher ist mir nämlich während der Busfahrt immer etwas weggekommen. Das liegt vor allem daran, dass ich stets einschlafe: Im Stadtbus zum Barrio Aleman, das deutsche Viertel mit einer der besten Schulen in ganzen Land, gab es einen Griff in meine Jackentasche. Kleingeld weg. Auf dem Weg zur höchsten Skipiste der Welt, dem Chacaltaya, kamen meine Dollars abhanden. Im Minibus nach Tiahuanako nahmen sie meine Armbanduhr. Auf dem Flug nach Rurrenabaque ins bolivianische Amazonasgebiet mit der Linie Tam, den alten Militärflugzeugen, ging alles gut. Doch als ich am Hotel aus dem Bus stieg, waren meine Travellerschecks futsch.

Um das verlorene Geld wieder einzuholen, habe ich mir überlegt, eine Sauerstoffbar auf dem Chacaltaya aufzumachen oder einen Baywatch am Titicacasee. Oder ich setze mich am Wochenende mit Federhut, Lederhose und Akkordeon in die Altstadtgassen von La Paz und singe deutsche Volkslieder. Zum Beispiel "Hoch auf dem gelben Wagen". Ich wäre im Nu berühmt. Und mein Lama-Laden auch.

In den Süd-Yungas schmeißt mich eine Autostunde vor Chulumani der Bus in einem kleinen Palmen überwucherten Nest namens Puente Villa raus. In Puente Villa gibt es weder E-Mail, noch Telefon, noch Handy-Empfang. Dafür gibt es Tamampaya, den besten Lama- Kenner weit und breit. Tamampaya bedeutet so viel wie "Der, der sich vereint". Der Mann trägt seinen Namen nicht aufgrund der vielen Ehen, die er schon hinter sich hat, sondern nach dem Fluss von Puente Villa, der sich aus zwei Wasserzuläufen speist. Als Tamampaya mich begrüßt, atme ich auf, dass dieses Mal nur meine Taschenlampe im Bus verschwunden ist.

Einen Tag und eine Nacht bleibe ich bei Tamampaya. Er empfiehlt mir, weitere 100 Lamas und erst einmal nur 50 Huanacos zu kaufen - Huanacos sind etwas teurer. Sie sind stark und schnell. 120 Kilometer pro Stunde laufen sie. Von Vicunas rät er mir ganz ab. Sie seien zwar die wertvollsten, wegen ihres weichen Fells. Doch nur schwer erhältlich - weil so selten.

Ich fahre zurück nach La Paz. Es regnet. Auch das noch. Erst diese Miststrecke, Abgründe, Steinschläge, dann der Regen, der alles aufweicht - und beklaut werde ich sicher auch wieder. Ich gehe in den kleinen Laden an der Haltestelle von Puente Villas. In der Auslage liegen ein paar Tüten Bonbons, Kaugummi, zwei gegrillte Hühnerbeine, vier Flaschen Wasser und eine Taschenlampe - irgendwie kommt sie mir bekannt vor. Neben dem Fernseher, in dem ein Kung-Fu-Film auf voller Lautstärke läuft, hängt ein Küchenmesser langes Gummiskelett. "Ein Talismann", sagt die Senora. Je schlechter es dem Land geht, desto mehr Talismänner braucht es, denke ich. "Ein Beschützer auf der Reise", sagt die Senora. Ich frage: "Auch gegen Diebe?" Die Senora nickt. Ich gebe ihr für das Gummiding knapp zwei Dollar, hänge es um den Hals und steige in den nächsten Bus.

Gewaschen hat sich von den Gästen im Bus seit Wochen keiner mehr. Die Scheiben sind beschlagen. Der Mann links von mir schaut mich böse an. Ein Tatoo auf seinem Arm zeigt einen Kopf mit Federschmuck. Die Tochter auf seinem Schoß flüstert leise. "Pollos", sagt sie. "Pollos." Sie schaut auf die Tüte zu meinen Füßen. Da bewegt sich was: Hühner. Der Mann rechts von mir schlägt alle dreißig Minuten ein Kreuz. Dann schließt er die Augen. Das Gummiskelett an meinem Hals wackelt hin und her. Durch den Rückspiegel, der mit dem Sticker "Jesus ist meine Zuversicht" halb verklebt ist, sehe ich den Fahrer grinsen. In seinem Handschuhfach kegelt eine Schnapsflasche. Irgendwann zupft jemand an den Haaren meines Hinterkopfs. Ich drehe mich um. Ich sehe Klaus, wie er mich anspuckt. Ich wache auf. Wir sind in La Paz. Ich bin da. Und nichts ist passiert. Nichts ist weg. Nichts fehlt. Ich gehe zu meinen Lamas. Ich klingel an Veronas Glöckchen. Sie schaut so lieb. Ich nehme mir vor, nie wieder im Bus einzuschlafen. Klaus, dem alten Spucker, hänge ich das Gummiskelett um den Hals.

22. März 2002 - Die schönsten Frauen Boliviens

Fast nichts läuft in Bolivien ohne Schmiergeld. Kein Lama, für das ich nicht eine unverständliche Wollschutzsteuer zahle, kein Beamter, für dessen Dienste ich nicht eine absurde Stempelkissenprovision abdrücke, kein Polizist, der mir bei der Kontrolle nicht erklärt, ich müsse einen Solidarzuschlag für seine kranke Mutter zahlen. Was sollen die Leute auch von einem Land erwarten, daß ihnen eine gesetzlich Rente ab 64 Jahren verspricht - die durchschnittliche Lebenserwartung aber bei 62 Jahren liegt? Das einzige, was hilft, um sich nicht zu ärgern, ist mitmachen - und die bolivianische Staatsangehörigkeit haben. Deswegen suche ich mir jetzt eine hübsche Bolivianerin zum Heiraten.

Ich fliege nach Santa Cruz in die Tropen. Von der Region schwärmen alle Männer. Dort soll es die schönsten Frauen des Landes geben. Das hat mir sogar ein Mann aus Madagaskar erzählt, der in Afrika lebt und noch nie in Bolivien war. Aber er muß es wissen. Er ist nämlich nicht nur Junggeselle, sondern auch streng gläubig. Solche Jungs wissen meistens am besten Bescheid. Ein Freund von mir zum Beispiel, der Peter aus Deutschland, ist einmal nach Ecuador geflogen. Auch dort gibt es eine Lolita-Region. Sie heißt Manabí. Peter, der sich jetzt nur noch Pedrito nennt, ist heute mit einer Ecuadorianerin verheiratet. Den "Tipp Manabí" bekam er von einem Priesteranwärter.

Gleich am ersten Abend gehe ich auf eine Party. Es ist Sankt Patrick's Day. Klar, denke ich, heute, am irischen Nationalfeiertag, gehen alle Santa-Cruzianerinnen, die ledigen und die, die es wieder werden wollen, natürlich ins Shamrock. Ich also auch hin. Viele Frauen da, ziemlich aufgedonnert die meisten, fast alle ohne Ausstrahlung. Ich bin von so viel Kosmetik und Glitterflitter irritiert. Als ich mit Karina tanze, muß ich auf Abstand gehen. Sie ist sternhagelvoll. Suzanna ist nicht allein. Ihr Freund, ein Bolivianer, hält ständig ihre Hand fest. Selbst dann, wenn sie aufs Klo geht. Die pralle Randi ist mir einfach zu dick in ihrem Minirock. Sie ist Bolivianerin irischer Abstammung, das heißt: keine Scham und viel Shamrock.

Dann setzt sich Elena neben mich, schwarze Haare, dunkle Augen und helle Haut. In der Region Santa Cruz haben sie, die Cambas, die Flachländer, sowieso etwas hellere Haut und auch weichere Gesichtszüge als die oft herben Kollas, die Hochlandbewohner. Außerdem sind die Frauen grundsätzlich nicht ganz so füllig. Zumindest tragen sie nicht so dicke Röcke. Ist ja auch nicht nötig bei fast 30 Grad Abendtemperatur. Wäre es in La Paz wärmer, wer weiß, vielleicht verstecken sich hinter den Dickrockfrauen wahre Elfen?

Elena hat einen österreichischen Vater und eine bolivianische Mutter. Sie gehört zu den oberen Familien der Stadt. Gute Partie, denke ich. Sie sammelt alte Schreibmaschine und Radios. Nett, nicht wahr? Deutsch spricht sie nicht. Nur spanisch. Egal, denke ich. Elena führt eines der besten Restaurants in Santa Cruz. Aha, denke ich. Sie lebt in Scheidung, ihr Ex ist in den USA. Auch gut, denke ich. Sie hat zwei Kinder und heiraten will sie vorerst nicht mehr. Zack. Stromausfall.

Am nächsten Tag fahre ich in die Chiquitania zu den Jesuitendörfern. Die Pater haben mit Sicherheit gewußt, warum sie gerade dort missionierten. Nach sechs Stunden Busfahrt auf dem roten staubigen Lateritboden, entlang tropischer Wälder und den Auffahrten und Pforten vieler Haciendas, auch der von Hans Ertl, Hilters Kameramann, steige ich in Concepcion, dem Sitz des Bischofs, aus. Ein schweigsamer kleiner Ort. Strukturen wie vor 300 Jahren: ein Kloster, ein Glockenturm, davor ein Platz, drum herum Missionshäuser, Flachbauten, fertig. Vor dem mit viel Holz verzierten Klosterportal treffe ich Albert Mues. Im Dorf heißt er nur Alberto. Alberto lebt seit über 40 Jahren lebt in Concepcion. Aus einem kleinen Kaff bei Münster zog der 18-jährige Schreinerlehrling als Entwicklungshelfer des Kolpinghauses in Köln in die Chiquitania. Alberto spricht immer noch schwer westfälisch. Heute ist er Chef aller Dorfschreiner. Mit dem Schweizer Architekten Hans Roth hat er fast alle Jesuitenklöster der Gegend renoviert.

Ich erkläre ihm meine Lage. "Frag doch mal im Kolpinghaus", sagt er zu mir und zeigt auf ein Tür auf der entgegengesetzten Seite des Platzes. Er schaut schelmisch. Ich verabschiede mich, gehe hinüber und ins Haus hinein. Alter Alberto! Vor mir sitzt Carmen Flores de Ribera. Mit ihren dunklen Augen lächelt sie mich an. Sie ist es. Keine Frau Boliviens ist schöner als sie. Ich weiß es. Ich stelle mich vor. Sie lächelt. Ich erzähle ihr kurz von mir, von meiner Reise, von meinen Lamas - von Verona und Klaus. Sie lächelt immer noch. Sie lächelt und lächelt. Noch am Abend gehe ich zu ihren Eltern. Der Vater drückt mir fest die Hand, die Mutter küßt mich auf die Stirn. Alle lächeln. Padre Rinaldo ist gekommen, der Padre des Klosters - ein Pater aus Bayern. Er legt Carmens Hand auf die meine - mein bolivianischer Paß mir sicher. Nur morgen kommt meine Frau aus Deutschland. Wie soll ich's ihr sagen?
26. März 2002 - Im Gefängnis von San Pedro

Irgendwas ist schief gelaufen. Beim Kauf der 50 Huanacos habe ich wohl etwas unterschlagen. Huancos sind wertvoller als gewöhnliche Lamas und damit teurer. Der Richter sagte mir, ich hätte versäumt, eine Luxussteuer zu bezahlen. Da er mich "mit überwiegender Wahrscheinlichkeit" für schuldig hielt, steckte er mich kurzerhand ins Gefängnis - Untersuchungshaft. In Bolivien geht das ganz schnell.

Jetzt sitze ich seit zwei Tagen im Gefängnis San Pedro mitten in La Paz. Was für ein hübscher Mist! Zwar hat seit April 2001 in diesem Land jeder Angeklagte auch ein Recht auf einen Verteidiger, da ich aber Freitag kurz vor 17 Uhr von der Polizei festgenommen wurde, war natürlich niemand mehr von den Herrn Advokaten im Büro. Morgen soll angeblich einer kommen.

Ich liege auf meiner Pritsche. Links direkt die Wand, über mir 1,5 Meter, rechts von mir 1,5 Meter, 2,5 Meter vor mir die Tür. Zelle 12, Sektion Alamas. Ich beobachte, wie die kleine Ameisenkolonne an dem einzigen Stuhl in meiner Zelle vorbeimarschiert, das Bein des Plastiktisches hinauf, oben die Brösel meines Käsebrotes auflädt und am hinteren Tischbein wieder hinunter läuft. Wenn ich will, kann ich die Zelle verlassen und draußen vor der Tür stehen oder auf den Hof gehen. Aber ich will nicht. Denn alle zwei Stunden kommt Louis mit einem Pulk von Touristen vorbei. Und die glotzen einen immer so an.

Louis sitzt schon seit fünf Jahren hier im Knast. Er hat gedealt - wie die meisten, die in San Pedro eingelocht sind; miese Drogendealer. Louis hatte seine Kunden vor allem in den USA. Sein Amerikanisch ist perfekt. Irgendwann haben sie ihn mit 600 Kilogramm Kokain im Gepäck erwischt. Zwanzig Jahre bekam er dafür. Bolivianische Härte. Doch Louis ist clever. Vielleicht der Schlauste im ganz San Pedro. Louis macht aus seinem Schicksal ein Geschäft: Täglich führt er Touristen durch die Gefängnisanlagen, bis zu 50 am Tag. Seinen Mitgefangenen sagt er, er nehme nur 1 Boliviano pro Person. Sobald er aber die Touristen einzeln in seine Zelle führt, kassiert er von jedem 75 Bolivianos ab, gut 15 US-Dollar. Und die Touristen zahlen gerne. Denn San Pedro ist das skurrilste Gefängnis in ganz Bolivien.

Jeder, der hier eingelocht wird, hat erst einmal auf nichts Anspruch. Der Staat (ministerio de gobierno) leistet nämlich keinerlei finanzielle Unterstützung. So zahlt der Sträfling als Eintrittskarte grundsätzlich erst einmal für den allgemeinen Verwaltungsaufwand und die Instandhaltung des Gefängnisses vier Dollar. Das braucht San Pedro auch. Denn das Gefängnis ist wie eine Stadt strukturiert, mit Innenhöfen, kleinen Galerien, Gassen, Restaurants, einer Kapelle und Plätzen, an denen Wäsche zum Trocknen hängt.

Dann ist entscheidend, in welche Sektion man kommt. Denn jeder Sträfling muß sich in seine Zelle einmieten. Und dieser Mietpreis liegt je nach Qualität der Sektion zwischen drei und 300 Dollar monatlich. Wer kein Geld hat, schläft auf dem Hof oder arbeitet seine Mietschulden in der Küche beim Tellerwäschen ab. Oder in der Schreinerei. Ich zum Beispiel wohne in der Fünf-Sterne-Sektion Almas. Da mußte ich hin. Denn hier gibt's wirklich alles: Sauna, Kino, Kabelfernsehen, Bistros, Kavier, Champagner. Nur vom Feinsten. Die Jungs hier haben guten Kontakte zu den jeweiligen Botschaften. Die rücken für uns schon mal was raus. In der Alamas zahle ich etwa 150 Dollar Miete.

Ich hätte auch in die Sektion Pinos gehen können. Da gibt es Tischtennis- und Billardräume, ein Basketballfeld, eine Disco und einen Puff - den dürfen aber alle benutzen. Und es gibt einen von Coca-Cola gesponsorten Fußballplatz. Immerhin haben wir hier 25 Mannschaften. Die Sektion Pinos kostet genauso viel Miete wie meine. Aber in Pinos werden in den Restaurants nur Seefrüchte serviert. Die mag ich nicht.

Wer will, kann sich in San Pedro auch eine Zelle kaufen. Kosten zwischen 300 bis 4.000 Dollar. Nur Amarodo, unser Chef, also derjenige, den die Gefangenen zum Chef gewählt haben, ist eine Ausnahme. Er hat sich eine Zelle ganz oben auf dem Dach gekauft - so eine Art Penthouse. Von hier unten sieht seine Bude aber eher wie ein Container mit Fenstern aus. Die Gardinen sind immer verschlossen. Wer weiß, was da drin ist. Seine Zelle ist 15.000 Dollar wert.

Mehr als 1.500 Männer sind in San Pedro eingebuchtet. Frauen und Kinder auch, aber nicht als Gefangene, sondern als Besucher. Denn alle Ehefrauen und Kinder haben freien Eintritt und können gehen und kommen, wann sie wollen. Für die Kinder hat San Pedro sogar einen Kindergarten bauen lassen. Auch die Cholitas, die Marktfrauen aus La Paz, haben freien Zugang zum Gefängnis. Nur einer darf nicht rein: die Polizei. Sie bewacht nur die Gefängnismauern und den Eingang. Bei uns in San Pedro sorgen die Gesetze der Häftlinge für Ordnung: keine Diebstahl, keine Diskriminierung und einmal pro Tag duschen. Die Polizei greift nur ein, wenn wir uns verprügeln oder totschlagen.

Und das lockt wohl auch die Touristen. Damit ihnen während ihres Besuches so wenig wie möglich passiert, hat Louis aus dem Hochsicherheitsgefängnis von La Paz, in dem die Massenmörder untergebracht sind, zwei Männer freigekauft. Sie beschützen ihn und die Touristen während ihres Besuchs. Zur Abschreckung aller und mit Erlaubnis der Polizei dürfen die beiden Mörder Waffen tragen: arabische Dolche

Louis trägt ziemlich dick auf. Ständig erzählt er den Touris von unserer Gefängnis-Website (www.behyndbarstour.com), die aber heute noch nicht funktioniert. Er erzählt von unserer Druckerei, mit der wir Blüten herstellen, von unserer Kokainfabrikation und den Millionen Dollar wertvollen Gemälden, die hinter der 200 Jahre alten Jungfrau hinter dem Altar in der Kapelle hängen. Die Touristen lieben ihn dafür und klatschen.

Ich, drei Südafrikaner und Hans sind die einzigen Nichtbolivianer in San Pedro. Hans, 38, aus Hamburg hockt hier seit zwei Jahren. Schlecht sieht er aus. Hager, miese Zähne, fettige Haare. Mit 2,5 Kilogramm Kokain haben sie ihn erwischt. Acht Jahre hat er dafür bekommen. "In Deutschland hätte ich nur zwei Jahre sitzen müssen", sagt er. Ich frage ihn, ob er eine Chance hat, früher rauszukommen. "Ja, vielleicht nächsten Monat, sagen sie. Aber das sagen sie mir jeden Monat." Was ihn in San Pedro ärgert, ist die Cliquenwirtschaft. "Beschissen ist die", sagt Hans. Er müsse das doch kennen, sagte ich. Immerhin habe er doch auch in Deutschland schon einige Male gesessen. "Ja, aber hier ist es schlimmer", sagt er. Ein Schwede sei mal dagewesen. Mit dem habe er sich gut verstanden. Wenn ich hier raus bin, sei er wieder der einzige Europäer in San Pedro. Er zuckt mit den Schultern. Dann empfiehlt er mir eine Frau aus dem Puff. 50 Bolivianos die Stunde soll sie kosten. Die hat's drauf, sagt er.

Ich frage mich, was meine Frau wohl jetzt macht. Als ich ihr sagte, daß ich Carmen heiraten müsse, um den bolivianischen Paß zu bekommen, haute sie mir eine runter und verschwand. Carmen hat geweint. Ihr Vater schubste mich aus der Tür. Heute morgen bekam ich dann einen Zettel von meiner Frau. Auf ihm steht, daß sie mich morgen mit einer Kaution rausholt.
2. April 2002 - Schaf liebt Lama

Das Geschaeft mit den Lamas macht immer neue Probleme. Erst waren ueber die Haelfte der Tiere krank, dann wurden zehn Weibchen, die ich noch zusaetzlich in El Alto gekauft hatte, auf dem Weg zu den Stallungen von einem Lastwagen angefahren. Vier starben, den Rest musste ich einschlaefern lassen. Vor fuenf Tagen hat einer meiner Vorarbeiter fuenf Huanocos geklaut und sie an eine chilenische Schlachterei verkauft. Und immer wieder diese Streitereien mit den ansaessigen Bauern. Sie respektieren nicht, dass ich in grossen Zuegen Lamas kaufe und verkaufe. Sie fuerchten, ich mache auf Dauer ihr Geschaeft kaputt. Um alle diese Schwierigkeiten aus dem Weg zu raeumen, habe ich mich nun entschlossen, einen bolivianischen Medizinmann anzuheuern - einen Kallawaya.

Die meisten Kallawayas leben in Chari nordoestlich vom Titicacasee. Sie sind dafuer bekannt, dass sie ihre kranken Patienten allein mit Kraeutern zu behandeln und zu heilen wissen. 600 bis 1.000 Sorten kennen sie. Ausserdem haben Kallawayas die Kraft, die Zukunft vorherzusehen. Auf dem Mercado de la Hechiceria, dem Hexenmarkt von La Paz hinter der Kathedrale San Franzisco, bekam ich jedoch den Tipp, nach Coacabana zu fahren, im Sueden des bolivianischen Teils des Titicacasees.

Am Palmsonntag fahre ich also ueber die Andenstrasse an den Doerfern Pucarani, Huarina und Chua vorbei, setze bei San Pablo de Tiquina mit der Faehre ueber und erreiche drei Stunden spaeter Copacabana, ein ziemlich verschlafenes Nest - und das, obwohl es der Namenspatron des Strandes von Rio de Janeiro ist. Nur wenn die Wallfahrer vom Titcacasee wieder mal gen Himmel marschieren - naemlich den Kreuzweg des fast 4.000 Meter Wallfahrtsberg von Copacabana hinauf - ist in dem Seedorf die Hoelle los.

Ein Mitarbeiter im Hostal La Cupula, in dem ich wohne, schickt mich zu einer Huette am Ende des kleinen Strandes hinter dem Bootsverleih von Copacabana. Es ist kurz nach Sonnenuntergang. In der Huette hockt im Schneidersitz ein alter Mann auf dem Boden, eingewickelt in einen grauen Poncho. Zwei weisse Lamas leuchten in Bauchhoehe links und rechts aus dem Poncho. Eine bunte Alpacamuetze, die ueber beide Ohren reicht, umrahmt sein braunrotes Gesicht. Mit seiner linken Hand streichelt er einen kleinen Puma, der sich mit dem Ruecken an sein Bein geschmiegt hat. Der Puma hat wasserblaue Augen. Er ist blind. In einem Topf vor dem Mann kocht etwas. Kein Stuhl in der Huette, kein Tisch, kein Bett. Nur eine Kiste steht in der Ecke. Auf ihr brennt die Kerze, ohne die es in der Huette stockdunkel waere. Als der Alte mich sieht, lacht er mich an. Sein Gesicht - ein Faltenwurf in Leder.

Der Mann heisst Atoqsayk'uchi. Erst spaeter erfahre ich, dass dieses Aymarawort so viel wie "mueder Zorro" bedeutet. Atoqsayk'uchi hat von mir gehoert. Er wusste bereits von meiner Ankunft. Und er wusste auch, dass ich ihn als Aufseher fuer meine Lamas haben will. Atoqsayk'uchi will Kost und Logie frei haben und 200 Dollar im Monat. Er hat bereits alle seine Sachen verkauft und ist bereit. Als erstes will er mein bestes Lamaweibchen sehen. Mit ihr moechte er auf die Isla del Sol fahren - sie ist die Geburtsstaette der Sonne, glauben die Inkas. Und dort soll Verona vom besten Lamamaennchen des Landes befruchtet werden.

Ich habe Verona, meine liebste Lamadame, nach Copacobana holen lassen. Leider musste Klaus auch mit. Mein Personal in La Paz sagte mir, dass der braune Spucker staendig verrueckt spielt, wenn er nicht in Veronas Naehe ist. Atoqsayk'uchi ist von Verona begeistert. Er faehrt mir ihr und mir und dem blinden Puma auf die Isla del Sol. Klaus muss in Copacabana bleiben. Wir haben ihn am Strand an einem Pflock angebunden.

Knapp zwei Stunden dauert die Ueberfahrt. Im Suedhafen bei den Pilko Kaina, kurz vor dem Sonnentempel der Inka, gehen wir von Bord. Atoqsayk'uchi will mit Verona den Weg alleine weitergehen. Seinen blinden Puma traegt er nun im Arm. Ich soll mich gedulden. Einige Stunden, sagt Atoqsayk'uchi.

Am naechsten Morgen fahren wir zurueck. Verona schaut verwirrt. Ich biete ihr Gras an. Sie will nicht. Auch Bananen will sie nicht. Ich bin beunruhigt. Bananen mag sie sonst am liebsten. Nur Eiscreme isst sie. Und Auberginen mit Cola. Atoqsayk'uchi schaut zufrieden. Er hat grossen Hunger und Durst.

Als wir in Copacabana ankommen, ist Klaus weg. Einheimische erzaehlen mir, dass sie in den fruehen Morgenstunden ein braunes Lama mit einem Seil, an dem ein Pflock hing, gefunden haetten. Es habe vollkommen weggetreten in einem Kokafeld gelegen.

Wochen spaeter wirft Verona. Es ist ein Tier. Ich bin froh. Doch ein Lama ist es nicht. Finde ich zumindest. Atoqsayk'uchi reibt sich sein Kinn. Es ist kein Lama, sagt er. Aber es ist schoen. Ich frage ihn, was in der Nacht auf der Isla del Sol gelaufen sei. Atoqsayk'uchi sagt, er habe Verona mit einem Zuchtlama zusammengetan. Alles habe wunderbar geklappt. Sein Puma habe die ganze Nacht Wache gehalten. Der Puma sei zwar blind, aber er habe einen wunderbaren Instinkt fuer Gefahr. Atoqsayk'uchi habe Stampfen und die wohlklingensten tierischen Laute gehoert. Und auch Haehne und Esel, die auf der Sonneninsel besonders laut seien, aber von ganz weitem, also ausserhalb des Gatters, in dem die Lamas mit den Schafen weideten. Mit den Schafen???

Seit Atoqsayk'uchi bei mir arbeitet, laeuft das Geschaeft ausgezeichnet. Atoqsayk'uchi kommt sehr gut mit den einheimischen Bauern aus. Ueberall nimmt er seinen blinden Puma mit. Die Bolivianer verehren Pumas. Noch nie habe ich so viele Huanacos und Lamas verkauft. Am besten gefaellt den Kunden aber meine einzigartige Kreuzung: die Schamas.
5. April 2002 - Der Inka-Führer

Ich versinke in Rohwolle. Was für eine schöne Schur! Und das verdanke ich meinen Schamas, der Kreuzung aus Schaf und Lama. Zehn von ihnen geben so viel Wolle wie 20 Alpacas. Und das ist schon ein Rekord. Denn in den Anden zählten bisher die Alpacas zu den Tieren mit der dicksten Wolle. Jetzt wollen alle nur noch Schamas. Die Kunden finden vor allem die Wolle meiner Jungtiere so weich und lockig. Dass Atoqsayk'uchi und ich die Neugeborenen drei Tage lang mit einem Lockenwickler bearbeiten, erzählen wir natürlich keinem.

Das Geschäft läuft so gut, daß ich nun beschlossen habe, eine Zweigstelle in Peru aufzubauen. Ich habe mir Cusco ausgesucht - die ehemalige Inka-Hauptstadt, etwa zehn Stunden mit dem Zug durch die gelbgrauen Hochanden westlich vom Titicacasee. Cusco gefällt mir besser als Lima, weil Cusco nur wenige Kilometer vom peruanischen Zentrum der Wollmanufraktur und Perus zweitgrößter Stadt, Arequipa, entfernt ist.

Auf der Zugfahrt nehme ich ein Schama mit. Eigentlich sollte mich ja wieder Verona, meine beste Lamadame, begleiten. Doch seit dem Vorfall auf der Isla del Sol, ist sie etwas irritiert. Sie reist nicht mehr gerne. Ihre Zutraulichkeit hat nachgelassen. Nun, wen wundert's. Daß sie jedoch nun freiwillig mit Klaus die ganze Zeit zusammen ist, ist schon merkwürdig. Der Braune spielt sich vielleicht auf. Ich habe ihm zur Strafe seine roten Ohrbüschel, die ihn als Lamahengst kennzeichnen, abgenommen. Da bliebt ihm die Spucke weg.

Mein kleines Schama hat Charakter. Es will immer spucken, kann aber nicht. Es drückt nur Luft durch seine gespaltene Oberlippe (Wie ein Lama hat auch ein Schama diese Lippenform, damit es kleine Pflanzen vom Boden pflücken kann). So drückt es Luft und Luft. Und irgendwie entstehen dadurch Töne. Ich bin begeistert. Mein Schama ist so intelligent. Als wir am Bahnhof in Cusco ankommen, kann es bereits die A-, und die C-Dur-Tonleiter pfeifen.

Am Plaza de Armas, dem Hauptplatz der Stadt, treffe ich Miguel Gutierrez. Atoqsayk'uchi kennt ihn aus alten Tagen und meint, er sei nicht nur Lama-, sondern auch Inka-Experte. Beides sei wichtig, um das Vertrauen der Ureinwohner Perus zu gewinnen. Miguel ist 42 Jahre alt. Er spricht Englisch, Spanisch und Quechua. Er trägt eine blauweißes Ringelhemd, dazu ein dunkle Leinenhose, einen beigen Safarihut über den schwarzen Haaren und keine Schuhe.

Miguel mustert mich mit seinen dunklen Augen. Das Schama neben mir übt gerade die Tonleiter in Cis-Dur. Miguel verzieht keine Mine. Ich frage ihn, warum er keine Schuhe trägt. Er sagt: "Everything is inside." Ich verstehe nicht. Dann sagt er, dass wir morgen mit dem Zug nach Aguas Calientes fahren. "Und dort wir werden dann den Machupicchu besteigen", sagt er und geht. Ich bummel noch durch Cusco. In den Geschäften sehe ich Vicuna-Wolle, die beste Lamawolle überhaupt. Schon eine der zimtbraunen Locken ist 50 Dollar wert. Ich werde Miguel morgen bitten, Vicunas mit Schafen zu kreuzen.

Wir stehen in der Ruine des Inka-Sonnentempel auf dem Machupicchu in 2.400 Meter Höhe. Um uns türmen sich wie Zuckerhüte bewaldete Berge. Miguel hält die Hände gefaltet. Die Sonnenstrahlen fallen auf den Steinaltar. Der Schatten des Altars wirft auf dem Boden die Konturen eines Lamakopfes. "Der Machupicchu ist nicht irgendein Ort", sagt Miguel. Er schaut streng. Dann lächelt er: "Machupicchu ist eine Universität, ein Kosmos, Harmonie, Einklang. Über 700 Indios lebten hier früher. Sie ernährten sich von dem, was der Boden ihnen schenkte, und sie studierten das Leben. Ohne Krieg. Sie liebten das Leben. Sie liebten den Himmel, die Luft, den Boden. Sie wollten den Boden fühlen, ihm nahe sein, mit blanken Füßen. Sie verstanden, daß sie ein Teil von allem waren. Sie verstanden das Leben, und die Kürze des Lebens. Sie wussten: Everything is inside. Sie blieben in dieser Stadt bis die Spanier sie vertrieben. Sie flüchteten in den Dschungel und bauten eine neue Stadt. Gut versteckt. Ja so gut versteckt, daß sie bis heute keiner gefunden hat." Miguel hält inne. Ich schaue mein Schama an. Es zupft an dem Unkraut, das zwischen den Steinen wächst. "Machupicchu war eine Welt, in der der Mensch Körper, Geist und Imagination im höchster Vollendung zelebrierte", sagt Miguel. Das Schama fängt an zu pfeifen. "Machupicchu war Kommunikation. Ohne Computer, Maus, Tastatur, Handy, Autos." Mir fallen die Touristen ein, die den Berg zum Machupicchu hinauffahren und ohne die die Einheimischen kein Einkommen hätten. "Niemand brauchte damals Eigentum. Niemand brauchte Lamas als Eigentum. Jeder gab dem anderen. Das Leben war ein Sich-Borgen." Ich denke an die 20 Dollar, die der Machupicchu Eintritt kostet. Dann lächelt Miguel wieder: "Machupicchu kann auch heute sein. In unserer Welt. Wir brauchen nur Lehrer, die es uns wieder beibringen." Er tippt sich mit dem rechten Zeigefinger auf die Stirn zwischen die Augenbrauen und sagt mit breitem fröhlichen Grinsen: "Everything is inside." Dann nickt er, als ob er sich diesen Satz noch mal bestätigen müsse, und zerrt mich zur nächsten heiligen Stätte 200 Meter weiter.

Wir stehen vor einem Stein mit breiten flügelartigen Wölbungen links und rechts. Miguel fragt mich, was ich sehe. Ich sage: "Das Abbild eines Condors." Darauf holt Miguel eine kleine Plastikflasche aus seinem Rucksack und bietet mir zur Belohnung fürs richtige Raten einen Schluck an. Ich trinke. Eine Mischung aus Wein und Likör. Es brennt im ganzen Körper. Miguel hält nun einen Vortrag über den Condor, den heiligen Geier der Inka. Ich nehme einen weiteren Schluck und noch einen. Luft und Wasser, Puma und Lama, höre ich Miguel sagen. Ich nehme noch einen Schluck. "Everything is inside". Mir wird schwindelig. Ich sehe Miguel, wie er mit den Händen ein Vicuna fängt, und ich sehe eine Quechua-Frau wie sie eine Schama schert. Ich frage Miguel, ob er Schafe mit Vicuna kreuzen würde. Nein, sagt Miguel. Nur der Inka-Herrscher und sein engster Kreis durften die Vicunawolle tragen. Vicunas sind heilig. Zum ersten Mal höre ich Miguel "unsere Vorfahren" sagen. Gleichzeitig holt er ein paar Koka-Blätter aus seinem Rucksack und schiebt sie sich in den Mund. "Koka ist wichtig für die Bauern. Es ist ihre Existenz. Sie bauen es an und verkaufen es. Sie müssen es anbauen. Andere Dinge wachsen bei uns hier in der Höhe nur schwer. Koka ist keine Droge. Das ist eine Erfindung von Präsident Bush, Bush Senior. Schon die Inka kauten Koka. Es war ein Geschenk der Götter für sie. Kokain ist schlecht. Koka nicht. Warum hat uns der Präsident verboten, Koka anzubauen?" Ich schaue jetzt auf die Plastikflasche mit dem hochprozentigen Superwein. Auf dem Etikett steht Coca-Cola. Ich nehme noch einen Schluck. Ich sehe den Machupicchu, Kommunikation. Ich frage Miguel: "Allin Punchay cachun shika huatas maskani papanoelta." Das ist Quechua und bedeutet so viel wie: "Seit Jahren suche ich den Weihnachtsmann." Ich höre Miguel antworten: "Yachanquichu maypi tiyakun? Sumaj kayman (Kannst du mir sagen, wo er ist? Das wäre sehr schön.)." Plötzlich sehe ich eine Frau auf mich zukommen. Sie kommt aus dem Sonnentempel. Immer näher. Sie hat langes braunes Haar, in das sie eine Condorfeder gesteckt hat. Sie trägt einen Poncho aus Alpaca und an jedem Ohr als Schmuck eine kleine Sonne aus Silber. "Tinkumakama" sagt sie zu mir, "tinkumakama" - adios, adios.

Am nächsten Morgen wache ich mit schwerem Kopf auf. Ich nehme den nächsten Zug zurück nach La Paz. Die Geschäfte in Cusco lasse ich komplett sausen. Ich kaufe mir eine Andenmütze und ziehe sie mir über beide Ohren. Mir ist kalt. Das Schama fängt wieder an zu pfeifen. Fis-Dur. Ich sage ihm, es soll die Klappe halten. Es versteht. Everything is inside.
11. April 2002 - Reineke Fuchs

Es ist so weit. Heute sollen meinen unternehmerischen Leistungen geehrt werden. Dem Deutschen Club in La Paz hat der erfolgreiche Aufbau meines Lama-Großhandels innerhalb weniger Wochen anscheinend so imponiert, dass er mich jetzt feierlich als Mitglied aufnehmen möchte. Die Ehrung findet in der Avenida Montenegro/Esquina Calle 18 statt, und zwar in einem Restaurant mit dem typisch bolivianischen Namen "Reineke Fuchs".

Alle sind gekommen: der deutsche Botschafter, Bernd Sproedt, der Geschäftsführer der Deutsch-Bolivianischen Handelskammer, Jörg Zehnle, der deutsche Wirtschaftsattachee in Bolivien, Jakob Haselhuber und selbst der parlamentarische Staatssekretär im bolivianischen Wirtschaftsministerium, Carlos C. Orupcion.

Die feierliche Zeremonie. Ich in der Mitte, der Rest um mich herum. Stehend. Der Botschafter heftet mir ein deutsch-bolivianisches Fähnchen ans Revers, Pater Obermeier aus Bayern, der in El Alto für seine Gläubigen Zwiebeltürme baut, spricht den Segen, alle schreien drei Mal "Hurra", klatschen, die CD spielt Blasmusik und das Bier fließt: Erdinger Weissbräu - und das überhaupt zum ersten Mal in La Paz. Der Zufall will nämlich, dass heute abend eine kleine Delegation aus Erding in La Paz zu Besuch ist: Werner Brombach, Diplom- Braumeister und Chef der Privatbrauerei Erdinger Weissbräu, seine Exportchefin Waltraud Kaiser und sein Lateinamerikareferent Hugo Wolf. 1.000 Hektoliter Weissbier hat Brombach heute an Reineke-Fuchs-Chef Reinhard Rössling verkauft. O'zapft is. Bayern in den Anden.

Brombach hat schlohweißes Haar und trägt eine überdimensionale schwarze Hornbrille. Ich erzähle von Verona. Sie ist eine ganz süße, sage ich. Brombach erzählt von Stoiber. Süß is der nett, aber stark, sagt er. Dann komme ich auf meine Schamas zu sprechen. Brombach klagt über Schröder. Saudepperte Kapitalmehrwertsteuer, sagt er, zu hoch für den Mittelstand. Ich erklärte ihm, das ich bereits zahllose Schamas exportiert hätte. Mit ganz geringem Aus- und Einfuhrzoll. Warum nicht auch nach Bayern!? Kühe und Stiere auf grünen Wiesen und dann die Schamas dazwischen, wollige, lockige, schöne Schamas. Ja. Bayern, Berge, Böcke, Beckenbauer - das wäre doch was, sage ich. Ich biete ihm 30 Schamas für 500 Hektoliter Bier. Brombach nimmt die Brille ab. Fast wie eine Maske hat sie sich auf sein Gesicht geklebt. Schama? Dann sagt er: "Scha'ma mal."

Das Erdinger fließt. Häppchen werden gereicht. Spezialitäten aus Deutschland. Winzige Würstchen am Zahnstocher. Die Deutschbolivianer, also die Deutschen, deren Familien seit mehr als 100 Jahren in La Paz leben und die bolivianischen Staatsangehörigkeit haben, wollen mit mir ins Geschäft kommen. Peter Bauer zum Beispiel. Er ist der größte Fleischverarbeiter Boliviens. Ich muss ihm erklären, dass ich meine Tiere nicht zum Schlachten züchte. Sie sind ausschließlich für den Verkauf und zur Wollverwertung. Auch Dieter Schilling, dem das größte pharmazeutische Unternehmen in La Paz, "Inti", gehört, muss ich absagen. Ich lasse aus meinen Schamas keine Pillendöschen machen.

Schließlich kommt der Decken- und Stoffhersteller Iberkleid auf mich zu. Markus Iberkleid ist Boss der Ametex-Holding. Mit seiner Marke "Batt" ist er in Bolivien fast so erfolgreich wie Benetton in Europa. Doch das Gespräch wird unterbrochen. Und zwar von Eduardo Bascón Z. Der Mann ist Finanzchef der Wella in La Paz. Er quasselt direkt drauflos und macht mir in seinem Halbdeutsch-Halbspanisch tatsächlich das beste Angebot: Für jedes Schama, das ich ihm gebe, will Don Eduardo mit mir einmal spielen - und zwar Golf im Valle de la Luna, dem Mondtal, im Süden von La Paz. Ich nehme sofort an und lasse Iberkleid und Co. links liegen. Don Eduardos Offerte ist nämlich ein Riesengeschäft für mich. Für ein Schama bezahlt keiner meiner Kunden mehr als 50 Dollar. Eine 18-Loch-Runde auf dem Golfplatz im Valle de la Luna aber kostet 100 Dollar. 300 Schamas also für 300 Runden. Muchas Gracias Don Eduardo! Jetzt muss ich mir nur noch Schläger und eine grosse Flasche Sauerstoff kaufen. Denn der Golfplatz im Valle de la Luna ist mit 3.500 Metern der höchste der Welt.
16. April 2002 - Dinosaurierspuren
Bei den Deutschen im Land bin ich nun überall gefragt. Vorgestern war ich in Cochabama im tropischen Tiefland bei Werner Guttentag, Inhaber des Verlages "Los amigos del Libros". Der Mann will mit mir ein Buch machen. Titel: "Wirbeltiere der Anden. Zähmung, Zäumung, Züchtung. Eine Fallstudie am Beispiel der Schamas." Ich fühle mich geehrt. Guttentag ist eine der herausragenden Persönlichkeiten im bolivianischen Verlagswesen. 1939 aus Deutschland geflohen, saß er in Bolivien schon bald wieder im Gefängnis. Immer aus nichtigen Gründen. Den Militärdiktatoren war der Querdenker zu unbequem. Später, in den 80er Jahren, verlieh das demokratische Bolivien dem schlauen Kopf für sein Engagement den Nationalorden. Die Bundesrepublik ehrte ihn, besonders wegen der Veröffentlichung deutschsprachiger Literatur in Bolivien, mit dem Verdienstkreuz Erster Klasse. Heute hat ihn der bolivianische Staat sogar auf einer Briefmarke verewigt - "das wird sonst nur Toten zuteil", sagt Guttentag, "schön, dass ich das jetzt schon bekomme, wo ich noch so jung bin." Guttentag ist 82 Jahre alt.

Die besten Jobs von allen

In Sucre, eine halbe Flugstunde von Cochabamba entfernt, bin ich auf Einladung des Deutsch-Bolivianischen Zentrums und seines Café Berlin. Die Deutschen in Boliviens Regierungsstadt scheinen vollkommen verschamaisiert. Sie wollen einen Fussabdruck eines meiner Tiere in einen Fels drücken. Und zwar genau an die Stelle, wo vor acht Jahren ein internationales Professorenteam Dinosaurierspuren gefunden hat - also bei den Dino-Tracks. Eine ganz besondere Ehre, sagen sie, nur den typischen Tieren der Anden sei dieses Privileg vergönnt, also Alpacas, Condoren, Huanacos, Pumas, Vicunas und Schlangen - wenn die Füsse hätten. Walk of Fame in Sucre.Ein zum Touristen-Truck umgebauter Viehtransporter bringt uns fünf Kilometer von der Kathedrale am Plaza Mayor entfernt zu den Dinospuren - ein Felsen direkt neben der Zementfabrik, ohne die Sucres Wirtschaft pleite gehen würde. Neben mir im Wagen sitzt ein Delegierter des Deutsch-Bolivianischen Zentrums. Er hat die Schama-Fussabdruck-Truppe zusammengestellt: eine 52-jährige Tierärztin aus Appenzell namens Kelly Speth, ein Zementmischer vom städtischen Bauamt Sucre, eine Stylistin aus Kopenhagen - eine gewisse Tine Hillerson, die bis vor zwei Jahren Fuss-Modell war -, zwei amerikanische Touristen, nämlich John und Norman, die Tierfussabdrücke "very cool" finden, der Fahrer des Wagens und ein Schama.Eine dreihundert Meter hohe grünlich schimmernde Felswand türmt sich vor uns auf. Die Dinofußstapfen laufen senkrecht die Wand hinauf. Dinos mit Haftkleberklauen? "Die Evolution hat die Platten verschoben", sagt der deutsche Delegierte. "Wow", sagt Norman. "What a Track!", schreit John. Manche der Dinoabdrücke sind Fassboden gross. Manche sind tief, manche nur angedeutet. "Hier sind vor Millionen von Jahren Dinoherden durch frische Vulkanasche spaziert." Das Schama kratzt am Gestein. Es bröckelt überall. "Und hier befinden sich noch etliche unentdeckte Schichten Evolutionsgeschichte und Fossilien." Der Delegierte hält die gefalteten Hände erhoben. Ich schaue seinen Händen nach. In den blauen Himmel. Die Sonne sticht mir in die Augen. John und Norman gehen zum Fels und kratzen herum. Auf der Suche nach noch mehr Spuren.Der Zementmischer beginnt, in einem Plastikeimer Zement anzurühren. Tine, die dänische Stylistin, macht sich an das Schama ran. Sie will die Füsse des Tieres waschen. Der Abdruck in Zement steht kurz bevor. Als sie es an der linken Vorderpfote ergreift, beginnt es zu pfeifen. Kelly, die schweizer Tierärztin, geht um das Tier herum und schaut es sich von hinten an. "Sieht nicht gesund aus ihr Schama, oder?", sagt sie und reibt sich am Kinn. "Wow", ruft Norman. "Cool!" Er hat ein Fossil gefunden. Es ist so dünn, dass es in seiner Hand sofort zerbricht. "Schon mal das Tier auf Teschener Schweinelähmung getestet?", fragt mich Kelly. Ich schüttel den Kopf. "Das ist sicher Teschener Schweinelähmung. Das da, was das Tier da hat, oder?! Ich kenn mich aus. Fünf Fälle habe ich bereits in Bolivien entdeckt. Sie müssen aufpassen. Die übertragen sich schnell auf Kinder. Und dann gibts Kinderlähmung, oder?!"Tine hat das Schama gesäubert und schleppt es zum Eimer des Zementmischers. Am Fuße des Felsens sehe ich erst jetzt eine Art Galerie. Lauter Huf- und Fußabdrücke. Etwa zehn Stück. Der Zementmischer hat rechts davon eine Stelle mit Zement bestrichen. Der Moment ist gekommen. Tine, das ehemalige Fuss-Modell, nimmt sich das Vorderbein des Schamas und will es in den Zement drücken. Der Zementmischer, mit Schweiss auf der Stirn, hilft ihr. Dem Delegierte schiessen Tränen in die Augen. "Generationen nach uns werden unsere Spuren finden. Diese Spuren hier!" Die beiden Amis passen nicht mehr auf. Sie befinden sich im Fussabdruckrausch. John hat schon fast ein Mannsgrosses Loch in den porösen Fels gebuddelt. "Cool", ruft er. Norman kratzt weiter. Das Schama pfeift, mehr Luft als Ton. Ich habe Angst, dass das Fussmodell dem Schama die Hufe bricht. "Teschener Schweinlähmung ist in Europa ausgestorben. Nicht aber in Bolivien. Ich werde Ihre Schamas untersuchen lassen, oder?!" sagt Kelly nun bestimmt.Das Schama wehrt sich. Es stampft mit allen Hufen. "Mistvieh." Tine packt es jetzt am Genick. Dann nimmt sich der Zementmischer das Bein und drückt es wie einen Stempel fest in die nasse Masse. Plötzlich ein Knall. Als ob jemand geschossen hätte. Der Delegierte wischt sich mit einem Taschentuch die Tränen aus den Augen. "Wow", brüllt John. Er zeigt nach oben. Eine Felsschicht hat sich gelöst und bricht auf uns nieder. Alle schreien gleichzeitig. Das Lama springt als erstes davon. Der Delegierte und der Zementmischer stossen bei einem rettenden Hechtversuch fast zusammen. Kelly und Tine laufen, stolpern und fallen zu Boden. Ich springe zu den Amerikanern, die bereits in einem sicheren Abstand stehen. Dann kracht eine etwa drei Meter breite und vier Meter lange Felsschicht nieder. Die Steine zerspringen in tausend Stücke, tobend, kreischend, rauschend - bis es nur noch bröselt. Dann ist Ruhe. Von unserer Galerie ist nichts mehr zu sehen. Begraben. Aus. Vorbei. Der Delegierte holt sein Taschentuch hervor. "Wow", ruft Norman. "Cool", sagt John. Ich suche mein Schama. Es steht weit hinter uns und grast. Der Zementmischer schaut gebannt den Fels hinauf. Tine, die Dänin, hockt auf einem Stein, den Mund offen, ihre Beine zittern. Kelly, die Appenzellerin, steht regungslos, ihr Gesicht fahl, die Schultern eingesackt, die Knie aneinander, die Fuss-Spitzen nach innen gekehrt. Hm. Teschener Schweinelähmung, oder!?
19. April 2002 - Die Silberminen von Potosi

Wieder im Hochland. Ich bin von der Kooperative der Silberminen von Potosi eingeladen. Vor ueber vierhundert Jahren war die Stadt die drittreichste der Erde. Heute gehoert sie zu den Staedten der Mittelklasse in Lateinamerika. Immer noch ist sie aber die hoechste Stadt der Welt - mit 4.090 Metern. Warum die Minen-Kooperative mich eingeladen hat, weiss ich nicht. Ich soll die Minen besichtigen. Die Kooperative gibt mir Helm, Regenjacke, Gummistiefel und eine Lampe. Auf dem Markt der Minenarbeiter kaufe ich Zigaretten und Kokablaetter fuer die Arbeiter in den Schaechten. Dann besteigen wir den Minenberg von Potosi. Vom Markt etwa 30 Minuten Weg.

Oben angekommen fuehrt mich die Kooperative vor den Eingang der Mine, und mein Schama auch. Das Tier ist unruhig. Der Chef der Kooperative zeigt auf die roetliche Faerbung der Steine am Eingang. "Tierblut", sagt er. Das Schama beginnt, nervoes zu pfeifen. "Lamablut", sagt er. "Das Lama ist ein heiliges Tier. Es beschuetzt die Minenarbeiter. Und Ihr Schama ist ein beruehmtes Tier", sagt er. Ich ahne Schlimmes. Ihm waere es eine grosse Ehre, wenn ich das Schama fuer das Glueck der Minenarbeiter opfern wuerde.

Ich hoere ihm schon gar nicht mehr zu. Ich sehe nur noch, wie das Lama wegzulaufen versucht. Erst den Weg wieder hinunter zur Stadt. Doch da steht die Kooperative und versperrt den Weg. Dann fluechtet es in die andere Richtung. Genau in die Mine. Ich hinterher. Die Lampe in der Hand. Die Kooperative will mich aufhalten. Doch ich bin schon weg. Ich sehe gerade noch, wie vor mir ein Knaeuel weisser Wolle in der Dunkelheit verschwindet. Ich renne tief in den Schacht. Der Gang ist klein. Ich muss mich buecken. Ich laufe durch Pfuetzen. Gebuckelt. Dann krache ich mit dem Helm gegen den Fels. Ich krieche weiter. Auf allen vieren. Ich schaue nach vorne. Kein Schama vor mir zu sehen. Meine Haende greifen in weichen nassen Boden. Dann ein Licht. Ich hoere ein Klopfen. Ich schaue nach links. Ein Minenarbeiter hockt in einem Schacht unter mir. Er hat seine Lampe am Helm befestigt. Mit einem Hammer haut er auf Felsbrocken. Neben ihm ein kleiner Haufen Steine. Sie glaenzen. Silbrig.

Der Mann heisst Jaime. Er ist 16 Jahre alt. Minenassistent, wie er sagt. Seit einem Jahr in der Mine. Sein Vater ist in der Mine umgekommen. Vor fuenf Jahren. "Er hat keine Luft mehr bekommen", sagt Jaime. Aber das war ganz unten in der Mine. Seine Mutter klopft nun draußen Steine. "Sie klopft die Restprodukte nach Silber ab", sagt Jaime. Seine Schwestern wuerden auch gerne in der Mine arbeiten. Aber sie duerfen nicht. Frauen duerfen nicht in der Mine arbeiten, sagt Jaime. Das bringt Unglueck. Die Patchamama mag das nicht - die heilige Mutter Erde. Sie wird dann neidisch, sagt Jaime. Jaime verdient 30 Dollar die Woche. Ich frage ihn, ob er mein Schama gesehen hat. Er schuettelt den Kopf. Dann klopft er unverdrossen weiter. Ich gebe ihm zwei Packungen Zigaretten und gehe weiter.

Der Gang ist wieder hoch genug, dass ich mit geradem Koerper laufen kann. Dann hoert der Weg vor mir auf. Rechts auf Kopfhoehe ist ein Loch. Da gehts weiter. Ich zwaenge mich hindurch, schiebe mich vorwaerts und gleichzeitig mein Gesicht in eine Pfuetze. Der Gang fuehrt nun geradeaus. Mit der Lampe sehe ich ueber mir die Silberlinie - eine natuerliche Linie die den Silbergehalt in der Mine anzeigt.

Weit voraus flackert wieder ein Licht. Es ist Amarado, der sich mit aller Kraft gegen die Wand stemmt und jeden Schlag gegen den Fels mit einem gewaltigen Stoehnlaut begleitet. Amarado ist 42 Jahre alt. Sechs Tage die Woche schiebt er in der Mine seine Schicht. Seine Backen sind gefuellt mit Kokablaettern. Ohne sie koennte er Hunger, Durst und Muedigkeit in der Mine nicht ueberwinden. Seine Arbeit macht ihm Spass, sagt Amarado. Anstregend sei es nur zu Hause, wenn seine Frau von ihm nachts eheliche Pflichten erwarte. Amarado lacht. Sechs Soehne hat er und die ersten zwei arbeiten schon in der Mine. Mein Schama hat er nicht gesehen. Ich gebe Amarado einen kleinen Beutel Kokablaetter und gehe.

Ich muss wieder auf Knien krabbeln. Der Gang ist so klein und eng, dass ich teilweise auch meinen Helm abnehmen muss. Ich bin bereits eine Stunde in der Mine. Vom Schama keine Spur. Der Weg fuehrt nach unten. Die Luft wird immer waermer. Ich ziehe den Pullover unter der Regenjacke aus und knote ihn mir um die Hueften. Dann faellt der Weg steil ab. Ich rutsche ueber die Steine nach unten. Meine Lampe gibt nur noch wenig Licht. Dann hoere ich einen Knall. Vielleicht in dreissig, vierzig Meter Entfernung. In diesem dunklen Wirrwarr fehlt mir jedes Gefuehl fuer Distanz. Dann ruft jemand etwas. Ich folge der Stimme. Ein Licht. Santos kniet vor mir. So der Name, des Mannes, der sich gerade daran macht, eine zweite Dynamitstange zu zuenden.

Santoz schaut kurz zu mir herauf. Ich frage ihn, ob er ein Tier vor ein paar Minuten hat vorbeilaufen sehen. Er zieht das Gesicht zusammen. Vielleicht, sagt er und schnuert seine Ladung. Dann sagt er, "Hau ab, ich zuende jetzt die Lunte." In leichter Panik renne ich in die Richtung, aus der ich gerade gekommen war. Etwa eine Minute spaeter hoere ich es knallen. Eine gewaltige Explosion, die die Erde unter mir zittern laesst. Dann ist es still. Durch einen Schlitz neben mir im Fels sehe ich ein Licht. Ich blicke durch die Ritze hindurch. Zwei blaue Augen in einer haesslichen Maske glotzen mich an. Es ist eine Puppe mit gebogenen Hoernern - "Tio", der teuflische Schutzpatron der Minenarbeiter. Sie opfern ihm, dass er sie beschuetze. In Tios Mund glueht eine Zigarette. Vor ihm liegen Plastikflaschen mit Alkohol, Zigaretten und ein Huf, aus dem Blut quillt. Ich will mehr sehen, lehne mich vor, strecke mich. Dann wackelt der Stein, ich verliere den Halt, stuerze, falle auf den Boden, rolle und falle in ein Loch, drei, vier Meter tief.

Nur zwei Tage war ich im Hospital. Mir geht es gut. Verona und Klaus, meine Vorzeigelamas, befinden sich gerade auf Tour. Sie sammeln fuer verarmte Lamadoerfer in den Anden, jenseits und diesseits der kontinentalen Wasserscheide. In wenigen Tagen werden sie in Uyuni sein, dem Dorf am Rand der groessten Salzwueste der Welt. Klaus soll angeblich nur drei Lamahengste bespuckt und einen ernstlich gebissen haben. Mein Schama in der Mine habe ich nicht mehr gefunden. Ab und zu aber sollen Minenarbeiter erzaehlen, ein hinkendes Tier beim Tio gesehen zu haben. An solchen Tagen, so wird berichtet, ist die Silberausbeute besonders hoch.
26. April 2002 - Durch die Salzwüste

Schlechte Nachrichten. Atoqsayk'uchi, mein Lamaführer, ist mit einer Gruppe von zehn Tieren in der Salar de Uyuni, der Salzwüste im Süden Boliviens, verschwunden. Er sollte Spendengelder für verarmte Lamadörfer in den Hochanden sammeln. Und nebenbei noch ein paar Vicunas einfangen, die wild in der Wüste leben. Ich habe Atoqsayk'uchi die Lamadame Verona mitgegeben, den Lamahengst Klaus, drei Alpacas, fünf Schamas, drei bunte Wollmützen, Creme und eine Sonnenbrille.

Ich muss die Gruppe finden. Sie ist mein größter Werbeträger. In Uyuni, ein trostloses Örtchen am Rande der Salzwüste, nehme ich den ersten Jeep, der fährt. Zwei Touristen haben den Wagen gemietet, Judith Butch van Couver und David Chassidy van Couver, kanadische Rentner. Sie selbst nennen sich nur Butch und Chassidy. Sie, Butch, ein Meter sechzig klein, rote Wollmütze auf dem Kopf, das Tagebuch in der Hand, Ex-Lehrerin für Berufsschule, er, Chassidy, ein Meter fünfundneunzig groß, Vollbart, Ex-Biologe, Sicherheitsexperte in Bergbau und Minen. Beide haben ihren Rucksack mit zahllosen Äpfeln und Mandarinen gefüllt. Proviant. "Müssen wir bis Chile essen", sagt Chassidy, "weil Früchte von Bolivien nach Chile aus gesundheitspolitischen Gründen nicht eingeführt werden dürfen. Wer es dennoch tut, wird bestraft". Ich erkläre ihnen die Dringlichkeit meiner Mission. Sie sind einverstanden. Ich darf mit, weil ich nicht rauche. Zudem im Wagen: Philemon, der Fahrer, und Nilda, die Köchin.

Die Salar de Uyuni vor uns, eine Wüste im Durchschnitt auf knapp über 4.000 Meter Höhe. Kurz vor Colchani, das letzte Dorf vor der Salar, fahren wir am Zugfriedhof entlang, rostige Eisenmonster, leer geklaute Waggons, tote englische Dampfmaschinen. Butch will Fotos machen. "Can you ask the driver to stop?" Ich übersetze. Philemon hält. Ich denke an Atoqsayk'uchi und Co. Wir müssen uns beeilen. Butch macht Tagebuchnotizen. Philemon hupt. Wir fahren. Hinter den Lokleichen flimmert die Sonne.

Auf dem Weg zum Salzhotel erzählt Chassidy von seinem Besuch in den Minen von Potosi. Ich schaue nach draußen. Alles ist weiss, weiss wie in den Alpen im Winter. Grell weiß. "Ich habe jetzt noch Rückenschmerzen von ewigen Bücken in den engen Gängen", sagt Chassidy. Minen wie im 19. Jahrhundert, keine Sicherheitsvorkehrungen. Kein Wunder, dass vor zwei Wochen ein japanischer Tourist in der Mine umgekommen sei - in ein Loch gestürzt, Genickbruch. Und dieser merkwürdige Tio und dieses Tier, was er dort gefunden habe. Fast ein Schaf. Und fast ein Lama. Er habe es gefangen und Butch gezeigt. Butch habe ein Foto gemacht. Und Notizen. Dann hätten sie es aus der Mine geholt und Freunden mitgegeben. Nach Kanada, Vancouver, weil die was von Tieren verstehen. Die hätten nämlich eine Hasenzucht, lauter lustige Rabbits. Naja, und jetzt hätten die Freunde geschrieben, das komische Schaf habe Nachwuchs bekommen. Mit ganz langen Ohren. Sie hätten die Tiere erst einmal Schabbits getauft.

"Can you ask the driver to stop?" Butch will Salzhügel fotografieren. Kleine Salzhügel, ein Meter hoch. Und das Salzhotel. Es ist nicht mehr in Betrieb. Aus umweltpolitischen Gründen. "Menschen hinterlassen zu viel Dreck", sagt Philemon. Nilda holt Pfanne und Kochtopf raus. Chassidy fragt Philemon, ob das Salzsee Natriumcarbonat enthält. Nilda würzt die Hühnchen. Borax, sagt Philemon. Butch macht Notizen. Chassidy erklärt den Unterschied zwischen Borax und Anthrax. Nilda schmeißt die Hühnchen in die Pfanne. Philemon tickt mir auf die Schulter. Dann zeigt er auf den Boden neben einem der zahllosen Salzhügel. Schamaspuren.

Auf der Isla Pescado, die wir zwei Stunden später erreichen, erzählt mir der Kakteenzüchter, er habe Atoqsayk'uchi und ein paar Tiere vor drei Tagen vorbeikommen sehen. Sie wollten Richtung Laguna Verde und San Pedro de Atacama in Chile. Butch macht Fotos.

Es wird Nacht. In San Juan - zwei Straßen, zehn Flachbauten, eine Bar - teilen wir uns das Zimmer. Sechs Hochbetten. Chassidy ist zu groß für sein Bett. Bei jeder seiner Bewegungen wackelt das Zimmer. Butch schläft im giftgrünen Pyjama. Und mit roter Mütze. Nilda muß lachen. Wie ein kleiner Vampir lacht sie. Ihr fehlen die Schneidezähne. Auch Philemon findet das rote Mützchen von Butch komisch. Er nennt sie nur noch "Caperucita Roja" - Rotkäppchen.

Am Lago Hediona stoßen wir am nächsten Morgen auf Flamingos. "Can you ask the driver to stop?" Philemon rollt mit den Augen. Auf den Seen der Hochebene stehen die Flamingos verträumt im Wasser, neigen ihre Schnäbel, stoßen ihn auf den Grund, heben sich, neigen sich wieder und äugen und fliegen über die Stille der Wasseroberfläche. Am Ufer sind ihre Schlafplätze. Neben ihren Federn sind Wollbüschel zu sehen. Ziemlich lockig. Es wird spät. Ich dränge zur Weiterfahrt. Die Truppe will aber lieber in der Laguna Colorada übernachten als weiterfahren. Also gut, alle ins Hochbett. Chassidy mit eingeknickten Beinen, Butch im giftgrünen Pyjama, Nilda ohne Zähne und Philemon träumt, er sei der Wolf.

Weiterfahrt morgens um 5 Uhr. Durch das Tal von Dali. "Can you ask the driver to stop?" Ich reagiere nicht. Philemon auch nicht. Butch wiederholt ihre Frage zwei, drei, vier Mal. Chassidy zischelt "Drop it!" Butch hört nicht. "Can you ask the driver to stop?" Philemon hält nicht an. Butch macht sich Notizen. Chassidy ist verstummt. Nilda kaut auf Kokablättern. Eine Stunde später kommen wir zu den Geysiren, dampfende brodelnde kleine Vulkane auf über 5.000 Meter. Wir steigen aus. Wortlos. Jeder geht für sich davon. Der Weg ist nicht gesichert. Die dampfenden Geysire nehmen einem jede Sicht. Ein Fehltritt oder ein kleiner Schubser und man ist in den kleinen Kratern verschwunden, verkocht, spurlos.

Als wir losfahren wollen, fehlt Butch. Wir suchen sie eine Stunde. Auch rufen hilft nichts. Wir schauen uns an. Chassidy scheint nicht sehr beunruhigt. Er kennt wohl seine Butch. Philemon murmelt mal wieder irgendetwas von Caperucita Roja und dem Wolf. Nilda bohrt sich in der Nase. Ich gehe zurück zu den Geysiren. Ich finde eine Mütze. Sie ist rot. Ich schaue mir sie näher an. Ja, ein rote Mütze. Ich erkenne sie wieder. Sie gehört Atoqsayk'uchi. Ich rufe seinen Namen. Und ich rufe nach Butch. Plötzlich stößt mir jemand ans Bein. Ich sehe nichts. Der Dampf ist zu dicht. Ich fühle etwas Weiches an meinem Knie. Dann spukt mir jemand ins Gesicht.

Wir fahren zur Laguna Verde. Klaus, den Spucker, habe ich mit einer Schnur hinten an den Jeep gebunden. Zur Strafe. Jetzt muss er sich erst mal die Beine aus dem Leib rennen. Kurz vor der Lagune: "Can you ask the driver to stop". Philemon versteht zum ersten Mal ohne Übersetzung. Vielleicht will er auch zum ersten Mal verstehen. Denn er hat Respekt vor Butch bekommen. Immerhin hat sie Atoqsayk'uchi und die Tiere gefunden. Hinter dem großen Hügel bei den Geysiren. Dort saßen die zwei, Butch und Atoqsayk'uchi, und amüsierten sich. Butch machte Fotos von Atoqsayk'uchi, und Atoqsayk'uchi war froh, jemanden getroffen zu haben, der rote Mütze trägt. Atoqsayk'uchi liebt rote Mützen und besonders Frauen mit roten Mützen. Mit ihnen flirtet er hemmungslos. Als ich Chassidy frage, ob er eifersüchtig ist, sagt er nur "Drop it".

Alles weitere verläuft reibungslos. Nur am Zoll nach Chile hat Butch ziemlich Probleme. Irgendjemand hat ihr den Koffer bis obenhin mit Äpfeln und Mandarinen gefüllt.
30. April 2002 - letzter Eintrag

Der Golfball trifft mich an der Schläfe, am Abschlag des neunten Lochs, eines der schönsten im Golfclub La Paz - wer hier abschlägt, muß den Ball erst einmal 250 Meter über das Valle de la Luna schlagen. Ich sacke zusammen. Ich spüre noch, daß ich weich falle. Dann verliere ich das Bewusstsein.

Als ich erwache, liege ich im Schoß einer zahnlosen Alten. Ich erkenne sie sofort. Es ist die Alte von El Alto - die Hexe. Wieder hat sie mir das Hemd aufgeknöpft. Wieder stinkt sie aus ihrem Mund nach Singani - bolivianischer Schnaps. An meinen Füßen hocken ihre Töchter, die eine kränklich, die andere ein halber Zwerg. Sie murmeln etwas auf Quechua, Indianersprache. Die Zahnlose reibt mir die Brust ein. Dann stopft sie Koka-Blätter zwischen meine Zähne und Backen. Gleich werden die mir sicher wieder meinen dicken Zeh massieren. Mir dröhnt der Kopf. Ich will hier weg. Schon hält die alte Hexe wieder ihre Hand auf. Geld. Ich richte mich auf und stoße sie zurück. Die Zwergentochter schreit und hüpft wie ein Affe in der Ecke hin und her. Ich gehe zur Tür, mache sie auf und verschwinde unter dem Gekreische der drei Weiber im stinkenden Autoverkehr von El Alto.

Das Taxi bringt mich hinunter nach La Paz. Der Fahrer meint, ich erinnere ihn an jemanden. An einen der Präsidentschaftskandidaten. Der Typ habe sein Geld mit einem Lamagroßhandel gemacht. Es sei ihm gelungen, eine neue Andenrasse zu züchten - ein Tier halb Schaf halb Lama. Das habe vor allem die Indios begeistert. Am 30. Juni seien Wahlen und jetzt würde dieser Lamagroßhändler bei seinen Kampagnen immer mit zwei Lamas auftreten. Das eine hieße Verona, nach irgend so einem deutsch-bolivianischen Showgirl, und das andere Klaus. Woher der Name komme, wisse er nicht. Er wisse nur, daß dieses Tier die anderen Präsidentschaftskandidaten andauernd anspucken würde.

Bevor ich nach Deutschland zurückfliege, gehe ich noch einmal in den Club La Paz. Im Grunde ein langweiliger Schuppen. Der Laden lebt wirklich nur davon, daß hier einst Klaus Altmann alias Klaus Barbie Stammgast war und rassistische Sprüche gelassen hat.

Der Kellner kommt und bringt Matetee. Ich überlege, was ich in Deutschland als nächstes beruflich machen soll. Klavierlehrer? Nein. Karriereberater? Auch nicht. Kanzler? Ich glaube, ich ziehe einen Kuhgroßhandel auf. Und ich werde was Neues züchten. Vielleicht gelingt es mir, ein Schaf mit einer Kuh zu kreuzen. Das wäre sicher ein Erfolg, und die neue deutsche Rasse nenne ich dann "Schuh".
Dieser Artikel ist erschienen am 12.03.2002