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Bohrer und Gebote

Von Oliver Stock
Sie sind legendär, die ?Gipfeltreffen? am Hilti-Firmensitz im heimeligen Schaan. Zufällig ausgewählte Mitarbeiter essen mit dem Chef Hörnchen oder ?Gipfeli?, wie sie in Liechtenstein heißen.
HB ZÜRICH.Künftig werden die Monteure beim Gipfeli-Knuspern ein weiteres Gesicht aus der Nähe studieren können: Bo Risberg. Der Schwede mit dem kurzen eisgrauen Haar löst im kommenden Jahr den amtierenden Chef Pius Baschera ab. Weil der liechtensteinische Bohrmaschinenhersteller seine ganz eigene Unternehmenskultur so pflegt wie andere die zehn Gebote, wurde Risberg bereits gestern inthronisiert.?In die Konzernleitung rückt nur auf, wer über längere Zeit erfolgreich die Hilti-Kultur vorgelebt hat?, heißt eines dieser Gebote. Und das Wort ?inthronisiert? möchte Michael Hilti, Sohn des Firmengründers und bislang Verwaltungsratspräsident des Familienunternehmens, bitte schön überhört haben.

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Bei den Hiltis spricht selbstverständlich niemand von Thronfolge. ?Wir sind ein Team? lautet einer der Leitsätze, die nicht nur im Geschäftsbericht, sondern praktischerweise auch auf den unübersehbaren Tafeln im Liechtensteiner Hilti-Werk Nummer drei, dort wo die Bohrmaschinen montiert werden, aufgehängt sind. Leitsätze wie ?Ziel: Erhöhung der Mitarbeiterzufriedenheit? stehen da. Darunter: ?Einzelne Schritte: spontane Würdigung (Loben)? und ?Dauer: laufend?. Darüber ließe sich hinweggucken, wenn bei Hilti nicht so verdammt viel von diesen Geboten abhinge. Das Jahresgehalt zum Beispiel. Oder wie im Fall von Risberg: die Karriere.Der 49-jährige Familienvater, dessen schmale Lippen sich angesichts der öffentlichen Bekanntgabe seines geglückten Aufstiegs gestern zu einem freundlichen und dauerhaften Lächeln verzogen, hat schon mehr gesehen als Hilti. Bevor der Mann, der mit dem grauen Anzug und seiner silbernen Brille auch als Diplomat durchgehen könnte, in Liechtenstein landete, war er im Auftrag des Schweizer Industriekonzerns ABB in Kanada und Schweden unterwegs, in Stockholm auch für die Unternehmensberater von AT Kearney.1999 wechselt er zu den Rote-Koffer-Trägern aus Liechtenstein. Was Hilti auszeichnet? Risberg spricht mit leiser Stimme von Integrität, Mut zur Veränderung und Teamgeist und landet damit letztlich wieder bei jenen Geboten, die auch der 16 000 Mitglieder zählenden Hilti? Mitarbeitergemeinde bestens bekannt sind.Die Gebote der Hiltis stammen vor allem von Michael Hilti, einem Mann mit gestutztem Schnurrbart, festem Blick und klarer Sprache, der als klassischer Patriarch durchgehen würde. Doch weit gefehlt: Als sein Vater 1972 einen schweren Herzinfarkt erlitt, hatte Sohn Michael gerade sein Studium beendet. Der Papa bildete einen Vorstand aus zwei internen und einem neuen Manager und holte den Sohn als Assistenten ins Unternehmen. ?Da habe ich gelernt, wie man es nicht macht?, erinnert sich Michael Hilti. Der Streit um die Nachfolge seines Vaters führte zu jahrelangen Grabenkämpfen im Management.Lesen Sie weiter auf Seite 2:Durchsetzen konnte sich der Sohn. Durchsetzen konnte sich der Sohn. Danach führte er das ?55-Jahre-Gebot? ein: Wer älter ist, scheidet aus der Konzernleitung aus. Da der derzeitige Chef Baschera 2006 diese Schwelle erreicht, wird mit Risberg sein Nachfolger benannt. Der muss sich einarbeiten und übernimmt deswegen erst übernächstes Jahr tatsächlich die Führung. Baschera geht dafür an die Spitze des Verwaltungsrates, wo ihm das Familienoberhaupt Michael Hilti Platz macht.Der Wechsel, mit dem noch weitere Neubesetzungen verbunden sind, vollzieht sich innerhalb der Gemeinde. ?Von außen geholte Management-Stars sind einer nachträglichen Entwicklung eher abträglich?, meint Baschera. Dass er selbst Platz für einen anderen macht, kommentiert Hilti mit den Worten: ?Was du von anderen forderst, musst du auch von dir selbst fordern.? So einfach sind die Gebote bei den Hiltianern.Fast jedenfalls. Im Hintergrund spinnt weiter der Martin-Hilti-Familientrust seine Fäden. Ihm gehört das Unternehmen seit dessen Rückzug von der Börse vor mehr als zwei Jahren. Ohne Zustimmung des Familientrusts werden also auch bei Hilti keine besonders dicken Bretter gebohrt. Bis er sich möglicherweise mit den Nachfahren der Gründerfamilie beschäftigen muss, hat Risberg allerdings noch Zeit: Der älteste der zwei Hilti-Söhne macht demnächst erst Abitur.Bislang bekommt Hilti jene Firmenkultur ganz gut, die Risberg als Balance zwischen ?Corporate und Familien-Governance? bezeichnet. Das Unternehmen kommt in diesem Jahr bei einem Umsatz von rund 2,2 Milliarden Euro voraussichtlich auf einen Vorsteuergewinn von 200 Millionen Euro ? obwohl die Baubranche nicht nur in Deutschland schwächelt.In den USA mussten die Liechtensteiner im vergangenen Jahr ein ganzes Werk schließen, 200 Mitarbeiter verloren ihren Job. ?Sie müssen profitabel sein, um sozial zu sein?, heißt eine weitere Regel, die Baschera seinen Nachfolger Risberg mit auf den Weg gibt.Lesen Sie weiter auf Seite 3:Die Schließung wurde mehr als ein Jahr vorher bekannt gegeben.In Amerika bedeutete dies: Die Schließung wurde mehr als ein Jahr vorher bekannt gegeben. Die Unternehmensleitung sah zu, dass jeder Entlassene einen neuen Job bekam. ?Wir kochen auch nur mit Wasser?, räumt Hilti selbst ein, während sich sein künftiger operativer Leiter am Gesprächstisch nach vorne beugt, damit ihm kein Wort entgeht. ?Das aber?, sagt Hilti und wendet den Kopf zu Risberg, ?mit besonderer Disziplin und Beharrlichkeit.?
Bo Risberg1956 wird er am 7. Dezember in Stockholm geboren.1979 beendet er sein Maschinenbaustudium im kanadischen Kingston.1981 beginnt er seine Karriere bei der ABB-Tochter Fläkt in Kanada.1994 steigt er nach verschiedenen Stationen bei ABB-Ablegern in Schweden und Kanada auf zum Chef der Autosparte von ABB Fläkt Industri im schwedischen Växjö.1995 wechselt er als Leiter zum schwedischen Arm der Unternehmensberatung A.T. Kearney. Zwei Jahre später wird er dort Principal.1999 geht er zu Hilti, zunächst als Leiter des Bereichs Bohr- und Abbautechnik.2001 wird er in die Konzernleitung aufgenommen.Anfang 2007 wird er Vorstandsvorsitzender von Hilti.
Dieser Artikel ist erschienen am 30.09.2005