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"Bohren Sie nur in meiner Wunde"

Mit Klinkenputzen fing für David Groenewold aus dem Berliner Grunewald alles an. Heute hat sich der Filmproduzent mit Erfolgen wie "Der Wixxer", "Der Untergang" oder "Elementarteilchen" in der Branche etabliert. Im Juni läuft sein Film "Hui Buh" mit Bully Herbig in der Hauptrolle an. karriere verriet er, warum das Kino nicht sterben wird und wie man heute noch die große Liebe finden kann.
David Groenewold, 33, ist Deutschlands Shootingstar unter den Produzenten. Seit 2001 ist er Geschäftsführer der Finanzierungsfirma Promedium in Berlin und Mitglied der Arbeitsgruppe im Kanzleramt, die nach der Streichung der Steuersparmodelle neue Ideen zur Förderung des deutschen Films entwickelt. Wenn er nicht gerade in seinem Büro in Grunewald hockt, hält er Vorlesungen an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb), an der Hamburg Media School und an der Filmakademie in Ludwigsburg. Geschäftlich fährt er einen Mercedes, als Zweitwagen einen alten Mini: "Der kommt bei Mädchen viel besser an.

Herr Groenewold, fühlen Sie sich wie der kleine Eichinger?
David Groenewold: Nein. Sich mit Bernd Eichinger zu vergleichen, wäre lächerlich. Da hätte ich nicht den Hauch einer Chance

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Die Betonung lag ja auch auf "klein".
Nicht mal das. Eichinger ist sicher das größte Vorbild, das man in der deutschen Filmbranche haben kann - sowohl inhaltlich als auch in der Frage des kommerziellen Erfolges.

Sie kennen Eichinger schon länger. Zuletzt haben Sie mit ihm und Oliver Berben "Elementarteilchen" produziert.
Als mein Vater noch als Produzent arbeitete, hat er mit Eichinger "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" realisiert. Bernd ist jemand, der mich seit Jahren beobachtet hat. Er war immer sehr offen, hat meine Arbeit unterstützt, mir mit Kontakten geholfen.

Welche Filmstoffe sind ein Knüller?
Wir bekommen 400 Manuskripte pro Jahr. 200 davon sortieren wir wegen der schlechten Qualität gleich aus. Komödien haben ein hohes Erfolgspotenzial. Dass deutsche Produzenten mit ernsten Stoffen wie "Der Untergang" reüssieren, ist leider selten

"Sophie Scholz" haben Sie auf dem Tisch gehabt und nicht gemacht.
Es war eines der drei besten Drehbücher, die ich je gelesen habe. Leider habe ich hoch gepokert und verloren. Das Filmteam brauchte nur noch wenig Geld, doch ich wollte im Sinne unserer Investoren dafür sehr viel haben. Die haben es dann ohne mich gemacht

Auch die "Sieben Zwerge" mit Otto Waalkes lagen Ihnen vor.
Oh je, meine größte Niederlage - bohren Sie nur in der Wunde. Ich konnte damals nicht glauben, dass jemand so einen Film sehen will. Der letzte Otto-Film hatte nur eine Million Zuschauer angelockt und die "Sieben Zwerge" hätten sich erst ab zwei Millionen gerechnet. Dass es dann sieben Millionen wurden - wer hätte das gedacht?! Schade, dass ich nicht dabei war. Aber so ist das Geschäft. Es wird immer Stoffe geben, die ich ablehne, die aber hoch erfolgreich sein werden

Sind Sie nicht zu jung für die Branche?
Viel zu jung. Und ich hoffe, dass ich mit 50 auch noch zu jung bin. Helmut Dietl hat zu mir mal gesagt: "David, ich habe dich fünf Jahre lang beobachtet und habe mir immer gedacht, ob das was wird. Und bin heute ganz erstaunt, dass es was geworden ist.

Wird man mit 33 Jahren ernst genommen?
Wenn man jung ist, gibt es sehr oft Vorbehalte. Manchmal sind die ja auch berechtigt. Aber mit einem verbindlichen und ernsthaften Auftreten kann man sie auch reduzieren. Außerdem hatte ich das Glück, Förderer zu finden. Wenn ich in ein Gespräch ging, hatte ich oft eine Referenz in der Tasche

Sie haben eine elitäre Ausbildung - Salem, London School of Economics, European Business School Oestrich-Winkel. Hat Ihnen das Netzwerk geholfen?
Normalerweise müsste man damit ein gutes Netzwerk haben. Ich aber nicht. Aus Studienzeiten habe ich noch Freunde, aber keinen, mit dem ich beruflich zu tun habe.

Mit 22 Jahren lehnten Sie bei Merrill Lynch in London einen Spitzenjob ab - mit 50.000 Euro Jahresgehalt. Wieso?
Als ich 18 Jahre alt war, fing ich an, in London zu studieren. Schon während des Studiums jobbte ich bei Merrill Lynch. Die kannten mich also. Aber ich war noch sehr jung und wollte noch was anderes machen. Meine Eltern waren dann so großzügig, mich für ein weiteres Jahr zu finanzieren.

Sie gingen zu David Letterman, dem Vater aller Night-Talker, nach New York. Wie kommt man bitte dahin?
Indem man sich einfach bewirbt. Und zwar für ein Volontariat. 15 Volontäre stellt Letterman pro Jahr ein - bei über 1 000 Bewerbungen. 50 werden dann zum Interview eingeladen. Ich war halt ein Deutscher, der in London lebt - die fanden das interessant.

Warum musste es Letterman sein?
Ich hatte die Sendung in London gesehen und wollte wissen, wie man so eine Show macht. Als ich dann da war, fand ich es faszinierend, dass die Produzenten morgens noch gar nicht wussten, was sie dann um fünf Uhr aufzeichnen sollten. Es gab zwei Gäste, ein paar Fragen und Showprogramm, aber zwei Drittel der Zeit wurde improvisiert. Ich fand, das war unglaublich effizient produziertes Fernsehen

Vom Edelbanker zum seichten Promi-Beschaffer - was für ein Stilbruch.
Ja, wenn Sie so wollen. Es war ein Traum, wohl eines meiner glücklichsten Jahre überhaupt. Ich lernte jeden Tag wahnsinnig interessante Leute kennen. Und verrichtete auch einfache Dienste - wie Letterman den Mantel hinterhertragen. Ich habe mich in die Produktion der Show schnell reingefunden, wie in eine Familie. Berührungsängste darf man nicht haben. Schon gar nicht mit David Letterman. Der mag Leute nicht, die die ganze Zeit nervös werden, weil er prominent ist

Warum haben Sie dann Ihren New Yorker Traumjob quittiert?
Weil mein Vater sehr krank wurde und mich bat zurückzukommen, um ihn bei seiner Arbeit zu unterstützen - er war ja auch Steuerberater in Berlin. Gleichzeitig fing ich als Ein-Mann-Beratungsunternehmen für Film und Medien an. Aber ich hatte weder Geld noch Projekte. Und so fragte ich die einen, ob sie mir ein Projekt geben könnten, für das ich schon Geld auftreiben würde, und die anderen bat ich um Geld, für das ich ein Projekt finden würde. Mit dem TV-Movie "Das Jesus-Video" hatte ich dann erstmals Erfolg. Da war ich 27

DVD und Internet-Download laufen dem Kino den Rang ab. Geht Kino unter?
Das glaube ich nicht. Dass Menschen sich zusammensetzen und in eine Geschichte versinken, ist ein uraltes, fest verankertes Ritual in unserer Zivilisation. Auch das gemeinschaftliche Erleben von Kino gehört dazu. Und dieses Erleben wird bestimmt nicht an Attraktivität verlieren, eher gewinnen. Die Dynamik der großen Gruppe, gemeinsam lachen und weinen - das ist faszinierend. Und wird es bleiben

"Vom Suchen und Finden der Liebe" heißt einer Ihrer Filme. Was macht Ihre Liebe?
Ich bin ein großer Romantiker. Ich kann stundenlang Liebeslyrik lesen. Was mein Liebesleben angeht - ich bin kürzlich erst wieder Single geworden, habe aber eine Frau kennen gelernt, von der ich noch nicht weiß, wie sich das entwickelt. Ich habe dabei ein gutes, fast schicksalhaftes Gefühl, wie ich es noch nie zuvor hatte. Abwarten

Viele junge Leute sehnen sich nach der großen Liebe - gerade weil sie heute seltener denn je scheint. Was ist das Problem? Dass wir vielleicht tatsächlich medial überfüttert sind, uns zu wenig Zeit nehmen, in uns zu gehen, um herauszufinden, was uns wirklich wichtig ist. Wir nehmen Kleinigkeiten zum Anlass, ständig neue Formen der Perfektion zu suchen, eine Perfektion, die uns medial vorgegaukelt wird. Die Vorstellung, dass wir den perfekten Menschen finden, ist unrealistisch. Das kann es nicht geben und wäre auch schlimm. Ich selbst habe nämlich wahnsinnig viele Fehler

Die Fragen stellte Martin Roos
Dieser Artikel ist erschienen am 29.05.2006