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Böse Panne

Von Nicole Bastian und Axel Postinett
Sony muss den Start der neuen Spielekonsole verschieben ? ein Rückschlag für den Chef des Elektronikriesen, Howard Stringer. Erst Anfang November soll das neue Gerät, der größte Gewinnbringer des Konzerns, auf den Markt kommen ? sechs Monate später als geplant.
TOKIO/DÜSSELDORF. Geduld, nur Geduld, sagten sich viele Besucher ? und harrten bis zum bitteren Ende aus. Doch der stämmige, weißhaarige Redner sprach im Las Vegas Hilton über manches, nur nicht über das, was die Zuhörer von Sir Howard Stringer erwartet hatten: Sie wollten Anfang Januar auf der weltgrößten Messe für Konsumelektronik in Las Vegas erfahren, wann Sony endlich seine neue Spielekonsole auf den Markt bringt ? eine Antwort auf Microsofts Xbox.Doch Stringer blieb die Antwort schuldig und übergab die Bühne lieber dem Amerika-Chef der mächtigen Tochter Sony Computer Entertainment. Der schwärmte von alten Produkten und sagte an die Adresse von Bill Gates: ?Die nächste Generation (der Spielekonsolen) fängt erst an, wenn wir sagen, dass sie anfängt.?

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Große Worte. Spätestens seit gestern ist klar, warum er und Sony-Chef Stringer in Las Vegas einen Bogen um das Thema machten. Es gibt technologische Probleme mit der neuen Spielekonsole. Ken Kutaragi, Chef der Videospielsparte von Sony, räumte in Tokio ein, dass Sony den weltweiten Start verschieben muss. Erst Anfang November soll das neue Gerät, der größte Gewinnbringer des Konzerns, auf den Markt kommen ? sechs Monate später als geplant. ?Je näher der Marktstart an das Jahresende rückt, desto stärker wird das Ergebnis belastet?, warnt Fondsmanager Taiji Yoshida von Yasuda Asset Management Co in Tokio.Eine böse Panne für Stringer, der seit Mitte vergangenen Jahres versucht, den Elektronikriesen Sony zu sanieren. Mancher Analyst und Marktbeobachter sieht sich in seiner früheren Kritik bestätigt. Sie hatten von Anfang an Zweifel, ob der ausgebildete Historiker und Fernsehmann Stringer den Konzern auf Vordermann bringen könnte. Und ob der Waliser mit US-Pass sich gegenüber dem selbstbewussten Management in Japan durchsetzen könnte.Bereits im vergangenen September kam es zum Eklat. Stringer kündigt ein hartes Sanierungsprogramm und den Abbau von 10 000 Stellen an. Der 64-Jährige machte klar, dass er eigentlich viel rigider hatte vorgehen wollen als seine japanischen Kollegen im Management. Aber man müsse halt Kompromisse schließen. Howard Stringer: Lost in Transition?Sony 2006. Technologisch ist das frühere Wunderkind der Elektronikbranche nur ein Abziehbild seiner selbst, organisatorisch sind die Mauern noch immer nicht niedergerissen, welche die mächtigen Sony-Einzelgesellschaften trennen. Und das, obwohl Stringer in Las Vegas das neue Prinzip der vier Entertainmentsäulen des Konzerns vorstellte.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Im Sommer vergangenen Jahres versuchte es Stringer noch im Guten.Im Sommer vergangenen Jahres versuchte es Stringer noch im Guten. Er ließ T-Shirts drucken, auf denen ?Sony united? stand, und an die Mitarbeiter verteilen. Er hoffte auf ein Wir-Gefühl und Zusammenrücken in der Not. Doch der ehemalige Vietnam-Kämpfer merkte schnell, dass das alleine nicht reichen würde.Er kennt Sony seit neun Jahren. Er hat es immerhin geschafft, als erster Ausländer an die Konzernspitze vorzurücken. Und obwohl er für Sony hauptsächlich in den USA wirkte, ist es ihm gelungen, das komplizierte Machtgefüge in Tokio zu ergründen. Aber ist der Außenseiter jetzt auch der Richtige, um die alten Strukturen einzureißen?Mancher merkt an, der Wahl-Amerikaner stehe zu weit außen, um im großen Sony-Reich seine Visionen im Elektronikgeschäft, dem Problembereich, wirklich durchzusetzen. Die Aussage, er hätte ja gerne noch ganz andere Sanierungsschritte ergriffen, lässt Zweifel aufkommen.Stringer hat den kompletten Umzug nach Tokio nicht vollzogen ? auch das macht ihn zum Außenseiter in der Sony-Hierarchie. ?Ich lebe im Flugzeug?, sagt er. Er hat sein Hauptbüro weiter in New York, wo er weiter das Unterhaltungsgeschäft von Sony leitet, und ein anderes in Tokio. Und die Wochenenden verbringt er mit seiner Frau und den beiden Kindern in Großbritannien.Das Image eines Carlos Ghosn bei Nissan, eines Retters in der Not, hat Stringer bei Sony nicht. Dafür fühlen sich die meisten im Konzern gar nicht genug in der Krise. Und die anderen noch nicht gerettet genug.Zumal Stringer in seinen ersten Monaten im neuen Job einige Probleme meistern musste. Das erfolgsverwöhnte Kinogeschäft, mit dem er sich für den Chefposten empfahl, macht derzeit Verlust. Beim Musik-Joint-Venture mit BMG stritt er über das Management.Hingegen kann Stringer im Fernsehgeschäft erste Erfolge vorlegen, wenn diese auch zum Teil noch auf Entscheidungen vor seiner Amtszeit gründen ? etwa der gemeinsamen LCD-Bildschirmplattenfertigung mit Samsung Electronics aus Korea. Vom profitablen Finanzgeschäft hingegen will sich Stringer trennen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Playstation 3 ist das Paradeprodukt der Multimedia-Vision SonysUmso mehr setzt Stringer wie sein Vorgänger Idei auf die neue Spielkonsole Playstation 3. Sie ist das Paradeprodukt der Multimedia-Vision, der er sich ebenso wie sein Vorgänger Idei verschrieben hat. Und ausgerechnet da passiert ihm jetzt die Panne, dass er den Marktstart verschieben muss.Bleibt noch das Thema hochauflösendes Fernsehen (HD). ?Der Übergang zu HD ist besonders wichtig für Sony?, sagte Stringer in Las Vegas, als er mit Michael Dell über die Zukunft von Konsumelektronik und PC-Markt sprach. ?Wir verkaufen aber mehr hochauflösende Monitore als Sony?, ätzte PC-Hersteller Dell.
VITA: HOWARD STRINGER1942
Er wird in Cardiff/Wales geboren. Nach dem Geschichtsstudium in Oxford beginnt er beim US-Sender CBS als Telefonist in der Ed-Sullivan-Show. Kurz darauf zieht er für zwei Jahre in den Vietnam-Krieg. Danach arbeitet er sich als Reporter und Journalist bei CBS hoch.
1988
Stringer wird Präsident der CBS-Rundfunk-Gruppe. 1995 wird er Chef einer Medien-Venture-Firma von Telefongesellschaften.
1997
Sony-Chef Idei macht ihn zum Präsidenten der Sony-US-Tochter. Zwei Jahre später wird Stringer Mitglied des Sony-Boards.
2003
Er wird Chef der Unterhaltungssparte.
2005
Idei beruft ihn im März zu seinem Nachfolger an der Sony-Spitze.
Dieser Artikel ist erschienen am 16.03.2006