Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Börsenastrologie

Simone Thies
Jede Menge Ärger und Verluste hätten sich Aktienanleger in den vergangenen Jahren ersparen können, wenn sie statt auf Kurs-Charts öfter mal in die Sterne geschaut hätten. Das meinen zumindest Börsenastrologen und verbreiten tiefgründige Anlageempfehlungen.
Jede Menge Ärger und Verluste hätten sich Aktienanleger in den vergangenen Jahren ersparen können, wenn sie statt auf Kurs-Charts öfter mal in die Sterne geschaut hätten. Das meinen zumindest Börsenastrologen und verbreiten tiefgründige Anlageempfehlungen.

Während die Sternendeuterei in Finanzangelegenheiten hierzulande eher ein Schattendasein führt, ist sie im Ursprungsland USA recht populär. Der Bankier J.P. Morgan, Gründer des gleichnamigen Finanzhauses, gehört zu den ersten bekannten Anhängern dieser jungen Wissenschaft.

Die besten Jobs von allen


Ende der 90er, während der Hausse, leisteten sich viele Aktionäre auch einen Blick in die Sterne. Nicht eben billige Astro-Finanz-Newsletter, Hotlines und Do-it-yourself-Seminare fanden reißenden Absatz. Der marktführende Newsletter des Amerikaners Arch Crawford kostete 1998 die Esoterikfans 500 Mark pro Jahr. Heute gibt's die Informationen aus dem Reich der Sterne von deutschen Anbietern für weniger als die Hälfte.

Viele Infos benötigen die Sterndeuter für die Analyse eines Wertes nicht. Der "Geburtstermin" des zu analysierenden Wertes reicht völlig. Aber wann wird eine Aktie geboren? Am Tag, an dem das Unternehmen gegründet wurde? Am Tag der Erstemission des Titels? - Astrologen haben sich darauf geeinigt, den Moment, an dem eine Aktie zum ersten Mal gehandelt wird, zum Geburtstermin zu erheben. Und das nach der Geburtssterndeuterei entstehende erste Horoskop heißt "First Trade Chart". Zur Geburt der T-Online-Aktien am 17. April 2000 orakelte das Börsenastrologie-Unternehmen AstroBroker so: "Für eine Aktiengesellschaft ist der Widder ein sehr schönes Zeichen."

Dem Widder an sich sagt der AstroBroker nach, stets aus sich herauszugehen, jede Behinderung beiseite zu drängen und als reines Feuerzeichen voller Energie und Tatendrang zu sein. Die Astrologen kamen daraufhin in ihrem Anlageurteil zu dem Schluss, dass T-Online eine "äußerst attraktive Aktie" sei. Sie sei durch und durch optimistisch und auf die Zukunft ausgerichtet. Leistung sei zwar wichtiger als ein bloßer Ertrag. Trotzdem mache das "Sicherheitsbedürfnis durch das Planetenstellarium im Stier" die Aktie sehr solide. Ende des kryptischen Werbeblocks.

Der Kurs der Aktie lässt indes wenig Solidität erkennen. Abgesehen von einigen kurzen Unterbrechungen befindet sich der Wert seither im Sinkflug und ist nur noch ein Viertel so viel wert wie in seiner Geburtsstunde. "Vermutlich", so würde ein Astrobroker jetzt einwerfen, "hat der Anleger sein eigenes Horoskop außer Acht gelassen." Und steht deshalb vor einem leer gefegten Depot.

So werden zum Beispiel Fischen in dem Ratgeber "Erfolg an der Börse" nachgesagt, ein chaotisches und verlustbringendes Investment-Verhalten an den Tag zu legen - also Grund genug, gleich das Depot aufzulösen. Ganz anders die Jungfrauen. Ihnen wird Perfektion bescheinigt: Sicher, mit kalkulierbarem Risiko und einer breiten Streuung - genauso legt man ein Depot an!

In der Folge müsste dies bedeuten, dass vornehmlich Fische unter T-Online-Aktionären zu finden sind. Jungfrauen hingegen dürften sich von der Euphorie im Frühjahr 2000 nicht haben anstecken lassen oder rechtzeitig verkauft haben. Dies wiederum dürfte zu einem weiteren Kursverlust der Aktie geführt haben, und die Fische bezahlen nun die Zeche. Der starke Widder T-Online lässt sich von unfähigen Fische-Anlegern unterkriegen - na so was!

Und hier schließt sich der Kreis: Wo noch vor ein paar Jahren Astro-Dienste im Internet wie Sternschnuppen in lauen Augustnächten erschienen, finden sich heute nur noch wenige Seiten, die regelmäßig geupdatet werden. Ein Abschwung, der wohl an der aktuellen Baisse liegt. Bleibt die Frage, ob Astro-Analysen tatsächlich was bringen. Die Sternbroker sind natürlich überzeugt und listen auf ihren Web-Sites ausführlich ihre tatsächlich eingetroffenen Vorhersagen auf. Anscheinend ist es mit Finanzhoroskope aber wie mit allen Horoskopen: Ein bisschen was stimmt immer.
Dieser Artikel ist erschienen am 14.01.2002