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Boeing lässt sich Zeit bei der Chefsuche

Von Jens Eckhardt, Portland
3M-Chef James McNerny gilt neben zwei internen Bewerbern als aussichtsreichster Kandidat.
Im Herbst 2003 war er noch Controller, als der ehrgeizige Finanzchef Mike Sears über illegale Absprachen mit der Pentagon-Beamtin Darleen Druyun stolperte. Bell rückte zum Finanzchef auf.Dann beerbte der einzige Farbige in der Führungsriege von Boeing Konzernchef Harry Stonecipher, als der im vergangenen Monat wegen einer Liebesaffäre gehen musste.

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Doch Bell, der weiter Finanzchef bleibt, ist nur ein Übergangskandidat. Die Branche rätselt: Wer wird der neue starke Mann beim weltweit größten Luftfahrt- und Rüstungskonzern?Boeing zeigt bei der Suche keine Eile. Der Konzern hat zwar eigens ein Komitee eingerichtet, zu dem der Aufsichtsratsvorsitzende Lewis Platt, Ex-Chef von Hewlett-Packard, gehört. Aber vor der Hauptversammlung am 2. Mai rechnet niemand mit einem Ergebnis. ?Es ist besser, die lassen sich Zeit, als dass sie hastig den Falschen ernennen?, findet J.B. Groh von der Vermögensverwaltung Davidson & Co.Vielleicht tut sich das Komitee deshalb so schwer, weil die drei gehandelten Top-Kandidaten für den Spitzenposten zu viele Handikaps haben. Der eine ist zu alt, auf den anderen fällt der Schatten von Skandalen, die sich in seinem Bereich zutrugen, der dritte ließ bislang öffentlich wissen, er sei nicht interessiert.An den Qualifikationen von Alan Mulally, James Albaugh und James McNerney zweifelt unterdessen niemand. Mulally ist Chef von Boeings Zivilflugzeug-Sparte, die er erfolgreich durch die Krise nach den Anschlägen vom 11. September 2001 steuerte. Albaugh führt den hochprofitablen Rüstungsbereich von Boeing, der 60 Prozent des Umsatzes bringt. McNerney, Mitglied im Aufsichtsrat von Boeing, leitete früher den Triebwerksbau von General Electric (GE) und ist heute Chef des US-Mischkonzerns 3M.Gegen Mulally spricht, dass er in diesem Jahr 60 Jahre alt wird. Er hätte nur fünf Jahre Zeit bis zur obligatorischen Pensionierung mit 65, um den durch eine Serie von Skandalen und Affären angeschlagenen Ruf des Konzerns zu verbessern und verlorenen Boden gegenüber dem Erzrivalen Airbus wettzumachen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wer noch zu den aussichtsreichen Kandidaten zähltAlbaugh ist zwar jünger, aber die Skandale der vergangenen Jahre fanden im Militärgeschäft statt. Das macht sich weniger gut in Verhandlungen mit dem Kongress und dem einflussreichen Senator John McCain. Bleibt noch der heimliche Favorit McNerney. Der ließ aber bislang durch 3M-Sprecher signalisieren, er sei an einem Wechsel nicht interessiert. Vielleicht will er damit nur vermeiden, dass sein Name zu früh verbrannt wird. Denn Boeing ist fast dreimal so groß wie 3M und könnte dem langjährigen GE-Manager eine neue strategische Herausforderung bieten.Mulallys Ambitionen auf den Chefsessel sind bekannt. Schon unter Stonecipher-Vorgänger Phil Condit lieferte er sich mit dem damaligen Finanzchef Mike Sears verbissene Diadochenkämpfe. Sears versuchte, seine Machtbasis zu stärken, indem er seinerzeit die amtierende Beschaffungschefin der Luftwaffe, Darleen Druyun, mit einem illegalen Vertragsangebot zu Boeing lockte. Druyun und er sitzen heute dafür im Gefängnis, und Condit musste abtreten. Aber statt Mulally zum Nachfolger zu machen, holte der Boeing-Aufsichtsrat Ende 2003 lieber Stonecipher aus dem Ruhe-stand. Wenn er noch einmal übergangen werde, vertraute Mulally Bekannten an, werde er abtreten.Zu einem Zeitpunkt, an dem Boeing mit der neuen 787 ihr wichtigstes Produkt gegen die Nummer eins im zivilen Flugzeugbau, Airbus, durchsetzen will, kann der Aufsichtsrat diese Drohung nicht auf die leichte Schulter nehmen.Gleichwohl hat offenbar Albaugh von den internen Kandidaten die besseren Chancen. Er ist erst 54 Jahre alt, und sein Geschäftsbereich ist nicht nur größer, sondern auch profitabler als Mulallys Sparte Ziviljets. Falls der jedoch das Rennen macht, könnte Albaugh Boeing verlassen.Analyst Richard Aboulafia von der Teal Group in Virginia hält solche Befürchtungen für Unsinn. ?Wohin sollen die beiden denn gehen?? fragt er. Als Bereichsleiter bei Boeing hätten sie mehr Macht und Bedeutung als anderswo in der Branche. Überdies verdienten sie im vergangenen Jahr mit je rund 4,8 Millionen Dollar etwa doppelt so viel wie Stonecipher. ?Der CEO gibt zwar den Ton im Unternehmen an?, sagt Aboulafia, ?aber er wird auch als Erster angeschossen, wenn es Probleme gibt.?
Dieser Artikel ist erschienen am 20.04.2005