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Boeing-Chef wirft hin

Phil Condit ist überraschend als CEO und Chairman des Flugzeugbauers zurückgetreten. Er wolle damit die jüngsten Kontroversen um den Konzern beenden, sagte der Boeing-Chef. Das Direktorium hat sich damit in seinem Streben nach einer neuen Führungsstruktur durchgesetzt.
Phil Condit, nun Ex-Boeing-Chef. Foto: dpa
HB CHICAGO. Mit der Personalentscheidung reagierte das Unternehmen auf zunehmenden Druck, nachdem Boeing zuletzt mehrfach wegen fragwürdiger Geschäftspraktiken ins Rampenlicht der Öffentlichkeit gelangt war. Condits Nachfolger wird mit sofortiger Wirkung der frühere Vize-Chairman und 2002 in den Ruhestand gegangene Harry Stonecipher.Mit seinem Rücktritt habe er die andauernde Kontroverse um Boeing beenden wollen, begründete Condit selbst seine Entscheidung. Der 62-Jährige folgt damit Finanzchef Michael Sears, der das Unternehmen erst in der vergangenen Woche wegen unethischen Verhaltens verlassen musste. Dieser war bis vor kurzem noch als möglicher Nachfolger Condits gehandelt worden. Stonecipher stand früher an der Spitze des 1997 mit Boeing fusionierten Flugzeugherstellers McDonnell Douglas. Er gilt als gewitzter Manager, der aber nicht davor zurückscheut, hart durchzugreifen. Stonecipher kündigte kurz nach seiner Berufung an, den Bau des neuen Jets 7E7 - derzeit der Hoffnungsträger des Konzerns - weiter voranzutreiben. Er sei ein Befürworter des Projekts gewesen und werde dies auch bleiben.

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Die 7E7, die 2008 in den Einsatz gehen soll, gilt als Hoffnungsträger von Boeing. Mit der Maschine will der Konzern wieder gegenüber dem europäischen Konkurrenten Airbus aufholen, der in diesem Jahr erstmals mehr Flugzeuge ausliefern wird als die Amerikaner.Boeing-Aktien gaben am Montag im frühen Handel zunächst nach, konnten sich dann aber im weiteren Verlauf erholen. Die Papiere des Konkurrenten EADS legten hingegen kräftig zu und kletterten zeitweise auf ein Zweijahreshoch. Am Nachmittag notierten sie in Paris, dem wichtigsten Handelsplatz, mit 19,16 ? um 5,3 % im Plus.Die Ernennung von Stoneciphers ist aus Sicht des Deutsche-Bank-Analysten Christopher McCray eine vorläufige Lösung. Der Konzern müsse nun nach einem dauerhaften Nachfolger für Phil Condit suchen, sagte der Experte am Montag. Für eine kurze Zeit werde der 67-jährige Stonecipher wohl als Übergangslösung akzeptiert, meinte McCray. Jedoch müsse Boeing in der Lage sein, innerhalb von ein bis zwei Jahren eine Lösung für ihr Führungsproblem zu finden. Für den Analysten kam der Rücktritt von Condit überraschend. Dieser habe an Wall Street einen guten Ruf gehabt, merkte er an.Boeing leidet nicht nur unter der Krise der zivilen Luftfahrt, die zu Einbrüchen in fast allen wesentlichen Geschäftsbereichen und Marktanteilsverlusten gegenüber Airbus geführt hat. Dem Konzern wird zudem vorgeworfen, sich bei Militärgeschäften illegal und unethisch verhalten zu haben. Dem Flugzeugbauer droht deshalb eine Untersuchung.So war Boeing unbefristet von der Vergabe militärischer Raketenstarts ausgeschlossen worden, nachdem sich herausgestellt hatte, dass sich der Traditionskonzern illegal Dokumente des Konkurrenten Lockheed Martin beschafft hatte. Zudem erwägt das Pentagon, den Abschluss eines milliardenschweren Auftrags über Tankflugzeuge zu verschieben. Hintergrund ist, dass die bei der Air Force zuständige Einkaufsleiterin, Darleen Druyun, zu Boeing wechselte und bereits während der Ausschreibung Kontakt zum Konzern hatte. Druyun musste zusammen mit Sears ihren Hut nehmen. Sie mussten dem Kongress, dem Verteidigungsministerium und Investoren das deutlichste Signal geben, das möglich war?, kommentierte Richard Aboulafia von der Beratungsfirma Teal Group den Rücktritt Condits. ?Boeing nimmt diese ganze Angelegenheit hinsichtlich des Themas Corporate Governance sehr ernst?, sagte auch Nick Fothergill, Analyst bei Banc of America Securities.Condit hatte vor 35 Jahren bei Boeing angefangen und in seiner Karriere knapp 20 Posten inne. Begonnen hatte der Aerodynamik-Ingenieur mit der Entwicklung von Überschallflugzeug-Konzepten. 1992 wurde der Luftfahrttechniker zum Präsidenten von Boeing gewählt. 1996 übernahm er als Chief Executive Officer auch die operative Leitung des Konzerns.
Dieser Artikel ist erschienen am 01.12.2003