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Blühende Bildungslandschaften

Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn hat einen Traum: Aus ihrem Elite-Wettbewerb sollen Spitzenuniversitäten hervorgehen. Parteipolitisches Gezänk droht ihn zu zerstören.
Frau Ministerin, wann gibt es die ersten deutschen Elite-Unis?
Edelgard Bulmahn: Es ist ja nicht so, dass wir keine Unis hätten, die weltweit mithalten können: nehmen Sie zum Beispiel die Universitäten Aachen, Berlin, Göttingen oder Dresden. Die Universität Bremen hat sich in den vergangenen Jahren auch sehr gut entwickelt, und ich könnte weitere Hochschulen nennen.

Im weltweiten Forschungsranking, das die Universität Schanghai erstellt, steht die erste deutsche Uni auf Platz 48...
Das ist genau das Problem. Deshalb brauchen unsere Universitäten einen zusätzlichen Entwicklungsschub, den wir mit dem Elite-Wettbewerb ermöglichen wollen. Wir werden durch eine gezielte Förderung in zehn, fünfzehn Jahren noch forschungsstärkere Universitäten haben, die weltweit renommiert sind. Das ist die Zielsetzung.

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Fünfzehn Jahre sind eine lange Zeit - wie stellen Sie sicher, dass Ihr Programm unter einer neuen Regierung weiterläuft?
Erstens bin ich überzeugt davon, dass das Projekt in jedem Fall fortgeführt werden würde. Zweitens bin ich ja auch jung genug, dass ich mein Amt noch länger ausüben kann.

Bei jeder Spekulation um Kabinettsumbildungen ist Ihr Name allerdings immer zuerst gefallen.
Wenn Sie so couragiert die Veränderung von Strukturen angehen, bekommen Sie natürlich auch viel Widerstand. Ich nehme das in Kauf. Bei Wissenschaft und Forschung werden die Früchte meist erst zehn bis fünfzehn Jahre später geerntet.

Apropos später: Die Unis sollten sich bereits 2004 um die Förderung bewerben. Jetzt haben die Länder Ihr Programm auf Eis gelegt. Woran sind Sie gescheitert?
Offensichtlich haben die CDU-regierten Länder den Wettbewerb aus parteitaktischen Überlegungen blockiert. Denn wir sind uns in allen wichtigen Eckpunkten einig: über das Finanzvolumen von 1,9 Milliarden Euro, über ein politikfernes Auswahlverfahren, über die drei Förderlinien - Spitzenunis, Exzellenz-Cluster, Graduiertenschulen - und über den Finanzierungsschlüssel. Der Bund finanziert 75 Prozent. Die Bundesregierung hat die Mittel dafür fest eingeplant. Ich hoffe, dass die Blockade beim nächsten Treffen am 15. November aufgegeben wird. Die Universitäten brauchen die Sicherheit, dass die Förderung der Besten im Jahr 2006 auch wirklich startet.

Vielleicht wird auch befürchtet, der Bund greife in die Länderautonomie ein, wenn er beim Elite-Wettbewerb Mittel an Hochschulen vergibt.
Durch den Elite-Wettbewerb erhält die Bundesbildungsministerin doch nicht mehr Einfluss auf die Hochschulen. Es ist eine wissenschaftliche Jury, die die besten Konzepte auswählt. Nicht ich.

Sie wollen knapp zwei Milliarden Euro an rund zehn Unis über fünf Jahre auszahlen. Das macht pro Einrichtung 40 Millionen Euro jährlich. Für 20 Millionen bekommt man gerade mal ein neues Lasergerät. Reicht das Geld für Ihren erhofften "Entwicklungsschub"?
Ja, weil es zusätzliches Geld ist. Die Grundfinanzierung durch die Länder wird es weiter geben. Das gilt genauso für die bestehende Finanzierung aus Bundesmitteln sowie die Förderung aus dem Etat der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Wofür sollen die Hochschulen das zusätzliche Geld verwenden?
Sie sollen damit vor allem interdisziplinäre Kooperationen bilden: Wir haben sehr viele Hochschulen, die in einzelnen Bereichen top sind. Wenn wir aber Spitzenuniversitäten haben wollen, müssen wir Instituts- und Fakultätsgrenzen einreißen. Wie notwendig das ist, zeigt das Beispiel Nanotechnik. Diese Forschung können Sie nicht in üblichen Fachbereichsgrenzen betreiben. Sie brauchen dazu die Chemie, die Physik, die Lebens- und die Ingenieurwissenschaften. Gleiches gilt übrigens auch für Geisteswissenschaften. Die Hochschulen sollten das Geld auch dafür nutzen, Verbindungen zu anderen Forschungsorganisationen aufzubauen. In Göttingen etwa bietet es sich an, die starke Fakultät für Lebensmittelwissenschaften mit dem außeruniversitären Max-Planck-Institut und dem Helmholtz-Zentrum zusammenzuführen.

Bedeutet mehr Geld denn automatisch mehr Kooperation zwischen Instituten?
Nein, dafür brauchen wir vor allem auch engagierte Professorinnen und Professoren.

Die bekommt man nicht, indem man nur mit einem Geldschein wedelt.
Ohne Geld geht es aber auch nicht. Fortdauernde Kürzungen sind eine schlechte Motivation. Unser Wettbewerb hat das Ziel, Anreize für Strukturveränderungen zu schaffen. Wir stellen mehr Geld für die Forschung zur Verfügung. Dafür wollen wir aber auch mehr Forschung fürs Geld. Kein Forschungsminister vor mir hat dafür so offensiv die Rahmenbedingungen geändert. Wir haben dabei beispielsweise ein neues Besoldungsrecht für Professoren eingeführt und für die Nachwuchswissenschaftler die Bedingungen geschaffen, die sie brauchen.

Definieren Sie Elite rein als Forschungselite? Oder als eine wirtschaftliche Elite?
Ich rede über forschungsstarke Universitäten, die das Rückgrat eines erfolgreichen Wissenschaftssystems bilden. Und ein erfolgreiches Wissenschaftssystem ist Rückgrat eines erfolgreichen Wirtschaftssystems.

Was ist mit der Qualität der Lehre? Kommt die dabei nicht zu kurz?
Die Änderung des Gesetzes zur Professorenbesoldung hat auch Einfluss auf die Lehrqualität. Denn sie bedeutet auch regelmäßige Überprüfung der Qualität von Lehrveranstaltungen. Und kein Professor findet es schick, wenn die eigenen Vorlesungen nicht gut ankommen.

Wie erklären Sie den Studenten, die gegen die Mittelkürzung auf die Straße gehen, dass es momentan um Spitzen- statt um ebenso nötige Breitenförderung geht?
Der Bund steht zu seiner Aussage: Wir fördern die Spitze und wir fördern die Breite. Wir haben die Breitenförderung für die Hochschulen seit 1998 um 23 Prozent erhöht. Wenn Länder gleichzeitig ihre Mittel kürzen, kann ich dafür nicht die Verantwortung übernehmen. Damit sich an unseren Hochschulen wirklich etwas bewegt, müssen Bund und Länder gemeinsam ihre Investitionen in Bildung und Forschung erhöhen. Deshalb setze ich mich dafür ein, dass die Eigenheimzulage gestrichen wird. Bund und Länder hätten damit jeweils mehrere Milliarden Euro im Jahr mehr für Bildung und Forschung zur Verfügung.

Die Hochschulen hätten auch 1,6 Milliarden Euro mehr im Jahr, wenn sie pro Semester 500 Euro Studiengebühren erheben dürften.
Das ist ja leider nicht so. Denn in den Ländern, in denen Gebühren für Langzeitstudenten erhoben werden, kommen diese Einnahmen eben nicht den Universitäten zugute. Mit ihnen werden andere Löcher im allgemeinen Haushalt gestopft. Das ist das Problem.

Ihre Traumvision von der Hochschullandschaft in 20 Jahren?
Die Hochschulen sind dann Orte, an denen man gerne studiert, forscht und lehrt. Sie sind kreative Ideenschmieden und ein Schlaraffenland des Wissens. Instituts- und Organisationsgrenzen werden nicht mehr so ernst genommen. Zudem werden junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eine große Rolle spielen.

Die Fragen stellten Liane Borghardt und Jörn Hüsgen.
Dieser Artikel ist erschienen am 24.08.2004