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Bloß keine Heuschrecke

Von Siegfried Hofmann
Über Technik redet Michael Römer, der Chef des Darmstädter Chemie- und Pharmakonzerns Merck, gern. Über Strategie nicht. Das schlägt jetzt auf ihn zurück. ?Sein Herz blüht bis heute für die Chemie?, sagt ein Manager, der mit den Strukturen bei Merck vertraut ist. In der Führungsriege des Familienunternehmens gilt der 59-Jährige denn auch als Produktionsfachmann, nicht unbedingt als großer Stratege.
FRANKFURT. ?Darüber reden wir nur, wenn es wirklich etwas zu sagen gibt?, beschied er neugierigen Journalisten Anfang des Jahres, auf seiner ersten Bilanzpressekonferenz als neuer Chef des Darmstädter Chemie- und Pharmakonzerns Merck.Einige Wochen später kam dann der Tag, an dem Römer tatsächlich etwas zu sagen hatte. Einer verdutzten Finanzwelt präsentierte er am 13. März die feindliche Übernahmeofferte für den Berliner Schering-Konzern. Ein Schachzug, wie ihn die konsensverwöhnte deutsche Pharmabranche bis dahin nicht erlebt hat und schon gar nicht von dem stillen und scheinbar behäbigen Darmstädter Familienunternehmen erwartet hätte.

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Der Traum vom Quantensprung in der deutschen Pharmabranche war für Merck schnell ausgeträumt: Keine zwei Wochen später übertrumpfte Bayer die Offerte der Darmstädter und einigte sich mit Schering auf eine freundliche Übernahme. Artig gratulierte Römer Bayer-Chef Werner Wenning damals zum Erfolg.Dass Merck zwei Monate später mit dem Kauf von Schering-Aktien die Übernahme durch Bayer ins Wanken brachte und den Leverkusenern schließlich einen kräftigen Aufschlag auf den Angebotspreis abringen würde ? das alles hat Römer Ende März vermutlich selbst kaum geahnt. Ein derart kaltschnäuziges Manöver will nicht passen zu diesem höflichen Mann, den seine Mitarbeiter als eher lockeren Manager schätzen, der wenig hält von CEO-Gehabe und verbissenem Ehrgeiz.Römer selbst beschreibt sich mitunter als Vereinsmenschen, als Genießer und hessischen ?Grundoptimisten?, der am Wochenende gelegentlich im heimischen Tennisclub Würstchen brutzelt.Die Zeiten, wo er in der Jugendmannschaft von Kickers Offenbach mitspielte, sind zwar lange vorbei. Aber auf der Skipiste könne er mit seinen erwachsenen Kindern durchaus noch mithalten, ?dank der besseren Technik?. Als Abiturient habe er sich vorgenommen, nie Karriere zu machen. Und als Student wollte er eigentlich immer in die Schweiz gehen. Aber sein Doktorvater an der TU Darmstadt empfahl dem jungen Chemiker, doch einmal bei Merck anzuklopfen. Dort verdiente er sich die ersten Sporen im Zentrallabor.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Er gilt nicht unbedingt als großer StrategeDer Zufall führte ihn später in die kleine Arbeitsgruppe für Flüssigkristalle, jenes Arbeitsgebiet, das heute die Perle des Merck-Konzerns bildet. Römer hat dazu mit diversen Neuentwicklungen und Patenten beigetragen.?Schon damals dachte ich, daraus können wir etwas Großes machen?, sagt er heute. Und seine Augen leuchten noch ein wenig lebhafter hinter der randlosen Brille, wenn er von Dingen wie dem ?viewingancle-independent panel? erzählt, der VIP-Technologie, die später die Dominanz von Merck im Geschäft mit Flüssigkristallen für Flachbildschirme begründete.?Sein Herz blüht bis heute für die Chemie?, sagt ein Manager, der mit den Strukturen bei Merck vertraut ist. In der Führungsriege des Familienunternehmens gilt der 59-Jährige denn auch als Produktionsfachmann, nicht unbedingt als großer Stratege.Diese Rolle sehen Kenner des Unternehmens eher bei Leuten wie dem neuen Chemie-Chef Walter Zywottek oder dem Leiter der Pharmasparte, Elmar Schnee. Eine zentrale Rolle spielen zudem Vertreter der Gründerfamilie wie Jon Baumhauer oder Frank Stangenberg-Haverkamp, der Vorsitzende des Gesellschafterrats von Merck. Und mit dem früheren Bayer- und Lufthansa-Manager Karl-Ludwig Kley wird im September ein weiterer strategischer Kopf in die Führungsriege des Darmstädter Konzerns einziehen. Längst wird er als Nachfolger für den ?Übergangs-Chef? Römer gehandelt.Es gilt vor diesem Hintergrund als ausgemacht, dass Römer weder Drahtzieher noch treibende Kraft hinter dem Schering-Manöver war. Aber ebenso sicher ist, dass er ganz loyal hinter diesem Schachzug gestanden hat. ?Wir haben eine unwahrscheinlich gute strategische Richtung eingeschlagen?, sagte er Ende vergangenen Jahres, kurz nachdem er überraschend den Chefposten von Bernhard Scheuble geerbt hatte.Der ganz große Wurf ist ihm im Falle Schering zwar nicht gelungen. Aber doch ein kleiner Schritt nach vorne, der sowohl die Kasse füllt als auch das etwas schwächliche Pharmageschäft voranbringt. Immerhin konnte Römer Bayer nicht nur einen höheren Preis abtrotzen, sondern auch die Bereitschaft, neue Kooperationsmöglichkeiten zu prüfen.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Die "Heuschrecken-Ecke" mag man gar nichtUmso mehr scheint es den Merck-Chef und seine Mannschaft nun zu schmerzen, dass sie in die Nähe von Hedge-Fonds, Finanzakrobaten, ja Heuschrecken gerückt werden. Kurzfristige Spekulationsgewinne seien kein Handlungsmotiv für ein Unternehmen, ?das in Generationen denkt?, bemühte er sich am Mittwoch, die Fehleinschätzungen der Außenwelt zu korrigieren.Vielleicht gibt diese Erfahrung Anlass, künftig doch ein wenig mehr über Strategie und Zukäufe zu reden ? auch wenn nicht gerade eine feindliche Großakquisition zu verkünden ist.MICHAEL RÖMER1946
wird er im hessischen Oberellenbach geboren. Später studiert er Chemie in Darmstadt und promoviert.
1978
beginnt er beim Chemie-Pharmakonzern Merck in Darmstadt als Laborleiter für Industriechemikalien. Ab 1983 arbeitet er in der Verfahrensentwicklung Chemie. 1988 wechselt er zu EM Industries in den USA.
1990
kommt er nach Darmstadt zurück und leitet den Bereich Industriechemie.
1994
wird er Mitglied der Geschäftsleitung der Merck KGaA.
2000
steigt er auf zum stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden.
2005
ernennt ihn der Konzern zum Vorstandsvorsitzenden.
Dieser Artikel ist erschienen am 16.06.2006