Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Blitzcomeback des MG-Chefs

Von M.-W. Buchenau, J. Koenen, Handelsblatt
Schöne Bescherung für MTU-Chef Klaus Steffens, bereits gut drei Wochen vor Weihnachten. Der 54-Jährige in der Branche hoch geschätzte Triebwerksexperte wird zum Jahreswechsel überraschend abtreten müssen.
Udo Stark
MÜNCHEN. Der Aufsichtsrat des weltweit fünftgrößten Triebwerksherstellers wird heute auf seiner Aufsichtsratssitzung Udo Stark zum neuen Vorstandschef der MTU berufen. Das erfuhr das Handelsblatt aus unternehmensnahen Kreisen.Der Aufsichtsrat setzt auf Starks Erfahrung im Führen eines börsennotierten Unternehmens. Der 56-Jährige mit dem meist sorgsam zur Seite gekämmten grauen Haar soll den Triebwerkshersteller aufs Parkett bringen.

Die besten Jobs von allen

Bis Ende Oktober war Stark noch Vorstandschef der MG Technologies, der Nachfolgefirma der Metallgesellschaft. Dorthin hatte ihn MG-Großaktionär Otto Happel vor etwas mehr als einem Jahr geholt. Doch als Happel sich immer mehr ins operative Geschäft einmischte, kam es zum Streit. Ungeachtet heftiger Kritik an der unklaren Rollenverteilung zwischen Aufsichtsrat und Management ? am Ende gewann Happel, und Stark musste gehen.Wohl kaum eine Managerpersönlichkeit ist so schwer zu fassen wie Stark. Für viele ist er der Firmenzerleger. Stark, der in Deutschland und den USA Betriebswirtschaftslehre studierte und seine Karriere beim Textilfaserhersteller Enka begann, hatte die Frankfurter Agiv 1999 zerschlagen und in Einzelteilen verkauft ? auf Druck des Großaktionärs BHF Bank und gegen den Willen vieler Kleinaktionäre.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Keiner weiß, was Stark an MTU reiztWas Stark an der MTU reizt ? so genau weiß das zurzeit keiner. Nötig hätte er den neuen Job wohl kaum. ?Ich bin finanziell unabhängig?, sagte er vor einiger Zeit. Schließlich waren die Abfindungen bei seinen vorzeitigen Abgängen nicht gerade gering. Und so könnte er in seiner Wahlheimat München seinen Leidenschaften frönen: ein gutes Buch lesen, ein wenig Golf spielen oder auf dem Chiemsee segeln.Doch der auf Sylt geborene Norddeutsche liebt komplexe Aufgaben. Und eine solche dürfte ihn bei MTU erwarten. Die Fäden bei dem Wechsel zieht der MTU-Eigentümer Kohlberg Kravis Roberts & Co. (KKR). Das Beteiligungsunternehmen gab gestern keinen Kommentar zu dem anstehenden Wechsel. ?Kein Kommentar? auch die Reaktion beim Triebwerkshersteller.KKR hatte MTU vor einem Jahr für knapp 1,5 Milliarden Euro von Daimler-Chrysler übernommen. Bisheriges Ziel war es, das Unternehmen im Jahr 2006 an die Börse zu bringen. Aber das Beteiligungsunternehmen macht Druck. Der Börsengang soll jetzt schon im nächsten Jahr erfolgen. Es könnte der Bannbrecher für den Finanzplatz Deutschland werden. Nichts darf dabei schief gehen.Das KKR dabei auf die Fähigkeiten von Stark vertraut, überrascht nicht. Man kennt sich, schließlich war es Stark, der mit dem Finanzinvestor hart, aber zügig verhandelte und ihm die MG-Chemietochter Dynamit-Nobel verkaufte ? zu einem Preis, den viele nicht erwartet hatten. Er ist bekannt dafür, dass er in Verhandlungen auftrumpft, und er ist mit der Führung eines börsennotierten Unternehmens bestens vertraut. Eine Aufgabe, die KKR dem bisherigen Chef Steffens offensichtlich nicht so zutraute. Steffens soll der Abgang mit einem Sitz im Aufsichtsrat schmackhaft gemacht werden. So will KKR dessen technische Kompetenz im Unternehmen halten.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Steffens unglückliches AusErst im Januar hatte Aufsichtsratschef Johannes Huth die MTU-Führung mit Klaus Steffens, Finanzchef Reiner Winkler und Technik-Chef Michael Süß auf drei Personen verkleinert. ?Wir freuen uns, dass ein starkes Team die MTU führen wird?, hatte Huth damals gesagt.Steffens Aus dürfte eines der unglücklichsten in der deutschen Unternehmensgeschichte sein. Nach einer Forscher-Karriere holte Daimler den promovierten Ingenieur 1996 als Technik-Chef zu MTU, 2000 wurde er Vorstandschef. Unter seiner Führung entwickelte sich MTU besonders im zivilen Bereich gut. In den ersten neun Monaten dieses Jahres legte MTU glänzende Zahlen vor. Der Zulieferer baut inzwischen maßgebliche Teile für zivile Kerntriebwerke.Wenn Steffens davon erzählt, kann er seinen Forscher-Stolz kaum verhehlen. Mit seiner Brille, der hohen Stirn und dem in sich gekehrten Blick wirkt er wie ein Forscher und nicht wie ein smarter Manager. Dass er eben nicht wie ein strahlender Verkäufer wirkt, der jederzeit einen Stepptanz vor Analysten und Investoren hinlegen kann, dürfte ihm zum Verhängnis geworden sein.Doch auch Starks Berufung wirft Fragen auf, nicht nur bei der verunsicherten Belegschaft, die wenig Verständnis dafür zeigt, aus unbedrängter Lage in unsicheres Fahrwasser bugsiert zu werden. Das meiste Geld verdienen die Triebwerksbauer im Ersatzteilgeschäft. Dieses Geschäft ist schwierig und von den Großen GE, Rolls-Royce und Pratt & Whitney heftig umkämpft.Stark wird es schnell lernen müssen, um MTU als Branchenfremder gut verkaufen zu können. Sollte es schief gehen ? es wäre nicht der erste vorzeitige Abschied Starks.
Dieser Artikel ist erschienen am 01.12.2004