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Blinde Kuh, wie tough bist Du?

Liane Borghardt
Foto: Melanie Dreysse
Studentische Unternehmensberater führen oft ein anstrengendes Doppelleben. Während eines Workshops haben 20 Campus-Consultants Luft geholt und über sich als Führungskraft nachgedacht.
Morgens Student, nachmittags Manager: Studentische Unternehmensberater führen oft ein anstrengendes Doppelleben. Während eines Workshops in der Nähe von Hamburg haben 20 Campus-Consultants Luft geholt und über sich als Führungskraft nachgedacht.

Lang gestreckt liegt der Blonde auf dem hellen Sofa, die Augen geschlossen. Mit beiden Händen umklammert der junge Mann einen grauen Stein. ?Was bedeutet denn dieses Symbol für dich als Führungskraft??, wispert der blasse Dunkelhaarige im Sessel neben ihm eindringlich. ?Ich will für meine Mitarbeiter Ruhe- und Orientierungspunkt sein. An mir arbeiten, mich formen lassen. Aber auch Ecken und Kanten akzeptieren?, kommt leise die Antwort.

Die Couch-Szene spielt sich im behaglichen Kaminzimmer der Seminarstätte Ellernhof ab ? zwei geduckte Fachwerkhäuser, eine knappe Autostunde von Hamburg entfernt. Mitten auf dem platten Land. Der Blonde mit der runden Brille und dem Spitzbubengesicht heißt Tobias Ernst, studiert Jura und war bis vor kurzem Vorstandsvorsitzender von Hanseatic Consulting, einer studentischen Unternehmensberatung. Zusammen mit seinem Kollegen ist der 25-Jährige zu einem Führungskräfte-Workshop für Jungberater angereist.

Die besten Jobs von allen


Nach Vorlesungsschluss arbeiten Hunderte von Nachwuchs-Consultants in mehr als 50 Beratungsbüros. 19 dieser gemeinnützigen Vereine sind im Bundesverband deutscher studentischer Unternehmensberatungen (BDSU) zusammengeschlossen. Ihre 25-Stunden-Wochen absolvieren die Consultants vom Campus mehr oder minder für lau. Der Großteil ihrer Honorare fließt in die Vereinskassen, damit laufende Kosten ? zum Beispiel für die Büroausstattung ? gedeckt werden können. Zusätzlich unterstützen acht Unternehmen den BDSU finanziell wie ideell.

Drei Tage haben 20 nebenberufliche Berater aus ganz Deutschland Zeit, sich auf Kosten von Beiratsmitglied Mummert & Partner Gedanken zum Thema Mitarbeiterführung zu machen. Management-Erfahrungen bringen die Anfang bis Ende 20-Jährigen, von denen die meisten ein wirtschaftswissenschaftliches Fach studieren, reichlich mit. Mehrmals in der Woche übernehmen sie die Rolle des Vorstandsmitglieds und haben Projektverantwortung.

Die lastet oftmals schwer: Die Kundenlisten der studentischen Unternehmensberatungen unterscheiden sich nicht von denen der Mummerts und Roland Bergers. Auch bieten die Hochschüler dieselben Leistungen an wie etablierte Consulting-Unternehmen: Kosten durchleuchten, Märkte analysieren, Marketing-Konzepte entwickeln ? die gesamte Palette, nur zu erheblich niedrigeren Preisen.

Kein Kindergeburtstag
?Die Entscheidung, ob ihr Führungskraft sein wollt, kann euch keiner abnehmen. Das muss jeder selbst rausfinden?, betont Trainer Christian Schulz-Willers, Leiter der Personalentwicklung bei Mummert. Dazu stellt der 36-Jährige in Karohemd und Khakihose den Seminarteilnehmern eine Aufgabe nach der anderen: ?Geht in die Natur und findet ein Symbol. Erzählt euch in Zweierteams, welche Assoziationen euch einfallen, wenn ihr es mit den Augen eines Kindes betrachtet. Und fragt euch anschließend, inwieweit diese Assoziation eine Antwort auf die Frage ist: Was ist mir als Führungskraft wichtig??

Was auf den ersten Blick wie Kindergeburtstag daherkommt, fordert die ganze Person. Unterbewusstes soll dem Verstand geöffnet werden, vermeintlich gewünschte Antworten darf es nicht geben, erklärt Schulz-Willers das ?Schleifen-Prinzip?.

Tobias bringt aus dem Wald einen Stein mit, Nathalie wählt Moos, Jonas eine Feder als Sinnbild persönlicher Führungsideale. Dazu gehört bei den meisten: Mitarbeitern klare Strukturen vorgeben und gleichzeitig flexibel bleiben, für sie Verantwortung übernehmen und Vorbild sein. Klappt der Austausch zwischen Führungskraft und Mitarbeitern nicht, fallen beide auf die Nase ? das lehrt das Blinde-Kuh-Spiel. ?Wenn man seinen Partner mit verbundenen Augen über einen Baumstamm führt, sollte man sich schon eindeutig ausdrücken?, sagt Jonas grinsend.

Neben seinem Wirtschaftsingenieurstudium ist der 24-Jährige noch Personalmanager bei der studentischen Beratung CCT in Berlin. Ein Händchen für Kniffliges zeigt er bei der Seilknotenübung. Während Marcus, Vorstandsmitglied von ACM München, noch flucht ?Is des ein Chaos?, haben Jonas und Nathalie sich schon aus dem Kreis der aneinander Gefesselten befreit. ?Als Führungskraft sollte man auf keinen Fall mehr als 100 Kilo drauf haben?, schnaubt Felix von Intouch in Regensburg und zwängt sich unter Anleitung der anderen durch die enge Schlinge.

Englisch verboten
?Was hat die Gruppe getan, damit Wissen weitergegeben wurde??, möchte Trainer Schulz-Willers anschließend wissen. ?Knowlegde-Management?, wirft Jonas scherzhaft in die Runde. ?Job-Rotation?, ergänzt Ingo. Der Seminarleiter blickt mit seinen hellen Augen streng durch die randlose Brille: Die Abneigung des Diplom-Pädagogen gegen Anglizismen ist inzwischen bekannt. Beraterjargon ist von Seminarbeginn an jedoch ohnehin nur vereinzelt zu hören. Von Managerallüren ebenfalls keine Spur: In Anoraks und Turnschuhen sehen die jungen Consultants bei nordischem Nieselwetter aus wie ganz normale Studenten. Die dunklen Anzüge für Kundentermine haben sie zu Hause gelassen.

Verdiente Lorbeeren
Wer hat sich bei der Seilknotenübung als Führungskraft entpuppt? Und wie ist er es geworden? Einen Moment Grübeln. Eigentlich war es ein Wissensvorsprung: Wer als erster das Rätsel gelöst hatte, nahm die anderen an die Hand. ?Führungskraft ist man nicht durch einen Titel, sondern man muss sich seine Lorbeeren ständig neu verdienen?, schreibt Nathalie später als Führungsleitsatz auf.

Die 25-jährige BWL-Studentin ist eine von nur zwei Frauen im ?Leadership?-Seminar. ?Typisch bei diesem Thema?, meint die Düsseldorferin. ?Frauen trauen sich oft zu wenig zu.? Jedoch werde es künftig immer mehr Frauen in Managementpositionen geben, ist die BDSU-Vorsitzende überzeugt, die Kontakte zu studentischen Unternehmensberatungen in Europa pflegt. ?Die Werte haben sich geändert: Soziale Kompetenzen sind für eine positive Stimmung im Team wichtig, Machtgehabe ist überflüssig.?

Vor dem Seminar habe sie gezweifelt, ob sie ?tough? genug sei, um nach dem Studium Führungsaufgaben in einer Unternehmensberatung zu übernehmen. Diese Frage habe sich inzwischen erübrigt: ?Ich weiß jetzt, dass ich das gar nicht sein muss. Unser Trainer hat uns vorbildlich vermittelt: Jeder kann eine gute Führungskraft sein. Und zwar auf seine Art.?

Tobias stimmt ihr zu, dass es ?dabei ja nicht ums Führen an sich? gehe. ?Das Entscheidende ist, im Team zu arbeiten und die Freiheit zu besitzen, selbst etwas zu gestalten?, sagt der angehende Jurist. Von dem Seminar, das ?super Möglichkeiten zur Selbstanalyse geboten hat?, nimmt er einen wichtigen Vorsatz mit nach Hause: Sich mehr Ruhe gönnen, die Woche nicht mit Arbeit überfrachten. Auch um Kollegen gegenüber nicht hektisch zu sein. ?Fürs Examen pauken, dazu 20 Stunden wissenschaftliche Mitarbeit und bei Hanseatic Consulting als Projektleiter eine Studie für die Hamburger Wirtschaftsbehörde durchführen: Mein Nerven-Speckgürtel ist in der letzten Zeit geschwunden?, erzählt der Jungberater.

?Nach der Arbeit mit den anderen mal ein Bier trinken gehen, das konnte ich knicken. Wenn wir bis 20 Uhr ein Meeting hatten, bin ich bis zwei Uhr nachts zurück ins Büro gegangen. Mit dem Ergebnis, dass ich viel schlechteren Zugang zu meinem Team hatte.? Das soll sich jetzt ändern. Der graue Stein liegt auf seinem Schreibtisch im Büro, zur Erinnerung.

Dieser Artikel ist erschienen am 20.03.2001