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Bleibeprämie statt Abfindung

Von Frank Siering
Wie Bayer in den USA versucht, Spitzenkräfte zu halten, die, von der Fusion mit Schering abgeschreckt, das Weite suchen wollen.
Bayer will seine Experten in den USA um jeden Preis halten. Foto: AP
BERKELEY. Die Hiobsbotschaft kam via E-Mail. Die Bayer-Standorte West Haven im US-Bundesstaat Connecticut und Richmond in Kalifornien würden bis zu 800 Stellen streichen. Die Umstrukturierung beim Pharmariesen sei nötig, um die Kosten von 17 Milliarden Euro für die Schering-Übernahme finanzieren zu können. Was für viele lang gediente Mitarbeiter das Aus bedeutet, entpuppt sich für einige auserwählte Experten als frohe Kunde. Wurde ihnen doch gleichzeitig ein neues Incentive-Programm angeboten. Ein Programm, das es so in dieser Art in Deutschland bisher nicht gibt. Es handelt sich dabei um Bleibeprämien.Und das steckt dahinter: Gerade in der Pharmaindustrie, die noch immer hart umkämpft ist, sind Spezialisten wie Wissenschaftler mit Nischenkenntnissen Gold wert. ?Es ist klar, dass Bayer durch die Schließung von Standorten seine wertgeschätzten Wissenschaftler leicht vergraulen kann?, sagt Kevin Piper, Pharmastratege und Vorsitzender der Health Research Group in Washington D.C. ?Das Management von Bayer weiß ? wie die Top-Wissenschaftler im Unternehmen: Die Konkurrenz nutzt solche Momente der Konsolidierung nur allzu gerne, um Fachleute abzuwerben.? Um dem entgegenzuwirken, wird in den USA den begehrten Leuten oft bis zu einem Netto-Jahresgehalt angeboten, damit sie das ? scheinbar leckgeschlagene ? Schiff nicht verlassen. Piper: ?Ein Gentechniker mit 160 000 Dollar Jahreseinkommen kann damit rechnen, dass er eine Treueprämie von noch mal 160 000 Dollar erhält ? nur damit er in der Firma bleibt.?

Die besten Jobs von allen

Und so verwundert es nicht, dass Bayer-Chef Werner Wenning erst kürzlich selbstbewusst verkündete, dass die ?Schering-Integration planmäßig verläuft?. Was er nicht verriet: Bayer verschickt gerade neben Hunderten von Kündigungen Incentives an einige seiner Top-Talente. Ein Unterfangen, das in den USA seit langem gang und gäbe ist. ?Keine Firma will seine Top-Talente verlieren?, betont Piper.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Kalifornien ist ein Mekka für Wissenschaftler, die für die Pharamindustrie arbeiten.?Es kann sehr wohl vorkommen, dass einige Fachkräfte aus New Haven oder Richmond jetzt mit aller Kraft nach Berkeley verfrachtet werden müssen?, sagt ein Bayer-Mitarbeiter. Will Bayer doch nach eigenem Bekunden seine Forschungsabteilung in der Brutstätte der Technologie-Revolution platzieren. Den auserwählten Experten würde dann nicht nur die Prämie, sondern auch der Umzug und eine neue Bleibe finanziert werden. In Berkeley arbeiten derzeit rund 1 500 Bayer-Angestellte. ?Der Standort in der Bay-Area soll als eine von drei weltweiten Forschungsstätten ausgebaut werden?, betont eine Bayer-Sprecherin. Doch dies kann nur funktionieren, wenn ?man die besten Leute an Bord hat?.Die Besten können sich aber ganz besonders in Kalifornien und noch genauer im Silicon Valley Jobs aussuchen. ?Es ist ein echtes Mekka für Wissenschaftler, die für die Pharmaindustrie arbeiten?, urteilt Richard Hughey, Professor für Computerwesen an der Universität von UC Santa Cruz. Das Modell der Bleibeprämien scheint also im Zeitalter der Abfindungen und goldenen Handshakes eine erfrischende Perspektive darzustellen.Ein Wissenschaftler einer Pharmafirma aus Los Angeles kam unlängst in den Genuss einer solchen Prämie. Sein Fazit: ?Ich war sehr froh, schließlich musste ich nicht die Firma wechseln, konnte in meiner gewohnten Umgebung arbeiten. Und ich fühlte, dass mein Unternehmen meine Arbeit schätzt.? Ein Modell, das sicher aus Managementsicht auch in Deutschland bald Fuß fassen könnte.
Dieser Artikel ist erschienen am 02.12.2006