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Blasser Retter

Von Joachim Hofer
Paul Harrington, ein Mann mit monotoner Stimme und wenig Überzeugungskraft soll im Auftrag von Adidas Reebok zurück in die Erfolgsspur bringen. Viel Zeit hat er dafür nicht ? und es steht viel auf dem Spiel.
LONDON. Seit zwölf Jahren arbeitet er bereits im Unternehmen, von einem kleinen Abstecher zum Jeanshersteller Levi Strauss abgesehen. Doch ist er dabei so unauffällig geblieben, dass seine Presseabteilung es bisher nicht für nötig hielt, ein Foto von ihm bereitzuhalten ? am Dienstag auf dem Investor?s Day in London muss extra noch eines geschossen werden.?Wir werden so bald wie möglich jede Wachstumsmöglichkeit nutzen?, kündigt er an. Das ?so bald wie möglich? ist es vor allem, was Adidas-Chef Herbert Hainer von ihm erwartet: ?Reebok hat Probleme ? und diese müssen gelöst werden.? Und: ?Sie müssen schnell gelöst werden.?

Die besten Jobs von allen

Paul Harrington heißt der Mann, der die schwerste Aufgabe, die es in der Sportartikelindustrie derzeit gibt, in Hainers Auftrag übernommen hat. Der 44-jährige Amerikaner zeichnet seit Januar als Präsident und CEO von Reebok, das Adidas kurz zuvor für 3,2 Milliarden Euro übernommen hatte.Es steht viel auf dem Spiel ? für Hainer wie für Harrington. Denn der Adidas-Chef kann sich keinen zweiten Ausrutscher leisten: Die Übernahme des französischen Skiherstellers Salomon in den 90er-Jahren war ein Desaster. Dem zweitgrößten Sportkonzern der Welt ist es nie gelungen, mit Salomon auch nur annähernd die Renditen von Adidas einzufahren. Vergangenes Jahr gab Hainer die ungeliebte Tochter entnervt ab.Reebok ist allerdings noch eine Nummer größer. Der Kauf durch Adidas war die größte Übernahme in der Sportbranche aller Zeiten. Schon jetzt ist klar, dass viele Aufräumarbeiten nötig sind: Im vierten Quartal ist der Auftragsbestand von Reebok im Vergleich zum Vorjahr um fast ein Viertel eingebrochen. Vor allem im wichtigen Heimatmarkt USA hielten sich die Händler zurück und bestellten ein Drittel weniger Turnschuhe von Reebok.Um das zu ändern, ist jener blasse Mittvierziger angetreten? Vielleicht täuscht der Eindruck ja nur, hat Hainer selbst sich doch seinen Statthalter im Reebok-Hauptquartier an der amerikanischen Ostküste ausgesucht. ?Harrington ist ein disziplinierter, analytischer Manager?, lobt Hainer. Gerade an der Disziplin habe es Reebok gefehlt, meint der gebürtige Niederbayer. Viel zu oft hätten sich Händler beklagt über verspätete Lieferungen von Reebok, über nicht eingehaltene Termine. Eine Spezialität von Harrington: Er verbrachte einen Großteil seiner Reebok-Zeit mit dem Aufbau der Lieferkette, dem Supply Chain Management.Reebok kennt er wie seine Westentasche. ?Mit den Jahren hat sich Paul zu einer starken Führungspersönlichkeit entwickelt?, urteilt Paul Fireman, der bis zur Übernahme der Firma durch Adidas Chef und Großaktionär von Reebok war. Harrington habe eine riesige Erfahrung in der Sportbranche und kenne sich international gut aus.Harrington war zuletzt unter anderem für das Europa- und Asiengeschäft von Reebok zuständig. Das lässt unabhängige Beobachter aufhorchen, denn als eine der großen Schwächen von Reebok gilt, dass der Konzern sehr stark auf den amerikanischen Markt fixiert ist und das Ausland vernachlässigt hat ? ein Problem, weil die Margen in den USA niedriger sind als in vielen anderen Ländern.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wer das Sagen im Konzern hat, bekam er schon zu spürenSonderliche Freiheiten wird Harrington zunächst nicht bekommen. Von Anfang an will Hainer die Zügel fest in der Hand halten. Das sei eine der Lehren aus der missglückten Integration von Salomon, sagt er. Dem Management in Frankreich hat Adidas jahrelang kaum auf die Finger geschaut: ?Ein Fehler?, gibt Hainer zu. Schon kurz nachdem die Übernahme von Reebok im vergangenen Sommer verkündet wurde, hat er einen Vertrauten aus dem Konzernsitz in Herzogenaurach nach Canton in das Reebok-Hauptquartier geschickt.?In letzter Zeit bin ich öfter in der Zentrale in Herzogenaurach gewesen?, sagt denn auch Harrington. Dann fügt er aber hinzu: ?In den nächsten drei, vier Monaten werde ich mich ganz auf die Arbeit bei Reebok konzentrieren.?Sein erklärtes Ziel ist es, Reebok wieder mehr Platz in den Sportgeschäften zu verschaffen. Zuletzt war die Firma mit ihren rund drei Milliarden Euro Umsatz zwar in Boutiquen mit sportlichem Lifestyle erfolgreich. Unter Läufern, Fußballern und Basketballern, also den wahren Sportlern, verlor Reebok dagegen an Glaubwürdigkeit.Harrington, Vater von drei kleinen Kindern, Jogger und Golfer, will 2007 mit einer Fülle an neuen Turnschuhen und Shirts verlorenes Terrain zurückgewinnen. Allerdings muss er zunächst Einschnitte verkünden: 500 Stellen werden dort gestrichen, wo Aufgaben bei Adidas und Reebok doppelt besetzt sind.Daneben sichert Harrington seinen Einfluss ab: Die ersten wichtigen Schlüsselpositionen in der zweiten Reihe hat er bereits mit Leuten seines Vertrauens besetzt. Und der Druck soll weiter hoch bleiben: ?Sie können sicher sein, dass wir sehr zügig arbeiten, um unsere Probleme zu lösen.?Erste Ergebnisse gibt es schon heute: Von dem guten Dutzend Logos, mit denen Reebok bisher geworben hat, sind nur noch drei übrig geblieben. Im größten Sportsegment, dem Laufen, hat Harrington die Zahl der Läden, die Reebok-Schuhe verkaufen, deutlich aufgestockt. Und mit Thierry Henry, Stürmerstar von Arsenal London, konnte er am Dienstag einen prominenten Neuzugang verkünden: Der Franzose wird künftig für Reebok werben.Wer das Sagen im Konzern hat, das bekam Harrington allerdings schon zu spüren: Den prestigeträchtigen Ausrüstervertrag für die nordamerikanische Basketball-Liga NBA, den bislang Reebok innehatte, riss sich Adidas unter die Nägel.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Zur Person: Paul HarringtonWenn Harrington seinen Job gut macht, könnte er in einigen Jahren in den Vorstand aufrücken. Denn mit nur vier Vorständen ist die Führungsmannschaft im Vergleich zu anderen großen deutschen Unternehmen dünn besetzt. Doch erst muss er zeigen, was er kann: Derzeit sei ?keine Änderung? im Vorstand geplant, sagt ein Adidas-Sprecher.
PAUL HARRINGTON1961 wird er geboren.1984 beendet er sein MBA-Studium an der Babson Graduate School of Business.1994 kommt er zu Reebok. In den Jahren zuvor arbeitete er unter anderem für Ford.2002 geht er zum Jeanshersteller Levi Strauss als verantwortlicher Vize-Präsident für das Thema Supply Chain Management. Nach nicht einmal einem Jahr kehrt er zu Reebok zurück und übernimmt die Verantwortung für die Markenführung in Europa und Asien.2005 bekommt er zusätzlich die Markenverantwortung für Nordamerika übertragen.2006 wird er am 9. Januar zum Präsidenten und Chief Executive Officer der Marke Reebok ernannt. Damit berichtet er unmittelbar an Reebok-Chef Paul Fireman.
Dieser Artikel ist erschienen am 12.04.2006