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Blackberry-Nomade

Von Christoph Mohr
Mit seinem MBA in der Tasche gründete Dogan Gündogdu einen Finanzdienstleister für Deutsch-Türken. Heute führt der 40-jährige ein Leben zwischen Köln, Frankfurt, Barcelona, Istanbul und London. Sein Motto: Immer am Ball bleiben. Eine Integrationsgeschichte mit Haken.
Dogan Gündogdu, Gründer der Finanzberatungsgesellschaft TDVM Capital AG, trägt maßgeblich zur Integration bei. Foto: dpa
Es könnte eine so schöne Integrationsgeschichte sein: Türkisches Gastarbeiterkind schafft über das deutsche Bildungssystem den Aufstieg nach oben. Studiert, gründet ein eigenes Unternehmen, hat Erfolg. Eine vorbildliche Integration, ein Vorzeige-Türke, mit dem sich auch die Politik gerne schmückt. Dogan Gündogdu, einer ?unserer Super-Türken?, wie der ?Stern? auf der Suche nach einer knackigen Schlagzeile titelte.Wie bei vielen erfolgreichen Unternehmensgründungen liegt auch bei der 2001 von Gündogdu gegründeten Finanzberatungsgesellschaft TDVM Capital AG rückblickend die Geschäftsidee auf der Hand. Über 2,5 Millionen Türken oder Türkischstämmige leben in Deutschland, die längst keine Gastarbeiter mehr sind, die einmal in die Türkei zurückkehren werden, sondern Deutsch-Türken, deren Lebensperspektive Deutschland heißt.

Die besten Jobs von allen

?Die wurden aber bislang völlig vernachlässigt?, erklärt Gündogdu den Ursprung seiner Geschäftsidee. Zum einen stießen sie bei deutschen Sparkassen und Banken auf kulturelle und soziale Mauern, zum andern wurden sie auch von den Deutschland-Niederlassungen türkischer Banken mit ihrer Beamtenmentalität nur unzureichend bedient. ?Wir sind Finanzdolmetscher?, erklärt Gündogdu, dessen TDVM Capital AG seinen deutsch-türkischen Kunden eine Rundum-Finanzberatung bei Kapitalanlagen, Bausparverträgen und Versicherungen anbietet und mittlerweile mit Standorten in Bochum, Gießen, Köln und Stuttgart vertreten ist. ?Wir helfen Hassan sich so wie Hans zu verhalten.?Im Übrigen kein uninteressanter Markt. Zum einen ist das durchschnittliche Nettoeinkommen der Hunderttausenden ganz normaler deutsch-türkischer Arbeitnehmerhaushalte geringer als das der deutschen, aber Türken sparen viel mehr als die Deutschen. Zum anderen gibt es eine überraschend hohe Zahl von Deutsch-Türken, die ihr eigenes Unternehmen gegründet haben ? nicht nur Vorzeigeunternehmer wie Reiseveranstalter Vural Öger oder Kemal Sahin, dessen Firma Santex Moden mit mehr als einer Milliarde Jahresumsatz heute eines der weltweit größten Textilunternehmen ist.Und nicht nur die klassische Dönerbude oder Änderungsschneiderei. Laut einer Studie des Zentrums für Türkeistudien der Universität Duisburg-Essen gibt es hierzulande fast 64 000 von Deutsch-Türken gegründete Unternehmen. Sie erwirtschaften durchschnittlich 457 000 Euro Jahresumsatz, was sich auf fast 30 Milliarden Euro summiert. Bei einer Umsatzrendite von nur fünf Prozent wären das 1,5 Milliarden Euro Gewinn, den die deutschen Türken erwirtschaften ? pro Jahr. Sie haben mittlerweile deutlich mehr als 300 000 Arbeitsplätze geschaffen.Doch die schöne Integrationsgeschichte hat einen Haken. Denn Unternehmensgründer Gündogdu ist gar kein Gastarbeiterkind. Und seinen Erfolg verdankt er auch nicht dem deutschen Bildungssystem, sondern der spanischen Business School IESE. Und eigentlich verdankt er ihn seinem Ehrgeiz und der Bereitschaft, aktiv Chancen zu suchen und sie zu nutzen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die Lebensweg von Dogan Gündogdu.?Vielleicht ist der Stausee Schuld?, lacht Gündogdu. Denn ein Stausee-Projekt beraubte Gündogdus Großeltern ihres Landbesitzes im Osten der Türkei, wo der türkische Staat in der anatolischen Provinz Tunceli Ende der 60er Jahre begann, die Zuflüsse von Euphrat und Tigris aufzustauen. Die Familie zog erst ins anatolische Elazig und dann nach Istanbul, wo Gündogdu aufwuchs und an der dortigen Universität Wirtschaft studierte. ?Aber ich wollte mehr?, sagt Gündogdu und es könnte ein Leitmotiv seines Lebens sein. Mehr hieß Deutschland, wohin bereits einer seiner Brüder gegangen war. ?Zu einem Cousin ins Ruhrgebiet.?Gündogdu selbst heuerte bei einer türkischen Bank in Frankfurt an. Auch nicht ganz das Richtige: ?Die IS-Bank ist zwar die größte Bank in der Türkei, aber die kleinste in Frankfurt.? Wieder wollte er mehr, doch auf die meisten seiner Bewerbungen in Deutschland erhielt er nur Absagen. ?Ich wollte Karriere machen und musste feststellen, dass das mit meinem türkischen Abschluss allein nicht klappen wird.? Immerhin gibt ihm der Personalchef der Dresdner Bank den Tipp, es mit einem einjährigen Aufbaustudiengang in Marketing an der privaten IDB-Wirtschaftsakademie zu versuchen. Für Gündogdu ein weiterer Karriereschritt. ?Danach habe ich meine Bewerbungsunterlagen in die Hand genommen, und mich auf Jobsuche gemacht.? Einem Amerikaner bei Tupperware gefiel die Art und stellte ihn ein; am Ende war Gündogdu für das Reporting zwischen Deutschland und Amerika zuständig. Aber wieder wollte er mehr: ?Ich hatte immer den Traum gehabt andere Länder und andere Kulturen kennenzulernen, und so frühzeitig angefangen, Englisch und Deutsch zu lernen.?So stand London auf der Liste. Gündogdu verließ Deutschland, ging in die britische Hauptstadt, ?auch mit dem Ziel, mich auf einen MBA vorzubereiten?. ?Ich habe zehn bis zwölf Stunden Englisch gepaukt und mich auf den GMAT (den Standardaufnahmetext der führenden Business Schools) vorbereitet, sechs Monate lang.?Die Möglichkeit, seinen MBA an der renommierten London Business School (LBS) zu machen, verwarf er schließlich. ?Ich wollte wieder weg aus London; es war mir zu kalt, zu teuer und nicht gerade sauber.? IESE hingegen, die von der umstrittenen katholischen Laienorganisation Opus Dei kontrollierte spanische Top-Business School in Barcelona war ?südländisch, ich fühlte mich zu Hause.? ?Ich persönlich habe an IESE keinen Opus-Dei-Einfluss gespürt?, sagt Gündogdu. ?Als Muslim hatte ich keinerlei Nachteile während des MBA-Studiums. Persönlich halte ich es allerdings für sehr wichtig, dass eine Business School auch bestimmte ethische Grundsätze vertritt, wie es bei IESE der Fall ist. Es sollte nicht nur um Karrieremöglichkeiten gehen.?IESE wurde für Gündugdu zur Chance seines Lebens. Nicht nur hätten ihm mit einem MBA-Abschluss der spanischen Top-Schule die Türen zu einem der lukrativen Jobs im Investmentbanking offen gestanden. Die von IESE-Entrepreneurship-Professor Pedro Nueno begründete Wagniskapitalgesellschaft Finaves, die ausschließlich in Startup-Projekte von IESE-MBA-Absolventen investiert, beteiligte sich auch an seiner Geschäftsidee, die er für einen IESE-Gründerwettbewerb entwickelt hatte. ?Nueno war für mich auch mehr als ein Professor", sagt Gündogdu. ?Er wurde mein Mentor.? Seit gut einem Jahr ist Gündogdu nun aus dem operativen Geschäft ausgestiegen und nur noch Mitglied des Aufsichtsrats. Mit veränderten Aktionärsverhältnissen scheint TDVM auch eine andere Unternehmensstrategie verfolgen zu wollen. Laut Bundesanzeiger-Ausweis fungiert heute Andreas Petersohn, ein Münchener Rechtsanwalt, als Aufsichtsratsvorsitzender. Otto Kalthoff, der neue Vorstandsvorsitzende, ließ mehrere Handelsblatt-Anfragen nach der gegenwärtigen Geschäftssituation und zukünftigen Unternehmensstrategie unbeantwortet.Für den Unternehmensgründer selbst scheint TDVM ein abgeschlossenes Kapitel. Seit Anfang 2007 unterstützt Gündogdu das Bremerhavener Unternehmen Innovative Wind Power (IWP), einen international expandierenden Hersteller von Windkraftanlagen, gegenwärtig mit dem offiziellen Titel ?Chief Financial Officer? (Finanzvorstand). Wie es so geht, kannte Gündogdu aus Hochschultagen einen Türken, der ebenfalls bei dem von zwei deutschen Ingenieuren gegründeten Unternehmen beteiligt war, an dem seit Juli 2007 die Innovative Energy Group Dubai Mehrheitsaktionär ist.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Die Handschrift des Deutsch-Türken.?In meiner Rolle als Verantwortlicher für Finanzen habe ich daran gearbeitet, das junge Unternehmen kapitalmarktfähig zu machen?, beschreibt Gündogdu seine Rolle. ?Wir sind derzeit in den letzten Vorbereitungen für eine Pre-IPO-Wandelanleihe und gehen demnächst auf Roadshow. Zur Zeit hat das Unternehmen 35 Ingenieure und Mitarbeiter mit technischem Hintergrund und im Jahr 2012 planen wir, insgesamt 650 Mitarbeiter zu beschäftigen. In zwei Jahren wollen wir mit Innovative Wind Power in Frankfurt an die Börse gehen."Gündogdus Handschrift trägt auch bereits ein deutsch-türkisches Joint Venture: Mit der Turcas Elektrik Uretim, einem Tochterunternehmen der größten privaten türkischen Ölgesellschaft Turcas Petrol, hat IWP ein Gemeinschaftsunternehmen zum Bau einiger Windfarmen in der Türkei gegründet. Die Geschichte ist auch typisch für das neueste Kapitel in Gündogdus Karrieregeschichte: Er wird sich als Geschäftsanbahner, als Mittler zwischen Deutschland und der Türkei selbstständig machen. Tatsächlich hat Gündodgu nach Lebensweise und Weltbild kaum etwas mit den Deutsch-Türken der zweiten und dritten Generation zu tun, die oft verloren scheint zwischen einem Deutschland, das sie nicht wirklich will und in dem sie ihren Platz nicht gefunden hat, und einer Türkei, in die sie nicht zurückkann, weil sie nicht dorther kommt.Viel eher als Deutsch-Türke ist Gündogdu ein türkischer Kosmopolit, der in Deutschland seine Chance gesucht und gefunden hat, ein Mann, der einen deutschen Pass mit einem türkischen Geburtsort hat und dessen eigentlicher Lebensraum die Corporate Finance ist.?Es gibt nicht viele Türken, die mein Kapitalmarkt-Know-how und die entsprechenden Kontakte haben?, sagt Gündogdu. Diese Expertise will er nun ausspielen; sein neuestes Unternehmen, die Corporate Finance-Consulting-Firma AKFINA GmbH i.G. mit Geschäftssitz Köln soll in den nächsten Wochen starten. Akfina übrigens steht für ?weiße/saubere Finanzen?.?Akfina wird weiterhin Innovative Wind Power bei Projektfinanzierung, Kapitalmarktberatung, Corporate Finance beraten?, erklärt Gündogdu ?und nach und nach weitere Kunden beraten?. An Projekten und Geschäftskontakten scheint es bereits heute nicht zu mangeln. Gündogdu berichtet von einem Windkraft-Anlagen-Projekt im türkischen Izmir, dessen Finanzierung durch die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) er eingefädelt hat. Eine andere Perspektive ist der türkische Immobilienmarkt, wo viele Deutsche investieren wollten, aber keine richtigen Ansprechpartner hätten.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Die Welt der MBA-Absolventen.Gündogdu ist einer dieser Blackberry-Nomaden, dem das Handy ans Ohr gewachsen sein könnte, heute in Köln, morgen in Frankfurt, übermorgen in Istanbul oder London. Es ist die Welt der MBA-Absolventen. ?IESE bedeutete für mich eine ungeheure Horizonterweiterung?, sagt Gündogdu, ?das war ein ganz anderes Niveau von Leuten als ich es bisher gekannt hatte. Ich habe die Wohnung mit einem Inder, einem Schweizer, einem Norweger und einem Holländer geteilt. Aber wenn man die Augen zumacht und die Hautfarbe nicht sieht, würde man merken, dass wir alle die gleiche Grundeinstellung und Weltanschauung haben.?Welten trennen Gündogdu, den mediterranen Investmentbanker, von dem Testosterongetränkten Jungbullen-Auftreten so manches jungen Deutsch-Türken, und es so wundert es auch nicht, dass er als ein Vorbild Vural Öger nennt: ?Niemand repräsentiert die Türken in Deutschland so gut wie Öger", sagt Gündogdu. Auch Ögers Lebensweg vom in Deutschland erfolgreichen türkischen Unternehmen zum (Europa-)Politiker könnte für Gündogdu durchaus Vorbildcharakter haben. Eine politische Partei in der Türkei habe ihm bereits eine wichtige Funktion in der Partei mit der Aussicht auf einen Parlamentssitz in Ankara angeboten, sagt Gündogdu, für den dies aber wohl zu früh kommt und auch ein bisschen zu riskant erscheint. ?Wenn ich eine solche Aufgabe annehmen würde, dann wohl eher im Europaparlament.?Erfolgs- und leistungsorientiert hat Gündogdu die Chancen, die sich ihm boten, genutzt, ja mehr noch: er hat sich systematisch die Voraussetzungen geschaffen, sie nutzen zu können. Manche davon haben mit Deutschland zu tun, manche nicht. Aber wäre es letztlich nicht vielleicht das schönere Kompliment, dass ein Mann der globalen MBA-Elite, der genauso gut in London hätte Investmentbanker werden können, Deutschland gewählt hat?Oder ist es doch eher Köln? ?Köln ist für mich das Barcelona Deutschands?, sagt Gündogdu und preist Liberalität, Toleranz und Weltoffenheit der Domstadt. ?Die Leute hier sind einfach besser drauf.? Der unverheiratete 40-Jährige scheint im römisch-katholischen Köln, der einzigen mediterranen Metropole nördlich der Alpen, wie viele andere Ausländer auch, seine emotionale Heimat gefunden zu haben. ?Ich werde hier immer ein Standbein behalten.? Man darf es auch als Kompliment eines Kosmopoliten lesen, der überall leben könnte.
Dieser Artikel ist erschienen am 15.03.2008