Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Blackberry-Ferien aus Angst vor E-Mail-Lawinen

Von Christoph Hus, Claudia Tödtmann
Die schönsten Wochen des Jahres sind längst nicht mehr allein für die Erholung reserviert: Handy und E-Mail gehören auch im Urlaub zum Alltag: So wollen 27 Prozent der Deutschen auch am Strand und auf der Skipiste erreichbar sein, belegt eine Umfrage von Mummert Consulting.
Spitzname "Crackberry": Mobiler E-Mail-Empfänger "Blackberry".
In Joachim Schützes Urlaub auf Mallorca war es mit der Ruhe schon am ersten Tag vorbei. Auf seinem Blackberry erreichte den Partner der Anwaltskanzlei Clifford Chance eine E-Mail: Ein Kunde verlange nach einem Angebot für ein äußerst prestigeträchtiges Mandat, schrieb ein Kollege. Statt in der Sonne zu faulenzen, koordinierte Schütze von der Insel aus das Zusammensammeln der wichtigsten Unterlagen. Er telefonierte und mailte mit Kollegen in mehreren Ländern und stellte ein Team zusammen. Mit Erfolg: ?Wir haben das Mandat erhalten?, freut sich der Wirtschaftsanwalt. ?Das wäre nicht möglich gewesen, wenn ich nicht ständig erreichbar gewesen wäre.?Wie bei Anwalt Schütze sind auch bei vielen anderen Büro-Arbeitern die schönsten Wochen des Jahres längst nicht mehr allein für die Erholung reserviert. 71 Prozent der Befragten nehmen ihr Handy mit in den Urlaub, 28 Prozent ihren Handheld-PC und 27 Prozent sogar ihr Notebook. Zum Vergleich: Vor zwei Jahren hatte Mummert schon einmal nach der Kommunikation im Urlaub gefragt. Und schon damals las ein Drittel der Befragten auch im Urlaub regelmäßig E-Mails.

Die besten Jobs von allen

Wer jedoch in Gebieten Urlaub macht, wo es kaum Internet-Cafes gibt, kann viel Zeit mit der Suche nach ihnen verlieren. Dasselbe erleben diejenigen, die zwar ihren Laptop im Gepäck haben, aber plötzlich auf unvorhergesehe Anschlussprobleme stoßen. Schon in Frankreichs Ferienregionen Computergeschäfte zu finden, die die fehlenden Stecker führen, ist ein echtes Unterfangen. Und Ferienzeit raubend ohnehin. So gesehen sind die Smartphones oder mobile E-Mail-Maschinen für vielbeschäftigte Manager ein Segen.Auch wenn etliche Urlauber indes nicht freiwillig ständig erreichbar sind. Viele können sich nicht ihrem Chef entziehen, der ständig Rückfragen per Telefon hat. Oder ihrem Hauptkunden, der mit dem Stellvertreter eben doch nicht so schnell einig wird, wie mit seinem ständigen Ansprechpartner. Wieder andere Urlauber fürchten sich davor, während ihrer Abwesenheit wichtigen Flurfunk zu verpassen. Und für manche ist das ständige E-Mail-Lesen längst zur Sucht geworden. Nicht umsonst heißt der Blackberry unter Lästermäulern Crackberry.Immer gilt jedoch: Der technische Fortschritt eröffnet neue Kommunikations-Möglichkeiten, denen sich kaum jemand entziehen kann. Mobiltelefon, Notebook und Blackberry haben den Alltag von Büro-Arbeitern längst radikal verändert ? auch im Urlaub. ?Es ist einfach nicht mehr glaubwürdig, wenn jemand behauptet, er sei nicht erreichbar?, urteilt Bernd Janke, Telekommunikations-Experte von Mummert Consulting in Hamburg. ?Deshalb hat sich die Erwartungshaltung verändert. Wer nicht innerhalb weniger Stunden auf Anrufe und E-Mails reagiert, gilt als langsam?, sagt Janke. In den Anfangszeiten der E-Mail galt immerhin noch eine Reaktionszeit von 24 Stunden als angemessen.In den kommenden Jahren wird der mobile E-Mail-Empfang noch einfacher und billiger werden, erwartet Mummert-Berater Janke. Weltweit gibt es bereits über drei Millionen Blackberry-Nutzer. Und die Zahl steigt rasant. Inzwischen haben auch Konkurrenten des Marktführers RIM den Markt ins Visier genommen ? darunter der Software-Konzern Microsoft.Dem Blackberry-Fieber kann sich auch Bernd Rödl nicht länger entziehen. Der Geschäftsführer der Wirtschaftsprüfungs-Gesellschaft Rödl & Partner hatte sich lange gegen einen mobilen E-Mail-Empfänger gesträubt. Im Urlaub las Rödl deshalb per Notebook seine E-Mails, zweimal täglich morgens und abends. Jetzt hat er sich aber doch für einen Blackberry entschieden, ?weil er handlicher ist als ein Notebook.? Der Nachteil: ?Es ist eine deutliche Belastung, wenn man im Urlaub ständig an die Arbeit erinnert wird. Ein Blackberry macht es schwieriger, den Alltag abzulegen.?Auch andere Manager wollen sich nicht zum Sklaven ihrer Unternehmen machen und wollen nicht ständig erreichbar zu sein. Zum Beispiel Anja Keckeisen: Die Geschäftsführerin des Online-Reisebüros Expedia in München besitzt zwar einen Blackberry, schaltet ihn aber im Urlaub meist aus. ?Ich werde nicht nervös, wenn ich einmal zwei Tage lang meine E-Mails nicht lese?, erzählt sie. ?Wenn ich unterwegs bin, dürfen und sollen meine Vertreter allein entscheiden?, gibt die Managerin die Richtung vor. Dennoch will die Expedia-Chefin auch im Urlaub nicht ganz auf das Lesen ihrer E-Mails verzichten: ?Wenn ich den Blackberry unterwegs zumindest ab und zu einschalte, erspart mir das einen riesigen E-Mail-Berg, wenn ich zurück im Büro bin.? Denn das ist der ganz normale Urlaubs-Rückkehrer-Schock: Hunderte von E-Mails, die einen schier erschlagen und möglichst rasch abgearbeitet werden wollen.In Zeiten weggesparter Sekretariate steht auch nicht jedem mehr eine Sekretärin zu Verfügung, die für ihn vorsortieren könnte. Etliche kommen aus diesem Grund noch am letzten Urlaubstag ins Büro ? um ungestört E-Mails abarbeiten zu können. Was obendrein erschwerend hinzu kommt: In dieser E-Mail-Lawine werden auch wichtige Nachrichten ganz rasch übersehen ? wer immer mal wieder zwischendurch liest, ist noch aufnahmefähiger als in einem Großkampf gegen die vielen Informationen.Zu der Minderheit der Manager, die den mobilen E-Mail-Empfänger gar nicht erst im Urlaubsgepäck haben, gehört Stefan Eikelmann. Der Partner der Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton in München lässt Blackberry und Arbeits-Handy zu Hause. ?Im Urlaub reicht schon ein einziger Anruf aus dem Büro, und man schaltet im Kopf für die nächsten Stunden auf Arbeit um.? Er meint: ?Egal was anliegt, fast immer kann mich ein Kollege vertreten.? Mit seiner Abstinenz ist Eikelmann bei Booz Allen ein Sonderling. ?Die große Mehrheit meiner Kollegen ist immer online ? auch im Urlaub.?
Dieser Artikel ist erschienen am 06.09.2005