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Bitterer Abgang, süßer Übergang

Von Christoph Hardt, Handelsblatt
Die Familie Underberg hat schlechte Erfahrungen mit unklaren Nachfolgeregelungen. Dieses Mal soll es besser klappen. Hubertine Underberg-Ruder, die älteste Tochter, soll das Kommando übernehmen.
RHEINBERG. Das ist bitter. Erst ein Wermutstropfen, dann ein Artischockenschock, ehe schließlich der Nachhall pfeffriger Nelke im Rachen kitzelt. Ein Magenputz kündigt sich an. Die Rede ist von einer braunen, stark alkoholhaltigen Flüssigkeit, die ausschließlich in lächerlich kleinen Flaschen abgefüllt wird, die außerdem noch mit Packpapier umwickelt sind. Kann man damit Geld verdienen?Man kann. Der Diener, der im Stammhaus der Familie in Rheinberg am Niederrhein die Tür aus guter deutscher Eiche öffnet, trägt eine Jägeruniform. Auf dem rechten Ärmel das Wappen der Familie. Im Flur kapitale Hirschgeweihe an der Wand, im Saal die Ahnengalerie, sehr bunt und in Öl. Nicht unbedingt schön, aber es hat etwas, diese Mischung aus Jagdhütte und Herrenhaus. Plötzlich geht im Salon die Türe auf. Der bärtige Herr im Tweed- Sakko schaut verdutzt, ebenso wie die jüngere blonde Frau am Tisch. ?Du musst das Schild umdrehen?, sagt der Mann und meint das Besetzt-Schild vor der Tür. Die Frau nickt. Dann ist die Tür wieder zu.

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Der Mann in der Tür heißt Emil Underberg II, er ist hier lange Jahre der unumschränkte Chef gewesen. Doch jetzt besetzt die Frau am Tisch die wichtigen Termine. Sie heißt Hubertine Underberg-Ruder, ist seine älteste Tochter und Nachfolgerin. Spätestens 2010 soll sie alle Machtpositionen im Haus übernommen haben.?Schleichender Übergang?, nennt die Familie das, was sich seit 1991 ereignet hat. ?Ich bin die fünfte Generation?, sagt die blonde, groß gewachsene Frau selbstbewusst. Frau Underberg-Ruder, das muss im Herrenhaus am Niederrhein eine Kulturrevolution gewesen sein. Noch nie hat eine Frau das Unternehmen geführt ? und wie sie das tut, lebendig, locker, natürlich.Doch der Reihe nach: Hubertine Underberg-Ruder ist 42, promovierte Mikrobiologin und Mutter von vier Kindern. Sie sitzt ? auch dank der Hilfe dreier Hausangestellter ? schon seit 1990 im Verwaltungsrat der schweizerischen Dachgesellschaft des Getränkeunternehmens, ist seit 1991 dessen Präsidentin.Vater Emil kontrolliert immer noch die Underberg KG in Rheinberg, das historische Zentrum der Unternehmensgruppe und die Firma, die die Markenrechte besitzt. Andererseits steuert Underberg-Ruder von der Schweiz aus nicht nur die Marke Underberg, sondern auch das internationale Geschäft des Getränkekonzerns. Alles klar? Es gibt mehr als ein Geheimnis in diesem Hause, von Anfang an.Als der Ururgroßvater Hubertine Underbergs vor 158 Jahren seine Firma gründete, da war nur eins klar: Hier ging ein Geschäftstüchtiger ans Werk. Schon 1851 ließ er das Urrezept seines Magenbitters beim Handelsgericht in Krefeld registrieren. Markengeschichtlich war Underberg eine Pioniertat, Coca-Cola wurde erst 43 Jahre später Schutzmarke.Seit Anbeginn gehört es zum Geschäftsgeheimnis, um das Rezept des Underbergs viel Aufhebens zu machen ? und Nachahmer des Produkts, deren es unzählige gab und gibt, mit allen nur denkbaren juristischen Mitteln zu verfolgen. So zeigt sich die Erbfolge des Hauses auch darin, dass es in jüngster Zeit immer häufiger Hubertine Underberg-Ruder ist, die gemeinsam mit ihrer Mutter im Kräuterlager verschwindet, um das Urdestillat zu mixen.Nach Details über die Mischung gefragt, blinzelt sie mit den blaugrauen Augen, dann geruht die ?rheinische Frohnatur?, als die sie sich bezeichnet, zu scherzen. ?Unser Geheimnis? Kräuter aus 43 Ländern, 44 Prozent Alkohol und ein Ausschenkwinkel von 45 Grad.? Nur sie und ihre Eltern sowie vier Geistliche sollen das Rezept kennen, sagt sie. Die Underbergs sind eine sehr katholische Familie.Die geborene Nachfolgerin ist sie nicht, so viel gibt sie zu. Prädestiniert wäre eigentlich ihr einziger Bruder gewesen. Aber die Chemie stimmte nicht zwischen Vater und Sohn, und so lief es auf die älteste Tochter hinaus. ?Eine Nachfolge innerhalb der Familie funktioniert nur dann, wenn es ganz wenige Erben oder aber ganz, ganz viele gibt. Mein Vater hat immer gesagt, dass er sich für einen Erben entscheiden wird?, sagt sie.Man hat aus der Geschichte gelernt: Binnen weniger Jahrzehnte hatte das Unternehmen mit den Folgen unklarer Nachfolgeregeln zu kämpfen, zuletzt gelang es Hubertines Vater erst 1981, den Cousin Karl-Hubertus auszuzahlen ? nach teuren Streitigkeiten. ?Daran knapst man lange in so einem Unternehmen?, sagt Underberg-Ruder. Nun steht die nächste Abfindungsrunde an, Hubertines Geschwister sind an der Reihe. ?Sie werden nicht arm ins Leben gestoßen?, sagt die Chefin des Hauses und zeigt ihr Mädchenlächeln.Dass sie auch straff führen kann, weiß man inzwischen im Konzern. Sie steuert ihn vor allem aus den zentralen Ausschüssen des Aufsichtsrates für Personal und Markenführung. ?Ich bin Naturwissenschaftlerin, ich schätze systematische Arbeit?, sagt sie. Ihr Vater sei hingegen eher der spontane Typ. ?Der Übergang gelang nur deshalb relativ reibungslos, weil es Harmonie gibt im Verhältnis zwischen mir, meinen Eltern und meinem Mann. Ohne ihn könnte ich dieses Rad nicht drehen.? Tatsächlich ist Franz Ruder als Direktor der Schweizer Holding stärker ins Tagesgeschäft eingebunden als sie selbst. Für strategisch wichtige Entscheidungen kommt der engste Kreis im Stammhaus zusammen, dann trifft sich das, was ?Kaffeekranz? genannt wird, der Senior-Chef, seine Tochter und Wilfried Mocken, Vorstandschef der wichtigsten Tochtergesellschaft, der Semper Idem Underberg AG.Derzeit spürt die Unternehmensgruppe die ausgeprägte Konsumschwäche. ?Angespannt? sei die Situation, vor allem beim Urprodukt. Doch längst ist Underberg mehr als nur Magenbitter, zum Konzern gehören die inzwischen relativ erfolgreiche Tochter Asbach (?Asbach Uralt?) oder das österreichische Sekt- und Weinhandelshaus Schlumberger. Mehr als ein Fünftel seines Umsatzes von geschätzten 500 Millionen Euro erwirtschaftet Underberg inzwischen außerhalb der deutschsprachigen Kernmärkte.Und wie geht es mit Underberg übermorgen weiter? Dynastisches Denken liegt der Chefin fern. ?Keiner von uns muss ins Unternehmen. Ich würde es mir niemals verzeihen, eines meiner Kinder unglücklich zu machen, weil es ins Unternehmen soll, aber nicht dorthin will.?
Dieser Artikel ist erschienen am 17.08.2004