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Bittere Pille

Noch fährt Altana Rekordgewinne ein. Doch das Pharmageschäft des Vorzeige-Arbeitgebers bröckelt. Nur ein starker Partner kann die Sparte noch retten. Während die Führungsspitze fieberhaft nach einem Käufer sucht, bangen die Mitarbeiter um ihre Jobs.
Nikolaus Schweickart ist bestens gelaunt. Der Chef von Altana streckt den Zeigefinger in den Raum, lässt sich von seinen Kollegen umringen - so wie es die Fotografen gerade wünschen. Nur sein Lächeln ist nicht gestellt. Das kommt ihm auf der Bilanzpressekonferenz des Pharma- und Chemieunternehmens Mitte März ganz von selbst. Zum zehnten Mal in Folge konnte der Vorstandsvorsitzende einen Rekordgewinn bekannt geben. 438 Millionen Euro Plus hat Altana 2005 erwirtschaftet. Und in diesem Jahr soll noch mehr hängen bleiben.

Zum Altana karriere-Urteil

Altana geht es glänzend, so scheint es. Doch im Konzern tickt eine Zeitbombe. Denn Altanas Erfolg beruht zum großen Teil auf einem einzigen Präparat: dem Magen-Darm-Mittel Pantoprazol. Wenn dessen Patentschutz zum Ende des Jahrzehnts ausläuft, wird es eng. Den damit einhergehenden Umsatzrückgang wird Altana zunächst nicht ausgleichen können. Es mangelt an weiteren Blockbustern. Der Konzern sucht deshalb händeringend nach einem Kooperationspartner oder Käufer für seine Pharma-Sparte.
Die beiden Hoffnungsträger, die Atemwegspräparate Daxas und Alvesco, werden den nahtlosen Anschluss an den Verkaufsschlager Pantoprazol wohl nicht mehr schaffen: Daxas hängt noch in der Entwicklungspipeline, Alvesco wird zwar bereits international vertrieben, spülte 2005 aber gerade mal acht Millionen Euro in die Konzernkasse. Und wenn die Chemiesparte, Altanas zweites Standbein, dieses Jahr wie geplant an die Börse geht, lassen sich die Einbrüche im Pharma-Geschäft nicht mehr kompensieren. Mit einem Verkauf könnte Nikolaus Schweickart das Problem mit einem Schlag lösen. Doch gerade diese Vorstellung bereitet vielen Mitarbeitern Kopfschmerzen

Die besten Jobs von allen


Bange Fragen, Keine Antwort
Die letzte Betriebsversammlung der Pharma-Sparte von Altana war so gut besucht wie noch nie. Rund 1 000 Mitarbeiter drängten sich in die Kantine, um von Personalvorstand Alfred Goll etwas über die Zukunft ihrer Arbeitsplätze zu erfahren. Sonst sind es allenfalls 400, die zu den Sitzungen kommen. "Es war eine spannungsgeladene Atmosphäre. Wir haben gehofft, dass es ein paar klärende Worte geben wird", erzählt einer, der dabei war. Ob die beauftragten Investmentbanker von Goldman Sachs schon einen geeigneten Käufer für die Pharma-Sparte gefunden haben, wollten die Leute wissen. Der Vorstand schwieg, die Unsicherheit wuchs. "Es ist nicht absehbar, was auf uns zukommt. Vielleicht landen wir bei einer Heuschrecke oder werden geschluckt und dann dichtgemacht", befürchtet ein Mitarbeiter. "Wir glauben an unsere Produkte. Es gilt lediglich eine zeitliche Verzögerung zu überbrücken. Wir müssen doch nicht in jedem Jahr Rekordergebnisse einfahren", sagt ein anderer und hofft, dass Altana an der Sparte festhalten wird - selbst wenn das Stellenstreichungen nach sich ziehen würde

Schwieriges Objekt

Vertraut man dem Konzernchef, kommt eine Zerschlagung oder Versteigerung von Altana Pharma an einen Meistbietenden nicht in Frage. Dafür ist Schweickart für jede Option offen, die eine langfristige Sicherung von Arbeitsplätzen im In- und Ausland zum Ziel habe, wie er betont.
Bleibt die Frage, wer unter diesen Voraussetzungen noch als Käufer für das "Ein-Produkt-Unternehmen" in Frage kommt. Für deutsche Pharma-Unternehmen wie Bayer oder Boehringer Ingelheim dürfte ein Kauf wegen der drohenden Umsatzdelle kaum in Betracht kommen, und der dritte große Player, Merck, ist derzeit mit der Eroberung von Schering beschäftigt.
Lukrativ könnte das Geschäft eher für ausländische Konzerne sein, die ihr Engagement in Deutschland ausbauen wollen und dann mit Altana eine bereits bestehende Infrastruktur einkaufen würden. Die US-Gruppe Wyeth wäre ein solcher Konzern. Das Unternehmen gehört gemessen am Pharma-Umsatz weltweit zu den Topunternehmen der Branche und würde durch einen Kauf durchaus Vorteile erlangen. Und es gibt Verbindungen. Mit Altana arbeitet Wyeth bereits beim Verkauf von Pantoprazol in den USA zusammen und würde durch eine Übernahme die weltweiten Rechte an dem Magen-Darm-Präparat erhalten. Zudem könnte Wyeth einen Umsatzrückgang bei Altana verkraften. Der Pharma-Riese verliert zwar ebenfalls gegen Ende des Jahrzehnts den Patentschutz für sein umsatzträchtigstes Produkt, das Antidepressivum Effexor, doch hat es weitere Wachstum versprechende Medikamente im Angebot und muss nicht wie Altana befürchten, in den nächsten Jahren in ein Entwicklungsloch zu fallen.

Wyeths Stärken
Aus Arbeitnehmersicht wäre Wyeth nicht der schlechteste Kandidat. Der Pharma-Riese dürfte ein Interesse daran haben, die Forschung von Altana weiterzutreiben und damit Jobs zu sichern. Altanas Expertise in der Entwicklung von Atemwegs- und Magen-Darm-Präparaten würde Wyeths Produktpalette sinnvoll ergänzen. Zudem eröffnet ein US-Konzern im Rücken den Mitarbeitern intern noch breitere Einsatzmöglichkeiten. Neben dem amerikanischen Pharma-Unternehmen gilt allenfalls noch Sanofi als ernsthafter Fusionskandidat. Das Unternehmen kooperiert bereits mit Altana beim Verkauf von Alvesco.
Entschieden ist noch nichts. "Jetzt beginnt der Prozess der individuellen Ansprache", kündigte Schweickart bei der Bilanzpressekonferenz an. Einfach werden die Verhandlungen nicht. Analysten sehen Probleme für Altana, seinen gewünschten Kaufpreis durchzusetzen. "Die Ansprüche müssen erheblich zurückgeschraubt werden", heißt es

Gefährliches Geschäft
In eine Situation wie Altana zu geraten, droht potenziell jedem Pharma-Unternehmen, das sich auf die Entwicklung neuer Präparate konzentriert. Pro neuem Medikament werden bei Altana durchschnittlich zwölf Jahre und etwa 800 Millionen Dollar investiert. Dabei ist lange ungewiss, ob die Forschungsarbeit zu einem positiven Ergebnis führt. Und selbst wenn, ist noch nicht sicher, ob die neue Pille genügend Käufer findet oder gar wegen unliebsamer Nebenwirkungen wieder vom Markt genommen werden muss - so geschehen etwa beim Nasaflu-Grippeimpfspray von Berna Biotech. Auch das Multiple-Sklerose-Medikament Tysabri versprach seinen Herstellern Biogen Idec und Elan einst Milliardenumsätze. Als zwei Patienten starben, stand das Medikament vor dem Aus

Nur die Grossen überleben
Chance und Risiko liegen im Pharma-Geschäft eng beieinander. Global wettbewerbsfähig bleiben auf Dauer nur Unternehmen, die groß genug sind, um Misserfolge intern aufzufangen. Also konzentriert sich die Branche an allen Fronten: 1999 fusionierte Hoechst mit dem französischen Wettbewerber Rhône-Poulenc zu Aventis und wurde 2004 von Sanofi geschluckt. Weltmarktführer und Viagra-Hersteller Pfizer kaufte Pharmacia und Warner-Lambert. Die einst eigenständigen Unternehmen Ciba und Sandoz bilden heute den Konzern Novartis. Deutsche Unternehmen spielen an der Weltspitze der Pharma-Branche keine Rolle mehr. Allein Boehringer Ingelheim und Bayer schaffen es unter die Top 20, die anderen sind zu klein. So wird die Welle der Konsolidierung vor allem Deutschland treffen.
"Die Branche ist in Bewegung", meint auch Schweickart. In welche Richtung sich Altana dabei bewegt, will er auch bei der Verkündung seiner Rekordbilanz nicht sagen. Mit stoischer Ruhe sitzt er da und erträgt auch die dritte und vierte Nachfrage zu diesem Thema. Ob es andere Maßnahmen gibt oder ob Altana vielleicht doch alleine weitermacht - der Chef schweigt beharrlich. "Wir prüfen alle Optionen, aber welche Optionen das sind, können wir nicht sagen", ergänzt Thomas Gauly, Leiter der Kommunikationsabteilung bei Altana. Der Chef lächelt ihm zu und nickt. Schweickart scheint zuversichtlich, seine wohl letzte große Herausforderung bei Altana auch noch zu meistern

Melanie Bergermann


Dieser Artikel ist erschienen am 28.04.2006