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Foto: guj.de
Wer einen Tipp für ein gutes Buch haben will, hängt an ihren Lippen: Elke Heidenreich. Bekannt wurde die vielfältige Fernsehmoderatorin vor knapp 30 Jahren als Comedy-Figur Else Stratmann. Heute ist sie für viele die Nachfolgerin Marcel Reich-Ranickis, dem Meister aller TV-Literaturkritiker.
Wer einen Tipp für ein gutes Buch haben will, hängt an ihren Lippen: Elke Heidenreich. Bekannt wurde die vielfältige Fernsehmoderatorin vor knapp 30 Jahren als Comedy-Figur Else Stratmann. Heute ist sie für viele die Nachfolgerin Marcel Reich-Ranickis, dem Meister aller TV-Literaturkritiker. karriere sprach mit ihr über Karriere machen, Macht im Fernsehen, über zu viel Literaturschrott und warum das Lesen so wichtig ist wie Atmen

Heidenreich: Und Sie arbeiten für ein Magazin das karriere heißt. So was gibt's?
karriere: Ja

Die besten Jobs von allen


So ein Titel? Schrecklich.
Wir sollten sogar mal "Matchbox" heißen.

Genauso schlimm. Es gibt überhaupt wenig gute Titel. Das Magazin "Tempo" war gut.
Aber es existiert nicht mehr.
Ja, schade.

Haben Sie Karriere gemacht?
Karriere? Habe ich Karriere gemacht? Ich weiß es nicht. Nächste Frage

Warum leben Sie in Köln und nicht in Verlags- und Buchstädten wie Berlin oder Frankfurt?
Gegen Frankfurt spricht alles. Für Berlin spricht gar nichts. Ich habe lange Jahre in Baden-Baden gelebt. Ich war beim Südwestfunk 17 Jahre und habe dann gewusst, ich muss aus dieser Stadt mal weg, sie ist zu klein und zu alt. Nach München wollte mein Mann nicht, nach Hamburg wollte ich nicht, nach Frankfurt und Berlin wollten wir beide nicht. Und Köln fand ich immer schon schön

Das kann doch nicht wahr sein! Schauen Sie doch mal raus. Alles grau hier.
Herrlich! Hier ist halt ein großer Fluss und über einem Fluss ist immer Nebel. Köln ist lebendig, Köln ist normal, in Köln kann man kleine schnelle Biere trinken, man wird in jeder Kneipe geduzt, der Ober bringt einem nichts, wozu er keine Lust hat. Das mag ich.

Wie lange wohnen Sie schon in Köln?
Seit 19 Jahren

Du liebe Zeit.
Ja und ich will auch hier bleiben

Geboren sind Sie im Ruhrgebiet.
In Essen. Aber da will ich nicht mehr hin

Warum nicht?
Ach, da war ich als Kind. Da gibt es zu viele Erinnerungen an Schule. Man lebt sich doch weiter. Die Zeit ist vorbei

Köln hat das Literaturfestival Lit.Cologne - in diesem Jahr zum siebten Mal (9. bis 19. März). Und Sie treten dort auf.
Jedes Mal veranstaltet die Lit.Cologne neben den Lesungen ein großes Fest, eine Gala - was ich sehr sympathisch finde. Die beiden ersten Jahre habe ich die Gala zusammengestellt und moderiert und in diesem Jahr darf ich sie wieder moderieren.

Wie beurteilen Sie den oftmals von Feuilletons kritisierten Versuch der Lit.Cologne, Literatur mit Auftritten von Prominenten zu mischen?
Das ist eine völlig alberne Kritik. Irgendwelche Neider gibt es immer. Die Lit.Cologne verkauft nicht Prominente, sondern gute Literatur. Bei den Lesungen wird jemand dazugeholt, der die Texte vorliest. Viele ausländische Autoren können ja kein Deutsch. Deswegen wird die Übersetzung ihrer Texte vorgelesen. Und zwar eben nicht von irgendeiner Tante von der Straße, sondern von ausgebildeten Schauspieler, die sprechen können. Und die sind eben in der Regel prominent. So einfach ist das. Die Festivalleitung sucht also nicht Leute, die erst einmal prominent sind, sondern schaut, wer mit welcher Literatur zusammenpasst und wer welche Texte lesen kann. Außerdem: Prominenz kann doch nie schaden, wenn wir darüber viele Leute für eine gute Sache begeistern können

Es soll auch ein Festival für Nachwuchsautoren sein. So üppig treten die nun nicht auf.
Aber wir haben sie doch! Leute wie Christian Kracht oder Benjamin Lebert waren von Anfang an auf der Lit.Cologne

Wie werden Nachwuchsautoren entdeckt?
Die müssen ihr Manuskript an einen Verlag schicken - und bitte nicht an mich, denn ich bin kein Verlag. Verlage haben Lektoren, die lesen das und sehen meistens nach drei Seiten, ob jemand erzählen kann oder nicht...

So schnell? Sicher?
Ganz sicher. Reich-Ranicki sagt, er sehe das nach einem Satz. Ich sehe es nach drei Seiten. Wenn zum Beispiel einer schreibt: "Rosi rief mich nicht an. Nur rief Rosi schon seit drei Tagen nicht an und ich fragte mich, warum Rosi nicht anrief" - dann ist die Sache ja wohl gelaufen. Es ist wirklich ganz einfach. Manchmal geht aber die Geschichte mit einem Tempo und einem Verve los, dann sehen Sie, der Autor hat was drauf. Es muss zwar deswegen noch kein gutes Buch sein, aber man spürt sofort, ob einer erzählen kann oder sich nur wichtig macht

Als Reich-Ranicki mit seinem Literarischen Quartett aufhörte, sagte er, er sei froh, jetzt könne er endlich anfangen, Bücher zu lesen, die ihm Spaß machen. Müssen Sie nicht auch wahnsinnig viel Schrott lesen?
Ja, aber den Schrott lese ich nicht fertig. Ich gebe jedem ernst zu nehmenden Buch etwa 60 Seiten. Wenn es dann nicht mein Ding ist, klappe ich es zu, es kommt in den Keller und ich vergesse es irgendwann. Aber diese 60 Seiten sollte man einem Buch schon geben, denn es steckt ja Arbeit drin

Welche Bücher interessieren Sie?
Ich bekomme von den Verlagen die Kataloge, die lese ich durch. Manchmal fällt mir ein junger Autor auf, dessen Namen ich noch nie gehört habe. Und das interessiert mich dann auch. Oder auch alte Autoren, die nach langer Pause zum ersten Mal wieder etwas geschrieben haben. Manchmal interessiert mich der Inhalt oder ein verrückter Titel: "Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte" möchte man doch gerne lesen, oder?! Wenn es schön ist, hat das Buch eine Chance für meine Sendung, und wenn nicht, kann ich es mir leisten, es nicht zu nehmen

Ganz schön diktatorisch.
Ja, herrlich, nicht?!

Macht Macht Spaß?
Ja, wunderbar.... also hören Sie, ich habe gar keine Macht. Ich habe einfach nur die Entscheidungsgewalt

Also nicht diktatorisch?
Missionarisch finde ich besser. Ich habe etwas Missionarisches

Klingt sehr christlich.
Ja, ich bin ja christlich. Ich habe schließlich auch Religionswissenschaften studiert. Ich befehle den Leuten nicht zu lesen, sondern ich sage: Vergesst nicht dieses Glück zu lesen, ich sage Euch, wo es lang geht, wenn ihr Angst habt

Amen. Wenn Sie ein Buch gut besprechen, gibt es am nächsten Tag einen Wettlauf auf die Buchhandlungen um dieses Buch.
Das zeigt eben, dass die Leute mir glauben und mir vertrauen können. Und Sie wollen ja etwas wissen über Karrieren: Vertrauen muss man sich erarbeiten. Und das habe ich mir aufgebaut.

In Ihrer Sendung "Lesen!" empfehlen Sie Bücher. Bücher, die Ihnen also nicht gefallen, kommen erst gar nicht vor. Warum nicht? Es wäre doch nicht schlimm. Die Leute glauben doch, dass fast jedes Buch, das in eine Kamera gehalten wird, gut oder zumindest interessant ist.
Nein. Das tun sie nicht.

Aber Sie kennen den Effekt?
Nein. Das funktioniert nicht

So einer wie Biolek muss doch nur mal seine Autobiographie vor irgend so eine Linse halten und schon hat er seine Werbung.
Das ist doch etwas anderes. Der Bio wird immer geguckt. Der ist prominent. Es nützt nichts, ein Buch eines mehr oder weniger unbekannten Autors in die Kamera zu halten. Man muss es beschreiben und erklären. Es geht auch nicht nur über die prominente Schiene. Und wenn doch, dann hat es mit Literatur nichts zu tun

Wie passt das zusammen: die ernsthafte Literaturkritikerin von heute und die komische Figur, die Sie Mitte der Siebziger Jahren mit der Comedy-Figur "Else Stratmann" abgegeben haben?
Oh, das passt gut zusammen. Ich habe Germanistik studiert und Literaturwissenschaft - also ich weiß was ich heute tue. Ich bin zum Südwestfunk gegangen und habe dort Literatursendungen gemacht. Ganz normal. Weil wir aber beim SWF3 viel Quatsch zwischendurch machten, wurden viele solcher komischen Figuren entwickelt. Die ersten Comedians sind alle beim SWF3 entstanden. Ich habe damals aus meinem Ruhrpott-Hintergrund die Else Stratmann erfunden und sie dann im Funk eingesetzt. Das hat Spaß gemacht. Dann beging ich - ich würde heute sagen - den Fehler, sie zwei Mal im Fernsehen auftreten lassen, bei den Olympischen Spielen in Los Angeles und Korea

Wieso Fehler?
Ich habe das zwei Mal gemacht, je 14 Tage und danach war ich so berühmt, dass Else Stratmann alles andere überdeckt hat. Von einem auf den anderen Tag hörte ich auf. Und habe es nie wieder gemacht. Sie sehen: An Karriere bin ich überhaupt nicht interessiert.

Noch heute können sich die meisten Ihrer Fans vor allem an die Else erinnern.
Seitdem vertrauen sie mir und sagen, die Frau ist gut, die ist überzeugend

Wie ging es ohne Else Stratmann weiter?
Ich habe viele Talksshows gemacht, "Leute", "Kölner Treff", "Live aus der Alten Oper", dann drei Jahre eine Literatursendung in der Schweiz "Literaturclub" - das war so etwas ähnliches wie das Literarische Quartett. Dann fing ich an Bücher zu schreiben und hörte mit Fernsehen ganz auf. Na gut, heute mache ich halt wieder die "Lesen!"-Sendung.

Sehen Sie sich als Nachfolgerin von Marcel Reich-Ranicki?
Nein. Wir sind befreundet.

Sie werden mit ihm aber stets in einem Atemzug genannt.
Ja, weil ich auch so schnell spreche wie er und weil ich von ihm gelernt habe, mit Leidenschaft und Subjektivität über Literatur zu reden und nicht immer nur geschraubt und intellektuell. Das nehmen einem ja manche übel. Aber ich finde, das ist der einzige Weg, Leute ans Lesen zu bekommen.

Das Geschraubte muss es wohl auch geben.
Natürlich. Im Feuilleton muss die Auseinandersetzung mit Literatur stattfinden, die Dekonstruktion von Texten.

Emphase und Gnostik.
Man braucht beides. Ohne Emphase kann man nichts verkaufen und nur gnostisch geht es auch nicht. Ich habe ja jahrelang auch für Spiegel und FAZ geschrieben. Da ist mein Stil anders. Denn das Wort kann man nachlesen, beim Schreiben sollte man sehr genau sein. Wenn ich im Fernsehen spreche - ich habe keine Zettel, keinen Teleprompter - wenn ich also frei über Bücher spreche, dann ist das immer die etwas flapsigere, leichtere Art

Und die glaubwürdigere?
Ja, authentischer. Schreiben wie ich spreche würde ich nicht

Bekommen Sie von vielen Autoren Bücher geschickt, mit der Bitte, sie zu besprechen?
Ohh, kommen Sie mal zu mir nach Hause. An meinem größten Regal habe ich ein Schild montiert, da steht drauf: Nötigungen. Da liegen die alle drin

Wie viele bekommen Sie pro Tag?
Im Jahresschnitt 150 Nötigungen

Und die Nötigungen bleiben da alle im Regal liegen?
Nein, die bleiben da nicht. Manchmal mache ich mir einen schönen Wein auf - gestern war wieder so ein Nötigungstag - und dann blättere ich sie durch.

Also nur in Betäubung ist das ganze zu ertragen?
Nein. Aber es wir so ein wenig gemütlicher. Manchmal sind es auch Verleger, die mir Dinge noch mal ins Gewissen rufen - und die haben dann auch recht. Denn natürlich übersehe ich auch manches. Oder mir liegen Bücher vor, für die jemand sehr gekämpft hat und hofft, dass es nun endlich mal beachtet wird. Manchmal schicken die Autoren mir ihre Werke. Das sind dann meistens die gleichen Autoren, die in die Buchhandlung gehen und fordern, ihr Buch möge doch neben der Kasse liegen. Die kann man vergessen. Manchmal sind es aber auch Autoren, die sagen, dass sie keiner beachtet. Ich beachte sie schon. Es dauert nur ein wenig länger. In der Regel aber kann man mit den Nötigungen bei mir nicht viel anfangen

Die meisten glauben vermutlich, Sie seien Verlegerin.
Manuskripte schicke ich ungelesen, unaufgemacht sofort zurück

Warum besprechen Sie nie die Klassiker?
Das habe ich schon oft gemacht. Flaubert habe ich gemacht. Thomas Mann. Proust

Novalis?
Novalis nicht. Ich weiß nicht, ob die Leute das heute noch lesen

Warum nicht? Es genügend moderne Autoren, die sich auf Hölderlin beziehen.
Es gibt 80.000 Neuerscheinungen im Jahr - warum soll ich Bücher besprechen, die über 150 Jahre alt sind. Mein Programm sind die neuen Bücher. Novalis ist etwas für Germanisten. Ein normaler Leser wird sich nicht Novalis mit nach Mallorca nehmen

Wie wichtig sind Klassiker heute?
Sie sind wichtig für die Bildung. Wir haben eine fatale Diskussion heute in Deutschland über die Pisa-Studie. Da wird immer etwas verwechselt. Pisa ist Wissen. Und Wissen kann ich an jeder Ecke bekommen und in jedem Lexikon. Bildung ist wichtig. Bildung ist Klassiker lesen, Bilder gucken, ins Museum gehen, Musik hören. Bildung ist die Wurzel unserer Kultur. Und insofern sind Klassiker wichtig. Jedoch nicht für meine Sendung.

Braucht man die jungen Autoren?
Klar. Wir brauchen die Sicht der jungen Autoren auf die Welt. Und auch die der alten. Manche nicht. Zum Beispiel Martin Walser. Der schreibt ja in jedem Buch dasselbe. Das interessiert mich nicht.

Teilen Sie die Meinung der meisten Kritiker, dass es in Deutschland keine großen Erzähler gibt - solche wie Marquez, Updike oder auch Kundera.
Diese großen Namen haben wir heute nicht bei uns. Aber wir haben viele ganz solide und wunderbarer Erzähler und eine lebendige Literaturszene.

Warum fehlen die Namen?
Vielleicht liegt es daran, dass Deutschland sich immer für die Literatur des Auslands interessiert, das Ausland aber nicht für Deutschland. Vielleicht hat es mit der Sprache zu tun. Für mich ist es auch nicht wichtig, ob es deutsche Autoren sind. Die Literatur ist es, die spannend ist.

Vielleicht ist es die Ausbildung. Schon in der Schule lernt man ja mehr über Aufbau von Aufsätzen, als Aufsätze zu schreiben - der Anfang einer großen Verkrampfung, die viele Leute vom Schreiben abhält.
Ich bin froh über jeden, der verhindert wird zu schreiben. Es gibt sowieso schon viel zu viele. Die sollen das mal alle lassen. Jede Hausfrau will ihre Erlebnisse mit ihrem Kind oder Kätzchen aufschreiben, alle möglichen Männer wollen ihre Memoiren veröffentlicht sehen. Das ist so was von langweilig, das können Sie sich gar nicht vorstellen.

Sie würden also nicht jammern, dass es zu wenig Autoren gibt?
Ach was, es gibt viel zu viele. Ich würde eher über die Verleger jammern, die so viel Stuss veröffentlichen. Die müssten mehr Schrott beiseite legen, weniger Bücher machen - Bücher, die wirklich gut sind. Die Verleger sollten ihren Autoren auch mal treu bleiben und sie nicht schon nach zwei Monaten, in denen sie nicht besprochen wurden, wieder aufgeben. Was nicht sofort Erfolg hat, ist weg. Darin sehe ich die falsche Politik.

Ist Bücher hören das gleiche wie Bücher lesen?
Nein, das ist was anderes, aber auch schön. Es bringt andere Leute ans Lesen, macht Zugfahrten spannend, auch Staus auf Autobahnen. Doch letztlich ist die Konfrontation mit dem Buch, das Anfassen und Draufschauen durch nichts zu ersetzten. Schon deswegen, weil es das richtige Schreiben schult. Man muss Wörter auch sehen, um sie richtig zu schreiben

Was mache ich denn mit den ganzen Büchern, die ich gekauft habe?
Was Sie machen, weiß ich nicht. Ich brauche sie, weil ich mal wieder nachschlagen kann, was schöne Sprache ist oder eine schöne Geschichte. Also, eigentlich dürfen Sie so eine Frage einem Afficionado nicht stellen

Doch gerade Sie. Denn Ihre Zielgruppe soll ja auch die Bücher kaufen, die Sie empfehlen.
Die müssen sich das ja nicht kaufen. Ich arbeite und lebe mit Büchern. Ich kann mir eine Wohnung ohne Bücher nicht vorstellen.

Was machen Sie denn in Wohnungen, in denen keine Bücher sind?
Da gehe ich nicht rein. Außerdem kenne ich auch keine.

Aber die Mehrheit der Menschen hat doch kaum Bücher. Die gucken alle Fernsehen.
Das können Sie mir nicht erzählen. Also gar keine Bücher, das gibt es nicht.

Warum soll man überhaupt lesen?
Weil es uns klüger macht, weil es uns toleranter macht, weil es unsere Sicht auf die Welt verändert, weil es uns unterhält, mein Gott! Wir sind krank, wir haben Liebeskummer, wir sind allein, wir lesen und schon sind schon mal drei Stunden wieder gerettet. Eine schöne Geschichte erzählt zu bekommen, ist seit Beginn der Menschheit wichtig.

Aber wer nur liest oder zu viel liest, wird weltfremd.
Mache ich Ihnen einen sehr weltfremden Eindruck?

Ich rede jetzt nicht von Ihnen.
So. Man wird eben gar nicht weltfremd, sondern im Gegenteil: weltläufig. Ich kann überall auf der Welt hinfahren und weiß, wie man sich benimmt, weil ich das dann schon in Büchern gelesen habe

Ich kenne sehr gebildete Leute, die überhaupt nirgends mehr hinfahren, weil sie über die Orte schon gelesen haben.
Stimmt. Ich habe zum Beispiel überhaupt keine Lust nach China zu fahren, aber ich habe ganz viel über China zu lesen - wunderbar, muss ich nicht hin.

Schon Seneca empfahl, nicht zu viel zu lesen, denn wer zu viel lese, mache sich kaum noch eigene Gedanken.
Er hat recht. Für zu viel lesen bin ich auch nicht. Dann hat man keine eigenen Ideen mehr. Seitdem zum Beispiel ich die Sendung mache, habe ich keine Bilder und Gedanken mehr für eigene Bücher

Das Lesen hält also nicht vom Leben ab?
Nein. Lesen ist mein Job. Sagen Sie zu einem Tankwart: Ach, hält Sie das nicht vom Leben ab?

Allerdings. Da riecht es schlecht.
Jeder macht seinen Job acht bis zehn Stunden am Tag. Ich meinen auch.

Lesen Sie schnell?
Leute, die professionell lesen, schaffen etwa 60 Seiten in der Stunde. Einen Roman, der 600 Seiten hat, lese ich an einem Tag durch. Manchmal lese ich aber auch nur 30 Seiten am Tag, weil die mich so beschäftigen und mehr dann einfach nicht geht.

Eines Ihrer Bücher heißt "Erika - der verborgene Sinn des Lebens", ein Bestseller, in dem eine Frau mit einem Stoffschwein namens Erika herumreist. Gibt es Erika wirklich?
Ja. Ich bin mit dem Schwein gereist. In vielen meiner Geschichten steckt ein autobiographischer Kern

Und was ist der verborgene Sinn des Lebens?
Das muss jeder selbst herausfinden. So richtig weiß ich es nicht. Für mich kann der Sinn des Lebens sein, dass manchmal etwas Aufsehen erregt, womit man gar nicht rechnet. Dass manchmal Entscheidungen, die man spontan aus dem Bauch heraus fällt, die richtigen sind.

Auf das Buch bezogen, könnte der verborgenen Sinn des Leben auch die ständige Suche nach Liebe sein.
Auch richtig. Es gibt allerhand Liebe in meinem Leben. Sie ist immer da gewesen.

Nicht in Ihrer Kindheit.
Nein, in den 50er Jahren nicht. Da war Liebe kein Wort.

Wenn man das werden will, was Sie heute sind, wie wird man das?
Planbar sind solche Lebensläufe nicht. Das entwickelt sich.

Woher haben Sie Ihr Selbstbewusstsein?
Aus mir heraus. Ich habe kein Lampenfieber. Ich fürchte mich nicht. Das ist ein Geschenk der Natur

Frau Heidenreich, jetzt haben wir knapp 45 Minuten gesprochen und ein scheinbar endloses Interview hinter uns. Ich dachte eigentlich, so viele Fragen könnte ich noch nicht einmal in zwei Stunden nicht stellen. Aber Sie reden ja so schnell, dass alles schon gesagt ist.
Ja, ich mache ja alles so schnell.

Zu schnell?
Naja, ich wäre gerne etwas langsamer, ich fahre zum Beispiel zu schnell Auto.

Seien Sie doch einfach langsamer.
Nein. Wenn ich etwas in meinem Leben gerne anders gemacht hätte, dann wäre es, ein wenig gesünder gelebt zu haben.

Das glaube ich Ihnen nicht.
Stimmt. Ich würde wieder mit 15 Jahren anfangen zu rauchen. Ich würde wieder zu viel trinken, zu schnell Autofahren. Es wäre das selbe. Ich wäre dann auch wieder so oft krank. Vielleicht würde ich mir aber dann mehr einreden: "Elke, du hättest dann doch noch mal eine Chance!" Aber was soll's.

Haben Sie zuletzt von Philip Roth "Jedermann" gelesen?
Ja, tolles Buch, da hat mir Roth endlich mal wieder gefallen

So wie er dort mit Tod umgeht, wird einem der Tod doch sehr sympathisch, fast leicht?
Der Tod ist gut. Aber das Alter. Roth schreibt: Das Alter ist kein Kampf, das Alter ist ein Massaker. Recht hat er, das Alter ist richtiger Mist

Der Tod hat eben schon längst begonnen. Schon bei der Geburt. Sagt Seneca.
Ist wahr. Jean Paul erklärt, bei jedem Menschen wird bei der Geburt ein Pfeil abgeschossen, und der trifft ihn genau in der Stunde seines Todes. Irgendwann trifft er uns. Tod schreckt mich nicht. Aber das Altern

Wieso denn?
Meine Güte, die Kräfte lassen nach! Früher konnte ich nächtelang durchtrinken.

Aber vielleicht reden Sie dann endlich auch mal langsamer.
Nein, das wird nicht passieren

Die Fragen stellte Martin Roos
Dieser Artikel ist erschienen am 19.01.2007