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Bin ich kreativ?

Karin Umlauff
Alexa Hennig von Lange war nie besonders gut in Deutsch. Aber weder die Noten noch ihre Lehrer konnten sie davon abhalten, Schriftstellerin zu werden. Wie gut. Heute feiern die Feuilletons. Für eine Karriere braucht es mehr als nur Talent. Erfolgreiche Kreative verraten, wie sie es geschafft haben.
Alexa Hennig von Lange war nie besonders gut in Deutsch. Aber weder die Noten noch ihre Lehrer konnten sie davon abhalten, Schriftstellerin zu werden. Wie gut. Heute feiern die Feuilletons sie als eine der großen deutschen Nachwuchstalente. Für ihren Roman "Ich habe einfach Glück" erhielt sie den Deutschen Jugendliteraturpreis. Dass sie einmal Autorin werden würde, wusste Alexa schon mit 13. Sie schrieb nachmittags, am Wochenende, im Urlaub - über ihre Ängste, ihre Träume. "Schreiben war für mich lebensnotwendig.

Dieser innere Drang, sich ausdrücken zu müssen, treibt viele Kreative dazu, ihr Talent zum Beruf zu machen. "Intrinsische Motivation" nennen Kreativitätsforscher das: Sich einer Sache um ihrer selbst willen zu widmen, einfach nur, weil sie einen elektrisiert - und nicht, weil man Erfolg haben oder viel Geld damit verdienen will

Die besten Jobs von allen


Genial sein genügt nicht.
Doch Triebkraft und Talent allein machen aus Lustschreibern noch keinen Hemingway und aus Hobbymalern keinen Picasso. Um als Kreativer zu arbeiten, braucht es einen langen Atem, viel, viel Übung - und eine hohe Frustrationstoleranz. Vom Glauben an das schöpferische Genie, das aus dem Nichts heraus eine Idee nach der anderen ausspuckt, sollte man sich ganz schnell verabschieden, sagt Kreativitätsforscher Rainer Holm-Hadulla von der Universität Heidelberg: "Selbst Picasso hat jahrzehntelang Zeichnen geübt: Tauben, Tauben,Tauben. Durch diese Lehrzeit muss man durch, mit all ihren Ängsten und Enttäuschungen", sagt der Psychologe

Oliver Voss hat das Tal der Tränen hinter sich und ist heute einer der erfolgreichsten Werber der Republik. Unter seiner Federführung entstanden Kampagnen wie "Du bist Deutschland" oder der Ebay-Slogan "3, 2, 1 ... meins!" Doch als 19-Jähriger bekam er gleich von zwei Arbeitgebern den Laufpass: kein Talent. "Das war traumatisch. Jahrelang dachte ich noch: ,Wenn du jetzt aus der Mittagspause kommst, wirst du wieder gefeuert.' Dieser Horror, zu versagen, war ein starker Motor." Jean-Remy von Matt, Mitbegründer der Werbeagentur Jung von Matt, war anfangs auch nicht von Olivers Können überzeugt. Doch er gab ihm eine Chance, nahm den jungen Werbetexter hart ran und ließ sich von ihm über die Schulter sehen

Von Profis lernen.
Auch TV-Koch Tim Mälzer stünde heute nicht bei "Schmeckt nicht, gibt's nicht" hinterm Herd, wenn er nicht in London beim richtigen Lehrmeister Station gemacht hätte: Angewidert vom rauen Umgangston in englischen Küchen, wollte Tim seinen Job eigentlich gleich wieder hinschmeißen. Um vor der Rückreise nach Deutschland etwas Geld zu verdienen, wechselte er noch mal in ein italienisches Restaurant - und fand seinen Meister: "Wir haben Brot gebacken, Kräuter gesammelt, rumexperimentiert, und wir haben miteinander gegessen. Dieser Chef hat mich mit seiner Begeisterung einfach angesteckt.

Um "entdeckt" zu werden, muss man sich früh der Kritik von außen stellen: sein Produkt präsentieren, Meinungen einholen, sich beraten lassen. "Kritik hilft immer", weiß Thomas Willemeit vom Berliner Architekturbüro Graftlab, das unter anderen für Brad Pitt und Angelina Jolie arbeitet. "Entweder du erkennst, dass du dich total verhauen hast,und wechselst den Weg. Oder du merkst, dass das Gegenüber gar nicht verstanden hat, was du selber willst. Dann ist das ein Hinweis, dass du die eigene Vorstellung überzeugender vermitteln musst." Misserfolge, so Willemeit, spornen auch an. Man sollte sie nutzen, um an ihnen zu wachsen. Ob man tatsächlich das Zeug zur Kreativlaufbahn hat, zeigt sich ohnehin erst mit der Zeit.

"Man muss sich wirklich auf eine Sache einlassen, und zwar über Jahre", hat Holm-Hadulla bei der Arbeit zu seinem Buch "Kreativität" an vielen Beispielen erfahren. Shootingstar wird man nicht über Nacht. Die Lebenswege erfolgreicher Kreativer belegen das. Autorin Alexa Hennig von Lange feilte ein geschlagenes Jahrzehnt an ihrem Stil, bis 1997 ihr Debütroman "Relax" erschien. Da war sie gerade mal 24 Jahre alt.

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Dieser Artikel ist erschienen am 16.06.2006